Markus - Zuglektüre05.12.2006
Vierzehn Uhr Sechsundfünfzig – Wien West. Casinos Austria nennt sich der Zug, auf den ich hier warte, am Bahnsteig Zwei in Attnang-Puchheim, zwei Reisetaschen und einen Rucksack mit mir schleppend. Viertel vor ist es, als die monotone Frauenstimme den Reisenden die Ankunft des Zuges in Kürze verkündet; und dass sich die Erste-Klasse-Waggons im vorderen Bereich befinden würden. Ich nehme es gelangweilt zur Kenntnis, ich fahre Zweite Klasse. Die Sitze sind blau anstatt rot, aber die Zugbegleiter sind ebenso unfreundlich wie in der Ersten. Österreichisch gemütlich, sozusagen.
Ich habe ein wenig Glück – heute. Zehn Minuten Aufenthalt; das bedeutet, ich kann einen Sitzplatz suchen ohne durch den bereits fahrenden Zug wanken zu müssen. Aber auch das Suchen bleibt mir heute erspart, es scheint ein wahrer Glückstag zu sein. Schon im ersten Waggon finde ich einen Platz. Raucherabteil. Auch wenn ich keine Zigaretten mehr habe. Vielleicht verkauft der Bordservice noch welche. Immerhin ist heute mein Glückstag. Im Abteil hat sich bereits eine junge Frau niedergelassen. Die Füße hochgelegt, in ihr Buch vertieft. Bemerkt mich kaum, als ich die Schiebetüre öffne. Ob noch ein Platz frei sei, frage ich. Höflichkeitsfrage. Schließlich habe ich Augen im Kopf. Sie murmelt etwas, das ich als ‚Ja’ interpretiere, mustert mich kurz und wendet sich wieder ihrem Buch zu. ‚Naked Lunch’. Den Autor kann ich nicht erkennen, aber der Titel kommt mir bekannt vor. Sie sieht sympathisch aus, die junge Frau, mit ihren braungelockten Haaren, der Brille, die Schuhe ausgezogen. Eine Marlboro zwischen den Lippen. Ich beschließe, sie Julia zu nennen. Julia, wie das erste Mädchen, in das ich damals verliebt war, als kleiner Junge. Julia, deren Nachnamen ich vergessen habe. Irgend etwas mit K, glaube ich. Nannten wir sie nicht immer ‚Kimmi’? Oder ‚Kinni’? Ich weiß es nicht mehr, habe seit Jahren nicht mehr an sie gedacht. Aber die junge Frau in meinem Abteil erinnert mich an sie.
Der Zug fährt ab; Richtung Wien West. Über Wels, Linz, Sankt Valentin. Und so weiter. Ich fahre die Strecke alleine, alleine mit Julia, ihrem Buch, dem Rattern des Zuges. Heute wird Agnes nicht in Wels zusteigen. Heute wird sie nicht anrufen, fragen, in welchem Abteil ich sitze, mich dann zur Begrüßung verstohlen küssen. Heute nicht. Ich vermisse sie, als wir in Wels halten, wissend, dass ich sie noch mehr vermissen werde, wenn ich Nachts alleine zu Bett gehe. Aber es ist nur für ein paar Tage. Für ein paar wenige Stunden.
Leute ziehen an unserem Abteil vorbei. Eine Frau mit Kinderwagen. Eine Nonne. Julia sieht sie nicht, sieht nur ihr Buch. Jemand öffnet die Türe. Ist noch ein Platz frei? Siehst du doch, natürlich. Er trägt einen Wintermantel, Schal, eine seltsame karierte Hose. Ich glaube, ich nenne ihn den Hosenmann. Er tritt ein, verstaut seine Tasche über sich. Setzt sich, mir gegenüber, der Hosenmann. Ohne ein weiteres Wort. Ich mag ihn nicht. Er stört die Stille. Die Stille zwischen Julia und mir und er ist nicht der einzige. Pseudo betritt die Bühne des Abteils. Pseudo, in seinem Mantel aus schwarzem Kunstleder. Pseudo mit den zwei Ringen im linken Ohrläppchen. Pseudo mit den langen Haaren. Pseudo, der mir auf Anhieb unsympathisch ist. Er ist ein Störenfried, der nur gekommen ist, um einen Keil zwischen mich und meine nostalgischen Gedanken zu treiben. Und er trögt eine Flasche Bier in seiner linken Manteltasche. Julia hingegen lässt sich nicht beirren. Sie hat ihr Buch und sich selbst. Denn wer, außer Julia, kennt schon Julias Gedanken?
Hosenmann steckt ein Bonbon in den Mund. Ein widerlicher Gestank; süß und klebrig. Zehn Minuten bis Linz, zehn süße und klebrige Minuten. Hosenmann saugt an seinem Bonbon. Pseudo starrt. Julia trinkt einen Schluck. Die Durchsage. Hosenmann steht wieder auf. Pseudo auch. Auf Wiedersehen. Wirklich? Wollen wir uns wirklich wieder sehen, Hosenmann und ich? Werden wir uns wirklich wieder sehen? Wer weiß. Vielleicht. Sie verlassen Julia und mich, stellen die Stille wieder her. Aber sie werden ersetzt. Durch Oranje. Und durch Mrs. Confused. Oranje heißt so, weil er einen orangen Pullover trägt. Von Adidas. Mit blauen Streifen. Eine furchtbare Farbkombination, aber er scheint in Ordnung zu sein. Vielleicht aber nur, weil ich die Hoffnung auf die Stille bereits aufgegeben habe. Er raucht Nil und bietet mir keine an. Warum auch? Wenigstens finde ich in meiner Tasche noch eine Zigarillo. Glückstag.
Mrs. Confused ist ein Fall für sich. Versucht zuerst, den Aschenbecher in ihrer Sitzlehne zu öffnen, erfolglos. Ich helfe ihr, ziehe viel zu fest an. Ein Zigarettenstummel fliegt durchs Abteil, Asche auf ihren grauen Rock. Pech. Sie dürfte Mitte Fünfzig sein, hat sicher schon Schlimmeres erlebt. Es tut mir leid, bitte verzeihen sie mir. Sie ist mir nicht böse, nimmt es mit Humor. Kann jedem passieren. Selbst mir. Doch jetzt glaubt sie, im falschen Zug zu sitzen. Fährt dieser hier nach Wien? Ist es nicht der auf dem anderen Gleis? Bange Sekunden, bis Oranje sie beruhigt. Nein, nein, das ist schon der Richtige. Ganz sicher. Wir lachen alle, ein wenig gezwungen. Nur Julia nicht. Mrs. Confused ist zufrieden, packt einen Apfel aus und ein Buch. Irgendwas mit ‚Jesus’ im Titel. Zuglektüre.
Mein Zigarillo ist ausgegangen, ich suche ein Feuerzeug. Zünde ihn neu an. Alle schweigen. Viertel vor Vier. Immer noch. Jetzt telefoniert Julia, aber ich kann nicht viel verstehen. Wir halten, in Sankt Valentin, Niederösterreich. Niemand will mehr zusteigen, wenigstens nicht in unser Abteil. Hier ist es voll genug, mit Oranje, Mrs. Confused, mir und Julia. Wie mich die anderen wohl in Gedanken nennen? Bartmann? Blondi? Ich weiß es nicht. Ich will es nicht wissen. Sankt Valentin liegt hinter uns, wir fahren in einen Tunnel ein. Finsternis draußen, elektrisches Licht drinnen. Die noch zu denkenden Gedanken werden weniger. Ist es nicht immer so bei Zugfahrten? Ich wünschte, ich hätte ein Buch bei mir. Irgendwas mit ‚Jesus’ im Titel. Zuglektüre. Aber ich habe nur mich. Oranje räkelt sich. Versucht zu schlafen, glaube ich, oder sich zumindest ein wenig auszuruhen. War wohl für alle anstrengend, dieses Weihnachten. Wie immer. Man kann Weihnachten nicht entkommen. Draußen ist es wieder grau, wir haben den Tunnel verlassen. Nichts besonderes zu sehen. Nur Landschaft. Schneereste, die dem Tauwetter trotzen. Er zündet sich noch eine Nil an. Will wach bleiben, glaube ich. Julia liest. Mrs. Confused liest. Am Gang läuft ein Kind vorbei. Tunnel. Licht. War hier nicht noch ein weiterer Tunnel, früher? Ich ärgere mich über mich selbst, über diesen dummen Gedanken. Tunnel verschwinden nicht. Nicht so einfach. Ich drücke meine Zigarillo aus, gehe auf die Toilette. Ein Mann kommt mir entgegen, hat sie gerade verlassen. Drückt mir quasi die Klinke in die Hand. Ich sehe ihn nur kurz, zu kurz um ihm einen Namen zu geben. Und ich hasse die Toiletten der ÖBB-Züge. Zu klein. Zu zugig. Und zu klein. Wenigstens riecht diese hier nach Desinfektionsmitteln. Pinkeln und in den Spiegel sehen. Naja. Ich öffne die Haare, schüttle den Kopf, lasse sie fliegen. Das lässt erfrischend neue Gedanken strömen, meistens. Oranje könnte das nicht, Oranje hat kaum Haare. Sechzehn Uhr Eins. Ich kehre zum Abteil zurück. Alles wie gehabt. Julia, Mrs.Confused, Oranje und ich. Doch die Missis verlässt uns, um sechzehn Uhr vier. Auf Wiedersehen. Auf Wiedersehen in Amstetten. Ich bezweifle es stark.
Niemand kommt, um sie zu ersetzen. Niemand vermisst sie. Vielleicht Oranje, aber wenn, lässt er es sich nicht anmerken. Julia sicher nicht. Sie hat ihr Buch. Es scheint ein tolles Buch zu sein. Vielleicht sollte ich es auch lesen. Erst nach 10 Minuten kommt die Zarin. Die Zarin trägt eine Pelzmütze, wie mein Großvater eine hatte. Die Zarin trägt einen Pelzmantel. Und hat einen kalten Blick. Passt auf, sagt er. Solche wie euch kenn’ ich, sagt er. Grüß Gott, ist da noch was frei, sagt sie und setzt sich. Mrs.Confused war mir lieber. Der Bordservice fährt vorbei, ohne zu halten. Zigaretten und Pepsi wären toll gewesen. Ende des Glückstages, schätze ich. Man soll ihn, wie immer, nicht vor dem Abend loben, schätze ich. Langsam wird es dunkler. Draußen. Drinnen spendet das elektrische eine kalte Wärme, die wunderbar zur Zarin passt. Sie löst ein Sudoku-Rätsel. Typisch Zarin, auf solch eine Modeerscheinung einzugehen. Der Schnee hat in diesem Teil des Landes den Kampf um seine Existenz schon lange verloren. Julia kümmert das nicht. Auch nicht, dass der Schaffner unsere Fahrkarten überprüft. Sie wurde schon zwischen Salzburg und Attnang kontrolliert. Kurz, als ein anderer Zug uns passiert, ein rasender Schemen, blickt sie auf. Gönnt ihren Augen eine kurze Pause. Seltsam vergrößert werden sie, durch die Brillengläser. Auch Oranje trägt eine Brille. Und die Zarin. Ich nicht. Auch wenn ich eigentlich sollte. Zumindest zum Lesen und Schreiben. Außerdem sehe ich mit Brille so nachdenklich aus. Dann bin ich der Künstler, nicht mehr der Bärtige.
Sechzehn Uhr Dreißig. Fast, ein paar Minuten fehlen noch. Eine Stunde noch, bis wir am Westbahnhof anhalten werden. Langsam werde ich müde, müde des Wartens. Müde wie Oranje, der mir mit verschränkten Armen gegenüber sitzt. Jeden Moment würde er einschlafen und leise schnarchen, wenn die Sitze doch nur ein wenig bequemer wären. Zweite Klasse eben. Er kratzt sich an der Nase und streicht sich über die Lippen. Ich glaube, auch ihm ist langweilig. Er hätte sich ein Buch mitnehmen sollen. Irgendwas mit ‚Jesus’ im Titel. Zuglektüre. Julia liest. Die Zarin starrt auf ihr Sudoku. Man kann ihr Gehirn fast arbeiten hören. Ich bewundere ihre Geduld. Auch das ist typisch für die Zarin.
Sehr geehrte Fahrgäste. Wir erreichen in Kürze Sankt Pölten. Wirklich geehrt fühle ich mich nicht. Auch nicht, als wir Sankt Pölten dann erreichen, um sechzehn Uh achtunddreißig. Pünktlich, wie die Eisenbahn. Niemand steigt ein, niemand steigt aus. Oranje starrt. Die Zarin löst. Julia liest. Ich glaube, hätten Julia und ich uns vor fünf Jahren kennen gelernt, hätten wir miteinander gesprochen, uns öfters getroffen, uns verliebt, wären ein Paar geworden und hätten uns wieder getrennt, dann würden wir jetzt nicht mehr miteinander sprechen. So sprechen wir auch nicht miteinander, aber es ist ein Schweigen ohne Vergangenheit. Julia liest nicht mehr. Sie hat ‚Naked Lunch’ in die Tasche gesteckt.
Das elektrische Licht geht aus. Das elektrische Licht geht wieder an. Wir fahren los. Nie wieder werden wir hier gemeinsam sitzen, in Sankt Pölten; Oranje und die Zarin, Julia und ich, doch es kümmert uns nicht.
Julia ist müde, döst jetzt vor sich hin. Ihre grüne Kapuze über den Kopf gezogen sieht sie aus wie ein Märchenbuchzwerg. Und sie hat eine seltsame Nase. Nicht, wie das Mädchen, in das ich einst verliebt war, ganz und gar nicht. Das Mädchen hatte eine hübsche Nase. Glaube ich. Ich weiß es nicht mehr, nicht genau. Kurz vor fünf, gähne ich in Gedanken. Julia döst, Oranje raucht eine Nil. Die Zarin grübelt. Eine Minute später ist es immer noch kurz vor fünf. Manchmal will die Zeit einfach nicht schnell genug vergehen. Besonders in Zügen. Es hilft, glaube ich, ein Buch zu lesen. Irgendwas mit ‚Jesus’ im Titel. Zuglektüre. Auch Julia bekommt den Effekt zu spüren. Dauernd blickt sie auf ihre Uhr, seit sie nicht mehr liest. Auch ihre Zeit scheint zu langsam zu fließen.
Am Gang schreit ein Kind – vielleicht das selbe, das vorhin herumlief – und es ist dunkel. Draußen, nicht drinnen. Drinnen ist es nur still. Bis auf das Rattern des Zuges und das schreiende Kind. Aber auch dieses ist schon verstummt. Noch immer ist es kurz vor fünf. Dreißig Minuten haben wir noch zusammen zu überstehen. Eintausendachthundert Sekunden. Und ein paar mehr. Julia döst, Oranje döst. Die Zarin bleibt ihrer Rolle treu und grübelt. Bald wird sie das Sudoku gelöst haben. Oranje schreckt auf. Ich auch. Jemand hat gegen die Türe gestoßen. Ein junger Mann, ein Blinder. Mir gelber Armbinde und Stock. Er tastet sich weiter, ohne von mir einen Namen zu bekommen. Zur Toilette und wieder zurück. Wuschelkopf, das schreiende Kind läuft wieder vorbei, als wir durch Rekawinkel fahren. Julia merkt es nicht, Julia ist eingenickt. Die kleinen Orte vor Wien ziehen an uns vorbei, nicht mehr als blaue Blinklichter an Bahnsteigen. Rekawinkel, Tullnerbach, Altlengbach, Eichgraben. Bald wird ‚Hütteldorf’ auf einem dieser Schilder stehen. Und es wird nicht einfach vorbeirasen. Wir werden halten, ein letztes Mal vor dem Westbahnhof. In acht, vielleicht zehn Minuten. Und dann werden wir uns bereitmachen, auszusteigen. Vielleicht verabschieden wir uns, vielleicht nicht. Und vielleicht sehe ich sie nie wieder. Nie wieder Hosenmann. Nie wieder Pseudo, Oranje, Mrs. Confused. Nie wieder die Zarin. Und nie wieder, Julia. Vielleicht. Doch vielleicht sehen wir uns wieder. Julia und ich. Und vielleicht habe auch ich dann ein Buch bei mir. Irgendwas mit ‚Jesus’ im Titel.
Zuglektüre.
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