Hanna - Frei und wild (Teil 1)11.07.2007
1.Kapitel
Goldenes Licht fiel durch die großen Fenster und verlieh dem kleinen Zimmer eine friedliche Atmosphäre. Von draußen konnte man den Lärm der Straße hören, welche direkt neben dem Haus verlief. Ungeduldiges Hupen, das heulende auflodern eines Motors drangen gedämpft durch die ruß verschmutzten Scheiben. Staub wirbelte im Schein der Sonne umher und legte sich sanft auf die alte, honigfarbene Holzkommode. Eine Fliege versuchte verzweifelt nach draußen zu gelangen und schwirrte laut summend gegen das Fenster, prallte ab und startete einen neuen Versuch, der genauso scheiterte wie die vorigen. Außer das Summen der Fliege war noch ein weiteres Geräusch zuhören. Das Rascheln und knistern von Papier.
Nach einer weile verstummte es, nur eine schwerfällige, traurige Wimmer ließ die warmherzige Stimmung verpuffen und der Raum strahlte nun eine düstere Kälte aus.
Vielleicht lag es daran, das sich draußen gerade eine dicke Wolke vor die Sonne geschoben hat, vielleicht aber auch hatte es etwas mit der Tatsache zutun, das es allein von einem zierlichen Mädchen ausging, das zusammengekauert in einer Ecke hockte und etwas in ihren Händen umklammert hielt. Verbissen starrte es den rechteckigen Gegenstand an. In ihren großen Augen hatten sich Tränen gebildet, eine ran ihre blassen Wangen hinab, blieb am Kinn kurz hängen und fiel. Ärgerlich wischte sie mit einem Ärmel des grobmaschigen Wollpullovers über ihr Gesicht. Drei nasse Flecken bildeten sich auf der weichen Wolle. Matt ließ das Mädchen den Kopf hängen. Ihre glänzenden Haare fielen wie ein dichter, schwarzer Vorhang über sie und verbargen ihr Gesicht. Mit angezogenen Knien wippte sie hin und her während ihr Körper bebte. Es schien, als würde sie gefoltert werden und dabei qualenvollen Schmerz litt. Der Gegenstand rutschte mit einem leisen ,, plopp,, von ihrem Schoß. Sie rollte sich, wie ein verwundetes Tier zusammen, legte den Kopf auf das rechteckige Etwas, schreckte hoch und griff mit zitternden Händen nach ihm. Klappte es auf und das vertraute rascheln und knistern kehrte zurück, mit ihm auch wieder die friedliche Heiterkeit im Zimmer, als wäre nichts geschehen.
Sie schlug das Buch zu und betrachtete den Erdbraunen schweren Umschlag, der mit gold verzierten Buchstaben bedruckt war. Die Bücher waren ihre Freunde und ließen sie nie im Stich. Sie führten jemanden in eine andere Welt. Man vergaß Raum und Zeit, das einzige was zählte waren die kleinen, schwarzen Zeichen, die auf den Seiten gedruckt waren. Sie flüsterten jemanden Geschichten ins Ohr, über Magie, Abenteuer, Krieg, Freundschaft und Liebe.
Und einmal mehr wünschte Tyra sich in die zauberhafte Welt der Bücher hinein. Eine wunderbare Vorstellung, die niemals in Erfüllung gehen wird. Wenn das unmögliche möglich währ, müsste sie nicht mehr auf eine Schule gehen, in der sie gehänselt wird, keine nervenden Eltern, die nur Arbeit im Kopf hatten, und das beste, keiner der ihr Leben bestimmt. Eine aufregende, prickelnde Abenteuerlust breitete sich in Tyra aus. Ihr Herz schmerzt vor Sehnsucht nach der Welt der Bücher. In ihrem Bauch breitete sich ein großes, schwarzes Loch aus. Krampfhaft fasste Tyra um ihren Bauch und krümmte sich. Die Wirklichkeit ist bei ihr schon lange in den Hintergrund ihres Gedächtnisses getreten. Im Vordergrund standen nur die Einsamkeit und die Suche nach dem unerfüllbaren Traum.
Jedes Mal zwang sie sich aufs Neue ihre Umwelt ein bisschen Aufmerksamkeit zu schenken.
Mit einem Lächeln auf dem Gesicht begrüßte sie ihre Stiefmutter, ihren Vater während in ihrem Inneren ein Orkan der Gefühle tobte. Hass und Liebe, Tollkühnheit und Vernunft, Pflicht und
Recht, Gedanken und Worte. Tyra wollte sich ablenken, sich in die Welt ihrer Eltern begeben,
damit sie wenigstens etwas von ihrer unglücklichen Tochter hatten, denn das war sie ihnen
schuldig so sehr es auch schmerzte. Die Bücher riefen sie jedes Mal aufs Neue und nur die Liebe
zu ihren Eltern hinderten Tyra daran sich zu vergessen. Sie gab sich auf. Mit jedem Wort und jeder Zeile glitt ihre Seele ein Stück tiefer in die fremde und doch vertraute Welt, was zurück blieb war ein leerer Körper, eine Hülle die der Strömung eines reißenden Flusses folgte. Wenn es doch wenigstens etwas gab das sie überzeugte (Einen Drachen, ein Topf der ohne Pause Grießbrei kochte, eine Bohnenpflanze, die bis in den Himmel reicht), aber so etwas würde es auf der Erde nie geben. Es gab keine Magie und wenn ja, dann hatte sie vor langer Zeit beschlossen die Menschen zu verlassen um ihre eigenen Wege zu gehen. Es existierte nur das öde, vorbestimmte Leben, dessen Ablauf daraus bestand geboren zu werden, in den Kindergarten, dann in die Schule zu gehen, das Abitur schaffen, einen anständigen Beruf zu finden und dazu gleich einen Mann, mit ihm Alt werden, um schließlich zu sterben. So ist es vorgeplant. In diesem Leben gibt es dann Höhen und tiefen. Der Mann betrügt jemanden, man gewinnt bei einem Zeitungsausschreiben und im nächsten Moment bricht man sich den Fuß, weil irgendein Radfahrer vorlauter Stress nicht mehr auf seine Umgebung achtete. All das sind Kleinigkeiten in unserem Leben die entscheiden, ob wir glücklich oder wütend sind.
Natürlich gibt es auch schöne Orte auf der Welt, wenn man die traumhaften Sonnenaufgänge in Afrika bedacht, die weite, weiße Landschaft in Alaska, oder an die fremden und exotischen Kulturen, aber was würde man davon jemals sehen? Vielleicht ein oder zwei Dinge, das war’s dann auch schon. Alles was man sich als Kind erträumt hatte würde nie in Erfüllung gehen. Die Kinder würden erwachsen werden, wo Kindheitsträume nichts mehr zu suchen hätten und in der Erinnerung langsam erblassten. Das einzigste an das man noch denken konnte war die Karriere und die Familie. Es hat keinen Sinn darüber weiter zu grübeln. Solch eine Gelegenheit würde Tyra nie bekommen. Sie muss sich dem Lauf des Lebends anpassen und ihre Träume begraben. Das war das Beste für sie, und ihre Mitmenschen.
Tyra holte noch einmal tief Luft und sortierte die neuen Gedanken, die sie weit weg in ihrem Gedächtnis verdrängte. Sie knipste die metallene Schreibtischlampe aus, in der sich das goldene Licht der Nachmittagssonne wieder spiegelte, nahm das Buch und suchte eine geeignete Stelle im überfüllten Holzschrank. Deprimierte sah sie ihre Freunde und Retter, die in zahlreicher Menge im voll gestopften Regal standen, das sich unter dem Gewicht schon bog, an. Jedes Buch hatte Tyra bereits mehrmals gelesen und bei jedem Buch stellte sie sich die gleiche, niemals endende Frage.
Was ist so wichtig in meinem Leben? Und immer wieder antwortet eine leise Stimme in ihrem Inneren. Nichts.
„Nichts, “wiederholte sie trocken. Nichts wie, sie sollte ihrem Leben ein Ende setzen und die Geheimnisse des Todes erforschen?
Oder meinte die innere Stimme mit „Nichts“ sie sollte sich der Welt anpassen und ihre kindlichen Träume vergessen? Die Realität wahrnehmen und wie ein ganz normales Mädchen leben?
Sollte sie warten, bis sich ihr ein Tor öffnet und die ersehnte Hoffnung mitnimmt in ein fremdes Land? Fragen über Fragen quälten Tyra, aber bei einer Sache war sie sich ganz sicher, die erste Lösung würde sie nicht wählen, solang es Menschen gab die sie liebten.
Erschrocken hielt Tyra die Luft an. War sie wirklich schon so verrückt an Selbstmord zu denken? Das durfte sie nicht! Nicht ein sechzehnjähriges Mädchen, welches noch das ganze Leben vor sich hatte. Tyra muss nicht Hunger leiden wie andere, dass Gefühl war ihr fremd. Sie hatte ein Dach über dem Kopf, Kleidung, sauberes Trinkwasser und ein eigenes Zimmer. Was wollte sie mehr? All das wusste Tyra zu würdigen, doch da war noch die unbeschreibliche, starke Sehnsucht die alles andere in den Schatten stellte. Ein- und Ausatmen versuchte sie sich zu beruhigen. Nach einer Weile spürte Tyra wie die Anspannung von ihr abfiel. Erst dann traute sie sich herunter in die Küche zu Helener ihrer Stiefmutter.
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