Kira - Mit einem Mal ... einsam23.07.2007
Es war ein Geräusch, wie Meeresrauschen wenn wieder eine Windböe durch das Gras fegte. Wie so oft lagen wir einfach so im Gras. Hier auf unserem Lieblingshügel. Inmitten der vielen Blumen. Wie so oft schauten wir in den Himmel. Schauten die Wolken an. Sahen ihnen dabei zu, wie sie vorbeizogen, wie sie Formen bildeten, wie sie sich wieder veränderten. Wie so oft sagten wir nichts. Lagen einfach nur nebeneinander und waren still.
Sanya lies ein leises schnaufen höhren. Dann sagte sie in einem bedauernden Ton, wie ich fand: „Ach wie schön muss es sein, eine Wolke zu sein. Unbekümmert dahinziehen zu können. Ohne Sorgen. Ohne Probleme. Ohne Fesseln. Ohne an das Morgen zu denken“ Ich richtete mich auf und schaute Sanya verdutzt an. Nun richtete auch sie sich auf, schaute mich einen Moment lang an und grinste dann. „Ach, vergiss es“, sagte sie fast beiläufig. Mit einem Ruck stand sie auf und lief davon. Über die Schultern rief sie mir zu: „Na los du Schnecke, fang mich!“. Ich fing an zu lachen und lief Sanya hinterher.
Als die Abenddämmerung begann, verabredeten wir uns für den morgigen Tag und gingen schließlich nach Haus.
Am nächsten Tag wartete ich wie vereinbart auf dem Hügel. Ich legte mich ins Gras und wartete. Einige Zeit später, fing ich an mich zu wundern. Es war gar nicht Sanyas Art, zu spät zu kommen und mich warten zu lassen. Ich schloss die Augen und lauschte dem Gras. Konzentrierte mich auf die sanften bewegungen. Und schlief irgendwann ein.
Am späten Nachmittag erwachte ich. So wie es aussah, war Sanya immer noch nicht aufgetaucht. Komisch. Ich beschloss, nach Hause zu gehen, in der Hoffnung, sie würde sich morgen bei mir melden.
Doch auch am nächsten Tag kam sie nicht. Also nahm ich mir vor, Sanya einen Besuch abzustatten. Ich wusste, ihre Eltern mochten es nicht, wenn bei ihnen angeschellt wird. Aber im Anbetracht der Umstände nahm ich das in kauf.
Wenig später stand ich vor der Tür zu Sanyas Haus. Streig die Stufen hinauf und klingelte.Eine schöne Klingelmelodie hatte ihre Famile. Es hörte sich an, wie vielstimmiges Vogelgezwitscher. Eine kurze Zeit geschah garnichts. Schließlich hörte ich schritte und die Tür wurde geöffnet. Inter dem Türrahmen stand Sanya. Sie sah nicht gut aus. Sie hatte Ringe unter den Augen und auch ihre Augen selbst sahen irgendwie .... verweint aus. Sie blickte mir in die Augen.
Ich konnte nicht glauben, dass diese Gestalt vor mir wirklich meine Sanya war ... Meine alzeit glückliche, zu späßen aufgelegte Sanya.
Es fiel mirschwer, Sanya in die Augen zu blicken. Sie strahlten so unendlichen Schmerz aus. So unfassbaren Schmerz. Ich schluckte und sagte dann mit leisen Stimme: „Gott, Sanya, was ist denn passiert?“ Einen Moment lang schaute sie mich einfach weiter an. Dann sagte sie: „Es ist nichts. Alles super“ Ich war wenig überzeugt von diesen Worten. Ihre Erscheinung bildete das absolute Gegenteil. Ich ließ nicht locker: „Nun sag schon .... du kannst mir nicht erzählen, dass es dir gut geht, so wie du aussiehst. Ich meine ... SO habe ich dich noch nie gesehen ...“ Und wieder erwiderte sie nur: „Es ist wirklich alles in Ordnung. War noch was?“ „Eigentlich wollte ich nur wissen, warum du vorgestern nicht wie vereinbart auf dem Hügel warst“, sagte ich. Sanya sagte in einem noch traurigeren Tonfall (Ich hätte nicht gedacht, dass das möglich war): „Ich konnte leider nicht. Tut mir Leid dass du gewartet hast“ Ich wurde aus Sanya einfach nicht schlau. Was zum Teufel war nur los mit ihr?! „ Und wie ist es heute? Hast du heute noch was besonderes vor?“ „Eigentlich möchte ich nur alleeine sein ... Nichts gegen dich. Aber ich möchte einfach nur meine Ruhe haben“, antwortete sie. Nun reichte es aber. Ich wollte jetzt endlich wissen was los war.
Ich machte eine Geste zu der Treppe und sagte: „Setz dich doch bitte einen Moment zu mir“ Ich drehte mich um und setzte mich auf die oberste Treppe. Auch Sanya kam. zögernd und irgendwie ... unbeholfen. Aber schließlich setzte sie sich neben mich. Sie schaute nach vorn und mir fiel auf, dass sie am ganzen Körper zitterte. Zwar sacht. Aber das wohl eher, weil sie mit allen Mitteln versuchte, es zu verhinden.
Auch ich visierte einen Punkt an, der irgendwo vor mir lag. Eigntlich hatte ich einfach Angst davor, noch einmal in ihre traurigen Augen zu blicken.
Wir saßen eine Moment einfach nur so nebeneinander. Schweigend. Doch irgendetwas war anders. Es war wie eine ... unsichtbare Barriere, die zwischen uns lag. Das war nichts mehr von dem gewohnten geborgenem Gefühl. Es fühlte sich sonderbar an. Und es machte mir Angst. Sanya war doch schließlich meine beste Freundin. Was zum Teufel war denn nur los mit ihr?
Zögernd fing ich an: „Sanya ... denkst du ich merke nicht, dass etwas mit dir nicht stimmt? Ich kenne dich seit 7 Jahren ... und so habe ich dich noch nie erlebt. Du wirkst so unglaublich traurig und irgendwie ... abwesend.“ Ich hielt kurz inne, in der Hoffnung, sie würde endlich anfangen zu erzählen. Doch sie saß einfach neben mir. Den Blick nach vorn gerichtet und sagte nichts. Schließlich sprach ich weiter „Verdammt! Nun rede doch ... Wie soll ich dir denn helfen wenn du nicht mit mir redest?“ Ich richtete mich auf und setzte mich vor ihr hin. In ihren Augen stand immer noch dieses unsagbar große Leid, dass ich schon vorhin gesehen hatte. Ich fing wieder an, auf sie ein zu reden: „Weißt du eigentlich, dass dein Verhalten mich verletzt? Ich dachte bisher immer, wir könnten uns alles anvertrauen, und nun sowas. Du bist meine beste Freundin und doch komme ich nicht an dich ran?! Ich hasse es, dich so traurig zu sehen. Es tut einfach weh. Weist du denn nicht, dass du mir alles erzählen kannst? Du kannst mir alles anvertrauen. Ich möchte dir nur helfen!“ Die letzen Worte schrie ich fast.
Sanya schluchzte. Wenigstens eine Reaktion.
Ich sprach weiter: „ Und jetzt raus mit der Sprache ... Was ist los mit dir?“
Eine einzelne Träne rann an Sanyas Wange hinunter. Es schien, als wäre das Eis gebrochen und so beschloss ich, für den Moment nichts mehr zu sagen. Erneut richtete ich mich auf. Dabei fiel mein Blick auf die Tür ... sie stand immer noch offen. Normalerweise machten Sanyas Eltern schon Terror, wenn die Tür nur geöffnet wurde. Und jetzt lassen sie sie die ganze Zeit offen stehen? Als ich darüber nachdachte fiel mir auf, dass das Haus seltsam ... fremd und unbewohnt wirkte. Es brannte kein Licht im Flur. Die Rollos aller Zimmer waren Heruntergekurbelt und man hört nichts. Und damit meinte ich auch nichts. Kein Wort. Kein Fernesehgerät, Radio oder sonstiges. Es war wie ... als läge ein unsichtbarer Schleier auf dem Haus. Urplötzlich beschlich mich eine schreckliche Vorahnung ... Was war geschehen?! Ich rannte in das Haus. Rannte ins Wohnzimmer. Nichts. Ins Schlafzimmer. Nichts. Ich rannte in die Küche, in das Badezimmer, den Essenssahl, das Gästezimmer. Ich rannte durch jedes Zimmer. Doch es war einfach alles leer! Wie konte das sein? Wo war ihr Vater, wo war ihre Mutter? Sie waren doch an diesem Tag ... und vor allem um die Uhzeit ( Es war 7 Uhr früh) noch nie weggewesen. Geistesabwesend ging ich noch einmal ins Wohnzimmer. Sah mich um. Und hätte am liebsten laut aufgeschrien. Da war etwas auf dem hellblauen Sessel. Etwas dunkelrotes. Und vor allem viel von diesem dunkeelroten. War es ... Blut?
Ich konnte vor Schreck kaum atmen. Da war soviel Blut. Zu viel Blut. Soviel Blut kann kein normaler Mensch verlieren .. es sei denn .... es sei denn, er überlebt es nicht ... Ich drehte mich um. Langsam. Ging hinaus in den Koridor. Mein Blick fiel auf die Treppe, die in die zweite Etage führte. Mein Blick fiel auf das Holzgeländer. Auch dort waren dunkelrote Spuren zu sehen .... Und am Fuße der Treppe konnte ich eine riesige Blutleiche entdecken. Ich schrie und lief hinaus aus dem Haus, so schnell ich nur konnte.
Sanya saß immer noch auf der Treppe. Ihren Blick weiterhin starr nach vorn gerichtet. Ich lief zu ihr. Packte sie an den Schultern und schüttelte sie, während ich schrie: „Sanya! Was ist passiert?! Wo sind deine Eltern?! Und warum ist überall Blut??!!“
Sie reagierte kaum. Blickte nach vorn. Schluchzte. Und ich wusste, sie weinte. Ich schrie und schüttelte sie weiter. Immer heftiger. Ich hörte nicht auf.
Plötzlich stand sie auf. Stoß mich grob beiseite. Lief die Treppen hinunter. Und davon. Sie lief und lief. Und schon bald konnte ich sie nicht mehr sehen. Ich stand immer noch auf der Treppe. Fassungslos. „Mein Gott! Was ist passiert?!“, schrie ich.
Tage später fand man folgende Überschrift über einem Artikel der Zeitung: Vater ersticht Mutter und begeht dann Selbstmord. Mädchen bleibt allein zurück.
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