Roland - Ein Engel für Markus11.09.2007
Die Angst vor den anrollenden Schmerzen trieb Harry auf das Geländer der Brücke. Unter ihm rauschte unsichtbar die Havel. Zögernd hob er den rechten Fuß und drehte sich noch einmal um.
In diesem Augenblick schaute er in zwei freundliche rehbraune Augen.
„Das würde ich nicht tun!“ Eine junge Frau war in den Schein der kalten Neonlaterne getreten. Blauschwarzes Haar floss sanft über ihre Schultern und bewegte sich im warmen Gegensatz zu ihrer transparent wirkenden Haut.
„Was soll das?“, knurrte er und stieg zurück auf den Gehweg.
Leichter Bindfadenregen fiel geräuschlos auf den Asphalt. Die Kirchturmuhr schlug zwölf.
Die Frau lehnte sich auf das Geländer. „Sieht aus wie ein schwarzes Loch“, sagte sie. Aus ihren schwarzen Wimpern perlten Regentropfen, die wie Tränen an ihren Wangen herunterkullerten.
„Halt’ die Schnauze!“ Seine Hände flatterten wie Weberschiffchen, als er eine fast leere Flasche billigen Gin aus seiner zerschlissenen Jacke zog. „Das geht dich nichts an!“ Verschämt steckte er sie jedoch wieder ein.
„Ich heiße Cleo“, nannte die Frau ungerührt ihren Namen und schlug den Mantelkragen zurück. Eine Kette mit einem silbernen Kreuz daran glitzerte lebendig im Schein des Neonlichtes.
„Was wollen Sie?“, fragte er misstrauisch.
„Ach, nichts Besonderes …“ Sie ließ das Kreuz durch ihre schlanken Finger gleiten. „Nur mit Ihnen reden.“
Harry lachte kurz und trocken auf. „Wie ne Tussi von der Heilsarmee siehste nich aus.“
Cleo überhörte den Spott in Harrys Stimme und holte eine Schachtel Zigaretten aus ihrer Umhängetasche. Wortlos hielt sie ihm die geöffnete Packung hin. Begierig nahm er sich eine, zündete sie an und sog genüsslich den Rauch tief in seine Lungen. Grinsend steckte er den Rest in seine Jackentasche. Cleo tat, als hätte sie es nicht bemerkt.
Plötzlich schwankte Harry, er konnte sich nicht mehr halten und knallte mit der Stirn auf das Geländer. Mühsam rappelte er sich wieder auf.
„Ich bin … gefallen“, stotterte er und taste dabei nach der Flasche.
„Ich weiß“, sagte Cleo mitfühlend und reichte ihm ein Taschentuch.
Ihr Gegenüber lächelte unsicher und wischte sich das Blut von der Stirn.
„Möchtest du Kaffee?“ Cleo holte eine Thermoskanne hervor. Im Schein der Laterne wurde der Schriftzug „M.S.“ darauf sichtbar.
Dankbar nahm er das heiße Getränk entgegen. „Sieben Jahre mach’ ich jetzt Platte.“ Zwischendurch trank er in kleinen Schlucken. „Aktien. Ich dachte, die sind sicher. Irgendwann gab es nichts anderes mehr, doch dann, puff, alles weg, wie ein sinnloser Tanz um das goldene Kalb.“
„Es ist hart, so lange auf der Straße zu leben“, sagte Cleo, dann schwiegen beide und eine wohltuende Stille breitete sich aus.
„Es gibt einen besseren Weg, Harry! Dies hier ist nicht dein Leben!“, meinte Cleo schließlich nach einer Weile und schaute Harry fordernd an.
Er runzelte die Stirn, sagte jedoch nichts und nahm sich mit zitternden Fingern eine neue Zigarette. Der einzige Augenblick, sein Vorhaben auszuführen, war unwiederbringlich vorüber.
Ein neuer Tag verdrängte langsam die Nacht. Harry schaute sich um, es war jedoch weit und breit kein Mensch zu sehen.
„Ich hab’s geschafft! War wohl ein Delirium“, seufzte er und schleppte sich langsam zum Spandauer Marktplatz. Dort setzte er sich auf eine Bank und griff in seine Tasche. Statt seiner Schnapsflasche, hielt er jedoch die Thermoskanne in der Hand.
„Trinkste jetzt den Stoff gekühlt?“, spöttelte eine schlaftrunkene Stimme.
„Morgen, Senders“, begrüßte er seinen Saufkumpan. Er schien die Nacht hier verbracht zu haben.
„Ich? Nein!“ Harry sah auf die Kanne und kramte dann hastig in seiner Jackentasche. Er holte auch noch das silberne Kreuz und die Zigaretten hervor.
„Woher kannte die Frau nur meinen Namen?“, rief er immer wieder.
„War wohl’n Engel“, grinste Senders und zeigte auf die Zigarettenschachtel. „Was haste noch? Zeig mal! Vielleicht nimmt’s der Pfandleiher?“
Plötzlich jedoch wurde er feuerrot im Gesicht und begann heftig am ganzen Leib zu zittern. „Wo hast du das her?“, schrie er Harry an, packte ihn am Hals und schüttelte ihn. „Das gehört mir!“ Er riss ihm das Kreuz aus der Hand. „Hier!“, schrie er weiter und zeigte auf die Gravur. „M.S. – das bin ich! Markus Senders.“ Nur langsam beruhigte er sich wieder.
„Ich traf Cleo in der Nervenklinik“, begann er schließlich zu erzählen. „Sie wollte vom Kokain runter und ich vom Alkohol.“
„Die Frau auf der Brücke hieß auch Cleo“, warf Harry ein, doch Markus reagierte nicht darauf.
„Wir redeten viel miteinander und ich habe mich in sie verliebt. Eines Tages war sie verschwunden, ihre Therapie war beendet. Etwa ein Jahr darauf traf ich sie dann wieder. Ich musste zum Arzt, sie arbeitete dort als Arzthelferin. Kurze Zeit später waren wir ein Paar.“
Harry kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ein kleines Kreuz bewirkte, dass ein hoffnungslos versoffener Penner seine Gossensprache ablegte!
„Zwei Jahre ging es gut. Es war die glücklichste Zeit meines Lebens.“
„Hatte ich auch mal …“, seufzte Harry.
„Ich machte ihr einen Heiratsantrag. Dieses Kreuz habe ich ihr geschenkt. Wir gingen dorthin …“ Markus zeigte mit dem Daumen auf die Kirche am anderen Ende des Platzes. „Sie wollte ganz in Weiß heiraten. Der Pastor sprach lange mit uns, von wegen Jesus hält uns trocken und so, dann lud er uns noch zum Gottesdienst ein.“
„Und? Seid ihr hingegangen?“
„Anfangs ja, aber mit der Zeit war es mir zu langweilig. Mal hatte ich Schnupfen, mal Kopfschmerzen.“
„Wie mit der Sauferei“, erwiderte Harry. „Es gibt tausende Gründe, um zu saufen.“ Er reichte Markus den restlichen Kaffee.
„Schmeckt, als hätte Cleo ihn gekocht …“ Markus trank, als wäre es göttliches Mana. „Sie trabte jeden Sonntag in die Kirche. Eines Tages setzte ihr der Pastor jedoch einen Floh ins Ohr, an so einem Hauskreis mitzumachen. Der Mittwoch war dann jedes Mal gelaufen.“
„Heute ist Mittwoch!“ Harry zeigte auf die Zeitungen am Kiosk gegenüber.
„Als wenn sie süchtig nach diesem Jesus gewesen wäre …“ Markus schüttelte den Kopf. Harry zündete die letzten beiden Zigaretten an und gab ihm eine. „Das war ihre Sorte. Sogar das Rauchen hatte sie aufgegeben, so unter dem Motto: Das brauch ich nicht mehr, ich hab jetzt Jesus.“ Harry schaute schweigend auf den Glimmstängel. Der Rauch schmeckte auf einmal bitter. „Eines Tages, Cleo war mal wieder in ihrem Hauskreis, ging ich in die Kneipe und begann wieder zu trinken. Auf dem Heimweg wurde mir schlecht und ich musste ich mich auf der Brücke übergeben. Ich glaube, ich habe die halbe Havel voll gekotzt, zum Schluss kam nur noch Galle!“
„Kein Wunder. Zwei Jahre trocken und dann wieder saufen? Das hätte tödlich ausgehen können!“, sagte Harry.
„Ist es auch, denn plötzlich stand Cleo hinter mir. ,Ich oder dein Jesus!’, hab ich sie angebrüllt, riss ihr die Kette vom Hals und schlug zu.“ Markus schluckte. „Mit der Faust ins Gesicht. Sie fiel über das Geländer und war weg, so, als hätte sie ein schwarzes Loch verschluckt. Ich bin abgehauen. Drei Tage später stand die Polizei vor der Tür. Sie sei ertrunken, sagten sie. Dann ging’s rund: saufen, Knast, saufen, Delirium, saufen. Ich konnte nicht mehr aufhören.“ Markus schlug sich die Hände vor das Gesicht. „Ich kann nicht mal mehr aufhören, mir in die Hosen zu machen!“, schluchzte er. Er nahm die halbvolle Flasche Rotwein, die von der vergangenen Nacht übrig geblieben war, und trank sie in einem Zug leer.
Harrys Vergangenheit war plötzlich unwichtig geworden. Alles, was er bisher getan oder unterlassen hatte, sank zu einem bedeutungslosen Nichts zusammen. Die Frau der vergangenen Nacht war keine Wahnvorstellung, nein, sie war der Höhepunkt seines Lebens!
Mit fester Stimme rief er: „Ich will nicht mehr trinken! Wir gehen in die Klinik zum Entzug!“
„Du vielleicht“, antwortete Markus resigniert. „Für mich ist es zu spät!“ Dann verdrehte er die Augen und knallte mit dem Kopf auf den Holzsitz der Bank.
Harry sprang auf und rannte zur Kirche hinüber. Das Tor stand offen und er trat ein.
„Ist hier jemand?“, rief er.
„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte eine freundliche Stimme hinter ihm.
Harry drehte sich um und zog den Fremden am Ärmel. „Mein Freund stirbt! Kommen Sie! Helfen Sie mir!“ Angst ließ seine Stimme erzittern.
Der Mann rannte los. Harry sammelte seine letzten Kräfte, die ihm die Sucht noch gelassen hatte, und torkelte hinterher. Sie trafen gerade noch rechtzeitig ein, um Markus auf die Seite drehen zu können, damit er nicht an seinem eigenen Erbrochenen erstickte.
„Rufen Sie einen Arzt!“, bat der Mann einen Passanten, der neugierig daneben stand. Seine Stimme ließ Markus aufhorchen und er schlug die Augen auf.
„Pastor Bergmann?“, stammelte er. „Ich bin es, Markus Senders.“
Verblüfft schaute der Pastor auf den Obdachlosen.
„Meine Frau hieß Cleo, wir wollten in Ihrer Kirche heiraten.“
„Lieber Gott, ich erinnere mich! Kurz vorher ist sie verunglückt“, sagte er sichtlich betroffen.
„Nein, ich …“
Der Krankenwagen war inzwischen eingetroffen und Markus und Harry wurden sofort in die Spandauer Nervenklinik gebracht.
Es war schon dunkel, als die ersten Untersuchungen vorüber waren. Im Krankenzimmer der beiden brannte nur noch eine kleine Lampe auf dem Nachttisch. Daneben lag das silberne Kreuz. Markus hing am Tropf, war aber bei Bewusstsein. Harry saß an seinem Bett und erzählte ihm von seinen Erlebnissen auf der Brücke.
„Cleo war schon immer ein Engel“, seufzte Markus schläfrig. Die Infusion begann zu wirken. „Sogar noch nach ihrem Tod …“
Harry löschte das Licht, legte sich ebenfalls ins Bett und faltete die Hände.
„Danke, Herr, für das frische Bett nach sieben Jahren Straße!“, betete er leise.
„Was machen wir jetzt?“, fragte Markus müde.
„Anfangen“, antwortete Harry und begann noch etwas unsicher mit dem Vaterunser. Von seinem Bettnachbarn hörte er leise „… und vergib mir meine Schuld!“, dann war Markus auch schon eingeschlafen.
Juliana Wow, eine echt tolle Geschichte, wunderbar beschrieben und ausgedrückt!
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