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kooperative Geschichten

Linda - Life

30.09.2007

Janine rannte dir Holztreppe hinunter. Auf der letzten Stufe kam sie ins straucheln. Sie versuchte sich zu fangen, die Anziehungskraft siegte jedoch und sie segelte auf den Dielenboden. „Scheiße!“ jaulte sie, der Angstschweiß rann ihr die Stirn hinunter.
„Janine!“ rief er unheilvoll von oben.
Sie rappelte sich auf, machte einen hektischen Satz nach vorn und langte nach der Türklinke. Sie stürzte in den kleinen Raum, drehte sich blitzschnell um und schloss die Tür. Hastig blickte sie sich um. Die große Kommode die in der Ecke stand, schien schwer genug zu sein. Sie stürzte sich darauf und schob sie mühsam vor die Tür. Janine zitterte, was konnte sie noch tun? Er war Irre, komplett verrückt. Sie wusste das er nicht eher Ruhe geben würde bis sie tot war. Verzweifelt kauerte sie sich in die verstaubte Ecke in der die Kommode gestanden hatte und schluchzte vor sich hin. Gott hilf mir, Gott hilf mir, stammelte sie in ihrem Innern, lass ihn stolpern, lass ihn nicht zu mir.
„Janine!“ er flüsterte fast, es klang heiser. Sie hörte wie er die Treppe runter kam. Jede einzelne Stufe knarrte. Dann kratzte es die Wand entlang. Verdammt, sein Messer. Nun war er unten. Mit schweren Schritten schlurfte er den Flur entlang.
„Mein feiges Mädchen, komm zu mir.“
Janine schlug sich die Hände vors Gesicht.
„Lass mich in Ruhe!“ kreischte sie hysterisch. “Was hab ich dir getan?“
Verzweifelt presste sie ihren Körper in die Ecke. Nun stand er vor ihrer Tür. Er zeichnete mit seinem Messer Kreise auf die Tür. Janine vernahm nur dieses ekelerregende Kratzen auf dem Lack, eine Gänsehaut zog sich über ihren Körper und sie schüttelte sich.
„Hau ab,“ murmelte sie „Hau ab!“
„Oh nein,“ erwiderte er “Du gehörst mir!“
Diese Ruhe in seiner Stimme ließ sie das schlimmste Befürchten. Verzweifelt schickte sie weiterhin Stoßgebete gen Himmel. Plötzlich war es still. Unheimlich still. Bevor sie sich fragen konnte warum, rumste es. Die Tür krachte aus dem Schloss und schob die Kommode ein großes Stück in den Raum. Sie wusste das nun alles vorbei war. Sie wusste nicht genau was sie erwartete, aber sie wusste das sie in dieser kalten Oktober Nacht lernen würde was wirkliches leiden war.


Die Stille, die den kahlen weißen Raum beherrschte war erdrückend. Sie lag wie dichte Watte auf meinen Ohren und machte mich noch rasender als ich ohnehin schon war. Ich vergrub meine kleinen zarten Hände in mein dünnes stumpfes Haar. Zusammengekauert saß ich vor meiner Schlafpritsche. Schweiß rann mir über die Stirn und mein Herz raste. Ich hatte mal wieder einen meiner unzähligen „lautlosen“ Anfälle hinter mir. Meine behandelnden Ärzte nannten sie lautlos, da dabei nie klar wurde worüber ich mich aufregte. Ich schrie nur und raste ohne jeden Sinn durch den Raum. Langsam wurde ich leer, total leer. Ich konnte nichts mehr denken, ich spürte nur den lederüberzogenen Boden unter mir. Der ganze Raum um mich herum spiegelte mein Inneres wieder. Mit stumpfem Blick starrte ich auf meine Knie. Ich hatte einen weißen Pyjama an. So weiß wie so alles um mich herum. Abwesend fing ich an mit meinem Zeigefinger Kreise auf mein Knie zu malen. Rechts herum, links herum, rechts herum, links. Jetzt reicht’s. Ich sprang auf, verschlang meine Hände hinter meinem Rücken und durchschritt den nichtssagenden Raum. Ich musste etwas tun. Ich konnte nicht weiterhin tatenlos hier drin sitzen und mich diesem Schmerz hingeben. Langsam blieb ich stehen. Wie konnte ich nur so kurzsichtig gewesen sein? Der Ort an dem ich mich gerade befand, das Leben das ich hier führte, die Angst mit der ich lebte. Genau das hätte er gewollt. Genau das wäre für ihn erstrebenswert gewesen, wenn er mich nicht hatte umbringen wollen. Es war passiert. Ich hatte mich in das Muster begeben das er vorgegeben hatte, das Muster das er von allen erwartete. Verdammt! Schnell schritt ich zu meinem Nachtschränkchen an dem die Schwesternklingel befestigt war und drückte ungestüm auf den Knopf. Ich drehte mich um, hastete zu meiner Tür und starrte ungeduldig hoch auf den Monitor. Darauf sah ich den Flur der sich vor meiner Tür befand und somit war es mir möglich genau zu sehen wer mich besuchte. Auf der anderen Seite befand sich auch ein Monitor der ebenso mit einer Kamera verbunden war. Sie befand sich in meinem Zimmer und war in diesen Moment genau auf mich gerichtet. Endlich erschien Schwester Bertha auf dem Bildschirm. Sie schien nervös und streckte den Arm aus um die Gegensprechanlage einzuschalten. Ein leises Knacken ertönte und ich hörte wie sie sich räusperte.
„Ähm, ja Janine? Was gibt’s?“ ihre helle Stimme klang unnatürlich durch den Lautsprecher.
„Schwester! Keine Mätzchen jetzt, machen sie einfach die Tür auf, ich muss raus.“ Meine Stimme war schwach und es war anstrengend die Wörter so über meine Zunge gleiten zu lassen wie ich es sonst immer getan hatte. Es war nun Zeit. Böse starrten wir uns über die Bildschirme an.
„Janine! Sie wissen genau das sie jetzt nicht rausdürfen!“
„Das weiß ich verdammt, aber es ist jetzt wichtig! Ich hab es endlich kapiert ich muss hier raus, ich darf hier nicht weiter drin bleiben, denn genau das hätte er gewollt!“ Bei den Worten zitterte ich fast am ganzen Körper. Mir war durchaus bewusst, dass ich das erste Mal vor Schwester Berthas Augen sprach. Noch dazu von ihm sprach. Überhaupt vor Jemandem von ihm Sprach. Ich beobachtete sie und konnte fast sehen wie die kleinen Rädchen unter ihrem blonden Haar arbeiteten. Sie schien mit sich zu ringen. Die Tatsache das ich endlich redete, mochte sie fast dazu bewegen nachzugeben und mir die Tür zu öffnen, da sie sich jedoch prinzipiell an die Vorschriften des leitenden Arztes hielt, wollte sich ihre Hand nicht zum Elektrischen Schloss bewegen.


Professor William ließ sich seufzend auf seinen Chefsessel nieder um die Akte seiner neuen Patientin durchzusehen. Es hatte sich schon rumgesprochen, dass sie ein außergewöhnlicher Fall war. Langsam schlug er ihre Kartei auf und sah auf dem ersten Blick wie ungewöhnlich sie war. Hellblaue Augen starrten ihn an. Er beugte sich etwas weiter über den Schreibtisch. Ihre Augen waren zwar hellblau, leuchteten jedoch nicht. Im Gegenteil, sie wirkten stumpf, verschlossen und ein wenig trotzig. Ihre dunkelbraunen Haare vielen strähnig über die Schultern. Sie war sehr mager und ihr Hals war dünn. Ihre ganze Erscheinung wirkte zerbrechlich, nur die Lippen die sie zu einem schmalen Strich zusammengekniffen hatte, verliehen ihr etwas Kräftiges. Sein Blick fiel auf ihre Personaldaten und er konnte es nicht recht glauben. Diese junge Frau die ihn trotzig anblickte, war gerade mal Siebzehn Jahre alt. Was konnte nur passiert sein, dass sie nicht nur äußerlich, sondern möglicherweise auch innerlich einen großen Sprung gemacht hatte? Sie schien älter geworden.
Er blätterte weiter und hielt automatisch die Luft an. Etwas derartig schreckliches und grausames hatte er seine Lebtage noch nicht gesehen. Da jede seiner Patienten vor ihrer Verlegung in sein Institut, ärztlich untersucht wurden und etwaige Besonderheiten dokumentiert wurden, war es üblich das dies mit in die Kartei eingetragen wurde. Professor William starrte auf die geschossenen Fotos die die Grausamkeit festhielten, die das arme Mädchen hatte erleiden müssen. Es waren Bilder von ihrem Körper. Sie muss einmal wunderschön ausgesehen haben. Doch nun war die sonst so ebene und elfenbeinen Haut von wulstigen Narben übersäht. Sie zogen sich über die Arme, die Beine und die Schultern. Am schlimmsten war jedoch ihr Bauch zugerichtet. Er war zwar ebenfalls von unzähligen Narben durchzogen, es viel jedoch eine Narbe besonders auf. Sie war rot, daumenbreit und wulstig. Sei fing zwischen den Brüsten an und verlief Sichelförmig über ihren Bauch bis zum Schambein. Er konnte es nicht glauben. Wie hatte sie dies überleben können? Sein fachmännischer Blick strich erneut über die Narben und er war sich sicher. Jede einzelne Narbe war frisch. Er fragte sich erneut wie sie dieses Attentat hatte überleben können. Besonders die Narbe auf ihrem Bauch war so groß, das der Einstich äußerst tief gewesen sein muss. Tief genug um ihre Organe zu verletzen. Tief genug um sie damit zu töten. Der geschockte Professor blätterte zurück und sah erneut in ihren blauen Augen. Ihm wurde es bewusst, dieses Mädchen gehörte nicht hierher. Der Mensch der dies angetan hatte, der Mensch der zu solch einer grausamen Tat imstande war, solche Menschen gehörten hierher. Sie waren krank, unheilbar in ihrem Verhalten geschädigt. Der Professor schlug ihre Kartei zu und stand auf. Er würde sich mit seinen Ärzten zusammensetzen und beraten was das Beste für sie war. Er war sich dessen bewusst, dass eine große Aufgabe für ihn bevorstand. Sie schien unmöglich, doch Angesichts ihres Schicksals und ihres Alter wollte er es versuchen. Sie mussten dafür kämpfen, dass sie ihren Lebenswillen wiederfand. Und wenn es möglich war sogar ihre Lebensfreude.


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