Linda - Youth Life30.09.2007
Natalie wurde von dem starken Wind wach, der an dem alten Haus rüttelte. Schneeflocken striffen das Fenster. Man hörte leise Musik von nebenan und lautes Stöhnen. Natalie fröstelte, vorsichtig rutschte sie von dem dicken Mann weg. Er stank nach Wodka und Zigarren. Gänsehaut überzog ihren Körper. Angewidert zog sie sich den Jeansminirock an, striff die Netzstrümpfe über ihre etwas pummeligen, kurze Beine und warf sich ein abgewetztes, beiges Sweatshirt über. Mit verschränkten Armen stand sie vor dem breiten Bett und sah missmutig den Mann mit Schnauzbart an, der auf dem Bauch lag und laut zu Schnarchen anfing.
Wiederwillig sog sie dieses Bild in sich hinein. Dann ging sie zum Nachtschränkchen, griff sich den zerknitterten Zehn Euro Schein, schob ihn gefaltet in ihren push-up BH, stieg in ihre hohen Pumps, griff sich ihr schwarzes Ledertäschchen und verließ das Zimmer. Leise schlich sie den heruntergekommenen Flur entlang und stakste die Treppe hinunter. Im Haus war es verhältnismäßig Still, nur hier und da hörte man einschläfernde Musik und lautes kichern von Menschen die sich gerade im Bett vergnügten.
Natalie stieg die letzten knarrenden Treppen hinunter und öffnete die riesige Holztür. Eisiger Wind und Schneeflocken kamen ihr entgegen. Sie zog sich die Kapuze über die kurzen rabenschwarzen Haare und mit zusammengekniffenen Augen trat sie auf den Bürgersteig. Die Straßen waren voll, Autos schoben sich zögernd durch den Verkehr, Schnee wurde geschaufelt und über den Häusern dampfte es. Sie versuchte sich zu beeilen, denn sie musste in die Schule, aber ihre hochhackigen Pumps rutschten ständig auf dem vereisten und verschneiten Boden. Als sie vor dem riesigen Mehrfamilienhaus stand, waren ihre Finger eiskalt und sie hatte Mühe den Schlüssel ins Schloss zu stecken. Nach einer Weile schwang die Tür auf und sie trat hastig in den Flur. Sie ging zu den Briefkästen und lugte in ihren hinein. Etwas weißes schimmerte. Vorsichtig griff sie mit der rechten Hand hinein und fischte einen Brief heraus. Adressiert war er an ihre Mutter. Sie schlitzte ihn auf und faltete ihn auseinander. Sie runzelte die Stirn. Ihre Mutter war seit drei Monaten im Zahlungsrückstand mit der Miete. Aber ihre Mutter arbeitete doch! Sie schob den Brief wieder in seine Verpackung. Langsam stieg sie die Treppen hinauf. Hoffentlich schlief ihre Mutter noch, sonst würde es ein Riesen Theater geben.
Als sie vor der Wohnungstür stand, presste sie sich dagegen und horchte. Alles war still.
Vorsichtig steckte sie den Schüssel ins Schloss und schob die Tür auf. Zigarettengestank und ein leichter Geruch nach Bier stieg in ihre Nase. Sie verzog das Gesicht, und drückte die Tür zu. Sie nahm ihre Pumps in die Hände und schlich zu ihrer Zimmertür. Sie schloss sie auf. Ihr Zimmer war immer verschlossen, sie tat es seit ihre Mutter im Suff ihr ganzes Zimmer durchwühlt hatte. Hastig warf sie ihre Handtasche aufs Bett, zog sich eine abgewetzte Jeans an, nahm sich einen Schreibblock, einen Kuli und ein paar Bücher, stopfte das alles in ihren Rucksack. Sie setzte sich auf ihr kleines schmales Bett und ließ ihren Blick durch ihr Zimmer schweifen. Währenddessen spielten ihre Hände mit der Mietrechnung. Die hellblauen Wände wirkten wie der verschneite Himmel draußen. Alles was sie besaß, war ihr Bett, der kleine wackelige Schreibtisch und der Kleiderschrank mit einem kleinen Spiegel. Eine mickrige Pflanze stand auf dem Fensterbrett und vegetierte vor sich hin. Natalie griff sich ihre Handtasche, nahm Lippenstift, und Eyeliner heraus und schminkte sich. Sie schaute auf die Uhr. In zehn Minuten fing der Unterricht an. Sie hatte nicht ein mal Zeit sich ihre Haare zu waschen und ihre Fingernägel zu lackieren, die schwarze Farbe blätterte mittlerweile ab. Missmutig starrte sie ihre strähnigen Haare an, stieg dann über einen Berg dreckige Wäsche, nahm sich ihren Rucksack, ging aus dem Zimmer und schloss es ab. Leise schlich sie durch den dunklen und muffigen Flur, in die Küche und schaute hoffnungsvoll in den Kühlschrank. Wie immer war er erschreckend leer. Bierdosen, eine abgelaufene Leberwurst, ein Stück Gauda und ein Müsliriegel. Sie verstand nicht ganz was der im Kühlschrank zu suchen hatte, griff sich ihn jedoch und stopfte ihn in den Mund. Er stillte jedoch nur für kurze Zeit ihren Hunger. Sie schnappte sich ein Stück Papier, einen Bleistift und schrieb:
Hi Mum,
War gestern noch bei einer Freundin, ist deshalb etwas später geworden.
Leg mir was Geld auf den Tisch ich geh dann nach der Schule einkaufen.
Bye
Natta
Sie legte den Zettel auf den kleinen Küchentisch, daneben die Rechnung, nahm sich ihren Rucksack, stieg in ihre abgelaufenen schwarzen Buffalos und schlurfte aus der Wohnung. Laut polternd hastete sie die Stufen hinunter, riss die Tür auf und lief zum gegenüberliegenden Haus. Sie klingelte Sturm. Nach einer Weile öffnete ihre beste Freundin Liz die Tür.
„Hi süße!“ begrüßte sie ihre Freundin und gab ihr einen Schmatzer auf den Mund. Dabei strichen ihre blonden Locken über Nattas Wangen.
Sie drehte sich noch ein mal kurz um und rief ein „Tschüss“ in den Flur. Als jedoch keine Antwort kam zog sie die Tür zu.
„Wo warst du gestern? Ich hab dich die ganze zeit aufm Handy angerufen aber du bist nicht rangegangen!“ fragend schaute Liz sie mit ihren dunkel grünen Augen an.
Natta zuckte mit den Schultern. „War anschaffen.“ Murmelte sie.
„Du hättest mir auch bescheid geben können! Der hätte uns auch beide genommen. Verdammt Natta du weißt doch das ich das Geld brauche!“
„Ich hab sowieso nur einen Zehner gekriegt.“ Zischte Natta zurück.
Liz fluchte noch ein wenig, aber da sie wusste das es nichts weiter half, verstummte sie nach einer Weile und sie stapften schweigend durch den Schnee.
Natta blickte auf, als ein Motorroller langsam neben ihnen herfuhr.
Als Natta Tom erkannt hatte, grinste sie. Er blieb stehen, stieg vom Motorroller und klappte die getönte Scheibe seines Helmes hoch.
„Moin, moin. Wo geht’s denn hin?“
„Morgen. Zur Schule. Wohin sonst.“ Antwortete Natta „ Ich hab schon zu oft geschwänzt das wird mittlerweile auffällig. Und wo willst du hin?“
„Auch zur Schule, meine Fehlstunden werden mit der Zeit Rekord verdächtig.“ Brummte er und nickte bedeutungsvoll zu seinem Roller. Natta verstand und nahm sich den zweiten Helm der sich unter dem Sitz befand.
„Ciao Liz bis gleich!“ rief Natta und setzte sich hinter Tom auf den Roller.
Liz schaute sauer, winkte kurz und ging weiter. Natta klammerte sich fest und Tom gab Vollgas.
Liz verstand nie was da zwischen Natalie und Tom war. Sie wusste das die beiden einmal zusammen gewesen waren. Jetzt waren sie nur Freunde. Behauptete Natta. Aber es war noch etwas zwischen den beiden. Eine klare Verständigung und Einverständnis. Doch Liz wusste nicht genau was es war.
Natta hockte auf ihrem Tisch und quatschte mit Liz. Sie beugte sich zu ihr hinunter um sie verstehen zu können, ließ dabei ihren Blick durch die Klasse streifen und beobachtete alles scheinbar mit Desinteresse. Wie gewohnt nickte sie ein paar mal zustimmend, oder machte ein paar zustimmende Brummer während Liz ihr etwas erzählte. Mit dem Maß an Zuwendung gab sich Liz jedoch immer zufrieden.
Natta runzelte die Stirn. Die Klassentür stand offen und sie sah wie ein blondes hübsches Mädchen auf dem Flur stand und schüchtern in die Klasse blickte. Natta musterte sie interessiert. Das Mädchen war groß, und schlank. In allgemeinen hatte sie eine sehr erwachsene Figur, schöne große Brüste, eine schmale Taille und breite Hüften. Ihr langes blondes Haar fiel leicht über die Schultern. Natalie schaute in ein Gesicht das so perfekt war das es verboten werden müsste. Die hohen runden Wangenknochen betonten die blauen großen Augen, sie hatte volle Lippen die so schön geschwungen, einfach wunderbar aussahen.
Natta brauchte nicht lange um zu erkennen das sie reich war. Die teure weiße Winterjacke mit echtem Pelz an der Kapuze, die gut geschnittene Jeans die in teure weiße Lederstiefel gestopft war. Der mit Strasssteinen besetzte weiße Ledergürtel und die stylische Seitentasche, all das zeigte wie vermögend sie sein musste. Aber es gab einen Haken. Ihre Erscheinung passte nicht hierher. Nicht in diese Umgebung, nicht zu diesen Menschen, nicht in die Hauptschule. Konnten ihre Eltern sich keinen Nachhilfelehrer leisten?
Natta stand auf. Liz zog empört die Augenbrauen auf.
„Natta! Ich rede mit dir! Was ist denn los?“
„Schau mal wer da ist.“ Murmelte diese zurück.
Betont lässig schlurfte sie in ihren Buffalos zu dem Mädchen hinüber. Während sie so zu ihr kam, zog sich etwas in ihr zusammen. Sie kam sich so arm, dreckig und hässlich vor. Dieses Mädchen war das völlige Gegenteil von ihr. Sie war der perfekte, schlanke weiße Engel und was war sie? Pummelig, schwarzhaarig, dreckig und arm. Natalie begann das fremde Mädchen zu verabscheuen. Grimmig blieb sie vor ihr stehen.
„Bist du neu?“ blaffte Natta sie an.
Etwas verstört starrte sie zurück.
„Ehm ja.“ Stotterte sie unsicher.
„Wie heißt du denn?“ blaffte Natta sie wieder an.
„Jenny.“ Antwortete sie.
Mittlerweile war die Klasse auf die Unterhaltung zwischen den beiden Aufmerksam geworden und stand um sie herum.
„Wo wohnst du überhaupt?“
Bei dieser Frage veränderte sich etwas. Jennys Blick war nicht mehr freundlich sondern kühl. Ihre Haltung versteifte sich und sie war plötzlich nicht mehr schön, als sich ihre Stirn in tiefe Falten legte und der Mund sich unangenehm zu einem schmalen Strich verwandelte.
„Wird das hier ein Verhör oder was?“ zischte sie zurück.
„Jo, so in etwa.“ Gab Natta lässig zurück, kaute eine Weile auf ihrem Kaugummi herum und ließ eine große Blase platzen. „Das ist unser Ritual, das muss jeder Neuankömmling über sich ergehen lassen. Ich muss gestehen das es selbst mir nicht anders ergangen ist.“
Natta versuchte eingebildet und hochnäsig auszusehen, was ihr auch ganz gut gelang, denn Jenny begann sie verächtlich zu mustern.
„Ich bin ja nicht mal Freiwillig hier, also bin ich auch kein Neuankömmling, sondern ein Zeitweiliger Besuch.“
Natta lachte verächtlich auf.
„Ach du willst gar nicht lange hier bleiben? Auch noch von dieser Schule fliegen? Was ist denn so dein Rekord? Zwei Wochen?“
Die Klasse fing an zu tuscheln und Mädchen kicherten.
Das bestärkte Natta in ihrem Verhalten und sie setzte noch einen drauf.
„Was haste denn für einen IQ? Ist der bei dir überhaupt messbar?“ die Klasse lachte.
Sie wollte gerade sagen das Schönheit eben nicht alles ist, als sie sah wie Jenny mit wutverzerrtem Gesicht ihre Hand hob und ihr Blitzschnell mit dem Handrücken ins Gesicht schlug. Natta schleuderte es auf die Seite und in die Arme von Tom. Der stellte sie wieder auf die Beine und sie stolperte zurück. Sie hielt ihre Hände vors Gesicht, denn ihr lief das Blut warm aus der Nase.
„Miststück.“ Zischelte sie Jenny zu, rammte sie mit den Schultern um an ihr vorbei zu kommen und hastete zu den Mädchenklos. Sie wollte gerade die Tür aufstoßen als ihr Mathelehrer ihr entgegen kam.
„Natalie was ist denn mit ihnen passiert?“ fragte er erstaunt und zog die dichten Augenbrauen hoch.
„Die neue ist da.“ Antwortete Natta dumpf durch ihre Hände und verschwand im Mädchenklo.
Als die Tür klappernd zurück fiel, blieb Natalie eine Weile stehen. Es war still. Nur ein leises Plätschern einiger Wasserrohre war zu hören. Sie ging zu den Waschbecken und nahm die Hände von ihrem Gesicht. Ihre Nase war geschwollen und es blutete immer noch. Seufzend riss sie etwas von den Tüchern an der Wand ab, legte den Kopf in den Nacken und presste die Tücher auf die Nase.
Wie sie dieses Mädchen hasste. Eingebildetes Miststück, dachte sie.
Nach einer Weile ließ die Blutung nach und sie wusch sich ihr Gesicht. Während sie sich das Gesicht abtupfte, betrachtete sie sich. Ihr Blick viel auf ihre fettigen schwarzen Haare und ihre überschminkten Augen. Wie zwei schwarze Löcher, dachte sie. Sie mochte ihr Gesicht nicht und an ihre Figur wollte sie gar nicht erst denken. Ich bin eben hässlich, dachte sie. Dabei stiegen ihr Tränen in die Augen. Sie hasste sich, was sie tat, wie sie war und wo sie war.
Eine Wut stieg in ihr auf, so unkontrollierbar und fraß sie sich durch ihren Körper. Sie zitterte, die Fäuste geballt und das Gesicht verzerrt. Sie schloss die Augen. Bilder schossen ihr durch den Kopf. Der Mann mit Schnurrbart. Die Zehn Euro. Der leere Kühlschrank, Jenny ....
„Verdammt!“ schrie Natalie, voller Wut schlug sie auf den Spiegel ein. Sie spürte keine Schmerzen, wie in Trance schlug sie zu, wollte verletzen und weh tun.
Es dauerte nicht lange da verließ sie die Kraft. Sie ließ ihre Arme hängen und sank schluchzend zu Boden. Sie hasste sich. Sie schlug die Hände vor ihr Gesicht und weinte. Sie weinte ihren Kummer und ihr Elend heraus. Sie wimmerte noch eine Weile dann verstummte sie und blieb sitzen.
Dröhnende Leere erfüllte sie. Die Kacheln an der Wand verschwammen zu einer Fläche, die Tür war nur noch ein grüner Streifen. Sie stand auf und schaute in den Spiegel. Rechts oben war er gesplittert. Erstaunt schaute sie auf ihre Fäuste. Die rechte war auf gesprungen und blutete, aber das störte sie nicht. Sie sah das sich ihre Schminke verflüssigt hatte und wie gefärbte Tränen über ihre Wangen gelaufen war.
Sie wollte weg. Doch ihr Rucksack war noch in der Klasse. Sie überlegte ob sie in die Klasse zurück gehen sollte doch sie entschied sich anders. Liz würde ihr den Rucksack schon bringen. Sie wischte mit etwas kaltem Wasser die Schminke aus dem Gesicht und trat auf den Flur.
Natalie ging langsam nach Hause. Ihre Hand kribbelte an den Stellen wo die Haut aufgeplatzt war, doch sie beachtete dieses Gefühl kaum. Sie war leer, konnte kaum einen rechten Gedanken fassen. Fragen umhüllten sie, was konnte sie nur tun? Sie hasste ihr Leben wie es verlief und wie es wohl weitergehen sollte. Ihre Mutter war arm, ihr Vater lebte am Ende der Stadt und ihre Schule konnte sie vergessen. Was hatte das alles dann noch für einen Sinn? Sie kam an einem kleinen Park vorbei. Es lag noch ein wenig Schnee auf dem Rasen, ein paar Vögel hüpften hoffnungsvoll herum und suchten nach Nahrung. Während Natalie über den Rasen ging und sich auf eine feuchte, herabgekommene Bank setzte, wichen ihr die Vögel aus und beobachteten sie. So gehen mir wohl alle aus dem weg, dachte sie und senkte den Kopf. Warme Tränen tropften auf ihre Jeans.
„Ey du!“ rief jemand.
Natalie hob den Kopf, verschwommen sah sie eine Gestalt die auf sie zu kam. Es war Jenny. Was hatte die Schnepfe hier zu suchen? Sie wischte sich schnell über die Augen und richtete sich auf. Jenny schaute kurz skeptisch auf die Bank, überwand jedoch ihren Ekel und setzte sich neben Natalie.
„Was willst du?“ fragte sie mürrisch und starrte dabei auf den Rasen.
Jenny wand den Kopf zu ihr.
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