Tobias - Das tugendhafte Dorf03.10.2007
In einem kleinen Dorf in Südeuropa ging einst das Gerücht um, der Dorfälteste habe eine Affäre mit der jüngsten Tochter des Schneiders. Der Schneide schneidert weiter, der Schmied, er schmiedet weiter und der Metzger schlachtet weiter, denn alle wissen, dass ihr Dorfältester schon lange nicht mehr dazu in der Lage ist, ein junges Mädchen auch nur im Entferntesten glücklich zu machen und das aus vielerlei Gründen. Deswegen war die einzige Maßnahme, die man gegen diese Lüge ergriff, ihren Urheber ausfindig zu machen und öffentlich vom dorfeigenen Henker köpfen zu lassen, denn das Dorf hatte seine eigenen Gesetze und das Lügen war eines der schlimmsten Verbrechen, die es gab, schlimmer noch als Töten. Wer so etwas Unperfektes wie einen Menschen umbrachte, der galt mehr, als jemand, der so etwas Reines wie die Wahrheit versuchte auszulöschen. Hier fängt unsere Geschichte im eigentlichen an. In den Gedanken des Lügners den Gnadenakt erwartend:
„Was macht es schon, ob man stirbt? Was macht die Welt? Viel, viel, hier, viel, nichts, hier. Dein bin ich Ego, rette mich.“
Und die Axt fiel zersplitternd auf den Atlas des Jungen und durchtrennte ihm sein Rückenmark, bis sich der Kopf schließlich lösen konnte und mit einer verzückten Art von Satisfaktion in den Augen den für ihn vorgesehenen Eimer füllte. So hatte das Dorf also wieder einen Bewohner weniger. Der junge Mann hieß Feli, nun, eigentlich hieß er Felician Mortalo, aber so wollte er noch nie genannt werden und dementsprechend kurz war die Grabinschrift, die die Familie drei Tage später eigenhändig in einen Stein meißelte, den sie an der östlichen, zum Meer hin gewandten Seite der Stadt gefunden hatte. Es war üblich, dass die Familie selbst den Verstorbenen beisetzte, denn ein Mensch galt als dreckig, ein toter jedoch als noch viel größerer Schandfleck und so kann man davon ausgehen, dass die Mortalos nicht besonders traurig waren, ihrem Sohn, Enkel, Cousin, Bruder nicht mehr auf den Weg ins Jenseits zu geben, als seinen aus vier Buchstaben bestehenden Namen. Neben dem Grab standen und lagen einige Gegenstände. Zum einen eine Flasche aus grünlichem Glas, dessen Hals zu Beginn der Bestattung noch offen, nun aber von einem dicken Korken verschlossen war.
Statten wir einmal der 92-jährigen Witwe des Dorfes einen Besuch ab, die während der Hinrichtung auf ihren Krückstock gebeugt, schwer atmend am Rande der Menge stand, um einen kleinen Blick auf das erhaschen zu können auf das, was geschehen würde und geschehen ist, die jetzt aber still und einsam wie immer an ihrem Fenster saß und auf die leere Novemberstraße starrte. Es weihnachtet, dachte sie sich und zündete ein Teelicht an, das, wäre jemand vorbeigegangen, das faltige Gesicht der alten Frau gleichwohl mit tiefen Schatten als auch mit orange leuchtenden Lichtflecken bedeckt hätte.
Zu dieser trüben Stunde kam Gottes Mutter Maria in das Dorf und setzte sich auf einen großen Stein. Die Leute, die an der Weggabelung, an der jener Stein lag, vorbeikamen, bemerkten sie kaum, denn sie trug nichts weiter als ein schmales Tuch, das sie mehr provisorisch als recht um ihre Hüften gewickelt hatte. So saß sie ein paar Tage, ohne auch nur mit einem Auge gezuckt zu haben, bis sich ein Heiligenschein um ihren Kopf bildete und sie in ihrer vollen Schönheit und mit ihrem ganzen Anmut auf den Friedhof ging, um nach dem Grabe des Geköpften zu sehen, wie sie es immer zu tun gepflegt hatte. In diesem Moment fielen große Tropfen vom Himmel auf die verreifte Erde. Und Maria ging aus dem Dorf heraus, ohne weitere Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und zog, wie sie es immer zu tun pflegte einen goldenen Ring aus Göttlichkeit um das gesamte Dorf, der, wie sie wusste, nicht lange bestehen würde und es begann zu schneien.
Im Hause des Schneiders herrschte während dieses ersten Schneefalls große Aufregung, denn es hatte sich herausgestellt, dass seine Tochter sehr wohl, wenn auch nicht mit dem Dorfältesten, eine Affäre hatte, mit dem Mann der Hebamme, der gleichzeitig Schatzmeister des Schützenvereins war. Der Vater überlegte nun also, ob er mit dieser Sünde zuerst zum Pfarrer oder Dorfältesten gehen sollte, denn auf Unzucht folgten sechs Monate im Kerker verbunden mit täglichen Schlägen. Sollte er jedoch nichts sagen und es flöge eines Tages auf (aus Erfahrung wussten die Bewohner, dass alles einmal auffliegt), nun, wir wissen, was auf Lügen flogt. So packte er seine einsichtige Tochter am Ohrläppchen, zog sich seinen Biberpelz über und ging auf die nun noch leerere Straße Richtung Kirche, vorbei an der Kreuzung, auf deren Stein ein goldener Schimmer zu sehen war.
Mutter Mortalo bereitete unterdessen das Weihnachtsvorfestessen, bei dem kein Wort gesprochen werden würde. Es würde, wie jedes Jahr Rinderfilet vom Schlachter geben, den besten Rotwein, den eine Schusterfamilie sich vor dem großen Fest leisten konnte, eine Hand voll Kartoffeln, sowie ein paar Löffel Erbsen und einen Löffel brauner Sauce, der für die beiden Herren im Hause, Vater und Sohn vorgesehen war. Es würden siebzehn Kerzen angezündet werden, eine für jeden Toten, den die Familie beklagt hatte und damit lag man weit unter dem Durchschnitt. Nach dem Essen würden die Kinder mit dem Hund spazieren gehen und eines von ihnen würde von einem großen Wolf zerfleischt werden, was man im Nachhinein auf seine Unartigkeit schob, die die Eltern in letzter Zeit wohl verstärkt bemerkt hatten, doch fiel ihnen das erst im Nachhinein auf.
Weihnachten steht also vor der Tür im kleinen Dorf und das spiegelte sich wider in vielen Dingen, die die Bewohner tun. Sei es, dass die Witwe einen Adventskranz aus Tannenzweigen band, die sie unter großer Anstrengung von der Straße aufgelesen hatte, dass man vermehrt in den Gottesdienst geht und „Tugendhaftes Jesulein“ singt oder, dass sich die Familie Mortalo über ihren achtzehnten Toten freute.
Maria, Mutter Gottes, statte ihrem Dorf wieder einmal einen Besuch ab und setzte sich dieses Mal splitternackt auf den Marktplatz, ohne dass jemand sie anschaute oder bemerkte. Bevor sie aufstand, um zum Hause der Mortalos zu gehen, warf sie ihr Haar in den Nacken und ein Samenkorn auf die Erde, aus dem später einmal eine Efeuranke wachsen sollte. An ihrem Ziel angekommen klopfte sie zaghaft bis ihr geöffnet wurde und sie, ohne beachtet zu werden, eintreten konnte. In der Küche lag auf dem Tisch ein Stein aus Granit und neben ihm ein Meißel, der anscheinend dazu dienen sollte, den Grabstein zu beschriften. Maria nahm den Meißel in die Hand und begann anstatt eines Namens zwei sichelartige Formen zu beschreiben, die an ihrer Mittelachse gespiegelt waren. Es hätten auch zwei Hirtenstäbe sein können, jedoch wusste niemand, etwas mit ihnen anzufangen, aber man beließ es dabei, um
die nackte Frau nicht aus der Fassung zu bringen und so ging Maria und zog, wie sie es immer zu tun pflegte, einen goldenen Ring aus Göttlichkeit um die Stadt, der, wie sie wusste, nicht lange halten würde und es begann zu hageln.
Der Pfarrer des Dorfes, ein streng katholischer Mann, wurde von seiner Haushälterin in seiner klösterlichen Gebetszeit gestört, da der Schneider ihn sprechen wollte, der, wie die Haushälterin sagte, zum einen den Mann der Hebamme, zum anderen seine eigene Tochter an den Ohren hinter sich herzog. Daraufhin feuerte der Pfarrer seine Haushälterin und bat sie den
Schneider hinein zu führen, der ihm von der Unzucht seiner beiden Begleiter erzählte. Zwei Wochen danach am 23. Dezember wurden sie in den Kerker geworfen, um am 23. Juni mit geschundenen Körpern wieder freizukommen.
Am Heiligen Abend fiel kein Schnee und eine kalte Sonne durchbrach das feste Wolkendach und ließ die weißbekränzten Dachziegel der Häuser zum Himmel glitzern, wo die Engel sich ihrer hätten erfreuen können, wären es andere Häuser gewesen. Auf den sechs Straßen des Dorfes herrschte zum ersten Mal in der Adventszeit reges Treiben und so merkte wohl niemand, dass sich drei vermummte Gestalten unter die Menge mischten und mit ihr zur Kirche prozedierten.
Auf dem Friedhof stand eine nackte Frau, umgeben von 1127 jungen Knaben und weinte, dass die Erde bebte.
Die vermummten Gestalten setzten sich taktisch klug verteilt in das Kirschenschiff und schwiegen.
Höret, die himmlischen Chöre singen ein Lied. Höret, sie jauchzen, sie klagen an Sünden und trauern denen, die ohne Schuld sind.
Die Kirchenpforte schloss um punkt halb sieben und wurde wie immer von einem großen Pfosten verschlossen.
Sehet, die himmlischen Chöre kommen zur Erde vertreiben das Böse. Sehet, sie tanzen, sie springen vor Freude und schreien den Ärger.
Der Pfarrer schritt gefolgt von den Messdienern zur Kanzel betete das Ave Maria und begann die Messe mit dem allseits beliebten Lied „Tugendhaftes Jesulein“.
Tugendhaftes Jesulein, warst geboren, warst stets fein. Hast gehorchet Mutter, Vater, warst ein Junge frei von Schuld, deine gottesgleiche Huld stets bewahret, sogar auf dem Sterbekreuz, Jesulein o Jesulein.
In der Sekunde, da der letzte Orgelton verklungen war, sprang die Kirchenpforte auf und Gottes Mutter Maria kam schreiend, nackt und mit ihren Armen wedelnd den Mittelgang der Kirche entlanggelaufen. Über ihr tat sich die Decke auf und die himmlischen Chöre begannen „Kehret um und werdet neu“ in einer Reinheit zu singen, wie noch kein Mensch es gehört hatte. Maria hatte den Altar erreicht und stieß einen letzten endgültigen Schrei aus, bevor sie zusammensackte und feststellte, dass niemand sie bemerkt hatte.
Aera
: o das's iwie voll grausam .
o.o
|