Vasquez - Der Mann der wusste25.10.2007
Er blickte zur Decke und ihm behagte nicht, was er dort sah. Die geometrisch angeordneten, weißgekachelten Fliesen gaben dem Raum etwas Sanitäres, Unpersönliches, er strahlte Kälte aus. Sie endeten irgendwo außerhalb seines Blickwinkels und gingen über in weiße, verputzte Wand wie er wusste, nur um weniges wärmer. In einem Moment voller Galgenhumor stellte er sich das Bougroup – Poster seiner Tochter in diesem Raum vor, im nächsten Augenblick aber wurde ihm die Lächerlichkeit dieses Gedankens bewusst, er schrak wie aus einem tiefen Traum auf, der aber doch nur den Bruchteil einer Sekunde gedauert hatte. Ein winziger Augenblick des Verdrängens.
Schon stand es ihm wieder klar vor den Augen und er fühlte diese kalte Beklommenheit, die ihn schon so lange beherrschte, wieder in sich aufsteigen.
SELIG SEI VERGEBEN UNSEREN SÜNDIGERN
Er wusste, dass er sterben würde, und er wusste, dass dies in wenigen Minuten geschehen würde - aber er glaubte es nicht.
Er konnte es einfach nicht glauben. Er war nie ein gläubiger Mensch gewesen, er glaubte nicht, dass es so etwas wie einen Gott gab und er glaubte nicht an ein Leben nach dem Tod.
TOD
Er glaubte an gar nichts.
Wie lange wusste er es schon, kannte das Datum und die Uhrzeit.
Sogar die Uhrzeit.
Und wie oft hatte er davon geträumt, es hinter sich zu haben, wie oft war er schreiend in der Dunkelheit aufgewacht, nur die nackte Wand über ihm und hatte sich die Decke über den Kopf gezogen und lange gezittert, bevor er weiterschlafen konnte?
Wie oft hatte er dem Psychiater gesagt, er fürchte es nicht, wie oft hatte er das Gefühl der Gleichgültigkeit gehabt, von dem so viele erzählten und das so gerne mit innerem Frieden verwechselt wurde. Wie ruhig war er gewesen, wie ruhig war er noch vor wenigen Minuten gewesen, obwohl er es gewusst hatte, genau wie jetzt.
Er glaubte schlichtweg nicht, dass er sterben würde.
Er sah die Kacheln, rechteckig und gleichmäßig über die Decke verteilt - warum, zum Teufel, hatten sie die Decke gefliest? Er stellte sich vor, wie er mit nackten Füßen darüber schreiten würde, tastend, rutschend, er konnte die Kühle an seinen Fußballen spüren. Dann wurde er in die Realität zurückgerissen, ein leichter Schmerz durchzuckte seine Füße, als sie auf dem Tisch festgeschnallt wurden. Nun war er vollständig gefesselt. Vollkommen hilflos.
WIE EIN BABY
Er konnte den Kopf jetzt nur noch schwach heben und als er dies tat, sah er, dass zu seinen Füßen ein Tropf hereingerollt worden war. Der Mann in dem weißen Kittel, dessen Namen er schon wieder vergessen hatte, machte sich an seinem linken Arm zu schaffen. Warum links, fragte er sich.
WEIL LINKS DEM HERZEN NÄHER LIEGT
Er hatte seinen Oberarm bereits abgebunden. Neben seiner Bahre war ein kleines Tischchen angerollt worden und aus den Augenwinkeln konnte er die Spritzen und Fläschchen sehen, die ihn zwingen sollten
DIESE WELT ZU VERLASSEN?
seine Augen bald für immer zu schließen. Für immer mit dem Atmen aufzuhören. Er fand die Vorstellung absurd, dass diese Tropfen etwas wie ihn aus dem Leben befördern konnten, ein denkendes, fühlendes Lebewesen, dass diese Tropfen sein Herz zum Stillstand bringen, ihn vernichten und auslöschen konnten, ihn,
MICH
der doch schon soviel überstanden und überlebt hatte.
Er zuckte kurz, seine Augen blinzelten, als der Arzt den Zugang in die weiche Haut an seinem Handgelenk stieß und sofort verklebte. Der Schlauch hing leblos vom Ständer.
ES IST NOCH NICHT SO WEIT ES IST NOCH NICHT SO WEIT
NOCH NICHT
Mit einem Summen ging die Jalousie hoch, die seinen Raum vom angrenzenden abtrennte. Hinter einer Glasscheibe konnten Zuschauer sein Sterben miterleben.
UND SICH AMÜSIEREN
Sofort fühlte er sich wie auf dem Präsentierteller. Er drehte den Kopf weg, er wollte nicht sehen, falls jemand gekommen war.
Er zwang seine Gedanken zum Essen, seiner letzten Mahlzeit, welches er Stück für Stück genossen und einzeln auf der Zunge gespürt hatte. Er hatte schon immer gern gegessen, aber dieses übertraf alles, obwohl er keinen richtigen Appetit gehabt hatte. Wie sollte er auch?
Wieder schmeckte er die Kartoffeln und die Soße in seinem Mund, er hatte den Geruch des wunderbaren Kalbsteaks in der Nase, bevor er sich daran machte, es ein zweites Mal in Gedanken zu verspeisen.
"Mr. James Chambers, ich habe hier einen Sie betreffenden Hinrichtungsbefehl, datiert auf das heutige Datum 3. Oktober 1990. Vollzugsart durch Giftspritze. Haben Sie noch etwas zu sagen?"
Hatte er nicht. Was wollten sie von ihm hören, dass es ihm Leid tat?
Ihm konnte nichts leid tun. Vor allem nicht das, dessen sie ihn beschuldigten. Einen kurzen Moment lang wallte Wut in ihm auf, er beruhigte sich jedoch sofort wieder, gelenkt durch
DAS WISSEN, DASS SEIN LEBEN ZU KURZ SEIN WÜRDE, UM SICH DARÜBER AUFZUREGEN?
die monatelange Bearbeitung des Gefängnispsychologen.
Er sah es nicht, aber er wusste, dass der Richter dem Arzt jetzt den Wink gab, mit dem Verfahren zu beginnen.
WAS HABEN WIR GELACHT WAS HABEN WIR GESPIELT FANG DEN BALL JAMIE DAS WASSER SPRITZT UND SIE BESCHMEISST MICH MIT SAND OH MAMA BITTE DARF ICH EIN EIS GROßE JUNGEN WEINEN NICHT UNSERE SCHLIMMSTEN FEINDE SIND DIE ROTEN DIE KOMMUNISTEN SIG DIE HYMNE MACH HAUSAUFGABEN KOMM NICHT ZU SPÄT
Er spürte die Flüssigkeit in seinem Körper schon, bevor der Schlauch angeschlossen war.
WAR ES FÜR DICH GENAUSO SCHÖN WIE FÜR MICH????
Brennend zog sie sich durch seine Adern, er hatte das Gefühl, als würden sich seinen Venen und Arterien in Brennstäbe verwandeln. Wie sahen seine Fingernägel aus? Er hatte begonnen, daran zu knabbern, aber er wollte nicht mit abgeknabberten Fingernägeln beerdigt werden.
SIE WACHSEN JA WEITER
Er versuchte, den Kopf zu heben und auf seine Hand zu schauen, aber er bekam ihn nicht hoch. Schweiß brach ihm aus, er versuchte es mit aller Kraft, aber sein Hals gehorchte ihm nicht mehr. Er fühlte sich der Panik nahe, starrte auf die kalten Fliesen, die langsam vor seinen Augen verschwammen, schon waren die Konturen nicht mehr klar erkennbar.
Es fiel wie ein schwarzer Balken von seinen Augen
SIE TÖTEN MICH
als realisiere er das alles erst jetzt
ROT ODER TOT
IN DER NOT FRISST DU KOT
Und er wollte schreien, seine Verzweiflung hinausbrüllen, aber er brachte nur ein Krächzen zustande.
SIE TÖTEN MICH
SIE TÖTEN MICH
Er weinte, doch es kamen keine Tränen. Verschwommen sah er die Personen hinter der Glaswand, während es im Innern schrie: Mit welchem Recht? Mit welchem Recht auf der ganzen Welt?
GLEICHES WIRD MIT GLEICHEM VERGOLTEN, JUNGE, DAS WAR SCHON IMMER SO
wer
AUGE UM AUGE ZAHN UM ZAHN
konnte das rechtfertigen? Er wollte leben, spürte den unterdrückten Lebenswillen in sich aufsteigen, je mehr er dem Abgrund zusank. Mit welchem Recht
Tun sie das ?
GROßE JUNGEN WEINEN NICHT
Juliana Ich liebe diese Art von Geschichte. Wirklich mitreißend!
Norma Toller Sprachstil, tolle Idee.
Erinnert mich ein wenig an " the green mile " .
Sehr Gefühlvoll. Vielleicht veröffentlicht
ja mal ein Schulbuch die Geschichte? Würde
sich auch sehr gut interpretieren lassen !
GROSSES KOMPLIMENT :D
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