Geschichten, Gedichte, Kurzgeschichten, Lyriks
 
kooperative Geschichten

Vasquez - Atemzug von Freiheit

25.10.2007

„Kann ich noch fliegen?“ fragte ich.
„Ja“, antwortete er erstaunt. „Aber wohin wollen Sie denn?“
Ich richtete meinen Blick auf die verputzte Raumdecke. Aber ich sah nicht die makellosen Spachtelstriche und die glänzende weiße Farbe, die in den Ecken angraute, ich sah vor mir die krümelige, trockene Wüste Mexikos. Kakteen sprossen aus dem Boden, von Klapperschlagen behütet, ich sah die sonnigen Felsen mit schlafenden Eidechsen, wie ich sie mir immer vorgestellt hatte.
Ich dachte immer, dass ich dorthin gehen würde.
„Wenn ich erfahren würde,“ hatte ich immer gesagt, „dass ich nur noch ein paar Wochen zu leben hätte, dann würde ich nach Mexiko gehen.“
Daraufhin hatte mich jeder merkwürdig angesehen. „Was willst du denn da?“ fragten sie mich, so wie mich eben jener Mann fragte, der mir die gefürchtete und doch erwartete Botschaft überbrachte.
Ich würde mein Geld und den ersten Flug nach Mexiko nehmen, das hatte ich schon vor langer Zeit beschlossen. Der Trick bestand darin, sich von nichts aufhalten zu lassen, nicht von diesen vielen Kleinigkeiten, die den Alltag beherrschten und die Zeit damit verloren machten. Ich würde mich nicht um eine Wohnungsauflösung kümmern. Ich würde auch nicht meine Papiere ordnen, damit meine Verwandten alles so vorfanden, wie es sein sollte. Ich würde mir nicht ausrechnen, wie lange mein Geld in Mexiko reichen würde. Zeit war belanglos.
Ich wusste nicht genau, was ich in Mexiko machen wollte, aber das wollte ich auch gar nicht. Es zu wissen, bürdete mir schon wieder die Verpflichtung auf, es auch zu tun. Ich wollte gar nichts wissen.
Ich würde nur noch auf das reagieren, was auf mich zukäme. Ich konnte allein sein, so wie ich es in Wahrheit war, und es konnten Menschen mein Leben streifen. Doch sie würden es nie betreten, denn in meiner Einsamkeit war nur noch ich und es gab nicht mehr den Schein des Zusammenseins. Die Anderen und das Andere würden den Status einnehmen, den sie in Wahrheit hatten, den des Nichtigen. Ich würde kein Ich, sondern nur noch Anwesenheit sein. Mein Leben würde von Zufällen abhängen, mehr als ich es im Moment spürte. Ich würde der Willkür des Augenblicks ausgesetzt sein. Und gleichzeitig war dies die Entbindung von allen Verpflichtungen auf der Welt, denn wenn ich mich in mein Sein ergab, fiel alles andere von mir ab. Das war die Freiheit, von der ich schon lange träumte.
Seine sanfte Stimme brachte mich wieder in die Wirklichkeit zurück.
„An ihrer Stelle würde ich jetzt nicht verreisen. Ihr Tumor hat zwar all diese Ausfälle hervorgerufen, doch er ist eigentlich ein gutartiger Tumor. Er wächst sehr langsam.
Das bedeutet“, setzte er mit einem leichten Lächeln hinzu, „wenn es uns gelingt, ihn herauszuschneiden, war es das. Keine Metastasen, keine Rezidive. Sie sind geheilt. Ein gewisses Risiko ist bei einer solchen OP natürlich immer vorhanden, aber ich meine, sie sollten es auf jeden Fall mit einer Operation versuchen.“
Mexiko entschwand, stattdessen sah ich nur die kahle geweißte Decke mit den Halogenstrahlern über mir.
Ich würde nicht sterben. Das eventuell, das gewisse Risiko durfte noch einmal die Illusion vom ewigen Leben retten.
Als der Onkologe mich verließ, schloss ich die Augen und versuchte noch einmal, das Krankenhauszimmer verdrängend, die Wärme und Geborgenheit Mexikos heraufzubeschwören, die Verheißung eines freien Moments; doch im Grunde wusste ich, dass ich die Möglichkeit wieder einmal verfehlt hatte und schon beim Träumen bereits in mein sicheres, erstickendes Leben zurückkehrte.


0 Kommentare