Vasquez - Die verlorene Zeit/Von der Absurdität I25.10.2007
„Es ist jetzt neunzehn Uhr sechsundvierzig, Señor“, stellte der spanische Grenzbeamte mit vorwurfsvollem Ton fest. Ich sah ihn überrascht an.
Ich bin an Vorwürfe gewohnt, stamme ich doch aus einer anspruchsvollen Familie und da ich nicht makellos bin, sind Vorwürfe mein täglich Brot. Ich räche mich, indem ich im Gegenzug einen hohen Maßstab an meine Mitmenschen lege. Dabei werde ich häufiger mit den weit auseinander klaffenden Gegensätzen von Anspruch und Realität konfrontiert, jedoch selten wirklich überrascht. Zum anderen bin ich daran gewöhnt, denn wer hohe Erwartungen hat, wird oft enttäuscht. Das ist der Preis für eine idealisierte Weltvorstellung.
Ich hatte mich gerade mit dem Problem meines leeren Kühlschranks beschäftigt, der mich bei meiner Heimkehr erwartete, und war eben in meinen Überlegungen bei der engeren Auswahl von Restaurants angelangt, die meinen Gaumen erfreuen konnten, als mich mehr der Ton als die Worte des Grenzbeamten aus meinen Gedanken rissen.
„Wie bitte?“ fragte ich also.
„Ihre Ausreise aus Portugal ist auf den 21. November 1977, achtzehn Uhr dreiunddreißig datiert. Richtig?“ Ich nickte dazu, obwohl ich keine Ahnung hatte.
„Inzwischen ist es aber neunzehn Uhr sechsundvierzig.“ Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr und korrigierte sich. „Neunzehn Uhr siebenundvierzig.“
„Nun, diese Minute zumindest haben sie sich selbst zuzuschreiben“, witzelte ich.
Er sah mich mit streng hochgezogenen Augenbrauen an. Ich war nicht sicher, ob er mich verstanden hatte. Hastig setzte ich hinzu: „Wo die Stunde geblieben ist, kann ich Ihnen nicht sagen.“ Ich hatte die manchmal verderbliche Angewohnheit, bei Themen die mich nur am Rande interessierten, einen hochgestochenen Ton anzuschlagen. Wohl ein Erbe meiner Mutter, die mit allen außer ihrem Mann so zu sprechen pflegte. Aber vielleicht auch nur das krampfhafte Bemühen, auf fremde Menschen sowohl eindrucksvoll als auch amüsant zu wirken. Ich hätte zu gerne ein Lächeln in dieses düstere Gesicht gebracht. Es wäre dadurch menschlicher geworden.
„Es handelt sich um vierundsiebzig Minuten“, erwiderte er bitterernst.
Ich nickte bedauernd. „Wir leben in einer schnelllebigen Zeit“, sagte ich. „Das Leben rast an uns vorbei und ehe wir es uns versehen, sind wir alt und erkennen Jugend nur noch in unseren Enkeln.“
Nichts rührte sich in seinem Gesicht. So langsam begann er, mir unheimlich zu werden.
Ich betrachtete meine Hände. „Sagen Sie, wir schreiben aber noch das Jahr Neunzehnhundertsiebenundsiebzig? Ich sehe keine äußeren Merkmale der Alterung, aber womöglich sind auf dem Weg von dort bis hier ein oder zwei Jahre verstrichen?“ Ich deutete auf das Grenzhäuschen der Portugiesen, welches von hier aus gerade noch zu erkennen war.
Doch damit war ich zu weit gegangen. Seine Brauen waren jetzt dicht zusammengezogen, in ihrer Mitte hatte sich eine steile Falte gebildet und die Augen darunter stierten mich böse an.
„Das ist keine Bagatelle“, sagte er. „Sie befinden sich auf dem Grenzgebiet zweier souveräner Staaten. Ihre Umtriebigkeit wird zu klären sein müssen.“
Nicht dass ich etwas gegen all die amüsanten Spionagefilme gehabt hätte, welche die Unterhaltungsabteilung des kalten Krieges am laufenden Band produzierte, ich wollte mich nur nicht in einem wieder finden.
„Hören Sie“, begann ich ruhig. „Russland ist weit weg, beinahe so weit wie die Vereinigten Staaten. Wir sind hier in Spanien, oder meinetwegen auch zwischen Spanien und Portugal und es wäre mir neu, dass hier ein eiserner Vorhang verläuft. Sind es nicht zwei Bruderstaaten, die zusammen stehen in dieser kalten Welt?“
Der letzte Satz war mir herausgerutscht. Ich konnte es einfach nicht lassen. Wenn ich nicht aufpasste, ging meine pathetische Ader mit mir durch. Unter großer, willentlicher Anstrengung nahm ich mich zurück.
„Ich bin kein Spion und auch kein Schmuggler. Ich habe dort drüben wie vorgeschrieben meinen Pass gezeigt, eine Schachtel zollfreie Zigaretten gekauft und bin schnurstracks zu Ihnen gekommen. Ich kann Ihnen nicht sagen, was mit der Uhrzeit in meinem Pass geschehen ist. Haben Sie den Stempel genau angeschaut?“
Nach seinem Blick zu urteilen, den er mir daraufhin zuwarf, konnte ich sicher sein, dass er keine Kritik an seinen Fähigkeiten als kompetenter Grenzbeamter duldete.
„Geht Ihre Uhr richtig?“ hakte ich dennoch nach. Ich hätte ihn genauso gut fragen können, ob er noch richtig ticke.
„Ich trage leider keine Uhr bei mir, sonst hätten wir einen Uhrenvergleich machen können“, erklärte ich, bevor mir einfiel, dass dies die Spione und Gauner vor ihren spektakulären Jahrhundertcoups taten. Aber ich trug tatsächlich keine Uhr. Ich hatte mir das Tragen einer solchen schon vor Jahren abgewöhnt, nachdem ich gemerkt hatte, dass sie nie eine wirkliche Zeitangabe machten. Sie sagten mir nicht nur nichts über die Intensität meiner verbrachten Zeit an, sie pressten zudem meine Zeit in Stunden und Minuten und damit den Saft des Lebens aus ihnen heraus. Eines Tages hatte ich mich dabei ertappt, wie ich mitten in einem Treffen auf die Uhr gesehen und festgestellt hatte, dass es Zeit sei, das Gespräch abzubrechen. Einen Moment später war ich erschüttert über meinen Gedanken und hatte plötzlich klar gesehen. Seitdem schwor ich mir, mich nie wieder nach dem mechanischen Ticken der Zeiger zu richten und mein Leben von ihm zusammen quetschen zu lassen.
„Kommen Sie bitte mit, Señor“, sagte der Grenzbeamte nun und packte mich am Arm.
Nun kann ich es leider überhaupt nicht leiden, wenn ich von Fremden angefasst werde. Ich gehe mit dem Geben und Nehmen körperlicher Nähe ausgesprochen sektiererisch vor.
Reflexartig zog ich meinen Arm zurück, aber da er ihn fest gepackt hielt, musste ich ordentlich reißen, um ihn frei zu bekommen und es ergab sich ein kurzes Gerangel.
Ehe ich mir meiner Handlung bewusst werden konnte, geschah etwas sehr Seltsames. Unter normalen Umständen hätte ich einen erneuten festen Zugriff oder auch einen Anschnauzer erwartet. Doch stattdessen fand ich ihn vor mir auf dem Boden liegend, laute Worte schreiend. Seine Hände waren in einer sehr ulkigen Pose über dem Kopf verkreuzt.
Als ich von ihm hochblickte, sah ich nicht weniger als drei Maschinengewehrmündungen auf mich gerichtet.
Auch in diesem Moment spürte ich die Unberechenbarkeit der Zeit. Sicher gibt es Menschen, die sagen, „diese Situation hat soundsoviel Sekunden komma drei gedauert“. Aber das stimmt nicht. Es war schlicht eine Ewigkeit. Ich rührte mich nicht.
„Heben Sie die Hände und machen Sie keine ruckartigen Bewegungen.“
Ein Mann löste sich aus der Wand vor mir und trat auf mich zu. Erst als die Bedrohung meiner Person dieses menschliche Gesicht erhielt, wagte ich wieder zu atmen.
Die Sache klärte sich schnell auf. Es gibt eine Stunde Zeitverschiebung zwischen Portugal und Spanien und da sowohl mir als auch dem Grenzbeamten, der seinen ersten Tag diente, diese Tatsache entgangen waren, konnte zu diesem Missverständnis kommen. Allerdings blieb die Anzeige wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt bestehen, denn wie mir der freundliche Kommandant erklärte, hätte ich mich eben nicht wehren dürfen. Formalitäten, beruhend auf den Gesetzen des Landes, die wiederum dessen Souveränität entsprangen, müssen eben gewahrt bleiben. Und obwohl es auch zukünftig wohl Probleme zwischen ihnen und mir geben wird, da ich ein notorischer Grenzgänger bin und was soll ich beispielsweise bei der Einreise nach Portugal tun, wenn der Grenzbeamte anfängt, meine Existenz zu bezweifeln, weil meine Ausreise aus Spanien wenige Minuten zuvor für ihn in der Zukunft liegt? – läge mir doch nichts ferner, als die Souveränität dieser großartigen Staaten anzuzweifeln.
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