Tatjana - Ein Brief an Jürgen Klinsmann14.11.2006
Lieber Jürgen Klinsmann,
ich weiß, es schickt sich nicht über die Nebenbuhlerschaft zwischen Oliver Kahn und Jens Lehmann zu reden, nur um meine Ansprüche anzumelden. Wenn ich es aber trotzdem tue, dann nur um Sie zu warnen. Lieber Jürgen, ich glaube ihre Theorie vom Abrufen des Maximums der Leistung der Torhüter ist völlig absurd. Ich habe aus Taktgründen noch nicht nachgefragt, aber ich habe festgestellt, dass die Torwartfrage schwerer zu beantworten ist, als der Sinn des Lebens. Es könnte zwar dazu dienen, eine Schmerzgrenze zu erproben, indem man die Torhüter dazu bringen will, mit ein wenig Kritik umzugehen, ohne sich gegenseitig abzuschießen, wie es in einem Artikel der Bild heißt. Das Gemeine daran ist, dass es mir weniger wehtut, als denen, die der Öffentlichkeit zum Fressen vorgeworfen werden, oder denen, die solche Äußerungen, wie diese zu lesen bekommen: „ Ich bin überzeugt, viele Leute wollen nur die Besten spielen sehen. Es könnte passieren, das ich drei Spiele absolviere und dann eine Gelb-Rote Karte kassiere...“, äußerte sich Jens Lehmann mit borniertem Urteil gegenüber dem in sich überkochenden Kahn in der Bild am Sonntag. Sie sehen ja selbst, dass die Diagnose “Respektlosigkeit gegenüber dem Nächsten“ das Fass zum überlaufen bringen kann, wie eine Flutwelle den Acker. Apropos Acker. Nicht nur in der Zeitung schießen sie sich gegenseitig ab. Auch auf dem Platz stehen sie sich wie zwei wiederkäuende Stiere in Angriffsstellung gegenüber. Vielleicht wäre die Sache doch noch gut ausgegangen, doch es war just am 2. September, als der Titan mit folgender Aussage konterte: “Die Spielregeln, die formuliert wurden, scheinen für ihn keine Geltung zu haben.“ Sie beschlossen also, den Kampf mit aller Härte der Kraft aufzunehmen, verfolgen doch schließlich alle Leute mit der Art von Augen, die wohl um die ganze Welt rollen sollen, die von Ihnen angezettelten Abgunst. Doch reichen auch allein diese Äußerungen nicht für diese Diagnose aus. Vonnöten sind die sich zusätzlich einschleichenden Fehler, die sogenannten Erreger, die den Ausbruch hervorrufen und die von beiden Seiten gemacht werden. Nicht nur Sie wissen, auf was ich hinaus möchte, WM-2002 oder der erst kürzlich durch die Kahn-Beine gesegelte Freistoß, durch den er ein Eigentor im Kampf um die Nummer eins geschossen hatte, wurden nicht nur vom Mitkonkurrent Lehmann beschmunzelt. Und weil, das muss man neidlos anerkennen, Robert Huth sich mit seiner überaus hervorragenden Torwartleistung ins Gespräch gebracht hat, ist die Frage der Reporter berechtigt, ob sie Kahn, Lehmann, Huth oder mich als Nummer eins nominieren werden. Viele Diagnostiker glauben, dass Sie am Ende mit einem fetten Grinsen im Gesicht dastehen und sagen werden: „Ich hetzte die zwei „Großen“ gegeneinander auf, um am Ende Timo Hildebrand ins Tor zu stellen,“, worüber ich nicht sehr enttäuscht wäre.
Bis dahin wünsche ich Ihnen eine erholsame, nachdenkliche Winterpause.
Viele Grüße aus Stuttgart.
Ihr Timo Hildebrand
(verfasst 2004, also in der 9.Klasse => sollte eine Satire darstellen)
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