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kooperative Geschichten

Marc - Geschichten der kürzlich Verstorbenen (Part II)

26.10.2007

Stories of the recently deceased - Geschichten der kürzlich Verstorbenen.



Stillbirth – Todgeburt

Der Tod ereilt die Menschen statistisch gesehen, am meisten in der Nacht. Befreit von all der Hektik des Tages fällt der Körper in einen Zustand der tiefen Entspannung. Mit ruhigem Gewissen, so scheint es, kann die Seele den Körper hinter sich lassen. Das ist das Wunder des Sterbens. Doch was, wenn sich die Wege des Todes und des Lebens kreuzen? Das ist die Geschichte einer Schlacht, im ewigen Kampf dieser beiden Mächte. Seit Anbeginn der Zeit wurden nicht viele Menschen Zeuge dieses Kampfes. Er wird für das die Menschheit im Verborgenen ausgetragen. Nur mit den Ergebnissen wird sie mit voller Härte konfrontiert.
Wir begeben uns in das Memorial Hospital von San Fransisco. Die dienst habende Nachtschwester befindet sich an der Anmeldung der Notaufnahme, in der heute Nacht der Geist des Friedens zu schweben scheint. Es ist kurz vor halb zwei, und seit über einer Stunde kam keine neue Aufnahme, geschweige denn, ein Notfall hinein. Schreckhaft springt die Schwester auf, als das bis dahin stumme Telefon zu schellen beginnt. Ihr Herzschlag beschleunigt im Bruchteil einer Sekunde auf mehr als das Doppelte, und vom Schreck gezeichnet hebt sie den Hörer von der Gabel.
„San Fransisco Memorial Hospital, Notaufnahme, Schwester Helen Shamrock!“
„Schwester, hier ist Doktor Marshall, lassen sie umgehend den Kreissaal vorbereiten!
Ich bin in zehn Minuten mit einer Patientin da!“ Tönt es in einer routinierten Art aus dem Hörer.
„Ja Doktor, ich werde alles sofort veranlassen!“

Die Türen der Notaufnahme werden aufgestoßen und eine Frau, stöhnend vor Schmerzen, wird in einem Rollstuhl herein gefahren. Hinter ihr betritt ein stattlicher Mann, mittleren Alters die Räumlichkeiten. Kurz begrüßt er Helen und delegiert die Schwester dazu ab, ihm bei der bevorstehenden Geburt zu helfen.
Während Schwester Helen der Patientin auf den Stuhl des Kreissaals hilft, trifft Doktor Marshall letzte Vorbereitungen, seiner Person betreffend. Mit dem blauen Kittel und dem Mundschutz hüllt er sich in eine fast beängstigende Anonymität. Gewissenhaft reinigt er seine Hände und Unterarme, die er anschließend desinfiziert. Ohne Worte, nur mit einem anleitenden Blick fordert er die Schwester auf, ihm in die Handschuhe zu helfen.
„Der errechnete Termin liegt noch drei Wochen vor uns, doch seit etwa zwei Stunden klagt sie über starke Schmerzen im Unterleib. Ich habe den Verdacht, dass sich der Fötus in seiner Nabelschnur verfangen hat.“ Mit einer Antwort, oder Reaktion hat Marshall nicht gerechnet. Er wollte lediglich die notwendigen Angaben zum Fall machen, um die Schwester darüber in Kenntnis zu setzen was die folgenden Maßnahmen zu sein haben.
Das kalte Gel zerläuft dickflüssig auf dem Bauch, bevor das Ultraschallgerät angesetzt wird. Wie Minuten erscheinen die Sekunden, in denen die Spannung ins unermessliche steigt. Sekunden die über Leben und Tod entscheiden sollen.
„Dort! Es ist nicht die Nabelschnur, es ist der Dickdarm!“
Bereit zur Geburt und unschuldig liegt es da, das Baby. Umschlungen von den Eingeweiden seiner Mutter. Scheinbar liebevoll legt sich das Gedärm um den Hals des Fötus, und eine neue Schlacht beginnt.

Keine Sekunde wird vergeudet, alles ist für die Operation vorbereitet und die Patientin liegt mit einer Lokalanästhesie auf dem kalten Operationstisch. Ein Tuch trennt ihr Blickfeld vom Bauch, in dem das sterile, silbern glänzende Skalpell sich seinen Weg bahnt. Nur schüchtern wagen sich die ersten Tropfen Blut aus dem Schnitt. Doch die Anfängliche Scheu wird schnell überwunden, und zu den Tropfen gesellen sich mehr, und mehr, und mehr. Hektisch versucht Schwester Helen der Blutung Herr zu werden. Beherzt greift Doktor Marshall in den dunkelroten Pool aus Blut, schiebt den Magen sanft zur Seite und legt die Hand an den Darm.
„Der Kopf, ich kann ihn fühlen!“ Die Blutung scheint außer Kontrolle, der Blutdruck sinkt unter die kritischen Werte. Während Helen Schwerstarbeit leistet die Patientin zu stabilisieren, bemüht sich Doktor Marshall den Fötus aus der Umarmung des Darms zu winden. Die Sicherheit des Mutterleibs wird zerstört, doch Mutter und Kind sind nun für die Ewigkeit vereint. Synchron entspannen sich die Muskeln, die Herzen stehen still.



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