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kooperative Geschichten

Martin - Monsterzimmer

04.11.2007

Teilweise ist es erschreckend, bei Kinder zu beobachten, welche Sprünge ihre Fantasie macht. Unser vierjähriger Sohn Manuel machte auf diesem Gebiet gewaltige Fortschritte. Hatte er sich mit drei noch mit realen Materialien beschäftigt, wie zum Beispiel seinem Teddybären oder seinen Bauklötzen, so fing er an, sich neuen Sphären hinzuwenden. Eines Tages erzählte er voller Stolz, dass das Monster, welches seit einer Woche unter seinem Bett hauste, sich gesund weiterentwickelte und langsam anwuchs. Meine Frau und ich sahen uns sprachlos an und rannten ins Kinderzimmer unseres Sohnes, um dort nach dem Monster zu sehen. Aber so sehr wir auch unter dem Bett suchten, ein Monster war nicht zu finden. Der Sohn stand dabei an der Tür und ließ uns immer von neuem nachschauen, indem er Sprüche abließ wie: „Hat es nicht wunderschöne Augen“, oder „die Zähne sind gewaltig“, oder „mit einer Klaue hat es mir fast einmal ein Auge ausgestochen, als ich nach ihm sehen wollte“. Die nervenaufreibende Suche nach dem surrealistischen Monster hatte uns in eine derartige Aufregung versetzt, dass unserem Sohn kurzerhand verboten wurde, solche Viecher noch mal in die Wohnung zu schleppen. Damit war das Thema Ungeheuer erst mal für uns beendet. Trotzdem wurde uns die Phantasie unseres Sprösslings ziemlich unheimlich.
Dass unser Sohn dem Verbot keine Beachtung schenkte, sahen wir sechs Tage später. Es war Freitag; meine Frau war in der Küche dabei, Fisch zuzubereiten. Einer für mich, einer für meine Frau, einer für Manuel. Die leichenblassen Filets lagen nebeneinander auf einem Teller, fertig gewürzt und bereit, sich im eigenen Saft braten zu lassen. Als meine Frau kurz etwas aus dem Kühlschrank nehmen wollte und sich dann wieder dem Rotbarsch zuwandte, waren dieser verschwunden. Sie folgte den tapsigen Schritten aus dem Flur und sah unseren Sohn mit dem Fischteller in seinem Zimmer verschwinden. Als sie die Tiere aus den Fängen von Manuel befreien und die Zimmertür öffnen wollte, war diese verschlossen.
„Mach auf, Manuel, und rück den Rotbarsch raus!“ rief sie durch die Tür.
„Geht nicht!“
„Warum?“
„Weil, der Bär hat doch auch Hunger. Und Bären lieben Fische!“
Meine Frau war verzweifelt. Sie rief in der Firma an, dass ich sofort nachhause kommen sollte. Fünfundzwanzig Minuten später stand ich vor Manuels Tür und traute meinen Ohren nicht.
„Ja, komm kleiner Bär, noch ein Fisch? Lass es dir gut schmecken. Heute kriegst du nur Fisch. Bald gibt’s frisches Fleisch. Vielleicht macht Mama morgen Koteletts. Oder du musst dich mit ein paar Wurzeln begnügen. Die grabe ich dann morgen auf dem Spielplatz aus und bringe sie dir.“
Ich verfluchte die Tiersendungen, die wir uns am Abend gemütlich ansahen. Oder woher sonst sollte der Junge so gut den Essensplan von Bären kennen? Gleichzeitig war ich auch etwas beeindruckt, aber wütend, da mir der Magen knurrte und der Bär sich an meinem Rotbarsch labte. Ich musste diesem Treiben Einhalt gebieten. Ich suchte nach dem Zweitschlüssel zur Kinderzimmertür. Tatsächlich war mein Sohn aber so geschickt gewesen, diesen vorher in seine Gewalt zu bringen. Uns blieb nichts anderes übrig, als vor seiner Tür auszuharren und uns die schrecklichsten Hausarreste auszumalen, dass uns vor uns selber graute. Nach drei Stunden meinte Manuel, dass unser Zorn wohl verflogen sei, und öffnete zaghaft die Tür. Das Zimmer wurde GSG9-tauglich von uns gestürmt. Den Bär sahen wir nicht, auch wenn mich dieser sehr interessiert hätte. Dafür lagen die drei Rotbarschfilets auf dem Spielteppich, ordentlich zermatscht und wären locker als verdautes Endprodukt eines Grizzlys durchgegangen. In Realitätstreue machte unserem Sohn wirklich niemand was vor. Die Fischpampe wurde entsorgt und der Sohn sofort ohne Essen ins Bett gesteckt. Wir mussten uns an diesem Abenden mit bestellter Pizza begnügen und dachten neidisch an den Bären, der ein wirklich delikates Menü an unserer Stelle erhalten hatte.


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