Juliana - Kreisende Gedanken17.12.2007
Der Teich war klein und verschmutzt. Normalerweise tummelten sich Wasservögel auf dessen Oberfläche. Aber wahrscheinlich war es noch nicht warm genug. März war es. Doch das Wetter spielte verrückt. Es war so wie man es dem April zuschrieb. Heute jedoch war es schön, wenn auch etwas windig. Zu windig, wie sie fand. Denn ihr Haar wurde dadurch in ihr Gesicht geweht und kitzelte an ihrer Nase. Starr sah sie auf die Wasseroberfläche, vertieft in das Netz abstruser Gedanken. Eine Passantin ging durch ihr Blickfeld und riss sie unsanft in die Realität zurück. Es machte sie ein wenig wütend. Sie ließ den Blick umherschweifen. Ein Stückchen weiter links von ihr saßen zwei kleine Jungen im Gras und begutachteten einen Stein. Die Begeisterung, die in den Augen der Kinder glänzte, machte sie neidisch und traurig zugleich. Sie lebten. Sie wandte den Blick von den Kindern ab und sah auf ein kleines künstliches Wassergefälle, das die Sonnenstrahlen reflektierte und dem Wasser ein elegantes Erscheinungsbild verlieh. Drei Obdachlose hatten sich einige Meter weiter auf einer Bank niedergelassen und diskutierten angeregt über ihre Einkäufe. Alkohol und Kleidung, so wie sie es mitbekam. Sie wusste nicht, ob ihr diese Menschen leid taten.
Links von ihr saß eine Frau. Auch sie schien mit dem Geist in einer anderen Welt zu sein. Ob sie mit ihrem Leben zufrieden war? Aber wer war das schon? Sie kannte niemanden, der behaupten konnte, er habe alles, was er sich je erhofft hatte. Ihr selbst jedoch schien die permanente Unzufriedenheit schon zu Kopfe gestiegen zu sein. Alles war negativ. Alles Neue prinzipiell schlecht. Alle Menschen waren Teil einer Intrige. Täuschung und Betrug gehörte nunmal zum Wesen des Menschen. Die Blicke, mit denen andere sie zu durchborhen versuchten, waren wie kleine Messer, die man in ihren Körper stach. Aber was sollte man auch anderes tun bei einer Person, die nicht ganz richtig im Kopf und zu nichts wirklich fähig war? Das Einzige, das sie von Grund auf beherrschte war es, anderen auch den letzten Nerv zu rauben und sich unendlich lange mit sinnlosen Gedanken zu quälen.
Ein Blick auf ihre Armbanduhr verriet ihr, dass sie nun gleich zum Bus gehen musste. Sie wollte nicht, aber sie musste. Die Wahrscheinlichkeit war groß, dass mal wieder niemand zu Hause war. Aber sie kümmerte es nicht. Mit finsterem Blick erhob sie sich von der Bank und ging den rot gepflasterten Weg an der Frau vorbei zur Bushaltestelle. Sie warf der Frau einen kurzen prüfenden Blick zu. Nein, unzufrieden wie sie selbst sah sie nicht aus. Die Frau sah zu ihr und rasch wandte sie den Blick ab. Messerstechen und sie beschleunigte ihre Schritte. Der Bus kam nicht sofort. Also setzte sie sich auf die Bank. In Abwehrhaltung mit Beinen und Armen überkreuzt, den Kopf gesenkt und den Blick auf dem Boden fixiert. Sie behielt ihr Umfeld dennoch im Blickwinkel. Der Bus kam. Busfahren war auch eine Angelegenheit, der sie eigentlich lieber aus dem Weg ging. Der Bus war unübersichtlich und überall waren Menschen. Doch sie hatte schon ihren Stammplatz gefunden. Ganz vorn bei dem Busfahrer saß sie immer sehr gern. Denn der Busfahrer war durch eine getönte Plastikschreibe von dem Rest des Busses abgeschirmt. Diese Scheibe bildete eine Art Spiegel. Sie setzte sich, nachdem sie schweigend am Busfahrer vorbei gegangen war, auf ihren Platz. Von hier aus konnte sie nun den ganzen Bus sehen. Zusätzlich spiegelte sich durch den "Plastikscheibenspiegel" dann die andere Straßenseite in den Fenstern hinter ihr. Es entstand also ein Spiegelbild im Spiegelbild. Gleichzeitig hatte sie den Rückspiegel des Busfahrers, um ihn zu beobachten. Außerdem war es möglich, durch den rechten Seitenspiegel zu sehen, wer ausstieg. Völlige Kontrolle. Niemand bemerkte, wenn sie beobachtete und niemand konnte sie mit Messern durchbohren.
Der Weg von der Bushaltestelle nach Hause war kurz. Es stand mal wieder kein Auto vor der Haustür. Also könnte es höchstens sein, dass ihre Schwester daheim war. Sie drückte mit ihrem Finger einmal kurz auf den Klingelknopf. Lang drücken tat sie nie. Das grelle Geräusch verursachte in ihr ein ungutes Gefühl. Ihre Schwester öffnete die Tür. Nach einer knappen Begrüßung ging sie die Treppen hoch in ihr Zimmer, um ihre Schultasche dort abzulegen.
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