Juliana - Der liebe Chef17.12.2007
Eigentlich war meine Laune heute nicht so viel versprechend wie sie die letzten Tage gewesen war. Um ehrlich zu sein: Sie war miserabel. Allein schon die Vorstellung, ich müsste im Büro sitzen, neben mir der Haufen Post und irgendwelche sinnlosen Stichwörter, mit denen ich selbst nicht mal wirklich etwas anfangen konnte, war grausam. Hinzu kam, dass ich mit eben diesem unverständlichen Gekritzel einem gewissen Herrn den Inhalt des Haufens erklären musste. In Gedanken hatte ich die Situation auch schon mehrere Male und unterschiedlichen Versionen durchgespielt. Wenn ich irgendeine Frage nicht beantworten konnte, dann würde ich ihm sagen, dass er seine verdammte Post dann doch selbst durchlesen solle. Ich sei schließlich nur Praktikantin und wenn er wollte, könne er mich auch entlassen, weil ich auf so ein arrogantes Arschloch wie ihn sowieso keine Lust hatte. Da ich kurz vorher einen Kaffee getrunken hatte, würde mein Atem meine Rechtfertigung noch unterstreichen. Schön wäre das. Und ich wurde das Gefühl nicht los, dass ich damit auch anderen Mitarbeitern aus der Seele sprechen würde. Doch wahrscheinlicher war wohl eher diese Fassung: Er würde meckern, ich rot werden. Wenn ich Glück hatte, bekam ich sogar noch ein unbeholfenes Stottern heraus bis ich dann beschämt aus seinem Büro ging, um mich auf meinen Platz zu setzen. Die schönste Lösung wäre wohl, wenn ich die Stichworte und die Post noch einmal sorgfältig durchlesen und überarbeiten würde und ihm dann einen guten Bericht darüber erstatten könnte. Wenn...
Als Mister Ich-bin-Chef-also-bin-ich nach der Frühstückspause immer noch nicht in meinem Büro aufgetaucht war, bat mich meine Nachbarkollegin die Post aus dem Häuserblock nebenan zu holen. Natürlich tat ich es gerne. Denn Frau Nachbarkollegin war eine liebenswürdige, wenn auch schon etwas ältere Dame, die mir vom ersten Moment an sehr sympathisch war. Ich kam gut mit ihr zurecht und half ihr so gut wie ich konnte. Als ich mit der Post auf dem Arm durch den Regen zurück ging, kam mir der Gedanke, dass ich vielleicht jetzt immer Chefs Post machen sollte. Oder ich gab mir so wenig Mühe, dass er mich für dumm hielt und es am Ende doch lieber selbst machte.
Aber auf meinen Post-Vortrag musste ich lange warten. Inzwischen war die Frühstückspause schon ein einhalb Stunden vorbei, was bedeutete, dass die Mittagspause in ein einhalb Stunden anfing. Zwar hörte ich wie im Büro des Chefs geschäftig mit der Tastatur geklappert wurde und das Telefon zwischendurch mal klingelte, aber es tauchte kein frisch rasiertes, wahrscheinlich mit teurem Rasierwasser verfeinertes Gesicht zwischen dem Türrahmen meines Büros auf. Ich hatte sogar schon gute 100 Seiten meines Buches gelesen, die zwar entspannender wären, wenn ich mir sicher sein könnte, dass nicht gleich jemand wichtiges in meiner Tür steht, aber immer noch besser als mich mit hochrotem Kopf mit meinem Chef über Post zu unterhalten. Seine Post wohlbemerkt. Wenn man die Situation betrachtete, dann könnte ich eigentlich behaupten, doch zufrieden zu sein. Das einzige Problem stellte meine Blase dar. Einen Kaffe und Wasser sammelten sich darin und wollten eigentlich so langsam wieder entlassen werden. Nur befand sich die Toilette im Treppenhaus und um dorthin zu gelangen, musste ich wohl oder übel am Büro meines Chefs vorbei. Normalerweise sollte das ja kein Hindernis sein, aber ich neigte grundsätzlich dazu, alles vor mir herzuschieben. Demnach wollte ich ihn nicht an meine Existens erinnern und somit an die Post. Ich beschloss, solange auszuhalten wie möglich, auch wenn es inzwischen schon ziemlich unangenehm war. Glücklicherweise musste ich nicht bis zur Mittagspause warten. Irgendwann kam der Chef von allein ins Büro, um nach der Post zu sehen. Ich wusste, dass es keinen guten Eindruck machte, als er sah wie ich las. Aber das war mir gleich. Ich hatte ja nichts zu verlieren.
"Wie geht's Ihnen?", fragte er mich.
Eigentlich interessierte es ihn gar nicht. Deshalb antwortete ich nur mit einem knappen "Gut!" und fragte nicht, wie es ihm denn ginge. Ich wollte es eben nicht wissen. Wenigstens war ich ehrlicher als er.
"Was ist mit der Post?"
"Ja... ich warte. Ist fertig!"
"Dann machen wir die schnell drüben!"
Ich folgte ihm in sein Büro und muss gestehen, dass ich aufgeregt war. Meine Blamage stand kurz bevor. Doch als ich anfing, war ich doch sehr positiv von mir überrascht. Zwar zitterte ich, als hätte ich zu viel Kaffee getrunken und ich spürte wie mir die Hitze in den Kopf stieg, aber ich schlug mich gut und war sogar ein stückweit stolz auf mich. Bei der Frage, wo denn Tunis läge, geriet ich kurz in Unsicherheit, aber ich antwortete mit "Tunesien!" und war auch sicher, dass das so stimmte. Ob er wirklich nicht wusste wo Tunis lag? Sogar ich wusste es und man muss bedenken, dass ich in Erdkunde immer nur körperlich anwesend und sehr desinteressiert war. Aber wenigstens bewies er mir so, dass er wirklich nichts im Kopf hatte. Trotzdem war ich freundlich. Diese falsche Nettigkeit, die man aufsetzen muss, um sein Image aufzubauen. Vielleicht, so überlegte ich, wäre es besser sich mit ihm zu vertragen als Stress zu verursachen. Demnach fragte ich nach meinem überraschenderweise doch gelungenen Post-Vortrag, ob ich noch irgendwie helfen könnte.
"Ja... Einmal das hier zu Frau Groß faxen und dann noch... Bald ist eine Messe in Genf. Da könnten Sie sich mal überlegen wie der Messestand aussehen soll. Also so, dass es mal was anderes ist. Interessanter und was Neues!"
Ich tat interessiert und aufmerksam, aber eigentlich schaltete mein Hirn in diesem Moment ab, weil ich jetzt schon wusste, dass das eine Aufgabe war, die ich als Praktikantin wohl kaum ordentlich lösen konnte. Wahrscheinlich nutzte er das auch nur, damit er sich sagen konnte, dass er mir eine Aufgabe gegeben hätte. Wenn ich dies nicht seinen Wünschen entsprechend erfüllte, dann war das mein Fehler. Genauso war es! Vielen Dank auch. Bevor ich den Raum des Wichtigtuers verließ, entwendete ich mir noch ein Lächeln, das man aus den Zahnpastawerbungen kennt. Während ich mich fragte wie man faxte und wie zum Teufel ich einen Messestand kreieren sollte, setzte ich mich in mein kleines Büro auf den schwarzen Bürostuhl, der mir nicht gefiel, weil man sich damit nicht zurücklehnen konnte. Ich fragte Google um Rat. Doch wirklich helfen tat mir das nicht gerade. Unmotiviert und gelangweilt klickte ich diverse Seiten an, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Nicht mal Frau Nachbarkollegin wusste Bescheid, die mir übrigens zwischenzeitlich das Du angeboten hatte. Während ich also so still vor mich hinsuchte, klingelte auf einmal das Telefon. Ich sollte Carolines Anrufe übernehmen. Sie war meine Kollegin, die am Schreibtisch mir gegenüber saß, heute allerdings krank war.
"Kundenanruf" stand auf dem Display. Allerdings auch mit einer betriebsinternen Nummer. Weil ich den Namen der Firma zu lang fand, meldete ich mich einfach mit nur mit meinem Nachnamen. Unglücklicherweise meldete sich eine Asiatin am anderen Ende der Leitung, die im ersten Moment etwas verunsichert war. Wäre ja nicht weiter dramatisch gewesen, wenn da nicht das Problem wäre, dass ich kein Chinesisch konnte und sie kaum Deutsch.
"Was für eine Messe?", fragte ich verwirrt.
"Neeeeiiin!", sagte sie mit zunehmender Ungeduld.
Aber ich verstand beim besten Willen nicht was sie eigentlich von mir wollte. Sie fragte nach der Handynummer meines Chefs. Ich wusste sie nicht, denn ich war ja nur Praktikantin. Doch ich hörte kurze Zeit später das Telefon des Chefs klingeln. Als er dann in mein Büro kam, um nach Taschenmessern zu sehen, wurde auch mir klar, was diese Frau von mir gewollt hatte.
Als ich dann eine neue Aufgabe bekam, die darin bestand irgendwelche Kosten für Redner, die an einer Veranstaltung teilnahmen, rauszusuchen, sank meine Laune. Dafür hatte ich ein enormes Pensum an Aggressivität und hätte ihm am liebsten irgendwas an den Kopf geworfen. Vielleicht meine Saskia-PET-Flasche. Mit PET kannte er sich ja auch aus, schließlich stellten wir diese Fasern her. Vielleicht bemerkte er dann gar nicht, dass es eine Beleidigung war. Aber besser wäre dann vielleicht der Blumentopf. Dann wäre ich ihn wenigstens los.
Die Homepages, die ich raussuchen sollte, fand ich nicht, da ich von diesem Gebiet so viel Ahnung hatte wie mein Chef von Ehrlichkeit. Nämlich gar keine. Wirklich anstrengen tat ich mich auch nicht. Somit hatte ich gut damit zu tun. Irgendwann, nachdem mein Chef mir dann doch so oft geholfen hatte, dass er es auch hätte selbst erledigen können, kam ich immerhin auf zwei von drei gesuchten Ergebnissen. Zu der letzten Messe fand ich zwar Kosten, aber als ich die vorlas und ich keine Ahnung hatte, ob das jetzt für Redner oder Anwesende war, reagierte mein Chef einfach gar nicht erst und verließ den Raum. Auch gut. Damit sah ich meine Aufgabe als beendet an. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass ich noch eine knappe Stunde arbeiten musste. Allerdings bekam ich kaum noch Aufgaben erteilt. Ja ja, der liebe Chef...
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