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kooperative Geschichten

Tom - Zeichen

17.03.2008

Vor ihm liegt der vom Leben ausgezerrte Körper. Leblos wirkt das knochige Gesicht, würden die Augen nur still stehen. Planlos mustern sie den Raum, in dem er doch schon Wochen liegt.
Er erkennt den Raum nicht, er erkennt IHN nicht. Die dürren Arme verraten jedem Laien, dass nicht mehr viel Leben in den alten Gliedern steckt. Ein Stöhnen, wirres Gerede. „Wie spät ist es?“
Er, der bis jetzt schweigend seine Arbeit verrichtet hat, hält inne, saugt die trockene Luft tief ein. Er überlegt, welche Antwort er ihm geben soll. Fast automatisch fährt seine linke Hand in die Hostentasche, betastet das Kreuz, welches sich in dieser verbirgt. Ein Blick zur Decke „Was würdest du ihm sagen“, murmelt er vor sich hin. „Es ist kurz vor halb zwei in der Nacht.“ Pein und Wehmut plagen den Stehenden. Er kann dem Liegenden kaum ins Gesicht blicken, so sehr schmerzt es ihn, diese Antwort zu geben. Das war die richtige Antwort? Für wen? Liebend gern hätte er ihm die andere gegeben und seine Gesichtszüge beobachtet, wahrscheinlich hätte er keine Veränderung bemerkt. Auf zur Arbeit.
Die gesunde Hand des Patienten greift nach dem „Anker“. Des Pflegers Gesicht wird bleich. Wie eine riesige Pranke wirkt die alte Hand im Gegensatz zum knochig-sehnigen Arm.
Angekommen, Bilder werden gemacht und ausgewertet, die kaputte Hand behandelt. Er steht nur da, beobachtet das Geschehen untätig. Währenddessen gehen ihm die Worte der Schwester durch den Kopf, er kann sie einfach nicht abschütteln: „Er will eigentlich sterben, aber vorher müssen wir uns noch mal die Hand anschauen.“ Wieder betastet er mit den Linken sein Kreuz. Ein Zeichen, oder ein Test? „Was willst du von mir? Sag es mir!“
Die Behandlung ist abgeschlossen. Die gleiche Frage… „Wie spät ist es“, zwischen all dem Sprachwirrwarr. Das Kreuz verlässt seine Hand, fällt zu Boden. Da ist es, sein Zeichen. Es gibt keine falsche Antwort mehr, nur noch eine. Die Wahrheit.
Langsam schmiegt sich das Kissen an seinen Kopf, das weiche Gefühl weicht langsam dem harten Druck, versperrt den ohnehin schwachen Atemwegen sämtliche Luft. Er wehrt sich nicht, die Arme und Beine liegen regungslos auf dem Bett. Ein gedämpftes Husten verlässt seine Kehle, ein letztes Zucken durchfährt den schwachen Körper, welcher… erschlafft.
Die Haare sehen zersaut aus, die Augen sind verdreht. Der Mund, nicht etwa verzogen. Er grinst, nein, er lächelt. Er lächelt auf eine perverse Art und Weise, dass man nicht hinschauen möchte, aber nicht wegschauen kann. Sein Gesicht, der Mund, brennt in den Augen. Selbst wenn er sie schließt, sieht er das Gesicht. Es ist kein klagendes, anklagendes Gesicht, sondern ein befreites und erlöstes. Genau das, was er wollte. Wo ist das Kreuz? Es lag doch unter dem Bett. Es kann nicht einfach weg sein. Der Aufzug hat ja kein Loch im Boden. Vielleicht ist das auch ein Zeichen, eine Antwort? Er versteift, denkt nach: „Es gibt nur eine richtige Antwort“
Der Fahrstuhl fährt weiter.
Der kalte Wind peitscht ihm ins Gesicht. Ein leichter Regen. Er starrt in auf die Skyline der Stadt. „Er war ein gomer, nutzlos, nicht zu retten. Ich habe ihn erlöst…wo ist mein Kreuz?“
Kalter regen tröpfelt auf sein Gesicht. Ein dumpfer Schmerz durchfährt pulsartig seinen Körper. Eine Frau versucht, ihn anzusprechen, will helfen. Was passiert sei, will sie wissen. Mit aller Kraft formt er seine letzten Worte: „Wie spät ist es?“

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