Jenni - Noch ohne Titel28.03.2008
Es war Samstagabend und Kaitlin verlies ihren Lieblingssupermarkt. Mit zwei Tüten bepackt ging sie die Birmingham Street entlang, an deren Ende sie ein schönes und gemütliches Apartment hatte. Um sieben Uhr wollte ihre gute Freundin Sarah zu ihr zum Abendessen kommen um wieder über ihre erfolglosen Versuche, endlich ihren Traummann zu finden, zu jammern. Die beiden kannten sich schon Jahre und ergänzten sich perfekt, auch wenn Sarah mit ihren blonden Haaren, die sie stets perfekt in Szene setzte, und dem langen Körper das komplette Gegenteil von Kaitlin war. Kaitlin machte sich nicht viel Mühe mit ihren braunen Locken, die sie meistens mit einer Spange zusammenhielt und mit ihren Eins fünfundsechzig war sie auch nicht gerade die Größte. Den Versuch, den richtigen Mann zu finden, hatte sie längst aufgegeben. Kaitlin freute sich auf den Abend und war gespannt, was für Geschichten Sarah dieses Mal wieder zu erzählen hatte. Als kleine Schneeflocken auf ihrem Gesicht landeten, wurde Kaitlin aus ihren Gedanken gerissen und freute sich, als sie erkannte, dass es endlich richtig zu schneien begann. Sie liebte den Winter und fuhr für ihr Leben gern Ski. Sie schlang ihren schwarzen Wintermantel enger um sich und beschleunigte den Schritt etwas, da sie nicht völlig durchnässt in ihrem Apartment ankommen wollte. Als sie die Kreuzung erreichte, spürte sie plötzlich einen starken Ruck und fiel zu Boden. Die Einkäufe rollten über den Asphalt und Kaitlin war für einige Sekunden orientierungslos. „Oh mein Gott, geht es Ihnen gut? Das tut mir so Leid!“ Die fremde Stimme klang sehr sanft und einfühlsam. Zwei starke Arme rissen sie hoch und suchten sie nach Verletzungen ab. „Danke, es geht mir gut… Oh Nein, meine Einkäufe!“ Ohne den Fremden zu beachten fing sie an, ihre Sachen wieder einzupacken. Das Obst war hinüber, aber das Nötige für das Abendessen war noch zu gebrauchen. „Es tut mir wirklich Leid, ich hatte es eilig und habe sie nicht gesehen.“ Der Mann klang besorgt und als Kaitlin sich umdrehte um ihn endlich einmal anzusehen, dachte sie, sie fiele gleich erneut zu Boden. Noch nie in ihrem Leben hatte sie so einen attraktiven Mann gesehen. Seine dunkelblauen Augen strahlten sie an und sie passten perfekt zu seinem braunen Haar. „Geht es Ihnen auch wirklich gut?“ „Äh… Ja, es ist alles in Ordnung“, stotterte Kaitlin. „Ich begleite Sie nach Hause, Sie sehen etwas schlapp aus!“ Der Mann berührte sie sanft am Arm. „Wo wohnen Sie?“ Tatsächlich fühlte sie sich etwas matt, was aber eher von seinem Anblick her rührte. „Oh… Ich wohne am Ende dieser Straße, Apartment 15.“ Schon nahm er ihr die Einkaufstüten aus der Hand. „Mein Name ist übrigens James Taylor. Kommen Sie, es schneit immer heftiger.“ Peinlich berührt, dass sie ihn immer noch anstarrte, setzte sie sich schließlich in Bewegung und ging hinter ihm her. „Ich heiße Kaitlin Winter.“ Mehr konnte sie im Moment nicht sagen, da sie Angst hatte, dass ihre Stimme zu sehr zitterte. Er schien sich auszukennen, denn er ging zielstrebig auf ihr Apartment zu. Sie folgte ihm ruhig und schloss dann die Tür auf. Komisch, hatte ich nicht abgeschlossen? „Vielen Dank, Mister Taylor, das wäre wirklich nicht nötig gewesen, ich habe unseren Zusammenprall ja unbeschadet überstanden.“ Sie nahm ihre Tüten entgegen. „Doch, das ist selbstverständlich. Ich hätte besser aufpassen müssen.“ Er lächelte sie an und seinen atemberaubenden Augen leuchteten. Sie spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg. „Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend.“ Er drehte sich um und ging. „Danke, das wünsche ich Ihnen auch.“ Sie lehnte sich von innen gegen ihre Tür und atmete laut aus. Nie zuvor spürte sie bei einem fremden Mann solch eine Anziehung. Nun war er fort und sie würde ihn nie wieder sehen. Als sie das Licht anschaltete merkte sie, dass irgendetwas nicht stimmte. Die Tür hatte sie abgeschlossen, da war sie sich sicher und auch das kleine Licht in der Küche war aus, bevor sie das Haus verlassen hatte. Doch jetzt war es an. Sofort dachte sie an Sarah, die einen Zweitschlüssel hatte und bestimmt schon früher gekommen war, um bei den Vorbereitungen zu helfen. „Sarah?“, rief Kaitlin. Keine Antwort. „Sarah bist du da?“ Sie näherte sich der Küche und öffnete die Glastür. Die Einkaufstüten fielen ihr aus der Hand und ein entsetzlicher Schrei ertönte aus ihrem Mund.
James überlegte die ganze Zeit, noch einmal zu klingeln und sie zu einem Abendessen einzuladen. Er ging auf der schneebedeckten Straße hin und her bis er einen Schrei wahrnahm. Er erkannte sofort, dass er aus ihrem Apartment kam und stürmte hinein. Vom Eingang aus sah er sie tränenüberströmt in der Küchentür kauern und eilte sofort zu ihr. „Was ist passiert?“ Er hockte sich neben sie und nahm sie in seine Arme. Mit letzter Kraft zeigte sie in Richtung der Küchenmitte. Als James die Frau in der Blutlache sah, war ihm klar, wieso Kaitlin so entsetzt war. Er umklammerte sie fester und sie schluchzte leise in seinen Armen. Sie wollte aufstehen und einfach nur raus aus diesem Raum, aber ihre Beine zitterten so stark, dass sie wieder zu Boden sank. James hob sie hoch und trug sie ins Wohnzimmer, das direkt an die Küche grenzte. Dort setzte er sie auf dem beigen Ledersofa ab und ging zum Telefon. Während er telefonierte beobachtete er sie genau. Ihre grünen Augen starrten leer auf ein Foto, das sie und diese Frau zeigte. Sie tat ihm schrecklich Leid und er fragte sich, was hier vorgefallen war. Teilte sie sich die Wohnung mit dieser Frau? War sie vielleicht ihre Schwester? Er wollte sie in dem Zustand nicht mit Fragen belästigen und setzte sich schweigend wieder neben sie. Kaitlin war dankbar dafür, dass er da war und froh, von ihm wieder in den Armen gehalten zu werden. Sie konnte nicht verstehen, wieso Sarah tot in ihrer Küche lag. Sie wollte ganz sicher bei den Vorbereitungen helfen und kam deswegen hier her. Aber wer brachte sie um? Und warum? Als es an der Tür klingelte, zuckte sie zusammen. „Ist schon okay, das ist die Polizei, die ich verständigt habe. Bleiben Sie hier sitzen, ich mache schon auf.“ Ein paar Sekunden später standen zwei Männer vor ihr. Der eine hatte weißes Haar und guckte finster drein, der andere hatte lediglich ein paar graue Strähnen zwischen seinem schwarzen Haar und guckte wesentlich freundlicher. „Miss Winter. Mein Name ist Detective Miller und das ist mein Kollege Stanford. Sie haben also eine Leiche in der Küche gefunden?“ Kaitlin nickte geistesabwesend. „Wir würden Ihnen nach Absicherung des Tatorts gerne ein paar Fragen stellen.“ Beide Männer gingen in die Küche. Tatort. Ihre Küche war nun zu einem Tatort geworden. „Wie konnte das nur passieren?“ schluchzte sie und lehnte sich gegen James. Als die beiden Detectives zurück kamen, guckten beide finster drein. „Kennen Sie die Frau, die ermordet wurde?“ Kaitlin seufzte und blickte auf. „Ja. Sie heißt Sarah Guthrie. Wir sind… waren gute Freunde.“ Waren. „Wissen Sie was sie hier wollte?“ Die Stimme des Beamten klang mitfühlend aber fordernd nach Antworten. „Wir waren zum Essen verabredet. Ich ging los und machte ein paar Einkäufe für heute Abend. Sarah hatte einen Zweitschlüssel, für Notfälle. Ich nehme an, sie ist früher gekommen um mir bei den Vorbereitungen zu helfen und als sie merkte, dass ich noch nicht da war, schloss sie mit diesem Schlüssel auf. Als ich wieder kam fand ich sie so…“ Kaitlin brach erneut in Tränen aus. James hätte die Polizisten am liebsten rausgeschmissen, er wusste aber, dass ihre Arbeit wichtig war um den Täter zu finden. „Das kann ich bestätigen. Ich traf mit Miss Winter hier ein und kurze Zeit nachdem sie die Tür schloss hörte ich ihren Schrei.“ Die Beamten schauten sich an. „Haben Sie Feinde, Miss Winter?“ Kaitlin guckte verwirrt. „Feinde? Wieso denn? Ich arbeite als Schriftstellerin und veröffentliche kleinere Romane. In diesen Romanen tauchen aber nur erfundene Personen und Geschichten auf, nichts, womit ich jemanden verletzten könnte. Was hat Sarahs Tod damit zu tun?“ Kaitlin wurde langsam hysterisch. „Wenn mich jemand umbringen wollte, warum liegt dann Sarah da und nicht ich?“ Kaitlin erschrak bei der Vorstellung, dass sie selbst dort liegen könnte. „Nun, Miss Winter, wir müssen allen Spuren nachgehen. Vielleicht dachte jemand, Sarah wäre Sie. Vielleicht überraschte sie aber auch einfach nur einen Einbrecher, der sie als ungebetene Zeugin aus dem Weg schaffen wollte. Gleich werden meine Kollegen kommen, um mögliche Spuren zu sichern. Haben Sie eine Möglichkeit bis Morgen erstmal woanders unterzukommen? Nur solange, bis unsere Arbeit hier abgeschlossen ist.“ Kaitlin dachte nach, zu wem sie gehen könnte. Alle Verwandten wohnten zu weit weg und ihre Freunde waren meist geschäftlich unterwegs. „Ich miete für diese Nacht ein Hotelzimmer.“ James blickte auf. „Nein, kommt nicht in Frage. Sie können bis erst einmal bei mir unterkommen. Ich habe ein großes Haus und viel Platz!“ Kaitlin war sich nicht sicher. Sie kannte diesen Mann kaum, fühlte sich jedoch stark zu ihm hingezogen. „Ich möchte Ihnen keine Umstände bereiten, Mister Taylor.“ James lächelte frech. „Glauben Sie mir, das machen Sie nicht. Und nennen Sie mich James!“ Mit seinem Lächeln und den Ausdruck in seinen Augen hatte er sie überzeugt. „Gut, ich packe nur schnell ein paar Sachen zusammen. Warten sie draußen auf mich.“ Kaitlin ging in ihr Zimmer und kramte nach einer Tasche. Sie riss den Kleiderschrank auf und starrte auf den Inhalt. Sei nicht albern, Kaitlin. Du bist nur eine Nacht weg. Sie konnte sich nicht für bestimmte Kleidung entscheiden und packte viel mehr ein, als sie benötigte. Deine Freundin liegt tot in deiner Küche und du denkst nur an diesen Mann und was du anziehen sollst. Sie schämte sich dafür und lief schnell nach unten. Sie verabschiedete die beiden Polizisten und sah schließlich James vor seinem Wagen, einen dunklen Jeep, den er zwischenzeitlich schnell geholt hatte. „Haben Sie vor bei mir einzuziehen?“ Kaitlin guckte ihn fragend an bevor sie verstand, dass er sie ärgerte, weil sie so einen großen Koffer bei sich trug. „Der ist nicht mal halb voll.“ Natürlich log sie, aber dass musste er ja nicht wissen. Er verstaute ihren Koffer im hinteren Wagenteil und fuhr dann los. Kaitlin presste sich erschöpft in den Sitz und schloss die Augen. Doch sie sah nur Sarah, blutdurchtränkt auf ihrem Küchenboden liegen und riss sie in Panik wieder auf. „Ist alles okay mit Ihnen?“ James hatte sie die ganze Zeit mit halben Augen beobachtet und ihre heftige Reaktion mitbekommen. „Es geht schon.“ Auch das war gelogen. Kaitlin erinnerte sich an ihr letztes Treffen mit ihrer Freundin und wie glücklich Sarah war, da sie einen netten Mann kennengelernt hatte und es kaum erwarten konnte, endlich mit ihm auszugehen. Kaitlin stiegen Tränen in die Augen. James merkte dies natürlich und drückte mitfühlend ihren Arm. „Es tut mir wirklich Leid für Sie.“ Die Berührung seiner Hand ließ Kaitlin zusammenzucken. Sie spürte seine Wärme auf ihrem Arm und fühlte sich direkt besser. „Wir sind gleich da.“ Von weitem konnte Kaitlin ein schönes kleines Haus mit einem großen Garten entdecken. „Ich weiß, ziemlich einsam hier, aber ich mag es so.“ Sie verstand seine Ansicht, denn auch sie hatte gerne ihre Ruhe in den eigenen vier Wänden. Als sie zum stehen kamen, stiegen beide aus und gingen zum Eingang. Ein kleiner Hund begrüßte sie und sprang Kaitlin an. „Aus, Rambo.“ Kaitlin musste über diesen Namen lachen. „Rambo? Wie kommen Sie denn auf diesen Namen für diesen kleinen Hund.“ Brendon lachte ebenfalls. „Irren Sie sich lieber mal nicht, Lady, der Hund ist zwar klein aber der hat es Faust dick hinter den Ohren.“ Kaitlin streichelte Rambo, der sich sofort auf den Rücken rollte und die Streicheleinheiten genoss. Sie mag also Hunde. Das ist schon mal gut. Brendon lächelte in sich hinein. „Kommen Sie, ich zeige Ihnen Ihr Zimmer.“ Kaitlin folgte ihm durch das große Haus bis in den ersten Stock und war beeindruckt von der geschmackvollen Einrichtung. Viele Bilder zierten die Wände, Pflanzen waren überall im Haus aufzufinden und geschmackvolle Teppiche ließen die Räume gemütlicher wirken. „Das ist wirklich ein schönes Haus“, sagte Kaitlin beeindruckt. „Sie haben es sich hier wirklich schön gemacht!“ James ging in ein Zimmer hinein und stellte ihren Koffer dort ab. „Danke, ich fühle mich auch sehr wohl hier. Das ist Ihr Zimmer, ich hoffe es reicht Ihnen für die kurze Zeit!“ Ob es reicht? Das war das größte und schönste Zimmer, das sie je gesehen hatte. „Ja, vielen Dank!“ Kaitlin wollte nicht übertrieben wirken. James ging wieder nach unten. „Falls sie Hunger haben, in der Küche unten ist etwas zu Essen, bedienen Sie sich ruhig.“ Hunger war das letzte, was Kaitlin hatte. Eigentlich hätte sie heute Abend mit Sarah gegessen. Wieder schossen ihr Tränen in die Augen. Was war heute bloß geschehen?
„Und? Hast du sie erledigt?“ Die markante Stimme klang bedrohlich durch das Telefon. „Ja Boss, ich meine… Nein. Ich habe die Falsche erwischt!“ „Die Falsche? Was bist du nur für ein Vollidiot?! Kannst du nicht mal die leichteste Aufgabe erledigen?“ „Es tut mir Leid, sie war in der Küche und ich dachte…“ „Du sollst nicht denken! Wo ist sie jetzt?“ „Ich habe sie mit einem Mann wegfahren sehen. Er wohnt draußen, nähe Scotsville!“ Die Stimme lachte auf. „Gut, fahr raus und bring es zu Ende. Das ist deine letzte Chance. Wenn du es wieder vermasselst bist du derjenige, den erwischt, hast du verstanden?“ Der Mann am anderen Ende legte auf. Zitternd hing auch er den Hörer ein und ging in die Küche. In einer Schublade kramte er seine Waffe heraus. „Dieses Mal bist du fällig.“
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