Sabbü - Niemand da17.07.2008
Niemand da
Sie zog die Bettdecke fest über den Kopf und hielt sich die Ohren zu. Sie wollte es nicht hören, sie wollte nicht den Streit mit bekommen. Sollen sie sich doch trennen, dachte sie. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Wie gerne hätte sie jemandem erzählt, wie sehr sie unter dem täglichen Streit ihrer Eltern litt, doch sie hatte Niemanden. Mit einer Hand tastete sie nach ihrem Buch, blau und zerfleddert war es, und nahm einen Stift. Sie schrieb, Satz für Satz alle Nichtigkeiten. Ihre größten Ängste schrieb sie nicht nieder. Der Erlös, wenn sie schrieb, blieb heute aus. Enttäuscht legte sie das Buch wieder zwischen die Anderen. Sie steckte die Stöpsel ihres Mp3-players in die Ohren und der Streit war ausgeblendet. „Leona!“, schrie jemand und zog ihr die Stöpsel aus den Ohren, „wieso hörst du nicht, ich hab dich gerufen!“, sie öffnete die Augen und blickte in das wutverzehrte Gesicht ihrer Mutter. Sie war wütend, ihr Gesicht war rot angelaufen. Leona bekam Angst, wenn sie nicht hörte bekam sie Ärger. Es gibt nichts was sie mehr hasste, als dieses ständige Geschrei. Ihr Verteidigungssinn war schon einprogrammiert. „Es ist nicht meine Schuld!“, sagte sie wie automatisch. Ihre Mutter wurde immer wütender. Sie hasste es, wenn man ein Wort der Verteidigung sagte. Man wusste aber eigentlich nie was richtig war. Wenn man ihr zu stimmte, war es falsch, man sollte die eigene Meinung sagen. Sagte man aber die eigene Meinung so unterbrach man ihren Gedankengang. Ihre Mutter schimpfte und schimpfte. Leona verkroch sich in sich selbst und nickte nur noch. Sie hatte gelernt. Früher, da hatte sie sich verteidigt, gegen an geschimpft, da konnte sie nicht den Mund halten. Sie hatte gelernt. Sie konnte nur hoffen jemand Anders würde rufen. Doch nichts der Gleichen geschah. Die Mutter zog sie am Arm aus dem Bett und schleifte sie in das Badezimmer. Sie zeigte auf etwas und schimpfte weiter. Leona murmelte Worte der Entschuldigung. Endlich durfte sie gehen. Schlafen und morgen sieht Alles anders aus, so sagte sie sich jeden Abend. Es sollte ihr helfen, doch noch einzuschlafen. Tief im Inneren wusste sie aber, dass nichts besser werden würde und so schlief sie nie schnell ein. Zu viele Gedanken und Gefühle wuselten noch in ihr herum. Fest drückte sie die Augen zu, doch so mehr sie sich wünschte einzuschlafen desto weniger gelang es ihr. Wieder die Gedanken an die Eltern und wieder kamen die Tränen. Warm liefen sie ihr über die Wangen und hinterließen klebrige Spuren. Die Tränen waren nicht gerechtfertigt, das wusste sie. Wie viele Kinder gab es auf Erden, denen es schlechter ging als ihr. Sie hatte ein warmes Bett, ein Dach über dem Kopf und jeden Tag genug zu Essen. Sie würde ein Schulausbildung besitzen und später einen Job haben. Ihr ging es gut. Eigentlich. Sie wischte die Tränen fort und wollte an etwas Anderes denken. Sie dachte an den Jungen aus der einen Musikgruppe. Wie glücklich manche Menschen sein konnten. Er erzählte so oft in Interviews wie ok es war, mit seinem Stiefvater und seiner verständnisvollen Mutter und seinem Vater den er besuchen konnte und es gab keinen Streit und er hatte so tolle Freunde. Er konnte mit ihnen reden und hatte Spaß mit ihnen. Er war hübsch, erfolgreich und unerreichbar. ER sagte oft, dass er sich eine feste Beziehung mit Vertrauen wünschte. Dann dachte Leona, wie gern sie seine Freundin wäre. Dann stellte sie sich vor, wie es wäre, wenn er sie beschützen würde. Sie könnte mit ihm über ihre Probleme reden und er würde sie verstehen und andersherum. Sie könnten zusammen rumalbern und Spaß haben, aber vor Allem könnten sie reden. Sie hatte noch nie einen Freund. Sie hatte einmal einen Jungen gesehen und wollte auch mal verliebt sein. Er hatte blonde Strubbelhaare und große, braune Augen. Die Freundin hat sie mit ihm immer genervt. Er hatte eh eine Freundin. In der Schule, da gab es einen Jungen, der war schon süß. Aber er war drei Jahre älter als sie und wusste wahrscheinlich noch nicht einmal, dass es sie gab. ER hatte schwarz, rote Haare und ein wunderhübsches Gesicht. Sie hatte keinem von ihm erzählt. Wem auch? Es hätte sie keiner ernst genommen. Langsam kam dann auch der Schlaf über sie, nachdem sie stundenlang wach gelegen hatte. Sie spürte noch wie ihre Mutter ins Zimmer kam, tat aber als schliefe sie. Die Mutter strich ihr über das Gesicht und deckte sie zu, dann ging sie endlich. Leona atmete aus. Sie hatte nicht das Bedürfnis mit der Mutter zu sprechen. Jemand weckte sie. Es war sieben Uhr in der Früh. „Guten Morgen!“, die Mutter schloss das Fenster. Als die Mutter hinunter ging um Frühstück zu machen, quälte sich Leona aus dem Bett. Noch verschlafen tapste sie ins Bad und spritze sich kaltes Wasser ins Gesicht. Sie starrte in den Spiegel und ärgerte sich. Sie war so häßlich. Ihr blonden Haare wirkten schmierig und die häßlichen blauen Augen und die Pickel und außerdem war sie zu blass. Sie bürstete sich das Haar und ging zurück ins Zimmer. Sie zog eine schwarze Hose und einen schwarzen Pulli an. Sie atmete tief durch und stieg die Treppe hinab. „Hübsch siehst du aus, aber das du immer so schwarz aussehen musst..“, begrüßte ihre Mutter sie. Leona schenkte ihr ein unechtes Lächeln und setzte sich. Verschlafen begann sie im Müsli herumzustochern. „Stütz den Ellenbogen nicht auf und hör auf zu Schlürfen!“; ermahnte die Mutter. Nein, sie hatte gar nicht geschlürft. Aber was brachte es schon ihr zu widersprechen. Leona nahm den Ellenbogen vom Tisch und aß weiter. Sie hatte gar keinen Hunger, aber wenn sie das sagte, dann gab es sicher wieder Ärger. Die Mutter begann ein Gespräch. Sie erklärte irgendetwas. „Ja“, sagte Leona. „Sag nicht immer Ja!“, meinte die Mutter und schon begann ein neuer Streit. Leona wurde schwindelig. Ihr wurde heiß und sie wollte nur noch weg. „Mama“, begann sie, „ich muss hier raus!“. Doch die Mutter beachtete sie nicht, meinte nur etwas von „sie werde schon durchhalten“ . Irgendwann durfte sie doch gehen, hoch ins Badezimmer. Unmengen von Abdeckstift kamen auf die Pickel, doch Leona hatte das Gefühl sie stachen noch mehr heraus. Schwarzer Lidschatten, schwarzer Kajal, schwarze Wimperntusche. Seufzend ging Leona nach unten. „Du siehst ja aus wie ein Grufti!“, hörte sie die Mutter sagen. „Weißt du überhaupt was ein Grufti ist?“, fragte Leona sie. „Sei nicht so frech!“, war die Antwort ihrer Mutter. Die Mutter packte ihr den Ranzen ( was sie eigentlich nicht hätte tun müssen, aber sie war nicht davon abzubringen), giftete sie nochmal an, weil sie angeblich im Weg stand und zwang sie schließlich wie so oft den Helm aufzusetzen. Bis vor Kurzem hatte Leona noch widersprochen, denn wer trug in ihrem Alter noch einen Fahrradhelm? Auf dem Hinweg, wenn es noch dunkel war, trug sie ihn dann auch. Aber auf dem Rückweg setzte sie ihn nicht auf, erst kurz bevor sie in die Straße ein bog. „Tschüß Leona!“, flötete die Mutter ihr hinterher und Leona brummte ein Tschüß zurück. Es war noch dunkel, leicht brannten die Straßenlaternen und es war kalt und feucht. Schnell fuhr Leona die Straße entlang, nicht das die Mutter sie zurück rufen konnte. Dann verlangsamte sie ihr Tempo und fuhr ihren Weg. Sie hatte keine Lust auf die Schule. Irgendwann kam sie dann aber doch angekommen, nachdem sie den kurzen Schulweg hinter sich gelassen hatte. Auf dem Fahrradständer waren noch viele Leute, also hatte die Stunde wohl noch nicht angefangen. Langsam schob sie das Fahrrad in einen der Ständer und schloss es ab. Sie nahm den Schulranzen auf den Rücken und ging in Richtung Eingang. Der Ranzen war schwer und außerdem hätte sie lieber eine Schultasche gehabt, aber die Mutter bestand auf einen Rucksack. Sobald sie die Schule betreten hatte kam ihr die stickige Luft entgegen und der Lärm der vielen Schüler. Langsam ging sie in Richtung Treppe, wo sie einer ihrer Klassenkameraden traf. Sie wurde mit Lächeln begrüßt, aber es fühlte sich so falsch an. Ein Umarmen, aber so unecht. Leona lächelte, obwohl sie heulen könnte. „Hey!“, sagte eine ihrer Freunde. Eine Freundin die zu einem hielt, aber die eine andere beste Freundin hatte. Die Lehrerin kam. Leona setzte sich und merkte wie ihr Kopf zu brummen begann. Es war so laut. Sie konnte weder dem Unterricht folgen, noch hörte sie was ihre Freundin berichtete. Sie beobachtete den Baum vorm Fenster, der sich im Wind hin und her bewegte. Sie stellte sich vor, sie wäre jemand anders. Sie wäre hübsch und schlank mit braunen Locken und braunen Augen. Sie stellte sich vor, dort draußen vor dem Fenster stände der hübsche Junge aus der Oberstufe und hielte Plakate hoch, auf denen stand, dass er sie liebte. Bei dem Gedanken musste sie lächeln. „Schlägst du auch das Buch auf Leona!“, rief die Lehrerin sie zurück in die Wirklichkeit. Leona nickte und schlug ihr Buch auf. Die Buchstaben tanzten vor ihren Augen auf und ab. Es klingelte. „Kommst du mit in die Mensa?“, eine Freundin riss sie am Arm. Leona nickte nur stumm. Dicht drängelten sich die vielen Schüler in der Mensa. Jeder wollte der Erste sein, keiner wollte lange warten. Gedankenverloren kaufte sie sich ein Brötchen, aß es, obwohl sie keinen Hunger hatte. Sie setzten sich in der Schulstraße auf eine Bank zu den Klassenkameraden. Da kam der hübsche Junge die Schulstraße entlang. Er blickte in Richtung Boden und schaute nicht auf. Leona sah ihm hinterher. -----Ja er war hübsch. Es klingelte und der Unterricht ging weiter, verstrich. „Oh ne, gleich haben wir Deutsch bei Herrn Brückner!“, berichtete eine Freundin. Leona seufzte, Herr Brückner war bekannt für seine Stimmungsschwankungen. Er kam rein und sie sollte ihm sagen, was sie in der letzten Stunde gelernt hatten. Sie antwortete, etwas zu schnell. Er wollte ein Spiel mit ihr spielen. Leona begann zu lachen, sie wollte eigentlich gar nicht, aber sie musste so lachen. Sie verlor das Spiel und musste nur noch mehr lachen. Herr Brückner erklärte etwas von Namensschildern und sie nahm einen Zettel und bastelte eines. „Das nennt man Falschfahrer Syndrom, wenn Leute immer das machen was keiner macht! Hörst du nicht zu, merkst du nicht, dass keiner bastelt!“, schnautzte er Leona an. „Doch, des wegen mach ich es ja!“, antwortete sie. Sie hatte so einen Hass auf diesen Lehrer, der benahm sich schon fast wie ihre Mutter. „Geh dich raus beruhigen!“, sagte er und Leona ging. Sie war Dankbar. Sie tat sonst noch Sachen die sie gar nicht tun wollte. Vor der Klasse stand ein Tisch. Sie setzte sich und schloss die Augen. Es war still. Hinter den Türen hörte man gedämpft, die Stimme eines Lehrers oder die eines Schülers. Sie dachte wieder an diesen Jungen. Wenn er jetzt vorbei kommen würde, sich neben sie setzen würde und mit ihr reden würde. Aber das würde nie passieren. Stattdessen ging die Klassenzimmertür auf und eine ihrer Freundinnen kam heraus. Sie erklärte, dass Leona wieder reinkommen dürfe, wenn sie sagte was sie besser machen wolle. „Mein Namensschild wegschmeißen!“, antwortete sie bissig und trotzdem wurde sie wieder reingeholt. Als es klingelte, raffte sie so schnell wie möglich die Sachen zusammen und verließ die Klasse. Nach Hause. Aber eigentlich wollte sie auch nicht nach Hause. Zu Hause gab es nur wieder Streit. Sie fuhr trotzdem. Sie kam zu Hause an und natürlich gab es wieder Streit.
Anonym http://www.repage5.de/member/own_thoughtzz
gute texte die Du hier drinne hast oben siehst Du den Link falls Dich meine Texte interssieren
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