Sabbü - Freundschaft???17.07.2008
Freundschaft???
Ich hätte heulen können. Aber ich wollte es so und wahrscheinlich wäre es auch gar nicht anders gegangen. Ich schaute aus dem Fenster und nahm alles nur verschwommen wahr. Ich weiß nicht ob es meine Schuld war. Es ist ja auch egal, wer Schuld war. Ich konnte es einfach noch nicht wahr haben. Ich schluckte, ich wollte jetzt nicht heulen. Dieser verdammte Autounfall, hätte ich ihn bloß nicht überredet mit zu kommen, dann wäre er jetzt noch hier. Ich weiß genau, dass es meine Schuld war. Ich fühlte mich einfach leer ohne ihn und dass es meine Schuld war, machte es nur noch schlimmer. Damals war es ein schöner Tag gewesen und unser Vater fragte, ob wir mit ihm nach Holland fahren wollten. Mein Bruder wollte nicht, er wollte zu hause bleiben. Ich habe ihn überredet mit zu kommen. Wir sahen unsern Vater nur selten, denn unsere Eltern lebten getrennt. Also kam er mit. Wir fuhren los. Es war ein schöner Sommertag, locker lenkte mein Vater das Auto die geschlängelte Straße entlang. Wir hatten uns soviel zu erzählen. „Achtung scharfe Kurve!“, hatte mein Vater gerufen, während er mit einer Hand das Verdeck öffnete, damit der kühle Fahrtwind die stickige Luft aus dem Auto vertrieb. Auf einmal kam uns ein blauer Sportwagen entgegen, er fuhr mit einer enormen Geschwindigkeit direkt auf uns zu. Mein Vater versuchte ihm auszuweichen. Er machte einen Schlenker nach rechts, doch der Sportwagen folgte ihm aufs Genaueste. Mein Vater fuhr noch einmal einen Schlenker, doch der war zu groß. Unser Auto schlitterte seitwärts den Hang hinunter , der blaue Sportwagen folgte. Unser Auto prallte auf, machte einen Satz in die Höhe und schlug hart auf dem Boden auf. Der Sportwagen kam auf uns zu, er schlitterte direkt in uns rein. Es gab einen Knall und die Autos begannen zu Brennen. Der Rauch stieg mir in die Nase und in die Ohren und in den Mund. Ich musste Husten und dann wurde mir Alles schwarz vor Augen. Später wachte ich in einem weißen Raum wieder auf, der sich als Krankenhaus entpuppte. Langsam drehte ich meinen Kopf und blickte in das Gesicht meines Vaters. Überall an seinem Kopf waren Schläuche befestigt, sein Atem ging nur stoßweise. Ich schaute an mir herunter, an meinem Körper befand sich kein einziger Schlauch. Lediglich ein Verband an meinem linken Arm, verdeckte die Brandblasen. Ich schaute mich weiter in dem Raum um, doch nirgendwo entdeckte ich meinen Bruder. Ein gleichmäßiges Klacken, kündigte mir das Kommen einer Krankenschwester an.“Geht es dir schon besser?“, fragte sie mich in einem viel zu freundlichen Ton. Ich nickte und fragte nach meinem Bruder. In dem Moment schlug mein Vater die Augen auf. Er entdeckte mich und auch er sah die Krankenschwester fragend an. „Beruhigen sie sich, mach sie keine falsche Bewegung das könnte ihren Tod bedeuten!“, fing sie an meinem Vater zu erklären. Sein Atem wurde schwer und er folgte dem Rat der Ärztin und legte sich wieder hin. Mitleidig schaute sie mich an und verkündete: „Es tut mir Leid wir konnten nichts mehr für ihn tun, er war eingeklemmt und ist schon am Unfallort gestorben. Ich merkte wie sich ein dicker Kloß in meinem Hals bildete. Ich warf einen Blick zu meinem Vater. Was ich sah erschreckte mich sehr. Sein Kopf wurde knalle rot, sein Atem immer schneller, er setzte sich Kerzengerade im Bett auf und ich hörte noch wie die Arzthelferin ihn zu beruhigen versuchte. Mein Vater hörte nicht er begann immer schneller zu atmen, er riss die Kabel von sich und stand im auf. ER brüllte noch ein lang gezogenes „Nein“, dann wurde sein Atem immer langsamer. Stocksteif saß ich im Bett, unfähig etwas zu tun. Mein Vater sackte zusammen, ich wollte ihm helfen, doch ich saß wie versteinert in meinem Bett. Die Ärztin eilte zu ihm, doch es war zu spät. Ich weiß nicht, aber das war ein unglaublicher Riss in meinem schönen Leben. Eigentlich hatte ich ein schönes Leben gehabt. Bis auf die Tatsache das meine Eltern getrennt lebten, aber auch das war zu verstehen. Besser als Streit, hatte mein Bruder immer gesagt. Er fehlte mir so sehr. Er war der beste Bruder den man sich wünschen konnte. Ich konnte ihm alles erzählen. Und jetzt, jetzt war er einfach nicht mehr da. Das war so schwer zu verstehen. Wir hatten nie viele Freunde, aber das war nicht so schlimm, denn wir hatten uns ja gegenseitig, aber gerade das machte es jetzt so schwer. Wir haben uns bedingungslos vertraut. Bei den Mädchen waren wir immer sehr beliebt, der Grund warum uns viele Jungen verabscheuten. Während mein Bruder immer eine feste Beziehung suchte und dabei einfach nicht verstand, dass Mädchen zum verletzen da waren, wenn man mit ihnen was festes anfing, habe ich das anders betrieben. Mädchen waren für mich immer nur für den allgemeinen Spaß da. Mein Bruder haben diese Mädchen oft verletzt. Er hat immer so auf vertrauen gesetzt. Er hatte mir damals immer so Leid getan, ich sah meinen Bruder nicht gerne weinen. Ich hatte ihm oft das mit den Mädchen ausgeredet und immer wieder war er auf die Fresse geflogen. Ich merkte wie mir eine Träne die Wange hinunter lief. Wütend wischte ich sie weg. Ich weinte nicht. Weinen war was für Schwache. Der Motor brummte und man hörte das muhen einer Kuh. Die Straße auf der wie fuhren, war leer und fast keine Menschenseele war zu sehen. Ich saß hinten im Auto, meine Mutter saß vor mir. Ich glaube sie weinte. Immerhin war ihr einer Sohn gerade abhanden gekommen. Und das nur wegen mir und dem dummen Autofahrer. Das war bestimmt eine Frau, Männer konnten schließlich Auto fahren. Frauen waren einfach nicht verantwortungsbewusst. Meine Mutter hätte sich sicher auch das Leben genommen, wenn sie mich nicht hätte. So wollte sie einen Neuanfang versuchen. In einem Dorf, weit weg von Berlin. Ich glaube Seester oder so. Hoch oben im Norden von Deutschland. Mitten in meine Gedanken begann meine Mutter zu sprechen. Ihre Stimmer zitterte. „Weißt du Niklas“, fing sie an, sie nannte mich sonst nie Niklas, irgendwie komisch, „ich habe uns ein kleines Haus ganz gemütlich eingerichtet, ich glaube das wird dir gefallen. Es wird bestimmt ganz schön, nur wir zwei!“. Ich nickte. Nur wir zwei? Das konnte sie doch nicht ernst meinen. Mein Bruder würde uns so fehlen. „Hier fängt das Dorf an“, sagte meine Mutter. Wir kamen an einem kleinen Café vorbei. Fischerkate. Auf der linken Seite stand ein kleines Bauernhaus. Wir fuhren weiter. Ein großes Maisfeld kam und dann noch ein paar kleine Häuser mit gepflegten Gärten. Alles sah anders aus, als in Berlin. Eigentlich dürfte mich nichts mehr an meinen Bruder erinnern, aber es tat sein bestes. Der Sitz neben mir im Auto zum Beispiel. Der erinnerte mich so an ihn. Auf der Landstraße war mit Straßenkreide etwas aufgezeichnet. Drei kleine Mädchen warfen eine Eichel und hüpften dann die Zeichnung entlang. Sie lachten. Ich schätze sie mal so auf 7 Jahre. Ich selber war 15. Mein Bruder war 14. Wieder ein paar Felder. Eine kleine Seitenstraße, ich glaube es war eine Sackgasse. Am Ende von der Sackgasse, konnte ich ein Haus einer freiwilligen Feuerwehr entdecken. Dahinter Wiesen, Wiesen und nochmal Wiesen. Früher hatte ich das Land gehasst, aber heute fand ich es gar nicht so übel, wäre die Tatsache mit meinem Bruder nicht gewesen, dann hätte es mir vielleicht sogar gefallen. Wir fuhren weiter, ein paar Häuser und viele Felder sah ich. Schließlich kam ein mega langes Rapsfeld. Auf der anderen Seite reihten sich Felder und Wiesen. Später kam noch ein Bauernhaus mit einem Garten davor. Dann wieder Wiesen. Auf der anderen Seite stand ein winzig keines Haus mit ungepflegtem Garten und einem kleinen Sandweg der einen zum Haus führte. Daneben ein weißes Haus mit einem kleinen Garten, indem aber noch nicht all zu viel wuchs. Das Haus hatte ein blaues Dach und auch die Fensterläden und Rahmen waren Blau. Es war so gegen 5 Uhr und die Sonne ging gerade unter. Schön sah es aus. Meine Mutter hielt an. „Das ist unser Haus Nikki!“, sagte sie. Ich nickte wieder. Es sah nicht übel aus. Und außerdem hatte sie mich wieder Nikki genannt. Niklas wurde ich schon seit Jahren nicht mehr genannt. Sie schloss unser Auto ab und dann machte sie das kleine Tor auf, durch das man in den Garten gelangte. Sie ging den Weg entlang und unter ihren Sohlen knirschte der Sand. Ich ging hinterher. Sie schloss die Tür auf. Der Flur war nur klein. Er war rot weiß gestrichen und eine kleine Kieferbank stand auf der rechten Seite. Über ihr hing eine Garderobe und links von dieser ein wellenförmiger Spiegel. Auf der linken Seite stand ein Schuhschrank. Auf dem Boden lag ein roter Teppich. Insgesamt war es nicht schlecht. Auch innen waren die Türen weiß und Rahmen hatten einen leichten Blauton. „Geh doch rein!“, sagte meine Mutter und öffnete mir demonstrativ die Tür. Ich trat ein. Das Wohnzimmer war mit hellem Laminat ausgelegt und in der Mitte lag ein zart blauer Teppich. Ein weißer Tisch stand auch da. Auf ihm war eine blaue Vase mit blauen Blumen platziert. Die Fensterrahmen waren auch von innen weiß, während die Türrahmen einen leichten Blauton hatten. Die Wände waren weiß, eine Borte lief quer durch den Raum. Auf ihr waren blaue Veilchen abgebildet. Hinten im Wohnzimmer stand ein Hellblaues Sofa und davor ein Glastisch mit weißen Beinen. Vor dem Sofa lag ein weißer, puschliger Teppich. Auf einer weißen Anrichte, gegenüber vom Sofa, stand ein Flachbildfernseher. Mein Bruder hätte das bestimmt toll gefunden. Ich merkte wie mir schon wieder Tränen in die Augen stiegen. Hinter dem Wohnzimmer war die Küche. Sie war nicht durch eine Tür abgeteilt, sondern als Abtrennung stand lediglich eine weiße Theke da. Die Schränke waren auch weiß und hatten blass blaue Griffe. Es war schon schön. Wenn man die weiße Treppe nach oben stieg, traf man auf einen kleine Flur, von dem 3 Türen abgingen. Die erste Tür machte ich auf. Das Zimmer war mit einem breiten Bett, einem Schrank und einem Schreibtisch ausgestattet. „Das ist mein Zimmer!“, sagte mir jemand ins Ohr. Meine Mutter. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass sie mir gefolgt war. An der zweiten Tür ging ich vorbei. Die dritte öffnete ich. Es war unser Badezimmer. Eine große Badewanne stand rechts in der Ecke, davor eine Dusche. Die Dusche war mit einem blauen Vorhang mit Delphinen verhängt. „Willst du dir nicht dein Zimmer angucken?“, fragte mich meine Mutter. Ich nickte und trat aus dem Badezimmer. Ich öffnete die Tür, die ich zu vor ausgelassen hatte. Das Zimmer war leicht orange gestrichen. Hinten, unter der Schräge stand ein breites, schwarzes Bett. Daneben ein Regal, in dem unten eine riesen Anlage stand. Rechts war ein schwarzer Schreibtisch mit orangener Lampe platziert. Auf dem Schreibtisch stand ein Computer. Mittig vom Raum stand ein kleiner Fernseher, der so stand, dass ich bequem vom Bett aus gucken konnte. Eine weitere Tür war in dem Zimmer eingelassen. „Dein begehbarer Kleiderschrank!“, antwortete meine Mutter, als hätte sie meine Frage geahnt. Ich lächelte. Überall war es liebevoll mit Einzelheiten versehen. Mir gefiel mein Zimmer. Überhaupt gefiel mir das Haus, auch wenn es mir ohne meine Bruder ungewöhnlich leer vor kam. „Ich hole dir den Koffer und dann mache ich das Abendbrot. Du kannst dann ja schon mal mit einräumen beginnen, du kannst dann in einer halben Stunde runter kommen.“, meinte meine Mutter. Dann ging sie. Kaum hatte ich mich auf meinem Bett niedergelassen, kam meine Mutter wieder hoch. „Hier!“, sagte sie und stellte den Koffer ab. Sie schaute mich an und lächelte. „Mach nicht so ein trauriges Gesicht es wird bestimmt alles gut!“. Mit diesen Worten ging sie. Das war wohl ein Witz. Nichts würde gut werden. Schließlich konnte mein über alles geliebter Bruder nicht mehr zurück kommen. Ich hatte es begriffen. Er war tot. So einfach war es. Er war tot, ohne wenn und aber. Eine schreckliche Tatsache und das machte auch die gespielt gute „Es wird schon wieder gut werden“ Laune meiner Mutter nicht besser. Es war meine Schuld. Das war so schlimm für mich. Ich öffnete meine Tasche. Obenauf lag ein Bild. Das Bild zeigte mich und meinen Bruder. Ich grinste und er lächelte. In seinen Augen lag ein Ausdruck, als wollte er mir sagen, dass es nicht meine Schuld war. „Doch“, sagte ich laut, „es war meine Schuld!“. Und wieder blickte er mich durch das Bild an, als wolle er mir vermitteln, dass es nicht meine Schuld war. Mir war als würde er sagen, dass es die Schuld des Autofahrers war. Ich lächelte und irgendwie tat es gut zu wissen, dass er nicht fand das ich Schuld war. Es tat aber trotzdem weh, dass er nicht da war. Bei den meisten Personen konnte man ja wenigstens sagen: „Schau die oder der hat es da oben besser!“. Aber bei ihm? Nein, sicher nicht. Er hatte das einfach nicht verdient. Schon wieder spürte ich eine Träne. Ich wischte sie unwirsch wieder weg. Weinen würde auch keinem weiter helfen. Dann fing ich an die Sachen aus zu packen. Es waren nicht viele, da ich das meiste weggeschmissen hatte. Nur ein paar Klamotten und mein i-pod. Naja und mein Handy, dass andere erinnerte mich einfach noch zu doll an ihn. Ich vermisste ihn so, wenn ich wenigstens wüsste das er wieder käme. Ihm hätte ich geglaubt, dass alles gut werden würde. Aber so? Nein, jemand anderem glaube ich nicht. Schnell hatte ich alle meine Sachen eingeräumt. Ich trat ans Fenster und zog die Vorhänge zurück. Von hier aus konnte ich in den Garten gucken. Und in ich sah das andere Haus, ich konnte direkt in eines der Fenster gucken. Die Vorhänge von diesem Fenster waren zur Seite gebunden und auf der Fensterbank stand eine weiße Vase mit einer einsamen Rose. Dort hinter konnte ich erkennen, dass das Zimmer leicht rosa gestrichen war. Ich stöhnte. Es gehörte bestimmt einer weiblichen Person. Was sollte ich denn mit solchen? Es war bestimmt echt tote Hose in diesem Dorf. Wäre er doch bloß hier. Es war eine Stumme bitte. Ich wollte ihn wieder zurück. „Schicksal“, hätte er jetzt bestimmt gesagt. Aber es war zu schlimm für ein Schicksal. Für mich war mein Bruder das aller wichtigste. Für ihn hätte ich alles gemacht. Hätte mir jemand gesagt: „Wenn du stirbst, so kommt dein Bruder wieder“, dann hätte ich es gemacht. Er hätte das Gleiche auch für mich getan, dass wusste ich. Für uns gab es keine schlimmere Vorstellung, als ohne den anderen zu sein und genau das war jetzt eingetreten. Ich öffnete das Fenster und ließ mir den Wind ins Gesicht wehen. „Nikki!“, vernahm ich die Stimme meiner Mutter. Ich drehte mich um und ging hinunter. Auf dem Tresen stand ein Brett mit Broten. Vor dem Tresen standen drei Hocker. Drei. Einen für mich, einen für meine Mutter und der dritte? Er wäre für meinen Bruder. Ich setzte mich und aß ein Brot, obwohl ich gar keinen Hunger hatte. „Morgen fahren wir noch einmal zurück nach Berlin, dort ist die Beerdigung!“, ergriff meine Mutter das Wort. Die Beerdigung. Seine Beerdigung. Jetzt bekam ich erst Recht keinen Bissen mehr herunter. Ich nickte und stand auf, ging hoch. Ich ließ mich auf mein Bett fallen. Ich musste wohl eingeschlafen sein, denn ich wachte total verschwitzt auf. Ich hatte geträumt, dass mein Bruder da war und dann der Unfall und... Naja, ich weiß auch nicht. Ich zitterte. Das Fenster war noch offen. Ich hatte auf einmal schrecklichen Hunger. Ich angelte nach meinem Handy. Mitternacht. Gähnend streckte ich die Beine aus dem Bett, angezogen war ich ja schon. Ich hörte ein gleichmäßiges Schnarchen aus dem Zimmer meiner Mutter. Langsam tappte ich die Treppe runter und ging durch das Wohnzimmer in die Küche. Ich öffnete den Kühlschrank. Viel war noch nicht eingeräumt, aber ein paar Brote standen noch dort. Ich nahm mir eins mit Käse. Es war der Lieblingskäse von meinem Bruder gewesen. Es war albern, dass mir das auffiel, aber ich konnte dagegen einfach nichts tun. Schließlich hatte ich aufgegessen und wollte noch einmal nach draußen. Ich ging in den Flur und zog mir meine Schuhe an. Ich öffnete die Tür und atmete die kühle Nachtluft ein. In dem Haus gegenüber war alles dunkel, alles schlief. Auch in dem Haus neben uns war alles dunkel, aber wenn ich meine Augen anstrengte konnte ich im Garten eine Gestalt sitzen sehen. Die Gestalt schien mich auch gesehen zu haben. „Hallo!“, rief die Stimme, „Ist da jemand?“. Ich grinste. Ja da war jemand und zwar niemand anders als ich. Es war eine weibliche Stimme. Ich hasste Weiber und ich wollte einfach nur meine Ruhe. „Hey, wer ist das?“, rief das Mädel wieder. „Boah, was denn?“, rief ich so abweisend und genervt zurück wie ich nur konnte. Dann ergriff mich aber doch die Neugier und ich schaute mir das Mädchen genauer an. Leider sah ich in der Dunkelheit nicht so viel und erst Recht nicht von dahinten. Ich musste wohl oder übel rüber gehen. Ich trat an den Zaun und schaute sie mir genauer an. Sie trug eine rosa Schlafanzughose und dazu einen schwarzen Kapuzen Pulli. Sie war Barfuß. Sie hatte blonde Haare mit pinken Strähnen, das Haar hatte sie im Nacken zu einem Zopf zusammen gebunden. „Hallo, bist du unser neuer Nachbar?“, fragte sie. Ich nickte, denn ich hatte keinen Bock mit ihr zu reden. Sie schien ganz nett. Das hatte ich mir bei einem Mädel noch nie gedacht. Naja, wahrscheinlich hoffte ich das nur. „Cool, wieso bist du denn so spät nachts noch wach?“, fragte sie. Jetzt war ich wohl dran mal was zu sagen. „Also erstmal, geht dich das eigentlich nichts an und zweitens schau mal was du da machst!“, sagte ich und versuchte das echt unfreundlich zu sagen, aber das klappte irgendwie nicht so ganz. Normalerweise konnte ich echt unfreundlich klingen, außer bei meinem Bruder war es mir auch immer gelungen. Aber bei ihr? Ich fragte mich was das für ein Mädchen war. Es war nicht so das ich sie irgendwie heiß fand oder so, es war einfach so das ich sie irgendwie nett fand. Das war einfach irgendwie! Ich musste lächeln, wie sie da so auf der Treppe vor ihrem Haus saß und mich ganz komisch anguckte. Dann begann sie auch zu lächeln und dann meinte sie: „Schön, wenn mich das nichts angeht! Es ist ja nicht so das mich das interessiert, aber es interessiert mich halt nur.“.Ich grinste, was sie da eben sagte, war total widersprüchlich. Das schien sie dann wohl auch zu merken, denn sie grinste und brachte ein: „Ups, also so meinte ich das nicht. Es interessiert mich kein Stück!“, hervor. Wieder grinste sie. Das fand ich irgendwie lustig. Man merkte ihr nämlich voll an, dass es sie brennend interessierte, was ich so spät noch machte. Ich ließ sie zappeln. Ich fühlte mich trotzdem irgendwie komisch. Normaler Weise handhabte ich Mädels so: Hässliche gingen mich nichts an und die die halbwegs gut aussahen waren mir auch egal, mit den hübschen flirtete ich, für einen one night stand waren sie gut genug. Auf eine richtige Beziehung hatte ich nie Lust, denn dazu waren mir Mädchen einfach zu dumm. Eine einfache Freundin, also kumpelmäßig, daran hätte ich nie gedacht. Bei diesem Mädel war das irgendwie anders. Ich spürte das ich nichts von ihr wollte, sie aber auch nicht verabscheute. „Ach komm schon, sag es mir, dann kannst du mir auch eine Frage stellen!“, unterbrach sie meine grandiosen Gedanken. „Das ist ja toll, dass ich dir eine Frage stellen kann!“, antwortete ich ihr. „Sie grinste. „Du darfst dir was wünschen!“, meinte sie dann. Die Gedanken an meinen Bruder, die ich vor läufig verdrängt hatte, schoben sich sofort wieder an. So antwortete ich ihr: „Ich habe keine Wünsche, nur einen und den kannst du mir nicht erfüllen. Den kann keiner mir erfüllen!“. Ich schluckte. Das war wahr. Mein einziger Wunsch war, meinen Bruder zurück zu bekommen. „Du hast keinen Wunsch den ich dir erfüllen kann?“, fragte sie. Ich schüttelte den Kopf. Sie lächelte, war aber so anständig nicht nach meinem Wunsch zu fragen. Wahrscheinlich merkte sie, dass mich dieser Wusch sehr bedrückte. „Ich erzähl es dir trotzdem!“, sagte ich. „Ich bin hier draußen, um meine Gedanken frei zu lassen, um auf andere zu kommen und um ein bisschen frische Luft zu atmen.“ „Wie spannend!“, lachte sie. „Weißt du,“, sagte sie, „ich bin auch deshalb draußen. Die Gedanken holen einen in der Nacht immer ein, egal wie man sie am Tag versucht zu verdrängen. Draußen geht es einigermaßen!“. Sie lächelte und schaute mich ernst an. „Ja, das stimmt!“, meinte ich, weil ich nicht wusste was ich anderes hätte sagen können. Bedrückt schaute ich zu Boden. „Wie heißt du?“, fragte sie. „Niklas“, antwortete ich, „aber alle die ich kenne nennen mich Nikki!“. „Cool, willkommen in Seester, Nikki!“. „Und du?“, fragte ich sie. Sie begann leise zu lachen. „Was?“, fragte ich, „war die Frage so komisch?“. „Nein, aber dein Name!“, meinte sie grinsend. „Hä?“, murmelte ich. Ihr grinsen wurde immer breiter. Langsam fühlte ich mich verarscht. Endlich antwortete sie mir: „Nein, es ist nur, ich heiße Jannika und alle nennen mich Nikki!“. Jetzt musste ich auch lachen.. Das war irgendwie ansteckend. Wir lachten und lachten. Lachten die Nacht und die Probleme einfach weg. Ich fühlte mich nach dem Tod meines Bruders das erste mal wieder gut. „Wollen wir ein bisschen spazieren gehen?“, fragte sie mich. „Klar warum nicht!“, antwortete ich ihr. „Ich will jetzt nicht die Stimmung zerstören oder so, aber ich weiß nicht ich habe das Gefühl das ich dir vertrauen kann!“, sagte sie. „Ja?“, fragte ich. Sie holte tief Luft. „Ähm hattest du schon mal 'ne Freundin?“, fing sie an. „Nö, ich nicht, ich mag das nicht so. Die meisten Mädchen sind hässlich, alles Zicken und man kann ihnen nicht vertrauen, die verletzen einen so wieso. Ich hab mal ab und zu ein one night stand, aber sonst..!“, antwortete ich frech. „Woher weißt du das sie einen eh nur verletzen, wenn du noch nie eine hattest, was ich zu mir sagen kann, Jungs können das auch ganz gut!“, erwiderte sie mir. „Weil...!“. Ich brach ab. Ich konnte das nicht. Noch nicht. Ich konnte ihr nicht einfach so sagen. Wegen meinem Bruder. Das war mir zu viel. Schon wieder spürte ich diese scheußlichen Tränen und einen fetten Kloß im Hals. Oh wie ich das hasste. „Was ist?“, fragte sie mich. „Nichts!“, flüsterte ich, „erzähl ruhig weiter!“. Sie merkte das mit mir etwas nicht stimmte, erzählte aber trotzdem weiter. „Also ich meine Jungs können auch ganz schön verletzen. Ich hatte auch einen Freund und er hat heute Abend per sms Schluss gemacht. Unheimlich feige. Findest du nicht?“. Wieder diese verdammten Tränen. Mein Bruder hat auch immer gesagt, dass per sms Schluss machen , unheimlich feige sei. Ich nickte. Ich schaute auf den Boden. Jannika oder auch Nikki war Barfuß. Mehr zeit zum Nachdenken hatte ich nicht, denn sie redete schon weiter. „ich habe so geweint, ich habe noch mit keinem darüber geredet, aber ich glaube er hat wegen einer anderen Schluss gemacht. Aber das ist ja auch kein Wunder, so hässlich wie ich bin!“. „Quatsch, du bist nicht hässlich!“, sagte ich. Das war so echt gemeint, ich fand sie gar nicht so hässlich. Ich schaute sie an und sah wie sie weinte. Vorsichtig legte ich ein Arm um sie. „Es gibt ja noch mehr Jungs auf der Welt!“, versuchte ich sie zu trösten. Mein Bruder hatte auch oft wegen so etwas geweint. Sie schaute mich an und ich sagte: „Hast du denn niemanden mit dem darüber sprechen kannst?“. „Nein, so richtige Freunde habe ich nicht, keine denen ich vertrauen kann und Geschwister habe ich auch keine. Hast du Geschwister?“, fragte sie. Wieder musste ich schlucken. Ich hatte noch mit keinem darüber geredet. Mit keinem. Und dieses Mädel kannte ich jetzt vielleicht ein paar Minuten, aber ich vertraute ihr. Irgendwas war da in mir, dass sagte, dass ich es ihr erzählen sollte und so sagte ich: „Ich hatte!“. „Wie du hattest, haben sich deine Eltern getrennt und du bist mit deiner Mutter hier her gezogen und deine Geschwister sind bei deinem Vater geblieben?“, sagte sie. „Nein“, sagte ich. Und dann konnte ich mich nicht mehr halten. Ich weinte. Die ganzen Tränen, die sich in letzter Zeit in mir aufgestaut hatten, kamen wie Wasserfälle aus mir heraus geströmt. Ich zitterte am ganzen Körper und weinte nur noch. Ich vermisste meinen Bruder so. Das er nicht mehr da war, zerriss mich. „Oh Gott wie peinlich, ich heule und heule hier vor dir, dabei bringt das doch nichts!“, schluchzte ich. „Doch!“, flüsterte sie, „weinen bringt viel. Es befreit ein und nimmt einem ein bisschen Leid weg. Weine ruhig, das ist nicht peinlich!“, sagte sie. Ich lächelte. „Willst, willst du erzählen?“, fragte sie mich. Ich riss mich zusammen und nickte. Das war bestimmt meine letzte und einzige Möglichkeit jemandem etwas davon zu erzählen. Ich atmete tief durch und dann begann ich. „Mein Bruder, weißt du, der ist Tod. Er war der wichtigste Mensch der mir jeh begegnet ist. Mein Vater ist auch Tod. Meine Eltern trennten sich als wir 5 Jahre alt waren. Es war alles eigentlich nicht so schlimm. Mein Vater hat wenig mit uns unternommen. Vor ein paar Tagen kam er und fragte ob wir mit ihm nach Holland fahren wollen. Mein Bruder wollte nicht. Aber ich habe ihn überredet, hätte ich das nicht gemacht, dann würde er jetzt noch Leben. Denn auf einmal kam ein Auto und fuhr mit einer enormen Geschwindigkeit auf uns zu. Das Auto überschlug sich, landete im Straßengraben und begann zu brennen. Ich kam mit ein paar Brandblasen davon, mein Vater mit einem schweren Trauma und einer Rauchvergiftung. Mein Bruder überlebte nicht. Er war sofort tot. Zu der Zeit wussten ich und mein Vater nichts davon. Wir lagen im Krankenhaus, er wurde künstlich beatmet. Mir ging es schon wieder gut. Als dann die Nachricht von dem Tod meines Bruders kam, riss mein Vater die künstlichen Atemgeräte ab und starb. Ich habe von da an nur eine unbeschreibliche Leere in mir gefühlt. Ich habe die Tränen unterdrückt und ich hatte nur ein Gefühl in mir. Und dieses Gefühl war ein Gefühl von Schuld. Hätte ich ihn nicht überredet dann, dann..!“. Ich hatte gemerkt wie sie guckte. Sie war erschrocken und ich sah in ihren Augen, dass es ihr Leid tat. „Das tut mir schrecklich Leid!“, sagte sie, „ich heule dir was vor, dass sich mein Freund von mir getrennt hat, dabei hast du viel ernstere Probleme!“. „Das ist schon okay!“, antwortete ich ihr. Irgendwann lagen wir uns in den Armen und weinten. Wir wussten nicht viel von einander, aber wir vertrauten uns. Noch nie habe ich einer Person, außer meinem Bruder, so vertraut wie ihr. Aber es war einfach nur freundschaftlich, ohne irgendwelche Gefühle und trotzdem war es schön. Diese Verbundenheit gefiel mir. Langsam wurde es hell. „Ich muss los, meine Mutter macht sich sonst sicher Sorgen!“, sagte ich, „Was ist mit deiner Mutter macht sie sich keine Sorgen?“. „Nein, tut sie nicht!“, antwortete sie. „Oh und... wieso?“, fragte ich. „Sie macht sich nie Sorgen, ist halt so. Ihr wäre es halt lieber wenn ich nicht da wäre!“. „Oh!“, sagte ich. Das erstaunte mich echt. Klar, wenn die Mutter starb, dann kümmerte sie sich nicht um einen, ich hatte auch von Eltern gehört die ihre Kinder nicht so gut behandelten. Sie mochten sie aber trotzdem, aber das sie die Kinder nicht mochten. So sagte ich: „Meinst du wirklich, auch wenn sie dich nicht so gut behandelt sie hat dich bestimmt trotzdem lieb!“. Sie grinste. Es sollte wahrscheinlich frech wirken, aber ich merkte, dass sie echt traurig über die Tatsache war. „Nein!“, sagte sie, „meine Mutter mag mich nicht!“. Ich nahm sie in den Arm, denn ich hatte das Gefühl, dass sie das gerade brauchte. „Komm doch mit zu mir, wir sind doch jetzt Freunde oder?“, fragte ich sie. „ich denke schon und wenn das ginge dann würde ich gerne mitkommen!“. Und dann gingen wir beide zusammen zu mir nach Hause. Irgendwie schon schön, Freunde gefunden zu haben. Aber meinen Bruder vermisste ich so dolle, wie keinen anderen Menschen auf der Welt. ER war der Beste Bruder und Freund der Welt. Wir gingen einfach neben einander her und schwiegen. Sie war mir gleich sympathisch. Na ein bisschen ging ich ihr auch hinterher, denn ich hatte ehrlich gesagt keine Ahnung wo wir waren. Sie zum Glück schon, denn wenig später standen wir vor unserem Haus. Ich schloss die Tür auf und wir gingen hinein. „Schön hast du es hier!“, sagte sie. Ich nickte und lächelte sie an. „Auf welche Schule kommst du denn?“, fragte sie mich nun. „Also in keine in diesem Kuhdorf!“, grinste ich. „Hier gibt es auch nur eine Schule und das ist eine Grundschule. Aber gehst du Real oder Haupt oder Gym?“ „Gymnasium, glaub ich!“. „Haha das musst du doch wissen, also ich geh auf die Realschule Nord.“. „Wo isn dat?“, nuschelte ich, weil ich mir gerade ein Brot in den Mund geschoben hatte. „Elmshorn, so eine Kleinstadt!“, antwortete sie mir. Ich grinste. Ich stieg die Treppen hinauf und ging in mein Zimmer. Hinter mir hörte ich ihre Schritte. „Wo kann ich schlafen?“, fragte sie und ersparte mir den Kommentar zu meinem Zimmer. Ich zeigte auf ein Sofa, was ich gerade entdeckt hatte, selber legte ich mich in mein Bett. „Nikki!“, hörte ich jemanden sagen. „Hmhm?“, antwortete ich. „Fahren wir morgen zusammen im Bus?“. „Ja klar, wenn wir den selben haben, aber vielleicht will meine Mum mich auch selber bringen!“. „Ja okay.“. „Aber sie kann dich ja mit nehmen!“. „Nein, nein sie braucht sich wirklich keine Umstände machen.“. „Das sind doch keine Umstände, sie mag dich bestimmt auch.“. „Danke, aber ich schlafe hier schon, dafür bin ich dankbar genug!“.“Ach erzähl doch keinen Quatsch!“. „ Schlaf schön!“. „Du lenkst ab, aber schlaf du auch schön!“. Dann war sie still. Wenige Minuten später hörte ich es gleichmäßig atmen. Ich konnte noch lange nicht schlafen und in wenigen Stunden würde es hell werden, dann musste ich in die neue Schule. Ich musste schlafen, das wusste ich, aber ich konnte nicht. Viel zu viele Gedanken wuselten in meinem Kopf rum. Es tat mir immer noch weh, dass mein Bruder nie wieder kommen konnte. Ich war allein. Für immer. Ich hatte tiefe Schuldgefühle in mir drin. Ich wusste zwar das ich nicht Schuld war, denn das hatten mir viele Personen gesagt. Trotzdem, tief in mir drinnen hatten sich diese abscheulichen Gefühle verankert. Viel zu oft stellte ich mir die Frage, ob er es verdient habe? Viel zu oft dachte ich daran, dass es mich erwischen hätte sollen. Aber war ich wirklich besser dran? Vielleicht war er es auch der nun ein schönes Leben hatte, denn hier unten quälte ich mich oft. Das Gefühl der Selbstaufgebung hatte sich seit seinem Tod bei mir eingestellt. Bei jedem kleinen Unglück, wenn nicht alles gut lief, stellte ich mir die Frage, ob mein Leben noch etwas wert war. Ich bemerkte wie mir wieder Tränen kamen, aber ich wollte nicht weinen. Ich nicht. Irgendwann schlief ich dann wohl doch noch ein. Ein Sonnenstrahl kitzelte meine Nase. Ich blinzelte. Vogelgezwitscher drang an mein Ohr. „Guten Morgen!“, sagte eine Stimme. „Mum?“, fragte ich. „Nein ich bin es doch Nikki!“, meinte die Stimme. Jetzt fiel es mir ein. „Morgen!“. „Hast du gut geschlafen?“, fragte sie mich. „Ja klar!“, beruhigte ich sie. „Ich will dann mal wieder!“. Sie stand auf und zog sich an. Schnell war ich wach und sprang aus dem Bett. „nein bleib doch noch!“, rief ich. „Ich sagte doch schon, ich möchte euch nicht zu viel belasten!“. „So ein Quark, meine Mutter will dich bestimmt kennen lernen und außerdem will ich einfach das du da bleibst. Bitte..“. „Wenn du das wirklich willst, dann..!“, fing sie an zu stottern. „Ja und ob ich das will!“, ich lächelte ihr aufmunternd zu. Sie nickte nur. Ich war zwar schon umgezogen, aber das Zeug stank jetzt bestimmt, also zog ich mich um. Wenig später gingen wir beide ins Bad und machten und fertig, dann gingen wir runter. Erstaunt sah meine Mutter, meine neue Freundin Nikki an. „Wer ist denn das?“, fragte sie. „Nikki!“, antwortete ich so kurz und knapp wie möglich. „Aha..!“, meinte meine Mutter. „Also ich bin eure Nachbarin und ich habe Nikki gestern Abend kennen gelernt und weil ich grad ein bisschen Stress mit meiner Mutter habe, hat Nikki gesagt das ich bei ihm übernachten kann!“, unsicher blickte Nikki mich an. „Ja!“, bestätigte ich sie. „Na dann!“, sagte meine Mutter und machte uns die Geste uns zu setzen. Man war ich froh, dass diesmal kein Platz frei war und so auch keiner für meinen Bruder. Meine Mutter begann zu plappern und redete und redete. Ich schaltete einfach ab und dachte an die neue Schule. Ich wollte auf keine Schule. Irgendwann bekam ich mit wie Nikki sagte, dass wir los müssten. Meine Mutter stieg ins Auto und Nikki setzte sich neben sie und ich nach hinten. Ich bekam nicht so viel mit, ich war total in Gedanken. Meine Mutter fuhr erst zu einer Realschule. Nikki stieg aus, jetzt war ich alleine. Na toll. Meine Mutter hielt vor einer riesen Schule, die war total alt und zerfallen. Vor ihr waren blaue Mauern und über dem Eingang stand: Kooperative Gesamtschule Elmshorn . Aha, jetzt fragt sich nur noch was so eine kooperative Gesamtschule denn war. Meine Mutter schob mich vor sich her in Richtung Eingang. Viele Kinder, bzw. Jugendliche standen vor dem Eingang, die Tür war noch zu. Ich guckte mich um. Eigentlich waren alle ziemlich langweilig, aber ein paar Leute stachen schon heraus. Da war ein Mädchen, sie hatte ein recht hübsches Gesicht, schwarze Locken und trug schwarze Fliegerstiefel, außerdem trug sie schwarze Hosen und einen schwarzen Pulli und dazu einen langen schwarzen Mantel. Dann war da ein Typ mit einer Glatze, der auch irgendwie merkwürdig aussah. Alle die raus stachen erinnerten mich an Gothik und Punk, nicht mein Fall. Keiner der Auffälligen hatte Geschmack und die anderen waren sicher Langweiler. Spießer. Ich mochte sie alle nicht, dass wusste ich jetzt schon. Zumindest würde ich niemanden mehr finden dem ich so wie meinem Bruder vertrauen konnte, niemandem mit dem Ich so viel Scheiße bauen konnte, ohne verraten zu werden. Nie mehr jemandem dem ich alles erzählen konnte Niemanden der so war wie mein Bruder. Die Tür ging auf und eine riesige Masse an Schülern strömte hinein. Die Türen durch die man die Schule betrat waren aus Glas und die Bretter mit denen man die die Tür aufmachte waren rot. Gerade noch konnte man auf ihnen das Wort „Drücken“ erkennen. Meine Mutter zog natürlich. Die meisten Schüler betätigten eh nur einen grauen Knopf, an der Seite der Tür, woraufhin sich die Tür automatisch öffnete. Die Schulstraße war mit grünem, vergammeltem Teppich ausgelegt. Das fand ich persönlich nicht so lecker. .(Auf der linken Seite war ein Treppenaufgang und davor stand ein Pfeiler an dem ein großes „A" angebracht war und daneben eine Uhr. Es war 7:45Uhr. Meine Mutter zog mich nach rechts, über mir erkannte ich ein Schild mit der Aufschrift:„Sekretariat". Ein kleiner Gang mit ein paar Türen, dann ein Raum mit einem lang gezogenem Tisch, eine Art Theke nur halt für schriftliches, den man durch ein riesiges Glasfenster sehen konnte. Wir gingen hinein. Hinter dieser Thekenabtrennung saßen mehrere Frauen. Eine kam auf uns zu und fragte was wir wünschten. „Ich bringe den neuen Schüler Niklas Christensen vorbei.", sagte meine Mutter.„Ah, wir haben dich schon erwartet!", sagte sie und schrieb etwas auf, „Dir müsst im C- Bereich hoch gehen und dann gerade aus dort der Klassenraum Cll.". „Los geh oder soll ich dich bringen? Ich hole dich dann nach der Schule ab und dann fahren wir nach Berlin!", meinte meine Mutter. Wieder nickte ich nur stumm. Nach Berlin. Zur Beerdigung. Ich schluckte und dann sah ich wie meine Mutter sich umdrehte, mir noch einmal zu winkte und dann ging. Jetzt war ich also auf mich allein gestellt. Super!! Große Freude. Die Sekretärin meinte dann, dass ich hoch gehen sollte, also ging ich. Also wo war denn hier ne Säule mit C. Also hier war A, dann müsste logischer Weise gleich B und dann C kommen. So war es dann auch. Ich stiefelte also die Treppen hoch. Ein paar Schüler saßen auf den Treppenstufen, sie schienen aber nicht zu bemerken, dass ich hier neu war. Wie auch? Es war schließlich auch eine große Schule, da war es nicht weiter verwunderlich, wenn einem das ein oder andere Gesicht noch fremd vor kam. Oben angekommen trennte den Schulflur und den Treppengang eine Glastür auf der in vielen verschiedenen Sprachen 'Tür' geschrieben war. Ich ging durch. Der obere Schulflur war mit gammligem, grünem Teppich ausgestattet und ziemlich dreckig. Vor manchen Klassen saßen noch Schüler, um auf ihren Lehrer zu warten. Manchmal war der Lehrer schon da und man hörte hinter den Türen ein gedämpftes 'Guten Morgen1. Da war ja der Raum Cll. Die Schüler schienen schon drin zu sein. Vorsichtig klopfte ich an, ein bisschen Bammel hatte ich schon. „Herein", ertönte es von drinnen. Ich drückte die Klinke hinunter und öffnete die Tür. Viele gaffende Gesichter sahen mich an. Sogar die Lehrerin gaffte. „Hi", sagte ich. Oh Gott, dass war aber peinlich wie ich mich benahm. Verlegen lächelte ich. Wie scheiße, eigentlich wollte ich ein freches Grinsen auf mein Gesicht bekommen, aber nein... „Hallo, bist du der neue Schüler?", fragte mich die Lehrerin. „Äh, ja schon...ich...äh!", stotterte ich. Ich benahm mich jetzt aber auch scheiße. „Wie heiß du denn?", meinte die Lehrerin. „Niklas, Niklas Christensen!", antwortete ich. Na endlich ich hatte den Stotterpart überwunden. „Ah und wie alt bist du?“ „15“ „Woher kommst du denn?" „Berlin!" Ich antwortete so knapp wie möglich, denn ich wollte nicht, dass gleich jeder über mich Bescheid wusste. Aus allen Ecken klang Getuschel. Immer wieder warfen sie mir Blicke zu. Manche Neugierig, manche abstoßend, manche angeekelt. Niemand schien begeistert von mir zu sein, aber das wollte ich auch gar nicht. Ich konnte nicht gleich alles vergessen und neue Freunde finden. Die Lehrerin riss mich aus meinen Gedanken bzw. Überlegungen, Beobachtungen. „Wieso seit ihr denn hier her gezogen, hat Berlin euch nicht mehr gefallen?" Ein eintöniges lachen erklang. Ich zog eine Augenbraue hoch und sagte: „Stellen sie sich vor, das geht sie nichts an!“.
2. Kapitel
Nach endlosem anstarren von meinen neuen Klassenkameraden durfte ich mich setzen. Rechts neben so einen Typen. Er hatte blonde Locken, eine Jeans, ein dunkelblaues T-shirt und Turnschuhe. Also ganz normal. Angeekelt schaute er mich an, das fand ich ganz unangemessen. Wenn einer angeekelt gucken durfte, dann ja wohl ich. Schließlich musste ich hier zwischen den ganzen Ekeln sitzen. Ich faltete meine Hände vor mir auf dem Tisch zusammen und schloss die Augen, aber ich öffnete sie sofort wieder, denn ein Bild meines Bruders kam zum Vorschein. Links von mir saß ein Typ mit weiten Baggyhosen und einem weiten blauen T-shirt. Seine Haare waren gerade nach unten gegeelt. Ich trug auch weite Hosen und T-Shirts, aber meine kurzen Haare trug ich unter einer Cap. Er grinste mich an und meinte, dass ich ja sehr in einer Spießerklasse gelandet war. Ich nickte. „Nimm doch bitte deine Mütze ab, Niklas!", hörte ich die Stimme der Lehrerin. Mütze!! Was dachte die sich eigentlich. „Cap!", brummte ich, nahm sie dann aber doch ab. Wir hatten wohl gerade Englisch, denn sie redete irgendein Zeug und es war garantiert nicht Deutsch. Ich schaltete total ab, denn ich hatte jetzt wirklich nicht den Nerv für Englisch, wie man sich vielleicht vorstellen konnte. Endlich kam ein erlösendes Klingeln und wenig später hörte ich eine fremde Stimme durch die Lautsprecher klingen: „Niklas Christensen bitte in die Verwaltung, Niklas Christensen!“ „Du musst in die Verwaltung!“ sagte mir der Junge. Ich wusste immer noch nicht wie er hieß. Ich ging jetzt aber erstmal in die Verwaltung, wo sie mir einen Stundenplan überreichten. Ich bedankte mich und verschwand, denn die Verwaltung kam mir nicht sehr behaglich vor. Kaum hatte ich die Verwaltung verlassen, klingelte es. Ich ging wieder zum C Bereich und dort die Treppen hoch. Lärmend saß die Klasse vor der Tür. Der nette Typ von vorhin hob die Hand als ich kam. „Hey, seit doch mal Leise!", sagte er zu der Klasse und die verstummte auch und zu mir sagte er: „Setz dich doch zu uns, ich bin Steffen!“. „Hey Steffen!", sagte ich und ließ mich neben ihm nieder. Grinsend stellte er mir die anderen aus der Klasse vor, dann kam die Lehrerin, wieder die gleiche. Wieder erzählte sie uns etwas über Englisch Grammatik. Steffen sprach mich in gesenkter Stimme an: „ Seit wann wohnst du denn hier und wo?" „In Seester wohne ich und so seit 2 Tagen!" „Aah und kennst du schon jemanden?" „Euch!, also neben mir wohnt ein Mädchen sie kam ganz nett rüber sie heißt Jannika!" „das ist eine Schlampe, dass sage ich dir und sie ist ganz verletzend!" „Echt?? Also ich will ja eh nichts von ihr!" „Na dann, rate ich dir auch!" „Tschsch..!", fuhr uns eine Klassenkameradin an und kurz darauf forderte die Lehrerin uns auf leise zu sein. Danach war Steffen leise. Wieder nahm mich die Lehrerin nicht dran. Entweder war sie so anständig mich am ersten Tag nicht zu überfordern oder sie sah mir an, wie es mir ging und das ich nun wirklich nicht denken konnte. Wahrscheinlich war es ersteres. Der nächste Teil der Stunde zog an mir vorbei als wären es lediglich ein paar Sekunden. Als es klingelte standen alle auf. Die Mädchen diskutierten wer dicker war, dabei waren die die am lautesten herum posaunten wie dick sie waren, am dünnsten und die die wirklich etwas mehr Fett hatten, sagten dazu gar nichts. Die anderen Jungs prahlten mit ihren Muskeln herum, selbst die die gar keine hatten. Aber es war mir alles egal solange sie mich in Ruhe ließen. Wieder klingelte es und ein ziemlich schmieriger Lehrer betrat den Klassenraum. Keiner beachtete ihn und er schien ziemlich verzweifelt, aber was erwartete er. Das die Schüler vor einem stinkenden, schmierigen, in hundert Jahre alten Sporthosen und Null Charisma ausstrahlendem Lehrer Respekt hatten? Nein, dass konnte er nicht erwarten. Schließlich fing er an zu sprechen, wobei er mich anguckte, weil er wohl das Gefühl hatte ich würde am Meisten aufpassen. Vielleicht, vielleicht sah es so aus, aber innerlich war ich so aufgewühlt Ich konnte gar nichts aufnehmen. Er redete und redete und auch diese Stunde ging vorbei. Alles schien wie immer abzulaufen. Die Pausen verliefen eine wie die andere und auch der Unterricht war nicht so abwechslungsreich. Noch eine Pause und eine Stunde hatte ich durch zu stehen. Ich hoffte mich würden wieder alle in Ruhe lassen, aber gerade als ich das hoffte kam Steffen auf mich zu. „Soll ich dir mal die Mädels zeigen mit denen du was anfangen kannst??“, fragte er. Ich nickte, wenn es denn sein musste und ich hatte das Gefühl das er mich vorher nicht in Ruhe lassen wurde. „Komm mit!", forderte er mich auf und so folgte ich ihm. Die Treppe runter und dann hinaus. Beim Hauptausgang gingen wir links. Wir kamen an Tischtennisplatten und einem Fußballplatz vorbei. Schließlich blieb Steffen vor einem Basketballfeld stehen, dahinter befand sich eine Wiese. Auf diese Wiese zeigte er. „Siehst du,dort die Mädchen?". „Ja", „Die sind ok, nicht zu hässlich, ich hatte noch nichts mit ihnen und nicht all zu schlau!"erklärte er. Na toll, dachte ich. Er tat so als waren Mädchen ein Geschäft! Aber vielleicht waren sie das ja auch. Wieder klingelte es, wie schon so oft an diesem Tag. Wieder gingen wir in die Klasse und eine Lehrerin mit roten Haaren empfing uns. „Ihr seid zu spät!", bemerkte sie. „So ein Quatsch!", flüsterte Steffen mir zu, aber zu der Lehrerin sagte er laut: „Ich musste unserm neuen Mitschüler noch die Schule zeigen und da wir gerade bei den Vertretungsplänen waren, haben wir etwas länger gebraucht!". „Na dann!" sagte die Lehrerin und hob die Augenbrauen und schaute mich an. Ich nickte schnell und dann durften wir uns setzen. Während der Unterricht begann, schaute ich mir die Klasse genauer an. Ich entdeckte hinter mir einen farbigen. „Wie heißt er?", fragte ich Steffen. „Francisco!", antwortete er. Vor mir entdeckte ich ein Mädchen, die lange, blonde Haare hatte. Sie trug ein rosa Shirt und einen blauen Minirock, dazu hatte sie eine dreiviertel Legging in weiß an und weiße Schlappen mit Glitzerpaletten. Das Klingeln riss mich aus meinen Gedanken. Jetzt ging es zur Beerdigung. Ich hob die Hand zum Abschied und dann ging ich langsam aus der Klasse. Ich ging die Treppe hinunter und die Schulstraße entlang. Ein paar 5. Klässler rannten mir entgegen, besser gesagt gegen mich und entschuldigten sich nicht einmal. Ich hatte das Gefühl, dass mich jeder umrennen wollte, Langsam ging ich die Schulstraße weiter entlang. Wie gesteuert trat ich aus dem Hauptausgang und ging zum Auto meiner Mutter wo diese wartete. Ich ging auf sie zu und setzte mich ohne ein Wort zu sagen in das Auto. Meine Mutter akzeptierte das auch. Wir schwiegen die ganze Fahrt über. Wir hielten nicht an, aßen oder tranken nichts. Angespannt und voller gemischter Gefühle, gedankenversunken fuhren wir bis nach Berlin. Meine Lider waren schwer, aber als mir die Umgebung bekannter vor kam waren es nicht mehr meine Lider die schmerzten sondern meine Seele. Ich sah Cafes in denen ich war, mit meinem Bruder. Läden in denen ich früher geshoppt hatte, mit meinem Bruder und Läden in denen er oft gestöbert hatte, bis ich ihn genervt wegziehe. Ich sah Clubs in denen wir öfter mal zusammen waren und die Tränen kamen wie von selbst, doch cih wischte sie weg. Wozu weinen? ES würde ihn auch nicht zurück holen! Stumm starrte ich aus dem Fenster. Wir kamen an unser Haus und meine Mutter fuhr die Auffahrt hoch. In unserem Garten war schon eine Feier im Gange. Alle waren da, auch die, die uns nicht mochten. Es waren nicht viele die mich und meinen Bruder mochten. Die Feier, die eigentlich eine Trauerfeier hätte sein müssen war wie eine Party in vollem Garten. ES wurde gelacht und sich unterhalten. Einer meiner Klassenkameraden kam mir entgegen und lächelte mich hinterhältig an. „Das tut mir jetzt aber Leid!“, grinste er. Kein Stück tat es ihm Leid. Ich hätte ihm am liebsten eine rein gehauen, aber ich blickte ihn nur stumm an und ging weiter. Da kam mein Großvater auf mich zu, er war einer der Wenigen der über den Tod meines Bruders wirklich traurig war. Seine alten traurigen Augen blickten mich an. Ich liebte meinen Großvater sehr und erzählte ihm fast alles, dann nahm er mich in den Arm und drückte mich und sagte: „Alles wird gut!“. Einen Moment lang hoffte ich er würde mich umarmen und sagen: „Alles wird gut!“. Aber er sagte nichts und blickte mich nur traurig an. Was war aus seinen fröhlich funkelnden Augen geworden, die sonst so fröhlich blickten? Die Fröhlichkeit war wie ausgelöscht! Ich sah ihn an und eine Szene kam mir in den Kopf. Eine Szene in der ich mit meinem Bruder sprach. Ich habe gesagt wie traurig es wäre, wenn Großvater sterben würde und dann meinte er: „Weißt du was das größte Glück ist? Wenn der Großvater vor dem Enkel stirbt! Und weißt du auch was das größte Unglück ist? Wenn der Enkel vor dem Großvater stirbt!“ Und jetzt? Jetzt war das größte Unglück eingetreten. Ich rang mit mir mich umzubringen, um zu ihm zu gelangen. Aber ich hielt mich zurück. Mein Großvater warf mir einen mitleidigen Blick zu und ging. Auch ich setzte meinen weg fort. Ich ging durch unseren Garten, direkt auf unser altes Haus zu. Ich betrat den Flur. An den Wänden waren ausgeblichene Flecken an denen vorher Bilder von unserer Familie hingen. Auf dem Boden lag ein alter Teppich, auf dem ich und mein Bruder oft zusammen gespielt hatten. In jüngeren Jahren. Wie gesteuert ließ ich mich auf den Boden sacken. Ich schlug meinen Kopf auf den kalten Fußboden und wollte der heimatliche Boden hätte den Schmerz aus meinem Kopf genommen. Ich stand auf und ging durchs Haus. Jede Ecke, jeder Raum, jeder Gegenstand erinnerte mich an ihn. Ich betrat mein Zimmer. Es war noch so unordentlich wie ich es verlassen hatte. Ein Stuhl lag zerbrochen in Mitten von meinem Zimmer, ich hatte ihn in blinder Verzweiflung in meinem Zimmer umher geschlagen. Mein Bett war unordentlich und viele meiner Klamotten waren auf dem Fußboden verteilt, weil ich sie achtlos aus dem Schrank gezerrt hatte. Ich konnte den Anblick nicht länger ertragen und ging in das Zimmer von meinem kleinen Bruder. Es war aufgeräumt, so wie er es verlassen hatte. Alles war säuberlich sortiert und gemacht. Ich setzte mich an seinen Schreibtisch und blickte die Pinnwand hinauf. Ein kalter Schauer überkam mich und ich begann zu zittern. Viele Bilder hingen an der Pinnwand, kleine Notizen und Postkarten. Zwei Bilder stachen heraus und berührten mich. Auf dem Einen waren ich und mein Bruder zu sehen. Ich grinste frech in die Kamera und er lächelte brav, wie der Fotograf es verlangt hatte. Wir standen dort Arm in Arm und unsere Augen glitzerten Ein anderes Bild zeigte meine beiden Eltern, umarmt und glücklich. Doch zwischen ihnen war ein gezackter Strich gezogen. Ich dachte daran wie er mir immer gesagt hatte, dass es nicht so schlimm wäre, dass unsere Eltern getrennt waren. Ich hatte damit gelebt, ich hatte ihm geglaubt und für mich war es damit vorbei. Doch mein Bruder nahm das mit, er wollte wie alle Anderen eine Mutter und einen Vater haben. Sie waren getrennt und er, er wollte das nicht wahr haben. Ich öffnete eine seiner unzähligen Schubladen. Ich fand eine Mappe und öffnete sie. Vorne drin war ein Brief. Der Brief begann mit: „Lieber Nikki“, wie bitte? Der Brief war an mich. Ich begann zu lesen: „Lieber Nikki, falls du das je lesen wirst, würde mich das sehr freuen. Ich traue mich einfach nicht es dir zu zeigen, aus Angst du würdest es nicht mögen. Wenn du es nicht magst dann sag einfach nichts, aber wenn es dir gefällt sprich mich drauf an! Ich hab dich lieb dein Bruder“
Ich schluckte. Hinter diesem Brief waren weitere Zettel, Gedichte wie mir schien. Sie handelten von dem Schmerz den er in sich hatte, als sich unsere Eltern trennten, von den Tränen die er vergossen hatte, wenn ein Mädchen ihn mal wieder hatte sitzen lassen, es waren Gedichte über Freundschaft, Vertrauen und Liebe dabei und eins über uns. Ich musste lächeln als ich es las, doch ich konnte es nicht an mir behalten. Vorsichtig legte ich es zurück in die Mappe und legte sie zurück in die Schublade. Ich fand sie gut, sehr gut, aber dass konnte ich ihm wohl nicht mehr sagen. Plötzlich spürte ich einen leichten Druck auf meiner rechten Schulter. Langsam drehte ich mich um und blickte in die Augen meiner Großmutter. „Du darfst jetzt nicht aufgeben!“, sagte sie. Ich nickte lahm. Ich wusste es doch selber, aber es war so schwer. Ich spürte plötzlich wieder diesen Drang auf die Straße zu laufen und mich vor ein Auto zu schmeißen, doch ich verwarf den Gedanken sofort wieder. Ich sah meiner Großmutter nach, wie sie langsam wieder aus meinem Zimmer verschwand. Auf einmal stieg eine Wut in mir auf, die hatten doch alle keine Ahnung. Machten sich über mich lustig, gaben mir irgendwelche klugen Ratschläge und erzählten mir wie schlimm es war. Ich wollte es nicht wissen. Etwas durchzuckte mich und ein Gefühl starb, wieder eins weg. Irgendwann blieb nur noch die leere, die grenzenlose Dunkelheit. Ich hielt es nicht mehr aus in seinem Zimmer und lief aus seinem Zimmer hinaus und die Treppe hinunter. Kurz bevor ich aus der Haustür trat verlangsamte mein Tempo. Draußen war die Party bereits in vollem Gange._-_- Gemeinsam gingen wir dann den Weg zum Friedhof, ich nahm nichts mehr wahr. Ein Pastor hielt in der Kirche eine Rede und quatschte sinnloses Zeug daher, erzählte dass wir ja alle traurig waren, obwohl er es doch nicht einmal selber war. Ich weiß, dass er meinen Bruder nicht mochte, weil er ihn schon zu oft bei der Polizei verpetzt hatte. Einmal nur weil er gegen das Kirchentor geschubst worden war und der Pastor hatte ein riesiges Drama daraus gemacht. Aber.... was solls. Es war nicht das Einzige, es gab noch viel mehr Dinge mit denen er meinem Bruder zeigte, dass er ihn nicht mochte. Die Gemeinde erhob sich und faltete die Hände zum Beten. Ich wollte mich auch erheben, aber irgendetwas hielt mich zurück, der Gedanke „Was bringt ihm das jetzt noch!!“, ging durch meinen Kopf. Was bringt es ihm, er kommt eh in den Himmel (Falls es so etwas gibt), er war ein guter Mensch. Ich blickte auf meine Hände. Sie begannen zu zittern. Hört auf! Dachte ich. Die Hände begannen immer mehr zu zittern und ich konnte nichts dagegen tun. Ich wollte aufstehen, aber es gelang mir nicht. Ich hörte eine Stimme in meinem Kopf die mich an schrie: „ Bleib sitzen, bleib sitzen oder willst du mit den ganzen Heuchlern zusammen beten?“. Ich schüttelte den Kopf, meine Hände verkrampften sich in einander und ich konnte nichts dagegen tun. Ich wollte schreien, denjenigen der mich zurück hielt schlagen, aber da war niemand. Ich bemerkte wie die Leute aus der Kirche hinaus strebten. Einige lachend, einige schwatzend und einige die sich zwangen traurig auszusehen. Auf einmal verspürte ich wieder diese riesige Wut in mir aufkommen. Ich wollte die Welt in Stücke reißen. Wie konnte sie sich weiter drehen, wenn doch was fehlte. Wie konnte sie die Menschen lachen lassen, wenn es doch nichts lustiges mehr gab. Ich wusste es nicht. Die Wut machte grenzenloser Trauer Platz. Ich wollte keinen mehr sehen und wollte weglaufen. Was sollte ich bei der Beerdigung, merkte mein Bruder es überhaupt noch, dass ich bei ihm war? Bestimmt nicht, dachte ich deprimiert. Ich wollte hier weg, aber wieder zwang mich irgendwer hier zu bleiben. „Du bleibst hier, dein Bruder braucht dich auf seinem letzten Weg, es wäre doch schade, wenn er nur von fröhlichen Leuten verabschiedet wird. Wenigstens einen wird er brauchen, der trauert.“, rief mich eine Stimme in mir zur Ordnung. Es war eine hohe, gut erzogene Stimme. Ich drehte mich um, um mich zu vergewissern, ob es nicht eine Person war die mich angesprochen hatte. Aber es war niemand da, der so etwas hätte sagen können. Die Stimme musste aus meinem Inneren kommen. Ich seufzte. Vielleicht merkte ein Toter es ja doch noch, wenn man ihn begleitete. Wir waren an einem Loch angekommen, einem tiefen, dunklem Loch. Mir graute es. Da sollte der Sarg hinunter? Der Pastor erzählte wieder irgendwas und dann sah ich meine Mutter, sie trat nach vorne. Ihr sonst so frisches Gesicht, war blass. Tiefe Falten zogen sich um den Mund und die Augen und auf der Stirn. Unter ihren Augen waren tiefe Ränder. Ihr Zustand verschlechterte sich von Minute zu Minute. Sie sagte etwas und ich zwang mich zu zuhören. „Wie ihr wisst bin ich sehr traurig, dass mein Sohn so früh gestorben ist. Ich werde ihn sehr vermissen“, meine Mutter sprach langsam, jedes Wort kam nur schwer über ihre Lippen, ihre Augen guckten matt. War sie in der Lage noch weiter zu sprechen? Sie machte eine lange Pause und setzte dann wieder zu sprechen an, doch es kam kein Wort über ihre Lippen. So mischte sie sich wieder in die Menschenmenge. „Möchte Niklas noch was sagen?“, höhnte die tiefe Stimme des Pastors. Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen. Ja, nein, ja, nein, schrie es in meinem Kopf. Ich hatte das Gefühl hunderte von Stimmen redeten auf mich ein. Was denn nun?, fragte ich mich im Stillen, doch ich hörte verschiedene Meinungen, der Stimmen. Plötzlich hörte ich jemanden antworten. „Ja, ich will!“, sagte diese Stimme. Ich schaute mich um, alle sahen mich an. „Na los nun geh schon“,rief jemand in mir. Ich wollte nicht, ich wollte einfach stehen bleiben und nichts sagen, doch wie von selbst bewegten sich meine Beine und schließlich stand ich vor allen Leuten und eine Stimme rief: „Ich finde es nicht in Ordnung, dass sich der Mörder meines Bruders nicht meldet und das sie hier alle herumstehen und fröhlich grinsen.“. Es dauerte eine Weile bis ich bemerkte, dass die Stimme aus meinen Mund kam. Was redete ich denn da? Das wollte ich gar nicht sagen. Doch schon redete ich weiter. „Ihr seit doch alle nicht traurig und überhaupt muss keiner um meinen Bruder weinen. Gefühle sind nutzlos, genau so wie Gott. Er hat zu gestimmt, dass mein Bruder stirbt.“ Nein, wollte ich schreien, dass meinte ich nicht so, aber kein einziger Mucks drang aus meinem Mund. Die Leute starrten mich an. Meine Lippen bebten und wieder begannen meine Hände zu zittern. Dann hörte ich eine andere Stimme, eine wohl erzogene, brave Stimme. „Trotzdem sind wir ja alle traurig und ich freue mich das ihr so zahlreich erschienen seit, lasst uns nun gemeinsam Abschied nehmen!“. Wieder kamen diese Sätze aus meinem Mund, wieder wollte ich rebellieren, es waren nicht alle traurig. Doch auch dieses Mal bekam ich keinen Laut heraus. Wie von selber trugen meine Beine mich zurück zu meinem Platz. Der Pastor bedankte sich fälschlich dankbar für meine Rede und befahl seinen Leuten, den schwarzen Sarg in die Erde zu lassen. Jeder durfte eine Rose in das Loch werfen und dann wurde es zu geschaufelt. Ein Grabstein wurde mit einem kleinen Kran auf das Grab gesetzt und auf diesem hässlichem, grauen Grabstein stand: Hier ruht
Yannik Christensen
geb. 24. Januar 1993
gestorben: 1. September 2007
Mehr stand dort nicht. Kein Spruch, nichts. „Wie schlimm!“, konterte jemand in mir. „Ja ist es!“, antwortete ich. „Was ist?“, fragte eine Frau neben mir. Ich schüttelte den Kopf und sie wandte sich ab. Der Pastor stellte eine weiße Grabkerze auf das Grab meines Bruders und zündete sie an. Meine Mutter pflanzte in größter Eile ein paar Blümchen auf Das Grab, dann stand sie auf und ging weg. Die Leute sahen das wohl aus Aufforderung und waren auch froh das es zu Ende war. Sie gingen. Ich stand da, mein Kopf war leer. Außer die Stimmen in mir, alle redeten durcheinander und ich beschloss ihnen nicht mehr zuzuhören. Ich schloss die Augen und spürte wie ich auf die Knie fiel. Ich bemerkte wie ich am ganzen Leib zu zittern begann. Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen und ließ mich einfach fallen. In ein dunkles Nichts. Ein leises Summen dehnte sich in meinem Kopf aus und ließ mich schläfrig werden. Ich sah mich in einem kleinen Bett liegen, neben mir ein Teddybär. Eine weibliche Stimme sang mir ein Schlaflied, bis ich ein schlief. „Nikki!“, drang eine Stimme an mein Ohr. Meinten sie etwa mich? Nein ich wollte noch nicht aufwachen, ich hatte doch keinen Hunger. „Will nicht, will nicht!“, rief ich. Jemand schüttelte mich. Ich begann wie wild mein Kopf zu schlenkern. „Nein, will nicht!“, rief ich. Schließlich öffnete ich die Augen, ich war verwirrt. Überall graue Steine und Erde. Meine Hände waren schmutzig und groß. Wo ist mein Gitterbettchen, dachte ich. Eine Hand fuchtelte mir vorm Gesicht herum. „Wo is mein Teddy?“, fragte ich. „Komm zu dir Nikki, alles ist gut!“, antwortete die Stimme. „Wie spät ist es?“, hörte ich mich fragen. „Gleich halb neun!“, meinte das Mädchen. Was, was habe ich solange getrieben? Die Beerdigung war um 5 zu Ende gewesen, glaubte ich zumindest. Was war überhaupt noch richtig. Ich schaute zu dem Mädchen und jetzt erkannte ich sie, es war Nikki. Ich hob die Hand zum Gruß und sie nahm sie und zog mich hoch. Sie hielt meine Hand fest und ging mit mir davon. Wir stiegen in ein Auto und fuhren los. Ich hörte Stimmen von außen, aber sie kamen nicht an mich ran. Ich wollte das sie mich in Ruhe ließen, aber sie schienen mit mir zu sprechen. Ich hatte nicht die Kraft zu antworten und außerdem wusste ich nicht was, da antwortete jemand für mich, mit meinem Mund. Eine hohe Stimme, die ganz brav klang: „Ja ich habe ein wenig Kopfschmerzen. Wo bringt ihr mich denn hin?“. Ich zwang mich wieder zu zu hören, aber ich verstand kein einziges Wort. Es klappte nicht. Ich konnte mich nicht konzentrieren. Ich spürte wie die Stimme sich mit Nikki und einer anderen Person unterhielt und lehnte mich zurück. Einfach entspannen.
3. Kapitel
Ein verirrter Sonnenstrahl kitzelte mich an der Nase. Wo war ich und wo war Nikki und warum saß ich nicht im Auto. Ich schaute mich um. Ich war in meinem Zimmer in Seester. Wie war ich hier her gekommen? Ich blinzelte. Es war schon 10 Uhr Morgens, hatte Nikki mich nicht gegen 8 Uhr gestern von Berlin abgeholt? Was war dann passiert? Eine Frau betrat mein Zimmer, als ich genau hinsah erkannte ich meine Mutter. „Auch wach?!“, lallte sie. Es war offensichtlich, dass sie betrunken war. Ich wollte sie beruhigen und ins Bett bringen, damit sie ihren Rausch ausschlafen konnte, ich hatte sie noch nie so betrunken gesehen. Ich öffnete den Mund um sie zum gehen aufzufordern, doch stattdessen zickte ich sie an. „Was isn mit dir los, hä?“, brachte sie heraus und schaukelte schon gefährlich. „Geht dich gar nichts an!“, zischte ich. Was zum Teufel redete ich da. Ich hätte heulen und schreien zu Gleich können. Sie tat mir so Leid und gleichzeitig hatte ich Angst vor ihr und um sie. Ich wollte aufstehen und sie umarmen, doch stattdessen stand ich auf und schlug ihr mitten ins Gesicht. „Was fällt dir ein, dich zu betrinken, wieso lässt du mich alleine? Wieso reißt du dich nicht zusammen, ich leide viel mehr als du!“, schrie ich und zuckte, von meinen eigenen Worten getroffen, zusammen. Was war bloß los mit mir? Wieso sagte ich solche Sachen. Gepeinigt schaute ich zu meiner Mutter. Geschockt sahen ihre glasigen Augen mich an. Ihre blasse Wange war gerötet. Wieso habe ich das getan? Fragte ich mich und wollte sie jetzt wirklich umarmen, aber mein Körper gehorchte mir noch immer nicht. „Geh jetzt ins Bett!“, fluchte der Körper. Er schleifte meine Mutter am Arm in ihr Zimmer und drückte sie ins Bett. Etwas liebevoller bitte, bat ich. Doch mein Körper kannte kein Erbarmen. Unsanft drückte er meiner Mutter die Augen zu. Ich konnte das nicht länger mit ansehen und ließ meinen Körper freien Lauf. Ließ mich fallen und fallen und fallen und fallen und fallen und fallen... Ich spürte wie meine Hände einen Gegenstand in etwas Kaltes steckten. Es war der Kühlschrank, den ich gerade mit frischen Sachen einräumte. Woher hatte ich auf einmal diese frischen Sachen? Hatte meine Mutter sie mir eben in die Hand gedrückt? Ich lief nach oben. Meine Mutter schlief tief und fest. Hatte ich sie selber eingekauft? Wie war das möglich? Ich konnte mich an nichts erinnern. Ich suchte nach dem Bong um zu wissen, wo ich eingekauft hatte. Ich griff in meine Hosentaschen und spürte Papier, doch als ich es zum Vorschein holte, konnte ich kaum glauben was ich da sah. 3 Bündel mit 50€ Scheinen, 3 Bündel mit 100€ Scheinen und 5 Bündel mit 500€ Scheinen. Ich riss die Augen weit auf, woher hatte ich soviel Geld?? Ich wagte kaum zu atmen. In Windes Eile hatte ich die Scheine nach oben gebracht und unter meinem Bett versteckt. So viel Geld. Aus irgendeinem Grund wagte ich es nicht, sie zur Bank zu bringen. Irgendetwas oder irgendjemand schien mich daran zu hindern. Es klingelte. Aus irgendeinem Grund bekam ich einen totalen Schreck. Viel zu viele Fragen schossen mir durch den Kopf. Ich konnte nicht an die Tür, doch kaum hatte ich den Gedanken zu Ende gedacht, übernahm ein Anderer das denken. Wie fern gesteuert lief ich zur Tür und öffnete sie. Polizisten. „Wo ist das Geld?“, fragte einer der Polizisten in einem unfreundlichem Ton. „Welches Geld?“, raunzte jemand aus meinem Mund. Er sorgte dafür, dass ich die Tür nur einen Spalt breit öffnete. Der Polizist stöhnte und stellte einen Fuß zwischen die Tür. Meine Augen wollten böse gucken. Der Polizist ergriff mein Handgelenk, er tat mir weh. „Aua sie tun mir weh!“, rief meine Stimme. Ich wollte nicht mehr, wieder nicht mehr. Ich fühlte mich ausgelaugt. Ich verkroch mich in mir selbst. Wollte nichts hören, wollte nichts sehen, wollte nichts fühlen und überhaupt. Niemand wollte mir gehorchen, niemand erklärte mir was geschehen war und niemand merkte wie komisch ich war. Eine hohe, kleinkindhafte Stimme sang ein Lied. Ich wurde schläfrig. Nein ich will nicht schlafen, bloß nicht die Kontrolle über meinen Körper verlieren!, rief ich mich selbst zur Ordnung. Mir vielen die Stunden ein, in denen ich nicht wusste was ich getan hatte und die hatten immer mit dem Fallenlassen begonnen. Sie waren der Grund, warum ich nicht wusste woher das Geld stammte und warum ich bei den Polizisten war. Ich schlug mich selber, doch kurz darauf begann ich wieder zu zittern, wenige Minuten später saß ich kerzengerade da und schaute nach vorne. Ich fragte die Polizisten warum sie mich mitnahmen, doch ich konnte nichts aufnehmen, nur ein Anderer, der anscheinend ebenfalls meinen Körper bewohnte. Ich stellte mir vor, dass dieser jemand wohl gerade meine Ohren benutzte. Als ich darüber nachdachte was ich gerade gedacht hatte, musste ich über mich selber lachen. „Was gibt es zu lachen!“, schrie ein Polizist, doch ich war unfähig zu antworten. Was für ein alberner Gedanke, welcher Jemand? Es gab nur mich. Ich war der Einzige der meinen Körper bewohnte oder etwa nicht? Ich erklärte mich für verrückt. Ich hatte plötzlich Angst, große Angst. Ich verkroch mich im innersten meines Körpers und ließ die Anderen machen. Jemand schlug mich. „Nun sag schon!“, rief ein Mann. Ich bewegte vor Schmerz den Kopf. Es war mir schon wieder passiert. Ich wusste nicht was passiert war. Angstvoll schaute ich den Polizisten ins Gesicht. Der Eine schien die Geduld zu verlieren. ER packte mich am Arm und schleifte mich in einen matt erleuchteten Raum. Steinwände, Steinfußboden, ein winzig kleines, vergittertes Fenster und eine Bank. Vier Jungen lümmelten sich auf dem Fußboden, ein Mädchen saß auf der Bank. Hinter mir fiel eine Tür ins Schloss. „Na, was hast du denn verbrochen?“, fragte das Mädchen und grinste ein schiefes Lächeln. Ich schüttelte den Kopf und zuckte mit den Schultern. Meine Haut begann zu brennen, so wie das Feuer in meinem Herzen. „Willste etwa sagen die ham dich nur so hier rein gesteckt?“, lachte einer der Jungen. Es war ein schreckliches Lachen, ihm fehlten die vorderen Schneidezähne. Seine Haut war dreckig und voller Narben. ER trug ein graues, verwaschenes T-shirt und eine alte, durchlöcherte Jeans. Seine durchgetretenen Schuhe waren schlammverkrustet. „Willste nich ma antworten?“, rief einer der anderen Jungen. Auch er war nicht schön anzusehen. Er trug weite Baggy Hosen (obwohl, dass war ja mein Geschmack) und ein weites T-shirt von Vokal. Es wunderte mich, dass ein so herunter gekommener Junge, ein Marken T-shirt trug. Die 4 Personen starrten mich an, nur der Junge in der Ecke nicht. „Nun tu doch nich so, biste so schüchtern oder was geht mit dir?“, fragte ein Weiterer aus der Truppe. Er war, im Gegensatz zu den Anderen, recht hübsch. Ein braun gebranntes, nettes Gesicht wurde von langen, braunen Haaren umrahmt. Eine schwarze, enge Röhrenjeans trug er kombiniert zu einem schwarz-weiß gestreiftem Pulli. Er stand auf und gab mir die Hand, zögernd drückte ich sie. „Sag mal willst du nicht mit uns reden?“, sagte er leise. Ich nickte und zwang mich zum sprechen: „Hey, sorry, ich bin Niklas, aber ihr könnt mich Nik nennen!“, auf das i verzichtete ich. „Schön“, antwortete der Junge mit dem gestreiftem Pulli, „ich bin Winta!“. „Winta?“, fragte ich mit hochgezogener Augenbraue. Er nickte: „Ja so nennen mich alle, meinen Geburtsnamen braucht man nicht zu wissen!“, er zwinkerte mir zu und ich beschloss nicht weiter nach zu fragen. Fragend schaute ich in die Runde. Das Mädchen fing an zu sprechen: „Hey, ich bin Lillian, aber nenn mich bitte Lill!“, ihre grünen Augen funkelten. Sie hatte braunes, glattes Haar, dass ihr zottelig bis auf die Schultern fiel. Sie war sehr schlank, trug Röhrenjeans und schwarze Schuhe mit Absatz, dazu hatte sie eine schwarze Lackjacke bis zum Hals geschlossen. „Hey Lill!“, begrüßte ich sie. Der dreckige Junge mit dem grauem T-shirt stellte sich mir als „Jail“ vor und erklärte ebenfalls, dass mein seinen richtigen Namen nicht kennen müsse. Erwartungsvoll schaute ich in das Gesicht von dem Jungen mit den Baggyhosen. „Gary, nenn mich Gary!“, nuschelte er. Nun fehlte nur noch einer und zwar der, der mit mir noch kein einziges Wort gewechselt hatte. Mit angezogenen Beinen saß er in einer Ecke des Raumes. Seine großen, braunen Augen wirkten matt, die schwarzen Haare stumpf. Sein Gesicht war blass, was die tiefschwarzen Klamotten, die er trug, nur unterstrichen. Lill musste meinen Blick bemerkt haben, denn sie setzte gleich zu einer Erklärung an: „Kümmre dich nicht um ihn, er hat es nicht verdient. Kein Wort spricht er mit uns, fühlt sich zu gut, hört nur zu. Er weiß alles von uns und wir kennen nicht einmal seine Stimme, geschweige denn den Namen!“. Er starrt immer nur an die Wand, als wäre er gar nicht bei uns, schoss es mir durch den Kopf, aber ich sagte es nicht. „Setz dich doch!“, bot mir Lill an. Dankend nahm ich das Angebot war und setzte mich zu ihr auf die Bank. Im gleichen Moment fragte ich mich, warum die anderen nicht auch auf der Bank saßen. „Ich hab sie vergrauelt, sie sind mir zu schmutzig!“, antwortete Lill, als hätte sie meine Gedanken gelesen. Ich schaute mir die Anderen genauer an. Ja sicher, ich war sauberer als sie. Mit einer Ausnahme, der Junge, der nicht mit uns sprach, war ebenfalls sauber. „Neben einem der seinen Mund nicht auf bekommt will ich nicht sitzen!“, wieder war es Lill und wieder hatte sie mir auf eine unausgesprochene Frage geantwortet. Es kam mir gruselig vor und da hörte ich einfach nicht mehr hin und überließ einem Anderen das Sprechen. Aufeinmal wurde mir bewusst, dass auch das gruselig war. Wie konnte ich sprechen, wenn ich nicht wusste was? Konnte es jemand anderes geben, der in mir für das sprechen sorgte, wenn ich nicht mehr wollte? War das bei Anderen auch so? Wieso hatte ich das nicht schon früher gekonnt? Seit der Beerdigung von meinem Bruder, konnte ich mich einfach fallen lassen und jemand Anderem das Denken und sprechen und zu hören überlassen oder bildete ich mir das Alles nur ein? Nein? Ich verkroch mich in mir selber, vielleicht konnte ich dann hören, ob ich sprach. Vielleicht bekam ich mit, ob es eine andere Stimme war. „He sach ma du bist ja ziemlich locker, dafür das du im Knast gelandet bist..!“, sprach mich Lill an. „Ein Problem damit?“, antwortete der große Macho in mir. Aber was, jetzt wurde es mir bewusst. Ich war in einem Gefängnis gelandet? „Und wieso biste hier?“, fragte Lill. Ich wusste es nicht, aber vielleicht wusste es der Macho ja und würde es mir und Lill verraten. „Kein Plan man!“, zerriss er meine Hoffnungen. „Ne sach ma!“, forderte Lill ihn heraus. „Ich.. ich weiß es wirklich nicht!“, sagte ein schüchternes Stimmchen. „Was hat dich den geritten?“, setzte Lill gleich auf meine zerbrechliche Stimme an. Es war merkwürdig und irritierend in einem Körper zu sitzen und mit zu bekommen wie der Andere, ohne das man es selber hätte beeinflussen können, die Meinung sagte oder auch nicht. „Und warum bist du hier?“, fragte der alte Macho in mir. Ein Grinsen breitete sich auf Lills Gesicht aus. „Sie haben 100g Heroin bei mir gefunden und ein paar Leute die mich nicht leiden können, haben den Bullen erzählt, dass ich mit Heroin handle! Die sind ausgeflippt und das nur wegen des Heroins. Ärmliche Leute sag ich dir!“, antwortete sie. „Was für Schnecken!“, war die einfache Antwort meiner Seits, die ich eigentlich anders formuliert hätte. War sie süchtig? Kam es mir in den Kopf. Sie schüttelte den Kopf. „Wer das von sich behauptet, den kannste schon vergessen.“, lächelte sie mit einem widerlichem Lächeln. Ich mochte sie nicht, aber ich hatte anscheinend noch andere Meinungen. Mich schauderte. Ich schloss die Augen, dass musste ein Traum sein. Ich legte meinen Körper auf die harte Bank und sagte: „Ich schlafe jetzt“. Lill nickte mir zu, aber ich wusste nicht, ob ich das zu mir oder zu ihr gesagt hatte. Ich tat als schliefe ich, ob wohl ich nicht schlafen konnte. Es war zu viel passiert. Yannik, hilf mir!, dachte ich, doch ich sprach es nicht aus. Ich hörte ein leises Klicken und kurz darauf wurde die Tür aufgerissen und ein: „Verhör!“, wurde herein gebrüllt. „Mitkommen!“, sagte eine andere Stimme zu mir. Ich schlug die Augen auf und blickte in die Augen eines Beamten. Erschrocken nickte ich und wollte mich gerade erheben, als Lill rief: „Er schläft gerade!“ „Schnauze!“, brüllte der Mann an der Tür. Ich senkte den Kopf und folgte den Beiden, unter lauten Protesten Lills und der Anderen, nach draußen in einen anderen, fremden Raum. Mir wurde befohlen mich auf einen Stuhl hinter einen Tisch zu setzten, gegenüber von einem älteren Mann. Die Beamten verließen den Raum und schlossen hinter sich ab. „Warum?“, fragte mich der Mann gegenüber. Ich zuckte die Schultern. Dies war die ehrlichste Antwort die ich geben konnte. Ich hielt den Kopf weiterhin gesenkt. Ich wollte nicht, dass jemand meine Tränen sah. Ich wusste nicht woher sie kamen, ich wusste nur, dass sie peinlich waren. „Was ist los? Wollen sie mir vielleicht etwas erzählen? Entschuldigen sie, wie unhöflich. Ich habe mich ja gar nicht vorgestellt. Ich heiße Max Braun.“, redete der Mann auf mich ein. Zwei Fragen, die ich nicht beantworten konnte, aber keine Fragen nach meinem Namen, die ich hätte beantworten können. Ich wollte es ihm trotzdem sagen, denn die anderen Fragen konnte ich ja nicht beantworten. „Ich heiße Niklas, Niklas Christensen.“, sagte ich und hob zum ersten Mal den Blick. Ich sah ihm in die Augen und der Blick war verwundert. „Habe ich was falsches gesagt?“, fragte ich. Der Mann, der sich Max Braun nannte, schwieg. „Es tut mir Leid, ich kann ihnen die anderen Fragen nicht beantworten. Ich würde es tun, wenn ich könnte!“ Der Mann schwieg immer noch. „Ich kann mir nicht einmal selber sagen was los ist“, versuchte ich es weiter, „ich weiß nicht was ich erzählen sollte, außer das ich keine Ahnung habe was los ist. Ich weiß es einfach nicht!“ Der Mann schaute mich an. „Sie sind Anfänger!“, gab er zurück. Fragend starrte ich ihn an. „Sie fallen auf den einfachsten Trick rein, mir den Namen zu sagen. Sie haben die billigste Ausrede auf Lager, um mir zu beweisen unschuldig zu sein. Entweder sie sind Anfänger, einfach dumm oder sie sind ein Psycho!“, gab er mir abfällig als Antwort. Ich wusste immer noch nicht wovon er sprach. Schnell schüttelte ich den Kopf. „Aber wieso sollte ich ihnen den Namen nicht sagen?“, fragte ich. „Ich stelle hier die Fragen!“, grunzte mich der Mann an. „So jetzt rück das Geld raus!“, meinte Braun. „W.. Welches Geld?“, fragte ich zögernd. „Ich stelle hier die Fragen!“, zischte er. Der Mann warf einen Blick auf die Uhr und erklärte mir, dass er jetzt Feierabend hätte und morgen wieder kommen würde. Ich wurde wieder in die kleine Zelle gesperrt. „Na wie wars??“, fragte mich Lill. Ich nickte nur müde und lächelte. Ich schloss die Augen und versuchte zu schlafen. Wie ich die Gesellschaft hasste, nichts wussten die. „Kommt er eigentlich mit?“, hörte ich die Stimme von Jail. Lill nuschelte irgendetwas und dann schüttelte sie mich. „Hey kommst du mit, wir hauen hier heute Nacht ab!“ Innerlich zuckte ich zusammen. Wie wollten sie es denn anstellen? Es wäre unmöglich und außerdem waren diese Kinder nicht gut für die da draußen, ich sollte die Polizei benachrichtigen. „Klar!“, antwortete ich ihr, trotz meiner Bedenken. Ich wollte hier heraus. Wir würden uns zwar verstecken müssen, aber besser als in diesem Gefängnis zu hocken. Gary rieb sich die Hände. „Endlich kommen wir hier raus!“, flüsterte er und grinste. „Woher hast du das T-shirt?“, fragte ich ihn, obwohl ich das gar nicht fragen wollen. Verdattert guckte er mich an, doch er riss sich zusammen. „Geil was, von Vokal!“ „Das sehe ich, aber hast du so viel Geld, dass du es dir leisten kannst?“, hakte ich nach. „Klar, nein man, das hab ich geklaut!“, antwortete er stolz. Ich selber besaß auch ein paar davon. Ich hatte sie geschenkt bekommen. Eins hatte ich mir auch selber gekauft. Winta kam auf mich zu und klopfte mir auf die Schulter. „Du kommst nicht von der Straße, was?“, fragte er leise. Ich schüttelte den Kopf. „Und du?“, fragte ich vorsichtig. Er nickte und lächelte schwach. „Seit ich 4 bin!“, antwortete er dann. „OH“, murmelte ich. „Mein Vater ist kurz nach meiner Geburt gestorben und meine Mutter bekam 2 Wochen nach meiner Geburt Krebs, sie hat mich zu ihrer Schwester gebracht, die hatte einen großen Sohn: Jail“ „Ihr seit Cousins?“, fragte ich nach. Winta nickte. „Seine Mutter ist 4 Jahre später gestorben, einen Mann hatte sie nicht und Jail war damals 8 und er wollte nicht ins Heim und so sind wir auf die Straße!“
Jail grinste und nickte. „Und wie alt seit ihr jetzt?“, wollte ich wissen. „Ich bin 13!“, beantwortete Winta die Frage. Ich war beeindruckt. Der Junge benahm sich nicht wie 13 und er sah auch viel älter aus. Also war Jail schon 17. Ich fragte mich wie alt Gary und Lill wohl waren. „Geht dich gar nichts an wie alt ich bin!“, fauchte Lill mich plötzlich an. Ich hatte wieder einmal keine Ahnung, wie sie wissen konnte, dass ich mich fragte wie alt sie war. Gary dagegen erzählte mir, dass er 15 war. Genau wie ich. „So, die Aktion steigt!“, zischte Lill da. Ich war noch sehr benommen von Wintas trauriger Geschichte, da hörten wir leise Schritte auf dem Flur, vor der vergitterten Tür. Alle sprangen auf ihre Positionen, nur ich hatte keine. „Wo soll ich hin?“ wisperte ich. „Leg dich auf die Pritsche und mach gar nichts!“, zischte Lill entnervt zurück. Ich nickte und tat wie mir geheißen. Ich hörte wie sich der Schlüssel im Schloss umdrehte. Gary und Jail hatten sich links und rechts von der Tür posiert, ich nehme an, dass sie den Wächter zu Boden schlagen wollen. Jail hatte außerdem sein T-shirt in der Hand, wozu das gut sein sollte würde ich ja bald erfahren. Winta und Lill standen etwas weiter vorne an, für den Fall das noch ein weiterer Polizist dabei sein sollte. Dann ging die Tür auf und alles ging ganz schnell. Gary schlug mit der Unterseite seiner Hand auf die Schläfe des Wächters und dieser sackte sofort auf dem Boden zusammen, während Jail ihm das T-shirt in den Mund stopfte, um mögliche Schreie zu dämpfen. Wir hatten Glück. Er war alleine gekommen. Schnell lief Lill hinaus und bedeutete uns mit zu kommen. Ich sprang auf und wollte hinter den anderen her rennen, als mich der stille, ganz in schwarz gekleidete Junge aus der Ecke am Arm fest hielt. „Hey, lass mich los!“, raunzte ich ihn an. „Du bist nicht so wie die anderen!“, begann er zu sprechen. Verwirrt sah ich ihn an. „Du kommst hier wieder raus, auf legalem Wege, du musst nicht abhauen, da kommst du in die ganz falsche Szene!“, flüsterte er weiter. „Ich..“, begann ich, doch aus der Ferne hörte ich den Ruf von Lill: „Kommst du jetzt Nik, sonst ist es zu spät!“ Wieder wollte ich los rennen, doch der Junge hielt mich immer noch fest. Ich schaute ihm in die Augen und sein Blick sah ehrlich aus, aber ich wollte hier raus. „Lass mich los!“, zischte ich wütend. Der Junge ließ los und ich rannte hinter den anderen hinter her. Was bildete sich der Junge eigentlich ein, von dem er noch nicht einmal den Namen wusste. Ich rannte weiter, einfach in die Richtung wo ich den Ausgang vermutete. Natürlich blieb unser Ausbruch nicht unentdeckt. Plötzlich ging der Alarm los und sämtliche Lichter entflammten. Ein stämmiger Polizist rannte hinter mir her, doch ich war schnell. An der Ecke sah ich Winta langsamer werden. Die anderen waren schnell weiter gerannt, doch er wartete auf mich. „Schneller!“, flüsterte er mir keuchend ins Ohr und ich rannte noch schneller. Ich achtete auf nichts mehr, sondern rannte nur noch. Direkt vor mir war die Tür der Polizeistation. Die Türen waren verriegelt worden, doch ich schmiss mich mit aller Kraft dagegen, das Glas zersprang. Splitter flogen mir ins Gesicht. Ich rannte weiter, durch das Loch im Glas, schrammte mir die Arme an den Scherben auf und rannte immer noch weiter. Ich spürte die kühle Nachtluft und fühlte mich frei. Am Rand des Polizeireviers entdeckte ich Lill und die Jungen in einem Gebüsch.. Schnell sprang ich zu ihnen. „Wo hast du Winta gelassen?“, erkundigte sich Jail bei mir. „Keine Ahnung, ich dachte er wäre hinter mir!“, antwortete ich und da wurde mir erst klar, dass er das nicht war. Er musste gefasst worden sein. Erschrocken riss ich die Augen auf. Jail schluckte. „Er hat es nicht geschafft!“, folgerte er. „Pech, auf den können wir nicht auch noch warten!“, zischte Lill ärgerlich. „Er ist mein Cousin!“, gab Jail zurück. „Na und?“, konterte Lill verständnislos. „Ich muss zurück!“. Jail sah fest entschlossen aus, aber da wurde Lill böse. „Niemals, ich hab diese Flucht geplant und dir fällt nichts Besseres ein, als sich den Bullen wieder auszuliefern?“ „Er ist mein Cousin!“ „Dann geh, wir kommen aber nicht mit!“ Lills Augen glitzerten vor Entschlossenheit. Gedemütigt stand Jail auf, er trat aus dem Gebüsch und lief auf die Polizeistation zu. „Los, lass uns gehen, bevor die das Gelände nach uns absuchen lassen!“, brummte Lill. Ich wäre Jail gerne gefolgt, aber ich hatte nicht den Mut mich noch einmal zu der Station zurück zu begeben. Ich bewunderte Jail, aber dazu blieb nicht viel Zeit. Lill sprang auf und au allen Vieren krochen wir auf die Straße, um von da aus in die Stadt zu kommen. Dieses Polizeirevier war nicht sonderlich gut gesichert. Sie besaßen nur zwei Zellen und die waren eher für Betrunkende und nicht für Schwerverbrecher und halt für Kinder wie uns, denen keiner einen Ausbruch zu traute. Als wir auf der Straße angekommen waren, flüsterte ich Gary ins Ohr: „Wo wollen wir eigentlich hin?“, „Zum Bahnhof und dann nach Hamburg!“, brummte er. Wollte ich nach Hamburg? Was war mit meiner Mutter? „Lill?“, fragte ich. Sie nickte. „Ich möchte vorher noch zu meiner Mutter!“ „Was willst du denn bei der?“, gab sie zurück, „die säuft doch eh und kümmert sich 'nen Scheißdreck um dich, oder? Die hat dich doch noch nicht mal versucht aus dem Gefängnis zu holen!“ „Ja, aber...!“, ich schluckte meine Antwort runter. Sie hatte Recht.
0 Kommentare
|