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kooperative Geschichten

Jules - "Halt" mich fest

30.09.2008

Ich laufe... laufe ein paar Meter... nur ein wenig... seit ein paar Stunden! Ich komme nicht voran... seitdem du gingst! Die Welt wirkt so leer, so leise. Ich höre meine Schritte, meinen Atem, sogar mein eigenes Herz, dabei dachte ich, es hätte bereits aufgehört zu schlagen... Ich bleibe stehen. Zu schwach für die nächsten Meter. Meine Beine vermögen mir keinerlei Halt, wovon du mir immer so viel gabst. Wo finde ich diesen noch? Ich lasse mich fallen. Hier werde ich bleiben, am Boden. Keine Kraft um noch einmal aufzustehen. Außerdem fühlt sich der Boden so kalt an, wie mein Herz seitdem du gingst. Das passt doch oder etwa nicht? Wenn ich hier liege kann ich zu dir empor schauen. Vielleicht bist du ja dort, irgendwo hinter der Wolkendecke. Sogar diese will mich daran hindern auch nur ein Stück deiner zu erblicken.
"Stehen Sie auf mein Kind." Jemand legte seine Hand auf meine Schulter: "Zu viel Trauer in diesem jungen Gesicht." Ich drehte mich nicht um. Damals hätte ich Angst gehabt, doch seitdem du weg bist hat nicht mal Angst mehr einen Sinn. "Wen kümmert's?!" flüsterte ich. "Freunde, Familie... wahrscheinlich sogar am meisten den, der für diese Trauer verantwortlich ist." Neugier erhob sich in mir, ich beobachtete den Mann aus dem Augenwinkel. "Warum solch' Trauer in den Augen? Wen vermögen Sie dort oben zu finden?" "Niemanden! Dort oben ist nichts! Man sieht nur Wolken!" antwortete ich forsch. "Für nichts erscheinen Sie mir ein wenig vertieft. Doch ich gestehe, es geht mich nichts an, allerdings sieht man auch in den Wolken einiges. Außergewöhnlich viel sogar, doch viel mehr verbirgt sich dahinter." versuchte der alte Mann mich zu belehren. Ich schwieg. "Verbirgt.." flüsterte ich. Eine Träne ran mir über das Gesicht. Der gebrechliche Mann legte seinen Gehstock zur Seite und ging behutsam in die Knie. Langsam hockte er sich neben mich. Man sah die Anstrengung in seiner Tat. "Verbergen, heißt nicht dort wäre nichts. Es ist nur nicht so leicht zu erkennen. Man muss genauer hinsehen um das wirklich Wichtige hinter all dem zu sehen. Sterne sind auch da, wenn du sie nicht sehen kannst." "Ich kann nichts erkennen.." antwortete ich. Er wischte mir eine Träne aus dem Gesicht. "Ich habe in einer Person alles verloren was mir so wichtig war! Alles! All meine Liebe, mein Glück und meinen Halt!" trauerte ich des weiteren. "Die Liebe tragen Sie weiterhin in sich und auch er wird dies tun! Schätzen Sie, dass Sie das Glück hatten diesen Menschen kennengelernt zu haben und von ihm geliebt werden durften und auch weiterhin geliebt werden. Denn es ist besser wenn man einen Menschen verliert, als ihn nie kennengerlernt zu haben. Halt finden Sie auch noch heute bei ihm, wenn Sie auch nur daran glauben. Er ist hier überall, doch findet man Halt auch nicht nur bei einer Person sondern auch bei so vielen anderen! Das ist ein weiterer Teil. Freunde und Familie stützen Sie Tag täglich und auch heute. Nun schauen sie genauer hin! Sie müssen hinter die Wolken schauen! Sie werden ihren Stern dort oben finden, wenn Sie ganz genau auf seine Zeichen achten. Er ist hier überall und wacht von dort ganz oben! Sehen Sie?"
Ich schaute noch einmal hin... ich überdachte seine Worte. Darauf versuchte ich Marc zu spüren. Ein Windzug striff meine Arme. Doch dort war noch was anderes. Mir wurde nicht kalt. Etwas schien mich von hinten zu umarmen um mich zu wärmen. Und es funktionierte! Nicht nur von außen, viel mehr noch von innen. Es gab mir Kraft. Ich schloss die Augen und genoss den Moment. "Bist du es?" flüsterte ich. Es fühlte sich an als würde mich jemand drücken und den Kopf als Antwort vertraut in meine Schulter hineinlegen. Schon erwischte ich mich dabei, wie ich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder lächelte.
Im nächsten Moment dachte ich daran was der Mann neben mir wohl denken muss. "Ich rede bereits mit mir selbst!" Doch bevor ich auch nur jeglichen Scham verspürgen konnte, sah ich seine verständnissvollen Augen: "Die Menschen, die uns wirklich Nahe stehen, stehen für immer Nahe bei uns. Egal wie weit sie körperlich entfernt sind. Und irgendwann da werden wir zu ihnen kommen. Ihr letzter Wunsch hingegen ist so wiedersprüchlich, wie ein Wunsch nur sein kann, dabei allerdings verständlicher als alles andere. Denn sie warten so sehnsüchtig auf uns, können es gar nicht mehr abwarten uns endlich wieder vollkommen bei sich zu haben, erhoffen sich hingegen, dass wir so spät wie möglich erst zu ihnen kommen." Nun sah ich viel tiefer noch in seinen Augen, hinter diesen Wolken, zwischen Verständnis und Weisheit, seine eigene Erfahrung, Sehnsucht und Erkenntnis. Weitere Minuten des Schweigens, doch ich fühlte mich ein wenig von meiner Last befreit. Als würde sie jemand ein wenig für mich halten....
"Nun lass uns aufstehen. Wir werden noch Krank wenn diese Kälte erstmal in unseren Körper eindringt!" sagte er. Gestärkter stand ich wieder auf. "Lassen Sie sich Zeit und Sie werden immer ein wenig stärker werden." Der Mann saß immer noch am Boden. Kläglich versuchte er sich wieder hinzustellen. Nun verstand ich welche Last er bewusst auf sich nahm, um mir ein wenig von meiner, obwohl er mich nicht kannte, abzunehmen. Er ergriff seinen Stock, doch auch dieser schien ihm nur bedingt Halt zu geben. Ich half ihm auf. "Sehen Sie? Wenn viele Hilfe leisten, ist jede Hürde und alles Klägliche um so schneller zu überwinden. Nehmen Sie die Hilfe an, denn so ist der Weg des glücklichen Lebens um einiges länger und weniger von Steinen geprägt."

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