Julie - Welcome to the Nobodies (Prolog)13.11.2008
Hmm, ich soll diesen Flüchtling dazu bewegen, die Stadt zu verlassen und sich nie mehr blicken zu lassen.
Er wird nämlich gesucht und wenn er nicht bald die Beine in die Hand nimmt, werden die Jäger kommen und ihn töten. Ja, schlimme Leute die Jäger. Ein falsches Wort und du bist weg, für immer. Der Mann war mal Metzger, hat tagtäglich mit dem Beil hantiert und Ochsen geschlachtet. Wäre eigentlich ein perfekter Kandidat als Anwärter für die Jäger, aber er ist nun mal ein Flüchtling.
Seine Fenster sind mit Brettern vernagelt und seine Hausklingel funktioniert nicht mehr. Also klopfe ich an. Als keiner aufmacht, gehe ich einfach rein - das ist immer so einfach bei alten Lagerhäusern. Es stinkt nach verwesten Fleisch… sind das etwa die Leute, die nur mit ihm reden wollten, die da als Filetscheiben auf den Tellern auf dem Esstisch liegen? Die Vorhänge sind zugezogen, obwohl die Bretter keinen Lichteinlass gewähren. Ich helfe mir mit einem Feuerzeug und einer Kerze, die auf dem Esstisch zu finden war. Langsam durchquere ich den Raum um in den nächsten zu gelangen, der Gestank wird schlimmer. Höre ich da Fliegen? Das sind die Miniausgaben von Aasgeiern. Mit größter Vorsicht setze ich einen Fuß vor den anderen. Dann entdecke ich den Metzger. Er sitzt zusammengekauert auf seinen kleinen Hocker in seinem kleinen Bad und - was hält er da in den Händen? Oh, sein Beil, genau das Messerscharfe Beil, das meine geschätzten Vorgänger schon zu spüren bekommen haben.
Er scheint gar nicht auf das flackernde Licht oder auf meine Anwesenheit zu reagieren. Ich habe ja schon oft gesehen, das gerade die Flüchtlinge geistig sehr labil sind, also muss ich viel Feingefühl an den Tag legen. “Hallo?”. Nichts. “Hallo!”. Jetzt bewegt er sich. Seine winzigen, runden Augen starren mich mit tiefster Leere an. Was denkt er wohl gerade? Denkt er überhaupt?
“Sie müssen fliehen, die Jäger werden bald hier sein”. Der Koloss regt sich. In voller Größe überragt er mich um gute Zwei Köpfe.
“Fliehen”. Seine grollende, Baritone Stimme hallt mir durch Mark und Bein. Fast in Zeitlupe schlurft er aus dem Bad in das Esszimmer in die Freiheit. Ich habe meinen Job gemacht und die Jäger werden sich schwarz ärgern.
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