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kooperative Geschichten

Mareike - Das Schattenauge- Abschnitt 2

18.03.2009

Der Kleinste, Patrick, war schon unten bei ihrer Mutter. Jetzt musste sie nur noch Jan suchen. In seinem Zimmer war er nicht, aber Sam wusste genau, wo er ansonsten war. Jan ging in ihre Klasse und konnte sich auch nicht so richtig einfügen, denn er wurde immer nur als Streber beschimpft. Er war ziemlich klein, hatte kurzes hellblondes Haar und hatte einen kräftigen Körperbau. Seine Stimme klang immer etwas heiser und unterdrückt. Aber Sam mochte ihn und er war auch eigentlich mehr so etwas wie ein Freund für sie. In den Pausen waren sie immer zusammen und konnten über alles reden. Auch zu Hause verbrachten sie oft Zeit zusammen und halfen sich gegenseitig bei den Hausaufgaben.
Am Ende des Flures war eine kleine alte Tür. Durch diese huschte Sam flink und leise, dann eine wackelige Treppe hinauf, die auf eine kleine Dachterasse führte. Und da war natürlich auch Jan. Doch er saß nicht, wie sonst, am Teleskop oder lag auf der Decke und machte Hausaufgaben oder lernte, sondern weinte stumm, dass Gesicht in den Händen begraben.
Erschrocken lief Sam zu ihm und hockte sich behutsam neben ihn.
"Jan, was ist denn los? Ist irgendetwas geschehen?", fragte sie besorgt.
Jan schluchzte einmal auf, hob aber dann den Kopf. Seine Augen waren rot und entzündet. Anscheinend hatte er ziemlich lange hier oben gesessen und geweint. "Es... ist nichts."
"Natürlich ist etwas. Sonst würdest du doch nicht weinen", entgegnete Sam sanft. "Also, was ist passiert?"
Jan blickte zu Boden. Es schien ihm sichtlich schwer zu fallen zu erzählen, was passiert ist. "Es ist... Ich sollte heute vom Laden im Dorf Butter für Mama holen, weil sie keine mehr hatte. Und auf dem Weg dorthin bin ich Daniel und seiner 'Gefolgschaft', wie er sie nennt, begegnet. Keine Ahnung, warum die hier im Dorf waren, die wohnen doch in der Stadt. Jedenfalls haben die mich zusammengeschlagen. Aber das ist ja vielleicht gar nicht das Schlimmste, denn sie haben mir so schrecklich gedroht."
Wieder traten Tränen in seine Augen.
Sam war geschockt. Ihr Bruder ist zusammengeschlagen worden! "Sie haben dich... Hast du irgendwelche Verletzungen?"
Patrick zeigte ihr sein Schienbein. Es blutete leicht und die Haut war abgeschrammt. Sam war sich sicher, dass es ganz fürchterlich brennen musste und vielleicht würde es sich sogar entzünden. Deshalb stand sie schnell auf, ging ins Bad und holte etwas Salbe und einen kleinen Verband.
"Meinst du nicht, dass das ein bisschen übertrieben ist?", schluchzte Jan.
"Wir wollen nichts riskieren."
Vorsichtig tupfte sie ihm etwas Salbe auf die Wunde und verband sie dann.
Währenddessen schimpfte Sam fürchterlich: "Diese dummen Jungen! Wie konnten sie das nur tun!? Na warte, wenn ich die in die Finger bekomme! Und so etwas nennen sich Schüler eines Gymnasiums! Vielleicht sollten wir unserer Klassenlehrerin Bescheid sagen. Womit haben die dir eigentlich gedroht?"
"Sie haben gesagt, dass ich zu Hause bleiben soll, ansonsten bringen die mich um. Und sie haben gesagt... also... dass sie dich vergewaltigen wollen und so was."
Nun war Sam völlig sprachlos. "Bist du dir sicher, dass die das waren? Nicht jemand anderes? So etwas ist slbst für diese Idioten ganz schön seltsam, auch wenn es nur leere Drohungen waren."
Jan wurde noch verlegener, doch schließlich sagte er: "Also... Sam, ich glaube, die waren betrunken."
Sam starrte ihren Bruder mit offenem Mund an. "Was soll das heißen? Sie waren... Sie waren betrunken... Bist du dir sicher?"
Jan nickte verzweifelt. "Ganz bestimmt! Die haben so rungegrölt und geschwankt wie Betrunkene. Außerdem habe ich ja die Flaschen gesehen, die sie in der Hand hielten. Das war Wodka, Sam!"
Sam nickte. Sie glaubte ihm. "Jetzt müssen wir es auf jedem Fall jemandem sagen. Das ist... einfach schrecklich."
"Aber was, wenn sie das heraus bekommen? Die verprügeln uns!"
"Keine Sorge, Jan. Darüber denken wir morgen noch mal nach. Wir finden eine Lösung. Komm jetzt, wir müssen runter. Die warten bestimmt alle schon auf uns."
Gemeinsam machten sie sich auf den Weg nach unten. Die Anderen hatten schon angefangen zu essen und ihre Mutter warf ihnen nur einen strengen Blick zu, als sie zu spät zum Essen kamen.
Aber es kam noch jemand zu spät. Sam wollte gerade ihren Vater begrüßen, da sah sie, dass er noch nicht zu Hause war. Das verwirrte sie. Eigentlich hätte er schon lange von den Feldern zurück sein müssen.
Gerade als Sam ihre Mutter fragen wollte, wo denn ihr Vater blieb, kam er herin. Schon wollte sie sich keine Gedanken mehr darüber machen, da sah sie, dass er nicht allein kam.
Ein weiterer Mann betrat den Raum. Erschrocken zuckte Sam zusammen, denn sie mochte keine Fremden im Haus. Am liebsten würde sie sich dann ganz schnell verstecken, aber sie riss sich zusammen und betrachtete den Mann. Er hatte kurzes schwarzes Haare und böse funkelnde Augen. Seine Haut sah grau und voller Schatten aus. Er war ziemlich groß und seine Hände besaßen lange, dürre Finger. Er trug Jeans und ein schwarzes T-Shirt. Sofort hatte Sam höllische Angst vor diesem Mann.
Er grinste die Familie an. Es war kein freundliches Grinsen, sondern ein gemeines, böses, etwas hämisches. Was wollte dieser Mann hier?
Ihr Vater beantwortete ihre Frage sofort, als ob er sie gehört hätte. "Hallo ihr alle! Entschuldigt, dass es etwas später geworden ist, aber ich habe einen alten Freund getroffen und da habe ich mir gedacht, ich kann ihn gleich zum Essen einladen. Das ist Karl, für euch Herr Mentel."
Sofort fragte Gustav: "Wie dein alter Freund? Und wo hast du ihn kennen gelernt?" Er liebte die Geschichten von seinem Papa und dieser liebte es, sie zu erzählen.
"Ja warte, ich erzähle gleich. Erst einmal müssen wir uns setzen", lachte er.
Zu Sams großem Entsetzen setzte sich der Mann ihr gegenüber. Böse grinste er sie an.
Die anderen schienen überhaupt nichts Seltsames oder Gruseliges an ihn zu finden, denn lachens und scherzend lauschten sie der Geschichte des Vaters.
Doch Sam nahm seine Worte gar nicht wahr. Wie hypnotisiert starrte sie den Mann an. Dieser sah erst weg und beteiligte sich mit seiner tiefen, leise Stimme an dem Gespräch, wandte dann aber den Blick zu Sam.
Zuerst grinste er noch böse, doch dann verschwand sein Lächeln und er sah sie nur noch mit bösem Ernst an. Sam fühlte sich, als würde sie von seinem Blick durchbohrt. Sie konnte nicht mehr denken, nahm nichts mehr um sich herum wahr.
Langsam aber sicher bahnte sich ein tiefer Schmerz in ihrem Herzen den Weg in ihr Bewusstsein. Sie fühlte sich, als ob ihr Herz zerissen wurde und verzweifelt versuchte sie die Kontrolle über sich selbst zurück zu erlangen, wollte den Blick von den Augen des Mannes lösen. Doch der Mann schien immer näher zu kommen, sein Blick grub sich immer tiefer in ihre Seele hinein. Er kam immer näher... Da hörte sie eine Stimme in ihren Kopf. 'Du kannst mir nicht entkommen, Sam!' Das gab ihr den Rest.
Kraftlos brach sie in sich zusammen und fiel mit einem Schrei der Verzweiflung zu Boden. Doch damit war das Leid nicht vorbei.
Zuerst konnte sie sich nicht rühren, doch dann überkam sie neuer Mut. Verzweifelt schreien wälzte sie sich auf dem Boden hin und her, bog den Rücken und schlug um sich. Sie bekam nicht mit, wie sich ihre Familie um sie versammelte, versuchte sie festzuhalten, ängstlich schrien und fragten, was denn los wäre. Das einzige, dass Sam whr nahm, war die Seele, die sich unaufhörlich in sie bohrte und alles in ihr ersticken wollte. Immer heftiger wehrte sich Sam. Doch schließlich hatte sie keine Kraft mehr, wusste, dass sie keine Chance gegen dieses Etwas hatte, dass sie vernichten wollte.
Sie blieb nur noch liegen, mit glasigen Augen an die Decke starrend, und merkte, wie sie immer mehr Dunkelheit umfing...
Doch da erklang eine weitere schöne klare Stimme in ihrem Kopf. Sie war lauter und es schien, als wich der Dunkelheit strahlendes goldenes Licht. 'Du wirst das nicht tun! Lass dieses Mädchen in Ruhe! Niemals wirst du gegen mich ankommen!'
Langsam kehrte etwas zu Sam zurück und sie war froh, dass es wieder bei ihr war. Es schien ihr wie ein guter Freund, den sie schon ewig kannte, und der sie plötzlich verlassen hatte, jetzt aber wieder zu ihr zurück kam.
Die erste Seele zog sich wiederstrebend aus ihr zurück und auch die zweite Seele verschwand nach einer Weile.

Fortsetzung folgt!

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