Geschichten, Gedichte, Kurzgeschichten, Lyriks
 
kooperative Geschichten

Sonnenfleck - Die Trümmerfrau

23.06.2009

Nicht ganz im Klaren darüber, ob ich mich unter den Trümmern befinde oder immer noch darauf, habe ich mein Haar zurück gebunden, die Ärmel meiner Bluse hoch gekrempelt, bereit den angehäuften Müll zu beseitigen.
Kommt es mir nur so vor, oder geht es trotz meiner Bemühungen nicht voran.
Mit all meiner Kraft räume ich, versuche ich zu ordnen, doch der Trümmerhaufen scheint unberührt zu bleiben.
Schweiß rinnt mir in die Augen, oder sind es Tränen.

Wozu diese Anstrengung, wozu diese Mühen?
Verzweifelt grabe ich weiter im stinkenden Unrat meines Lebens.
Immer weiter breitet sich die Resignation in mir aus.
Aber ich darf nicht aufgeben, muss weiter machen.
Für meine Kinder, für mich, für uns, für alles, was mir wertvoll ist.

Schatten verdunkeln mir die Sicht, just in dem Moment, da ich einen Schimmer entdeckt zu haben glaube, ein Lichtlein, ein leises Glühen.
Ungeduldig und erschöpft blicke ich mich um.
Ich sehe Menschen um mich stehen. Sie stehen reglos, steinern, bleiern.
Menschen, die mir wertvoll sind, die ich liebte und liebe.
Menschen, die in meinem Leben eine Rolle spielten und spielen.

Sie starren mich an, vorwurfsvoll, hoffnungsvoll, erwartungsvoll. Keiner rührt sich, mir zur Hand zu gehen.

Diese Frau da zum Beispiel, sie sagt:
„Das hätte ich dir sagen können. Du bist zu nichts nutze mit deinen unegalen Fingern.
Das hast du dir alles selbst zuzuschreiben. Du bemühst dich nicht genug, hast du noch nie.
Aber nein, das Fräulein weiß es ja besser. Hält sich für unwiderstehlich. Aber so schön bist du nicht.
Dumm bist du und albern.“
Meine Mutter wendet sich zum Gehen.
„Gott sei Dank bin ich schon unter der Erde, sonst würdest du vielleicht noch Hilfe erwarten.
Schau nur, wie du klar kommst. Musste ich ja auch.“

Mein Vater ergreift das Wort:
„Ich bin so stolz auf dich. Wie du das alles meisterst. Ich weiß ich hätte mehr tun können, aber das alles hat mich viel zu sehr belastet. Doch wie ich sehe, brauche ich mich um dich nicht zu sorgen.
Du bist stark und gut. Du schaffst das schon. Entschuldige mich jetzt bitte, aber ich fahre heute mit meinem Verein weg. Doch wie ich sehe hast du ja reichlich Unterstützung.“
Er zeigt auf all die Leute, die mir bei meiner Arbeit im Licht stehen. Dann geht er eilig, um seinen Ausflug nicht zu verpassen.

„Ich weiß gar nicht, was ich hier soll, “ meldet sich mein Stiefvater zu Wort.
„Doch frage ich mich, was du da für einen Unsinn machst. Lass den Scheiß liegen.
Du blöde Kuh machst mich ganz verrückt mit dem Schwachsinn. Wenn du das nicht lässt, tret ich dir mal gehörig in den Arsch. Verdammte Scheiße. Wofür hälst du dich?“
Er hastet davon, jedoch nicht ohne die Umstehenden zu stoßen und zu beschimpfen.

Plötzlich steht mein Ex-Ehemann hinter mir, in der geballten Faust seinen Dreck mit sich herum tragend.
„Weißt du, du machst das echt toll. Wie du das alles hin bekommst. Ich bin ja nicht in der Lage durch meine Krankheit und das alles. Aber eines muss ich dir doch sagen, dass mit den Jungs, da ist nicht alles so toll meiner Ansicht nach. Da musst du mal noch genauer hin schauen. So, ich leg mich dann wieder hin. Ist ja alles so scheiße für mich.“
Bevor er geht wirft er mir noch seinen Müll auf die Trümmer.

Seine Mutter und sein Vater nicken bekräftigend.
„Also, naja, „ sagt sie. „Man rennt auch nicht gleich davon, wenn es schwierig wird. Bin ich auch nicht. Man kann ja auch nicht von uns verlangen, dass wir uns unter diesen Umständen noch um unsere Enkel kümmern. Du kommst ja auch nicht mehr. Außerdem hast du einen neuen Mann. Der liegt mir gar nicht. Ein Grund mehr, die Brücken ab zu schlagen. Dass du so viele Sorgen mit deinen Söhnen hast, liegt wohl an deiner unzulänglichen Erziehung. Da haben wir ja auch nichts mit zu tun.
Wir haben das viel besser hin bekommen. Da kann man sich ein Beispiel nehmen.“
Sagt es und zerrt ihren Mann mit sich fort.

Eine Gruppe aus früheren Freundinnen und Freunde tuschelt miteinander.
„Man muss sich um seine Karriere kümmern. In dieser Welt hat nur Bestand, wer hart ist und ohne Gefühl.“
„So handhabe ich das schon mein Leben lang. Wichtig ist nur, wenn es sich um mich dreht.
Denn keinem ging es je so schlecht wie mir. Wer das nicht einsieht, muss auf meine Freundschaft verzichten.“
„Sie ruft ja auch nicht mehr an. Früher hat sie sich ja öfter gemeldet. Da hat sie sich mehr um mich gekümmert. Obwohl sie ja da auch schon viel zu sehr mit ihren Kindern beschäftigt war. Das sind doch keine Babies mehr.“
„Was habt ihr noch so vor. Gehen wir einen Kaffee trinken?“
„Super. Und denkt daran. Heute Abend ist Party.“
„Ich kann nicht mit, wegen der Kinder.“
„Ach Gott, jo. Dann soll dein Freund mal auf passen.“
Weg sind sie.

Mein Bruder und meine Schwester knien sich zu mir herunter.
„Na, „ fragen sie. „Kommst du voran?“
Beherzt packen sie mit an.
„Geht ihr lieber mal euren Haufen abbauen, „ sage ich.
Ich küsse sie und klopfe ihnen ermutigend auf die Schultern.


2
Meine Söhne setzen sich neben mich. Ich blicke in ihre geliebten Gesichter.
„Mama, wir wollen dir helfen. Wir wissen aber nicht wie. Angst und Trauer scheinen uns zu erdrücken und zu lähmen. Sind wir denn gut genug für diese Welt in der uns keiner je wollte und liebte, außer immer nur du. Nun sehen wir dich einmal mehr am Rande deiner Kraft. Doch so schlimm war es noch nie. Gerne würden wir dir von der Verantwortung ein Stück abnehmen, aber was, wenn wir scheitern und alles noch viel schlimmer machen?“
Weinend suchen sie den Halt, den sie bräuchten, den viele ihnen zuteilwerden lassen sollten.
Den Halt, den ich ihnen in dieser Größenordnung nicht geben kann.
Ich gebe ihnen alles, was ich geben kann, erfüllt von Liebe und Sorge, mir meiner Fehler, die ich begangen habe allzu bewusst. Und ich weiß, sie geben alles, was sie können. Um mehr zu tun, müssen sie lernen zu vertrauen, sich zu vertrauen. Auch sie beginnen im Kleinen zu graben.

Meine Kollegin tritt herzu und wirft einen Trümmerteil nach dem anderen auf den Haufen.
„Ich bin die Beste, die Schönste, die Gesündeste, die Bemitleidenswerteste, die Erfolgreichste.
Und du bist meine größte Konkurrentin, aber nicht wirklich. Denn ich schicke dich weg in den Wald mit dem Jäger, auf das er mir dein Herz bringe, zum Beweis, dass er dich getötet hat.
Selbst schuld, wenn du so mitfühlend bist, so kollegial und ehrlich. Aber ich bin viel sozialer und besser, als du. Ich bin der bessere Mensch. Gerade heute Morgen fragte ich meinen Spiegel.
Und der muss es wissen.“
Sie steuert noch einen besonders großen Brocken zu meinen Scherben dazu, dann verlässt auch sie kichernd das Szenario.

Mein Mann tritt hinter mich und legt mir gönnerhaft die Hände schwer auf meine Schultern. Das behindert mich bei der Arbeit.
„Bitte nimm die Hände da weg, „ sage ich.
Schmollend lässt er sich mitten auf dem Berg nieder.
„Was tust du da?“
„Ich muss den Trümmerhaufen beseitigen.“
„Wenn ich mal was sagen darf dazu, aber flipp nicht gleich wieder aus.
Du machst das nicht richtig. Und die Jungs auch nicht. Geht mal da weg, so wird das nichts.
Euch kann man ja nicht zuschauen. Außerdem behindert ihr eure Mutter bei der Arbeit.“
Er scheucht die Jungs davon.
Eingehend betrachtet er einen Scherben.
„Hahaha, dieser hier erinnert mich an meine Jugend....“
Endlos beginnt er zu erzählen, wobei er von einem Thema zum nächsten hüpft.
„Bitte. Ich muss mich konzentrieren, “ flehe ich.
Er zieht ein Gesicht.
„Ich könnte dir ja helfen.“
„Das wäre toll.“
Und so macht er sich daran meinen geordneten Haufen wieder auf die Trümmer zu werfen.
„Jungs, ihr steht im Weg. Weg da. Platz da. Geht lernen. Sonst landet ihr als Penner noch unter der Brücke.“
Den Umstehenden ruft er zu:
„Ihr glaubt ja nicht, was die Beiden uns Sorgen machen. Richtig kleine Drecksäcke sind das.“

3
„Bitte, „ werfe ich ein. „Du bringst ja wieder alles in Unordnung.
Und bitte rede nicht so über meine Kinder.“
„Weißt du was, dir kann man es nicht recht machen. Dann halt ich mich da jetzt mal raus.
Ich geh mein Computerspiel spielen. Das hab ich nur für dich unterbrochen.
Und mit deinen Jungs schaust du halt auch mal wie du klar kommst. Lässt dir ja doch nichts sagen.
Ich bring das Geld bei und sonst darf ich Schnauze halten......“

Mit jedem Wort, welches er sagt, fällt ein weiterer Brocken auf den Haufen.
Ich bin schon fast verschwunden, doch er ist nicht zu bremsen.

Als ich wieder zu mir komme, liege ich immer noch unter den Trümmern.
Ich höre grabende Geräusche und schöpfe neue Hoffnung.
Endlich sehe ich die wolkenverhangene Sonne.
Die grabenden Hände gehören meinen Kindern. Sie weinen und haben Angst.
Völlig erschöpft und ermattet schicke ich sie vor den Fernseher oder den Computer.
Jetzt duschen und schlafen.
Doch mein Gewissen lässt mich nicht zur Ruhe kommen.
Da sind immer noch die Trümmer; der Hügel scheint höher, als zuvor.
Um meine Kinder muss ich mich auch noch kümmern, um meine Ehe und mich.

Dann wird es dunkel um mich herum.


Carlie
Geht es bei der Geschichte noch weiter? Ich finde sie gut!

Sonnenfleck
Danke, Carlie, aber hier ist Schluss. Ein offenes Ende.