Paulina-Chevonne - Entgegen der Dunkelheit 328.01.2010
Entgegen der Dunkelheit 2
Buch 1
Für die Welt bist du irgendjemand,
aber für irgendjemand bist du die Welt.
Erich Fried
Kapitel 1: Herzensangelegenheiten
Ich war wach, aber ich wagte es nicht, meine Augen zu öffnen. Ich wollte den Moment eine Weile genießen.
Die Sonne, deren Strahlen nicht allzu warm waren, legten sich auf meine Haut. Das konnte ich ganz genau spüren. Es war still hier, aber ich konnte das Summen und Rauschen der Stille hören. Wer behauptet, dass man sie nicht hören kann?
Ein holziger Duft zog mir in die Nase. Der Geruch vermischte sich mit dem von Büchern und mit gutem Waldduft.
Etwas raschelte neben mir. Ich öffnete die Augen.
Oscar kletterte auf mich und schleckte mir durch das Gesicht.
Dann leises Klopfen.
Lucien betrat den Raum.
>>Guten Morgen, Jane. Ich habe gehört, dass du aufgewacht bist.<<, sagte er mit seiner wunderbaren, engelsgleichen Stimme.
Noch immer war ich völlig überwältigt bei dem Gedanken, dass Lucien ein Vampir war. Wie viel sie doch konnten und wie schön sie waren... Es war unglaublich, dass es solch wunderbare Wesen gab...
>>Morgen, Lu... Sind die anderen schon unten?<<
>>Ja. Sie warten schon auf uns. Allerdings habe ich überhaupt keine Lust auf Brot... Insgesamt schmeckt mir das Essen nicht...<<
>>Was? Du magst Mom's Essen nicht?!<<, fragte ich ungläubig.
>>Jane, ich bin ein Vampir. Wir ernähren uns von Blut. Menschenblut.<<
Er verdrehte die Augen.
>>Entschuldigung... Aber mich... Du...<<, setzte ich an.
>>Nein. Dein Blut würde ich niemals anrühren, auch wenn der Gedanke daran noch so verlockend ist... Ich ernähre mich nur von dem Blut von Schwerverbrechern und schlechten Menschen, weißt du?<<
Ich nickte und rappelte mich auf.
>>Wieso sagst du Mom und Dad nicht, was du bist?<<
>>Das geht doch nicht! Jane, wie kannst du nur so etwas denken? Sie würden völlig ausrasten, sie würden mir nicht glauben... Warscheinlich würden sie glauben, ich wäre verrückt...<<
Beschwichtigend hob ich die Hand.
>>Schon gut. Komm mit.<<
Ich packte ihn an der Hand und zog ihn mit mir hinunter. Oscar folgte uns und wedelte erwartungsvoll mit dem Schwanz.
Gestern hatte ich Lucien über sein Leben als Vampir ausgefragt. Er hatte gesagt, dass es ein Fluch sei, ein Vampir zu sein. Wenn er sich aussuchen dürfe, was er sein dürfte, würde er ein Mensch sein wollen...
Aber ich glaubte ihm nicht. Es musste unbeschreiblich toll sein, ein Vampir zu sein...
Man konnte alles, man war klug und schön... Und man lebte ewig. Was wollte man mehr?
>>Guten Morgen!<<, rief ich, als ich in die Küche trat.
Die Brote lagen schon auf den Tellern. Als sich Lucien an seinen Platz setzte, betrachtete er das Brot angeekelt.
Während die anderen aßen, schnappte er das Brot und schob es unter den Tisch. Dann warf er mir einen hastigen Blick zu.
Wir grinsten uns an.
Doch Lucien's Blick änderte sich schlagartig von belustigt zu zärtlich.
Mein Herz begann, schneller zu schlagen und zu stolpern. Am liebsten würde ich jetzt in seinen Armen liegen...
Denn mittlerweile war ich mir bewusst, dass ich mich in ihn verliebt hatte. Wie lange hatte ich dieses Gefühl mit mir herumgeschleppt, ohne zu wissen, was es bedeutete?
Oscar schlabberte das Brot auf. Hastig spähte ich unter den Tisch. Der Hund legte seinen kleinen Kopf auf Lucien's Bein und schaute diesen mit seinem herzerweichenden Hundeblick an. Lucien lächelte so atemberaubend, dass mein Atem stockte.
Vor ein paar Tagen hatte ich noch geglaubt, dass er mein Bruder war, obwohl er eigentlich adoptiert war, und jetzt gehörte mein Herz bereits ihm.
Er hatte mir erklärt, dass Menschen sich meistens sofort in die schönen Vampire verliebten, sich aber in ihrer Nähe nicht wohl fühlten. Er hatte gesagt, dass ihr Urinstinkt sie von den Vampiren fernhielten.
Warum war das bei mir nicht so? Außerdem fühlte ich mich in seiner Nähe sehr wohl. Vielleicht lag das daran, dass er schon immer bei mir war, und dass ich ihn seit meiner Geburt kannte.
So gerne ich es wollte, ich konnte ihm noch nicht sagen, was ich für ihn empfand. Möglicherweise wusste er das aber auch schon, denn Vampire konnten alles. Aber wenn er es wissen würde, würde er doch etwas sagen, oder? Wollte er mir vielleicht sogar eine Abfuhr erteilen und traute sich nicht, weil er dann meine Gefühle verletzen würde? Nein, das ergab keinen Sinn.
>>Mom, ich gehe jetzt mit Oscar spazieren.<<, sagte ich und stand auf.
Dann machte ich den kleinen Labradorwelpen an die Leine und führte ihn nach draußen.
Der Schnee war immer noch so hoch, dass Oscar darin verschwand.
Wir würden woanders hinfahren müssen und auf einem Spaziergängerweg laufen müssen.
Diesmal würde ich mit meinem eigenen Auto fahren.
Ich schloss die Garage auf.
Mein Auto stand ganz vorne. Ein wenig stolz strich ich über den schwarzen Lack meines Jaguars. Dieser Wagen war ein seltenes Exemplar. Zum Glück hatte mir Dad noch die Schneeketten an die Reifen gemacht.
Ich setzte Oscar auf den Beifahrersitz und lies mich dann neben ihm nieder.
Hoffentlich würden wir in dem Schnee fahren können.
Nachdem ich den Schlüssel eingesteckt hatte, trat ich heftig auf das Gaspedal.
Wenn ich schnell anfahren würde, könnten wir eventuell nicht im dichten Schnee einsinken.
Ruckartig schoss das Auto nach vorne. Oscar und ich wurden gegen die Sitzlehnen gepresst.
Juhuuu, ich hatte es geschafft! Wir waren draußen und ich konnte fast problemlos in dem Schnee fahren!
Es dauerte einige Minuten, bis ich einen geeigneten Fußgängerweg gefunden hatte.
Doch dann stiegen wir endlich aus und gingen los.
Oscar tollte fröhlich herum. Auf dem Weg war der Schnee nur ein paar Zentimeter hoch.
Plötzlich legte jemand seine kühle Hand auf meine Schulter. Erschrocken drehte ich mich herum.
Zac grinste mir entgegen.
>>Zac! Du bist es! Wie schön, dich wieder zu sehen! Was machst du denn gerade so?<<, fragte ich erfreut.
>>Hi, Jane. Ähm... Ich... Ich war gerade bei... Äh, ich habe einer älteren Dame über die Straße geholfen.<<
>>Aber hier fährt doch so gut wie kein Auto.<<
>>Nein, aber die Straßen sind glatt.<<
Seine Antworten klangen sehr verdächtig nach Ausreden.
Wir schlenderten nebeneinander den Weg entlang.
>>Zac?<<
>>Hmm?<<
>>Was tust du mit mir, wenn ich dir jetzt etwas sage, das etwas mit dir zu tun hat? Also, ich meine, mit einem Geheimnis von dir...<<
>>Du weißt ein Geheimnis von mir? Eigentlich habe ich nicht viele... Aber höchstwarscheinlich würde ich dir dann deinen Mund zukleben und dich kitzeln.<<, sagte er.
Einige Zeit überlegte ich, ob ich ihm sagen sollte, dass ich wusste, was er war. Doch dann sprudelte es aus mir heraus.
>>Ich weiß über alles bescheid. Du bist ein Vampir. Aber ich habe trotzdem keine Angst vor dir.<<
Er blieb wie angewurzelt stehen.
>>Lucien hat es dir erzählt, oder?<<, brachte er mühsam hervor.
>>Ja. Er konnte es mir nicht länger verheimlichen, nachdem so viele geheimnisvolle Dinge passiert sind...<<, antwortete ich.
>>Weißt du auch, von was sich Vampire
ernähren?<<
>>Na klar! Von Menschenblut!<<
Er starrte mich ungläubig an.
>>Wie kannst du so gelassen neben mir laufen, wenn du weißt, was ich bin? Normalerweise fühlen sich Menschen in der Gegenwart eines Vampirs überhaupt nicht wohl...<<
>>Ich weiß. Aber bei mir scheint das anders zu sein. Ich fühle mich geborgen, wenn du und Lucien bei mir seit.<<
Er lächelte mich an.
>>Das ist schön... Eigentlich ist das gar nicht gut, aber ich fühle mich gerade wunderbar... Weißt du, ich könnte dir nämlich gefährlich werden...<<
>>Keine Sorge, das wirst du nicht. Ich vertraue dir.<<
Dann sagten wir nichts mehr und spazierten Seite an Seite durch den Schnee.
Die Schneeflocken, die vom Himmel segelten, legten sich auf meine Haare. Langsam sanken sie zu Boden und blieben dort liegen, während sie von anderen überdeckt wurden.
Ich spürte das dringende Bedürfnis, Zac zu sagen, was ich für Lucien empfand. Trotz Mühe wollte es mir nicht über die Lippen kommen.
Doch dann fasste ich Mut und stotterte:
>>Zac? D-Darf ich dir etwas sagen? Aber du darfst es niemandem verraten, es ist ein Geheimnis...<<
Er schaute mich gespannt an.
>>Ja, Jane?<<
>>Ich... Also, Lucien ist ja nicht mein richtiger Bruder, wie du schon mitbekommen hast... Aber er wurde adoptiert und lebt bei uns. Und er...<<
>>Jane, rede nicht um den heißen Brei rum.<<
>>Okay... Ich glaube, dass ich mich ganz furchtbar in ihn verliebt habe...<<
Mein Kopf lief knallrot an.
Seine Gesichtszüge regten sich nicht.
>>Und das wolltest du mir also sagen?<<
Überrascht starrte ich ihn an. Konnte es möglicherweise sein, dass ich ihn verletzt hatte?
Doch aufeinmal lachte er laut los.
>>Deswegen hast du über zehn Minuten lang mit den Worten gerungen und dir überlegt, wie du mir das sagen kannst?<<
Natürlich. Ich hätte es wissen müssen.
Vampire waren verdammt aufmerksam, sie merkten alles. Und Zac hatte selbstverständlich bemerkt, wie ich über die richtigen Worte nachgegrübelt hatte.
>>Ja, ich habe gewusst, dass du dir eine Formulierung ausdenkst!<<, sagte er, als hätte er gerade meine Gedanken gelesen.
>>Woher weißt du, was ich denke?<<
Immer noch grinsend tätschelte er mir den Kopf.
>>Liebes Janilein, du bist nun mal leicht zu durchschauen.<<
>>So leicht nun auch wieder nicht!<<, gab ich trotzig zurück.
>>Darf ich dir auch etwas verraten?<<, fragte er.
Neugierig musterte ich ihn.
>>Na klar! Was denn?<<
>>Ich glaube ebenfalls, dass ich mich verliebt habe.<<
>>Jaaaa? In wen denn?!<<
>>Oh... Jetzt bist du aber neugierig! Ich gebe dir einen Hinweis: Sie ist kein Vampir.<<
Automatisch schloss ich Phoebe aus.
>>Wer ist es denn? Jetzt sag schon!<<
Er schluckte.
>>Na gut. Verrate ihr aber nichts. Es ist Delilah... Als ich sie damals kurz im Kaufhaus gesehen habe, ist es sofort um mich geschehen... Und du weißt, dass sich Vampire nur einmal in ihrem Leben verlieben?<<
Ich nickte.
>>Wow, Delilah?! Freundchen, da hast du aber eine verdammt gute Wahl getroffen! Sie ist meine beste Freundin!<<
>>Sie ist... so menschlich... Ich habe mir seit dem Tag gewünscht, sie wieder zu sehen... Aber ich möchte sie nicht in Gefahr bringen, deshalb verzichte ich auf sie... Außerdem würde sie nach einiger Zeit bestimmt merken, dass etwas nicht mit mir stimmt... Und ich habe keine Ahnung, was sie für mich empfinden würde...<<
>>Oh... Ja... Da gibt es durchaus Probleme...<<, sagte ich.
>>Was meinst du denn damit? Hat sie schon einen Freund?<<
>>Nein, aber sie ist total in Lucien verliebt... Aber ich will irgendwie nicht, dass sie das ist!<<
Er drückte mich an sich.
Alles an dieser Umarmung fühlte sich richtig an. Es war eine rein freundschaftliche Umarmung. Es fühlte sich verdammt gut an, von jemandem umarmt zu werden, den man als guten Freund bezeichnen konnte. Es herrschte keine bedrückende Liebeskummersehnsuchts-Atmosphäre, sondern eine einfache und tiefe freundschaftliche Atmosphäre.
>>Ich kann verstehen, dass du das nicht willst. Schließlich bist du auch in ihn verliebt. Ich finde, du musst es ihr sagen, das ist die beste Möglichkeit.<<
>>Womöglich hast du recht...<<, entgegnete ich.
Plötzlich hatte ich die rettende Idee.
Ich würde es ihr morgen sagen. Morgen würde ich sie zu mir einladen.
>>Zac! Ich hab's! Du kommst morgen um drei Uhr zu mir nach Hause! Delilah wird auch kommen, versprochen! Dann sage ich ihr, dass ich Lucien liebe und... Nein, Moment mal... Er kann uns ja hören... Sie kommt morgen und soll sich in dich verlieben und dann muss ich ihr nicht sagen, was ich für Lu empfinde! Und du kannst sehen, was sie fühlt! Wie findst du
das?<<
>>Du bist ein schlaues Mädchen... Von mir aus können wir das so machen!<<
Ich schlang meine Arme um seinen Hals.
>>Super! Ich freue mich schon so! Das wird super, du wirst schon sehen! Dann können wir auch einen Film zusammen schauen!<<
>>He, Jane... Mach mal langsam, ja?<<
>>Aber ich freue mich so!<<
>>So leicht, wie du dir das mal wieder vorstellst, geht das aber nicht... Delilah kann sich nicht einfach so in mich verlieben...<<
>>Ach, Zac! Du wirst schon sehen!<<
Dann verabschiedete ich mich herzlich von ihm, schnappte mir Oscar und fuhr nach Hause.
Lucien öffnete mir die Haustüre.
>>Oh... Hallo, Jane. Du bist gut gelaunt... Was ist passiert?<<, fragte er.
>>Ich habe Zac getroffen. Und jetzt entschuldige mich bitte!<<
Ich huschte an ihm vorbei in den Flur. Aufgeregt wählte ich Delilah's Nummer und wartete, bis sie endlich abhob...
Dann verkündete ich ihr, dass sie morgen pünktlich um drei Uhr kommen solle. Von Zac verriet ich ihr aber noch nichts...
Abends schlüpfte ich voller Vorfreude in mein kuscheliges Bett. Lucien klopfte an die Türe und kam mit übermenschlicher Geschwindigkeit in mein Zimmer. Er legte sich neben mich auf das Bett und streckte sich aus.
>>Morgen kommen also Zac und Delilah zu
uns?<<, sagte er.
>>Ja. Weißt du, was ich an Vampiren nicht
mag?<<, fragte ich.
>>Was denn?<<
>>Dass sie so gut hören. Man kann ihnen fast gar nichts verheimlichen.<<
Er lachte leise und melodisch. Seine Stimme raubte mir den Atem.
Dann herrschte einige Minuten Sprechpause, bis ich das Schweigen brach.
>>Du? Lucien?<<
>>Hmm?<<
Ich dachte an heute mittag zurück, als Zac zu mir gesagt hatte, ich wäre leicht zu durchschauen.
>>Bin ich leicht zu durchschauen?<<
Wieder lachte er leise. Dann tastete er nach meiner Hand und umschloss sie mit seiner.
>>Ich finde, du bist überhaupt nicht leicht zu durchschauen. Okay, manchmal weiß ich, was du vorhast, aber sonst...<<, sagte er.
Erleichtert schmiegte ich mich an ihn.
>>Lucien, ich bin so froh, dass ich dich habe.<<, flüsterte ich.
Er schaute mich lange und zärtlich an.
>>Auch wenn ich gar nicht dein Bruder bin? Weißt du, damals hatte ich schreckliche Angst, du würdest mich hassen, weil ich dir nie gesagt habe, dass ich gar nicht dein Bruder bin...<<
Nach kurzem Zögern entgegnete ich:
>>Selbst wenn du Menschen tötest und selbst wenn du etwas schlimmes tun würdest, ich könnte dich niemals hassen...<<
Dann legte ich meinen Kopf auf seine Brust und schloss die Augen. Ich hörte kein Herz in seiner Brust schlagen.
>>Ich liebe dich, Jane.<<, sagte er, als wäre das das selbstverständlichste auf der Welt.
>>Hmmmhmm...<<, machte ich.
Mir fielen die schweren Augenlieder zu. Ich war zu müde, um noch länger wach zu bleiben.
>>Ich meine, ich liebe dich wirklich.<<, raunte Lucien sanft.
Doch ich konnte nichts mehr erwiedern, ich war zu müde und schlief sofort ein.
Als ich am nächsten Morgen erwachte, lag Lucien noch genau so neben mir, wie ich auf ihm eingeschlafen war.
Natürlich hatte er nicht geschlafen.
Munter sprang ich aus dem Bett. Heute waren Mom und Dad nicht zu Hause.
>>Lu? Hilfst du mir, das Haus auf Hochglanz zu bringen?<<
>>Man... Muss ich ja wohl... Ich frage mich, wozu wir Angestellte haben, die das Haus eigentlich putzen sollten...<<
>>Sei nicht so faul! Unsere Putzkräfte haben sich die Auszeit redlich verdient!<<, sagte ich.
Er schwang sich aus meinem Bett und gemeinsam gingen wir hinunter, um zu saugen.
Ich erhaschte einen kurzen Blick in Mokka's Zimmer. Sie schlief noch. Ich schloss ihre Türe, damit sie nicht von dem Lärm des Staubsaugers aufgeweckt wurde.
Lucien packte den Sauger und legte los.
>>Lass mich das machen.<<, meinte er nur.
Wenige Sekunden später saugte er mit übernatürlicher Geschwindigkeit das komplette Haus. Staunend sah ich ihm zu.
>>So, fertig.<<, sagte er dann nach einer Weile.
>>Danke, Lu.<<
Wir räumten alles sorgfältig auf und dank Lucien's Hilfe waren wir nach wenigen Minuten fertig.
Mokka war mittlerweile auch wach. Sie freute sich schon, meine Freunde kennen zu lernen.
Und endlich: Um Punkt drei Uhr kam Zac zu uns.
>>Hi, Zac! Du bist pünktlich!<<, sagte ich.
>>Du weißt ja: Vampire.<<
Ich erklärte ihm, dass er sich in der Gegenwart von Mokka wie ein Mensch benehmen solle.
Und als Mokka aus der Küche gerannt und zu uns in Flur kam, blieb sie stocksteif stehen, als sie Zac sah.
Ihre Wangen färbten sich rötlich. Fasziniert musterte sie Zac. Ich merkte, dass sie völlig überwältigt war.
>>Stell dich doch mal Zac vor.<<, sagte ich zu ihr.
Langsam näherte sie sich uns, dann reichte sie Zac die Hand.
>>H-Hallo! Ich bin M-Mokka.<<
>>Freut mich sehr, Mokka. Ich bin Zac.<<
Schüchtern starrte sie zu Boden.
>>Komm mit, Zac. Du kannst dich schon mal ins Wohnzimmer setzen. Mokka leistet dir bestimmt gerne Gesellschaft.<<
Mokka schaute mich warnend und ein wenig leidend an. Ich zog sie mit in die Küche und schloss hinter uns die Türe.
>>Spinnst du?! Weißt du, wie hübsch der
ist?!<<, rief sie aufgebracht.
>>Komm schon. Ich muss noch etwas vorbereiten, bis Delilah kommt. Und allein kann er da auch nicht sitzen.<<
>>Aber...! Duuu, Jane?<<
>>Ja?<<
>>Ich glaube, ich hab mich in ihn verliebt.<<
>>Umso besser. Geh schon!<<
Ich musste grinsen, denn ich wusste ganz genau, dass Zac uns jetzt hören konnte.
Sie trottete mit gesenktem Kopf ins Wohnzimmer zu Zac.
Als ich alles erledigt hatte, gesellte ich mich zu ihnen.
Mokka und Zac waren gerade in ein freundliches Gespräch vertieft. Wie zufrieden Zac doch aussah...
>>Entschuldige bitte kurz, Mokka.<<, sagte er und schnappte mich am Ellbogen.
Verwundert folgte ich ihm in die Küche.
>>Was willst du denn jetzt, Zac? Stimmt etwas nicht?<<
>>Naja... Ich weiß nicht... Ich glaube, deine Schwester gefällt mir.<<
>>Ja, sie ist ein nettes Mädchen.<<, bestätigte ich.
Doch dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen und ich wusste, was er damit meinte.
>>Oh, man! Nicht wirklich, oder?! Du meinst, du... Du hast dich in Mokka verliebt?!<<
Beschämt senkte er den Kopf.
>>Ich fürchte, ja... Tut mir leid! Aber weißt du, als ich sie damals im Wald zum ersten Mal gesehen habe, da...<<
>>Und was ist mit deinen Gefühlen für
Delilah?<<, unterbrach ich ihn.
>>Das waren wohl nur freundschaftliche Gefühle...<<
>>Okay... Meinst du nicht, dass Mokka noch etwas zu jung ist für eine... Beziehung?<<, fragte ich.
>>Doch. Noch ein wenig. Aber sie altert und wächst, und ich eben nicht. Es wird nicht lange dauern, bis sie genauso alt sein wird wie ich. Also, im menschlichen Sinne... Außerdem kann ich warten, ich habe Zeit.<<
>>Du hast echt Glück, Freundchen. Sie hat sich nämlich in dich verliebt.<<
Plötzlich strahlte sein ganzes Gesicht.
>>Ich habe es gehört.<<
Er grinste. Ja, er wirkte wirklich glücklich.
Ich packte ihn am Arm und zog ihn ins Wohnzimmer zurück, wo er sich neben Mokka niederlies.
Die beiden strahlten sich an, ohne etwas zu sagen. Ich kam mir vor wie ein ungebetener Gast.
Dann klingelte es endlich an der Türe. Sofort sprang ich auf und lies Delilah rein. Als wir beiden in das Wohnzimmer kamen, bot sich mir ein niedlicher Anblick:
Mokka saß mit glühenden Wangen in Zac's Schoß.
Zac wusste anscheinend nicht, was er tun sollte. Sein Blick verriet mir, dass er hilflos war.
>>Darf ich vorstellen? Das ist Zac, ein guter Freund von mir.<<, sagte ich.
>>Hi!<<, rief Delilah und schüttelte ihm die Hand.
Dann lies sie sich nieder und starrte zu Lucien hinüber.
Nach einiger Zeit bemerkte ich, wie gut sich Delilah und Zac verstanden. Sie machten Witze und unterhielten sich freundlich. Aber Zac's Augen hingen an Mokka, die nicht wagte, sich von ihm zu entfernen.
Offensichtlich mochte Delilah ihn, aber sie war nicht in ihn verliebt. Die beiden wollten wohl einfach nur Freunde sein.
Lucien war noch weißer als sonst. Warscheinlich machte er sich Sorgen um Mokka, die einfach so ungestört auf dem Schoß eines Vampir's saß.
Oscar tapste herein und hüpfte neben Delilah, die sofort begann, ihn zu kraulen.
Wir alle hatten eine Menge Spaß. Aber selbst die schönsten Tage nahmen einmal ein Ende.
Langsam wurde es dunkel, und Delilah war die erste, die ging.
>>Mach's gut. War schön heute.<<, sagte ich, als ich sie an der Haustüre verabschiedete.
>>Ja! Dein Freund ist auch sehr nett! Würde mich freuen, wenn wir mal wieder so ein Treffen machen!<<
Dann lief sie zu ihrem Auto, mit dem sie kurze Zeit später wegfuhr.
Im Wohnzimmer hatte sich Mokka nun dicht an Zac gekuschelt.
>>Mokka, Kleines, kannst du bitte aufstehen? Ich muss jetzt auch langsam nach Hause.<<, murmelte Zac.
Gehorsam erhob sich meine Schwester von ihm und lies ihn aufstehen.
>>Ich will, dass du mich wieder besuchen kommst!<<, rief Mokka etwas enttäuscht.
>>Ich verspreche es dir.<<
Mokka schlang die dünnen Arme um seinen Bauch, höher kam sie nicht, denn sie reichte Zac nur an die Schultern.
Wenn Zac jetzt noch ein Mensch wäre, würde er rot werden. Dem war ich mir absolut sicher.
Wir begleiteten ihn an die Türe.
Er küsste Mokka zum Abschied flüchtig auf den Mund, dann verschwand er sofort.
Meine Schwester war nun so rot wie eine Tomate.
Als Lucien und ich in meinem Zimmer saßen und Mokka fernsah, sagte ich:
>>Unfair ist das aber schon ein bisschen. Mokka ist erst dreizehn und hat ihren ersten Kuss schon bekommen. Und ich bin drei Jahre älter und habe immer noch keinen richtigen bekommen! Außerdem liebt Zac sie über alles und mich liebt niemand!<<
>>Bist du etwa eifersüchtig auf deine kleine Schwester? Freu dich doch für sie! Außerdem...<<
>>Was außerdem?<<
Etwas beleidigt verschrenkte ich meine Arme vor der Brust.
>>Du... Also, du... Du hast doch mich.<<, hauchte Lucien.
Meine Wangen wurden warm.
>>N-Natürlich hab ich dich. Aber ich meine... Ich hätte auch gerne einen Freund.<<
Lucien schien zu überlegen. Er wollte etwas sagen, tat es aber nicht. Stattdessen umarmte er mich fest.
>>Das wird schon...<<
Ja, ich hätte wirklich sehr gerne einen Freund. Aber nicht irgendeinen, sondern Lucien, den ich über alles liebte. Aber wie sollte ich es ihm nur sagen? Ich hatte Angst, damit unsere Harmonie zu zerstören. Und was, wenn er mich ablehnen würde, was er ganz bestimmt tun würde?
>>Über was denkst du nach?<<, fragte er.
>>Über gar nichts.<<
Er begann, zärtlich meinen Hals zu küssen.
>>Weißt du, wie gut dein Blut riecht?<<
Ich sagte nichts, denn ich war wie gelähmt von seinen Berührungen.
Aufeinmal begann er, mich durch zu kitzeln.
Ich kugelte mich vor Lachen auf dem Bett.
>>L-Lass das! Hör auf, das kitzelt!<<, schrie ich.
Irgendwann hörte er damit auf. Dafür küsste er mich wieder am Hals. Seine Lippen wanderten zu meinem Schlüsselbein. Ich erschauderte und bekam eine Gänsehaut.
>>Weißt du, wie viel Selbstbeherrschung mich das kostet?<<, flüsterte er.
Ich konnte nicht antworten, denn ich hatte Angst, er könnte deswegen aufhören.
Nach einiger Zeit unterbrach ich ihn.
>>Darf... Darf ich das mal bei dir machen?<<
Verdattert schaute er mich an. Er nickte.
Sein Hemd war geöffnet, es entblößte seinen perfekten Oberkörper.
Hastig küsste ich ihm auf die Brust. Danach wurden meine Wangen heiß.
>>Willst du nicht weitermachen?<<
>>Soll ich denn?<<, wollte ich wissen.
Wieder nickte er, dann schloss er die Augen.
Sanft strich ich ihm durch sein weißes, atemberaubendes Gesicht.
Langsam schlug er die mit dichten, dunklen, langen Wimpern umrahmten Augen wieder auf. Natürlich konnte er nicht wissen, was für eine Wirkung er damit auf mich hatte.
Seine Mundwinkel waren leicht nach oben gezogen. Er blickte mich zärtlich mit seinen tiefschwarzen Augen an und ich fürchtete, mich vollkommen darin verlieren zu können.
Meine Fingerspitzen wanderten zu seinen dunklen Lippen, die kalt und weich wie Samt waren.
Er lächelte und entblößte dabei zwei Reihen perfekter, weißer Zähne. Sein Lächeln glich dem eines wunderschönen Engels oder besser gesagt, dem eines Gottes.
>>Du bist wunderschön.<<, flüsterte ich.
Ich war vollkommen fasziniert und überwältigt von seinem Anblick, viel mehr als ich es je gewesen war. Denn jetzt wusste ich, was er war, und so war es noch unglaublicher für mich, zu glauben, dass er Wirklichkeit war und gerade neben mir lag, dass er wirklich hier war und ich nicht träumte.
>>Das haben Vampire nun mal so an sich.<<
>>Ich bin mir hundertprozentig sicher, dass du aber der schönste Vampir von allen bist. Selbst Zac kommt nicht an dich heran, obwohl der schon übermenschlich hübsch ist.<<
Er kicherte leise und melodisch.
>>Willst du mich verrückt machen?<<, fragte er ruhig und noch immer lächelnd.
Ich IHN verrückt machen? Wohl eher machte er gerade MICH verrückt, besonders mit seiner sanften, ruhigen Stimme.
Ich brannte mir seinen Satz in mein Gehirn, um ihn nie wieder vergessen zu müssen. Dann lies ich den Satz nocheinmal abspielen, um diese Stimme hören zu können, um mir alle Einzelheiten davon einprägen zu können.
Sag etwas, Jane, dachte ich mir.
Sag irgendetwas, hauptsache, du kannst seine Stimme hören.
>>Wie kann ich dich verrückt machen? Ich bin doch nur ein Mensch. Ich bin nicht so schön wie ein Vampir, nicht so klug...<<
>>Aber du bist meine Jane, und das reicht mir. Mehr würde ich nie wollen, und mehr könnte man mir sowieso niemals geben. Du bist alles. Allein du hälst mich fest auf dieser Welt. Nur du bist der Grund dafür, dass ich mich auf dieser Welt wohlfühlen kann.<<
Er sagte das mit einer Selbstverständlichkeit, die mich alles um uns herum vergessen lies. Im Moment gab es nur Lucien und mich, etwas anderes schien nicht mehr notwendig zu sein.
Meine ganze Liebe für ihn toste und wütete heftig in mir, umhüllte mich schützend...
Sie machte mich taub, blind, bewegungsunfähig... Ihre Stärke überraschte mich. Plötzlich war mir eines klar:
Für ihn wollte ich leben, für ihn würde ich alles tun.
Niemand von uns beiden sagte etwas. Er lag einfach nur da, auf dem Rücken, mit dem Hemd, das seinen perfekten, weißen Oberkörper entblößte. Wir blickten uns tief in die Augen, als ob jeder die Seele des anderen sehen würde.
Ich wusste nicht, wie lange wir so lagen und uns anschauten.
Plötzlich schloss Lucien seine Arme um mich und trug mich zum Fenster. Er öffnete es und sprang mit mir heraus, als wäre das das leichteste, was es gab.
Ich wagte nicht zu fragen, wo wir hingingen, denn damit hätte ich den Moment zerstört. Ich beschloss, mich überraschen zu lassen.
Er rannte mit mir in seinen Armen in übernatürlicher Geschwindigkeit durch den Wald.
Ich presste mein Gesicht gegen seine Brust. Er war wirklich verdammt schnell.
Schließlich blieb er stehen und setzte mich vorsichtig ab.
Die Stelle, an der wir uns befanden, war mitten im Wald. Es war geheimnisvoll hier. Neugerig ging ich ein wenig umher.
In sich verschlungene Bäume standen dicht aneinander, bei manchen ragten die Wurzeln aus dem schneebedeckten Boden.
>>Im Frühling müssen wir unbedingt hierher kommen. Dann ist es am schönsten.<<, sagte er.
Staunend blickte ich mich um.
>>Es ist auch im Winter schön hier.<<
Ich drehte mich langsam herum und widmete nun Lucien wieder meine gesamte Aufmerksamkeit.
Langsam kam er einige Schritte auf mich zu.
Als er direkt vor mir stand, nahm er meine Hand. Er steckte die Hand in seine Hosentasche und holte einen Ring hervor.
Plötzlich erkannte ich, was das für ein Ring war. Lucien hatte ihn mir einmal geschenkt, als Zeichen dafür, dass wir zusammen gehörten.
Er steckte ihn mir an den Ringfinger, wo er exakt passte.
>>ich habe ihn draußen im Hof gefunden. Du hast ihn damals weg geworfen, als du sauer auf mich warst. Ich habe dich weinen hören. Es war schrecklich. So etwas werde ich dir niemals wieder antun. Wie ich mich doch dafür gehasst habe... Aber weißt du, damals habe ich geglaubt, es wäre besser, wenn du nicht in meiner Nähe bist. Ich wollte dich in Sicherheit wissen.<<, sagte er ruhig.
>>Du hast ihn gefunden...<<
>>Ja... Jane, ich wollte...<<
Er verstummte und nahm mein Gesicht in seine kühlen Hände. Er näherte sich.
Normalerweise wäre ich jetzt unglaublich nervös. Aber zu meiner eigenen Verwunderung war ich gelassen und ruhig.
Meine Gefühle für ihn überschlugen sich.
Ich hatte mich getäuscht. Ich war niemals in ihn verliebt gewesen. Nein, es war ganz anders.
Ich liebte ihn. Und ich hatte ihn schon immer geliebt, mehr als alles andere, nur hatte ich das nicht gewusst. Ich hatte ihn nie als Bruder geliebt, aber das wurde mir erst jetzt, in diesem einen Moment, klar.
Seine Augen waren geschlossen und so schloss ich auch meine.
Zaghaft, ganz sanft legten sich seine Lippen auf die meinen.
Das Gefühl, endlich seine Lippen auf meinen spüren zu können, war atemberaubend. Wie lange hatte ich mich nach diesem Augenblick gesehnt?
Fünf Jahre? Zehn Jahre? Mein ganzes Leben lang?
Ich wusste, dass es letzteres war.
Meine Lippen wurden heiß.
Ich war mir sicher, dass er mein Blut noch intensiver riechen konnte als sonst. Und ich wusste, wie gefährlich dieser Kuss war. Aber dennoch konnte ich nichts anderes, als ihn zu genießen, ihn voll auszukosten.
Ich hatte keine Angst, obwohl ich wusste, was er war. Vor ihm fürchtete ich mich nicht.
Mein Atem stockte. Meine Arme legten sich um ihn und zogen ihn fester an mich.
Ich sog gierig seinen Duft ein, während sich seine Lippen auf meinen bewegten.
Doch dann löste er meine Lippen viel zu schnell von seinen.
Wir sahen uns lange an, ohne etwas zu sagen.
Doch dann brach ich die unerträgliche Stille.
>>War... War es sehr schwer, mich zu...<<
Das letzte Wort brachte ich nicht hervor, aber schien zu wissen, was ich meinte.
>>Meine komplette Selbstbeherrschung war gerade gefragt, Jane. Es gibt nichts schwierigeres für mich, als in deiner Nähe zu sein. Und trotzdem war das gerade der schönste Moment in meinem ganzen Leben.<<
>>Lucien...<<
Sanft strich er mir über die Wange.
>>Wie sehnsüchtig ich auf diesen Tag gewartet habe... Endlich ist es so weit, endlich kann ich es dir sagen...<<
Geduldig wartete ich ab, dann sprach er weiter.
>>Jane, ich liebe dich. Du hast meinem Leben einen Sinn gegeben. Du bedeutest mir alles.<<
Unfähig, etwas zu sagen, starrte ich ihn an.
Hatte er mir gerade gesagt, dass er mich liebte? Mein Herz schlug so schnell, dass es sich fast überschlug.
>>Was ich für dich empfinde, weißt du bestimmt schon.<<, sagte ich.
>>Ich möchte es hören. Sag es.<<
>>Ich habe dich nie geliebt wie einen Bruder und ich bin froh, dass du nicht mein richtiger Bruder bist, Lucien. Vor kurzem habe ich geglaubt, ich wäre in dich verliebt, aber nun weiß ich es besser: Ich habe dich schon immer geliebt, mehr als alles andere.<<
Er lächelte zufrieden und nahm meine Hand.
Dann näherte sich sein Gesicht erneut und er küsste mich ein zweites Mal.
Diesmal war der Kuss leidenschaftlicher und länger. Seine Lippen verschmolzen mit meinen.
Als er sich dann von mir löste, hob er mich in seine Arme und trug mich nach Hause, wo er mich in mein Bett legte. Er selbst lies sich dicht neben mir nieder.
Ich war unbeschreiblich glücklich. So glücklich, dass ich fast platzte.
>>Du hast gesagt, dass sich Vampire nur einmal verlieben können und dieser Person dann so lange es geht treu bleiben und sie immer lieben. Bist du dir denn sicher, dass du mich wirklich liebst?<<, fragte ich.
>>Wie kannst du nur so etwas fragen? Ich war mir noch nie so sicher wie jetzt.<<
Ich schmiegte meine glühende Wange an seine Brust.
>>Was ist, wenn Mom und Dad etwas bemerken?<<, fragte ich.
>>Sollen sie doch. Ich denke, sie würden sich für uns freuen. Ich finde sogar, wir sollten es ihnen sagen. Das wäre besser so, dann müssten wir unsere Liebe nicht immer vor allen verstecken.<<
Sofort schoss mir eine Idee in den Kopf. Ich sprang auf und begann, im Zimmer hin und her zu laufen.
>>Lucien, wir verkünden es allen! Ich lade Zac und Delilah und Phoebe ein, und dann sagen wir es allen!<<, rief ich.
Lucien senkte den Kopf.
>>Meinst du nicht, das ist ein wenig... zu heftig?<<
>>Nein! Dann wissen sie alle auf einen Schlag bescheid! Und Mokka sieht Zac wieder!<<
Er stöhnte.
>>Muss das denn wirklich sein?<<
Doch ich kam nicht mehr dazu, ihm zu antworten, so schnell hastete ich runter in den Flur zum Telefon.
Nachdem ich alle angerufen hatte, kam Lucien die Treppe hinunter.
>>Sie sollen schon morgen kommen?!<<, fragte er entgeistert.
Natürlich. Er hatte mich gehört, wie es üblich für einen Vampir war.
>>Je eher desto besser.<<
Er verdrehte die Augen und umarmte mich.
>>Du bist ein Dummchen.<<
>>Ich weiß...<<
>>Jane?<<
>>Hmmhmmm?<<
>>Versprich mir, dass du niemandem sagst, was ich bin. Mein Geheimnis ist nun auch dein Geheimnis.<<, flüsterte er.
>>Ich verspreche es.<<
>>Und... Jane?<<
>>Ja?<<
>>Ich liebe dich.<<
Ich kuschelte mich noch enger an ihn.
Am nächsten Morgen schlief ich länger als sonst. Als ich die Augen öffnete, lag Lucien neben mir. Er betrachtete mich und sein Blick war der liebevollste, den ich je bei ihm gesehen hatte.
Hastig küsste er mir auf die Wange.
Plötzlich hörte ich, wie jemand die Treppe hinauf kam.
>>Das ist Mom. Sie will uns wecken.<<, wisperte Lucien.
Kurz darauf betrat sie das Zimmer.
>>Guten Morgen! Na, ihr beiden? In letzter Zeit schlaft ihr nur noch beeinander! Irgendwann teilt ihr euch noch das Zimmer!<<, sagte sie fröhlich und zog die Gardinen am Fenster auf.
Lucien kicherte leise und melodisch. Mom schien es nicht gehört zu haben.
Tageslicht strömte herein und durchflutete mein Zimmer.
>>Es schneit und schneit... Der Winter will einfach kein Ende nehmen...<<, sagte Mom.
Etwas verschlafen rappelte ich mich auf und gähnte. Dann schnappte ich mir einen dunkelroten Pullover, eine Jeans und Unterwäsche und ging damit ins Bad. Ich schlüpfte aus meiner Kleidung und nahm eine heiße Dusche.
Das Wasser traf heiß auf meiner Haut auf. Die Hitze jagte mir kleine Schauer über den Rücken.
Als ich fertig war, öffnete ich die Dusche und schlüpfte nach draußen. Wie kalt es jetzt nur hier im Badezimmer war... Meine Haut dampfte.
Schnell zog ich meine Unterwäsche an.
Doch plötzlich öffnete jemand die Türe.
Lucien huschte zu mir hinein.
Moment! Das war doch schon mal so gewesen! Lucien war schon einmal unbeabsichtigt hier herein gekommen, als ich gerade im Bad war! Nur hatte ich damals noch weniger an gehabt.
Diesmal aber schien er es mit voller Absicht gemacht zu haben.
>>Neeein! Lucien, raus!<<, schrie ich.
>>Du musst dich vor mir nicht genieren. Ich bin dein Freund.<<
Mein Gott, wie das klang! Er war mein Freund! Aber Freund klang irgendwie unpassend für Lucien. Wohl eher hätte >Geliebter< gepasst.
Ich legte meine Hände auf seine Brust und versuchte, ihn raus zu schieben. Doch er bewegte sich keinen Milimeter.
Stattdessen nahm er mich zaghaft in die Arme.
Seine Finger auf meiner Haut liesen kleine Funken durch meinen Körper zucken.
Ich beruhigte mich mit dem Gedanken, dass ich wenigstens meine Unterwäsche an mir trug.
>>Was suchst du hier drinnen?<<, fragte ich.
>>Ich wollte duschen gehen.<<
>>Du hast gewusst, dass ich hier drin war.<<
>>Genau deshalb bin ich hier rein gekommen.<<
>>Du bist...<<
Doch anstatt meinen Satz fertig zu sagen, presste ich ihn an mich. Ich streckte mich und küsste ihn.
Abrupt beendete er den Kuss.
Gequält blickte er zur Seite. Seine Augen waren blutrot.
>>Oh... Entschuldige, Lucien! Ich wollte nicht... Es tut mir leid, dass ich dich so überfallen habe...<<
>>Dein Blut riecht heute besonders gut... Oder liegt das daran, dass ich Hunger habe?<<
Geschockt starrte ich ihn an.
>>Hunger?<<
>>Ich könnte mir niemals verzeihen, wenn ich dir etwas antun würde. Warscheinlich würde ich dann Zac oder Phoebe bitten, mich auf der Stelle zu töten.<<
>>Sag so etwas nicht!<<
Dann war Lucien ganz leise.
>>Mom hat gerade gerufen. Deine Freunde sind da. Warum denn so früh, wenn ich fragen darf?<<
>>Ich habe gedacht, dass sie dann mitessen können. Also, zumindest Delilah... Mom hat extra etwas mehr gekocht.<<, erklärte ich.
Hastig zog ich mich an und stürzte in die Küche.
Alle saßen um den Küchentisch versammelt da.
Mom rührte irgendeinen Teig in der Schüssel.
>>Hi!<<, sagte ich knapp.
>>Was willst du uns denn wichtiges sagen?<<, fragte Delilah neugierig.
>>Sie will euch etwas wichtiges sagen?<<, fragte Mom und schaute mich überrascht an.
Dad legte die Zeitung weg und guckte mich erstaunt an.
Meine Wangen wurden rot.
Die Blicke meiner Freunde und meiner Eltern ruhten auf mir.
Plötzlich spürte ich, wie jemand meine Hand nahm.
Lucien stand neben mir. Wow, er hatte ganz schön schnell geduscht! Seine Haare waren noch feucht.
Alle saßen still da und warteten.
>>Also, ähm... Ich... Wir wollen euch etwas sagen. Ähm, ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, aber... Wir...<<, stotterte ich verlegen.
Lucien übernahm.
>>Wir wollten euch sagen, dass wir uns lieben.<<
Ich senkte meinen Kopf.
Mom lies krachend die Schüssel fallen.
>>Entschuldigung!<<, murmelte sie, als sie sie alle anschauten.
>>Ihr... tut was?<<, staunte Dad.
>>Wir lieben uns.<<, sagte Lucien und hauchte mir einen Kuss auf die Wange.
Sprachlosigkeit.
Zac zwinkerte mir zu und hielt seinen Daumen in die Luft.
Phoebe lächelte erfreut.
Mokka glotzte uns fassungslos an.
Delilah machte große Augen.
Oscar wedelte mit dem Schwanz, als ob er sich für uns freuen würde.
Mom schenkte uns ein liebevolles Lächeln.
>>Das ist schön für euch... Auch wenn es etwas ungewohnt ist, aber es ist schön.<<
Dad schluckte und rief:
>>Aber ihr... Ihr habt es doch noch nicht... Also, ihr habt doch noch nichts miteinander getan? Wenn ja, muss ich Lucien leider den Kopf abreißen.<<
Lucien grinste.
>>Nein, Dad. Keine Sorge.<<
Mein Kopf wurde knallrot. Mit Lucien...?!
Ich überlegte kurz, wie es wohl wäre, mit Lucien zu schlafen. Ein angenehmer Schauer lief mir über den Rücken, dann verbannte ich den Gedanken schnell.
Delilah schien mit den Tränen zu kämpfen, doch dann lächelte sie mich tapfer an. Tja, sie war eben eine echt gute Freundin.
Mokka kletterte auf Zac's Schoß, der sie zärtlich umarmte. Niemand außer mir und Lucien bemerkte es.
>>Tja, wenn ihr schon mal alle hier seit, dann können wir doch auch ein wenig Spaß haben, oder?<<, fragte ich.
Alle, außer Mom und Dad, erhoben sich und folgten mir ins Wohnzimmer. Dann liesen sie sich alle auf unserem Sofa nieder und unterhielten sich.
Phoebe war die Erste, die zu uns kam und uns fröhlich sagte:
>>Es freut mich, dass ihr zueinander gefunden habt.<<
>>Mir ist es schon ein wenig peinlich, aber Jane...<<, sagte Lucien und verdrehte die Augen.
Plötzlich fiel mir schlagartig ein, dass Phoebe noch gar nicht wusste, dass ich über sie bescheid wusste.
Hastig warf ich einen Blick in die Runde. Alle schienen beschäftigt zu sein. Zac würde uns warscheinlich hören, aber das war nicht schlimm. Hauptsache Delilah und Mokka hörten es nicht, was ich jetzt sagen wollte.
Ich zog Phoebe näher zu mir und flüsterte dann:
>>Phoebe, ich weiß, was du bist. Lucien musste es mir verraten, länger hätte er es nicht vor mir verheimlichen können. Ich weiß, dass du ein Vampir bist. Und ich weiß ebenfalls, zu was Vampire fähig sind.<<
Verdutzt starrte sie mich an. Erst war sie misstrauisch, doch dann wurde ihr Blick wieder normal.
>>Lucien?<<
>>Es stimmt. Ich habe ihr alles über uns erzählt. Und wirklich, länger hätte ich es ihr nicht mehr verheimlichen können. Andere Vampire hätten sie in dieser Situation getötet, aber ich würde so etwas niemals wagen. Ich liebe sie.<<, entgegnete er.
>>Sie ist also der erste Mensch, der weiß, dass es Vampire gibt...<<, stellte sie fest.
>>Nein, nicht der Erste. Es gab schon einmal jemanden, ein Mädchen in meinem Alter. Aber ich weiß nicht, was mit ihr geschehen ist. Es ist alles sehr rätselhaft... Aber ich habe alte Briefe an sie gefunden, du kannst sie dir dann mal ansehen.<<
Phoebe nickte abwesend, sie schien noch über etwas anderes nachzudenken.
>>Jane, du musst mir versprechen, unser Geheimnis niemandem zu erzählen, sonst könntest du dich in ernste Gefahr bringen.<<
Ich nickte ernst.
>>Ich verspreche es.<<
Sie grinste, dann setzte sie sich zu Mokka und Zac.
>>Delilah kommt gleich.<<, flüsterte Lucien.
>>Woher weißt du das?<<
>>Sie ist zu leicht zu durchschauen.<<
Und tatsächlich.
Delilah erhob sich zögernd, doch dann schritt sie entschlossen auf uns zu.
Einen Moment lang hatte ich die Befürchtung, sie würde mir doch die Freundschaft kündigen, doch als ich ihr Lächeln sah, verflüchtigte sich dieser Gedanke.
>>Hey, ihr beiden... Freut mich, dass ihr zueinander gefunden habt...<<
>>Danke, Delilah.<<, sagte ich ehrfürchtig.
>>Ja. Vielen Dank, Delilah.<<, sagte Lucien.
Dann zwinkerte er mir kurz zu und gesellte sich zu den anderen.
>>Es tut mir leid, Delilah. Ich konnte mir nicht aussuchen, in wen ich mich verliebt habe. Aber ich fürchte, selbst wenn ich es gekonnt hätte, hätte ich mich in ihn verliebt. Du...<<
>>He, Jane! Du brauchst mir nichts zu erklären. Ich freue mich für dich! Und irgendwann finde ich auch schon mein Glück. Außerdem kommt meine Verliebtheit nicht gegen die Gefühle an, die du für ihn empfindest. Und jetzt lass uns Spaß haben!<<
Ich war so froh, dass sie nicht böse auf mich war. Sie zog mich am Arm zu den anderen.
Lucien grinste mich an. Ich wusste, dass er uns gehört hatte.
Alle Aufmerksamkeit war dann aufeinmal auf Zac und Mokka gerichtet, die gerade seelenruhig miteinander kuschelten.
>>Noch mehr Verkündungen?<<, wollte Phoebe wissen.
Mokka's Wangen färbten sich rot.
Sie schüttelte hastig den Kopf. Und selbst Zac schien verlegen zu sein, denn er senkte den Kopf.
>>Zac und ich... Wir sind gute Freunde!<<, piepste meine kleine Schwester.
Noch nie in meinem Leben hatte ich etwas gehört, das so gelogen geklungen hatte wie Mokka's Worte.
>>Ach so...<<, meinte Phoebe.
An ihrem Blick konnte ich erkennen, dass sie den beiden keinen Ton glaubte.
Doch Zac stand plötzlich auf und stellte sich vor uns. Mokka starrte ihn überrascht an.
Er begann zu sprechen.
>>Mokka. Ich weiß, dass du noch zu jung bist, aber ich möchte dir dennoch etwas sagen.<<
Mokka sah schüchtern und mit rotem Kopf zu Zac.
Dieser fuhr fort:
>>Ich habe mich in dich verliebt!<<
Dann ging er eilig wieder zum Sofa und hob sie auf seinen Schoß.
>>Hach, ist das süß...<<, schluchzte Delilah.
Mokka schlang ihre Arme um seinen Hals. Dann küssten die beiden sich liebevoll.
>>Hast du gesehen? Zac war gerade extrem verlegen! Irgendwie ist er total niedlich!<<, wisperte ich in Lucien's Richtung.
Er grinste.
>>Ich habe noch nie einen Vampir gesehen, der so leicht zu durchschauen ist wie Zac.<<, erwiederte er.
Dann kuschelte ich mich in die Arme meines Vampirs, der sich kurz darauf herunter beugte und mir einen zärtlichen Kuss auf die Lippen hauchte.
Niemand bemerkte uns.
Kapitel 2: Freundschaft
Nachdem fast alle meine Freunde das Haus verlassen hatten, kehrte langsam wieder Ruhe ein. Zac war geblieben, er hatte uns beim Aufräumen geholfen.
>>Zac? Hast du Lust, mit mir spazieren zu gehen?<<, fragte ich und erntete einen schiefen Blick von Mokka.
>>Na klar!<<
>>Keine Sorge, Mokka. Deine Schwester und Zac sind nur Freunde. Du weißt doch, dass er nur dich mag.<<, beruhigte sie Lucien, der Mokka's Gesichtsausdruck sofort bemerkt hatte.
>>Danke.<<, formte ich mit den Lippen und verließ mit meinem besten Freund das Haus.
Ja, mittlerweile konnte ich ihn wirklich als besten Freund bezeichnen. Es gab keine andere Person, mit der ich so viel lachte und so viel Spaß haben konnte wie mit Zac.
Lucien lies uns alleine zusammen weg, weil er wusste, dass Zac Mokka liebte und nicht mich.
Eine Eigenschaft, die ich an Zac liebte, war, dass er immer gut gelaunt war und gerne lachte. Das tat mir unbeschreiblich gut.
Wir gingen nebeneinander her, ohne etwas zu sagen. Irgendwann packte er mich wie aus heiterem Himmel und lief mit mir in Vampirgeschwindigkeit durch den Wald.
>>Zac, lass mich runter!<<, schrie ich grinsend.
Er stellte mich auf den Boden.
>>Dir wurde wohl schlecht, was?<<, fragte er.
>>Nein! Aber ich finde es nicht so t...<<
Ich rutschte auf einer Eisplatte aus und fiel den kleinen Vorsprung herunter, der vielleicht eineinhalb Meter hoch war.
Zac lachte mich aus, er stand oben und brüllte vor lachen.
Dann kam er runter und zog mich mit einem Ruck zu sich hinauf.
>>Sehr witzig.<<, sagte ich beleidigt.
Doch lange hielt ich es nicht aus, böse mit ihm zu sein und schließlich musste ich wieder lächeln.
Ich legte einen Arm um seine Mitte, und so gingen wir weiter.
>>Jane? Hast du etwas Neues über Wilhelmine und Leonard herausgefunden?<<, fragte er neugierig.
Aufeinmal musste ich daran denken. Wie lange war ich nicht mehr im alten Haus gewesen? Ich musste unbedingt mal wieder dorthin und weiter nach Hinweisen suchen.
>>Nein... Ich war in den letzten Tagen nicht dort gewesen... Aber ich weiß jetzt, dass Leonard ein Vampir war und Wilhelmine ein Mensch.<<
>>Sehr gut, Janilein. Und was folgerst du daraus?<<
Wie? Was meinte er damit? Was sollte ich daraus folgern?
>>Was meinst du?<<
>>Jane, denk nach. Leonard ist ein Vampir. Was bedeutet das für uns?<<
Blitzartig fiel es mir ein.
>>Ach so! Leonard... Er lebt noch! Zumindest, falls er nicht von anderen Vampiren getötet wurde...<<
>>Schlaues Mädchen.<<, sagte er und tätschelte meinen Kopf.
>>Und du meinst, dass wir ihn suchen könnten, wenn wir mehr Hinweise hätten?<<
>>Ja. Ich würde höchstens zwei Wochen brauchen, um ihn zu finden, wenn ich seinen Geruch kennen würde. Aber seltsamerweise sind in seinem Haus keinerlei Gerüche von ihm vorhanden... Wir müssen etwas finden, das noch nach ihm riecht.<<, erklärte Zac.
>>Du kannst ihn also aufspüren? Wie ein Hund?<<
Er lachte laut.
>>Ja, zumindest so ähnlich. Aber wir Vampire riechen besser als Hunde. Viel besser.<<
>>Ihr Vampire seit ein Wunder... Wie ist der erste Vampir überhaupt entstanden?<<
Diese Frage hatte mich schon länger gequält. Ich war froh, sie endlich stellen zu können.
>>Die Vampire waren schon seit Anbeginn der Zeit auf diesem Planeten. Sie waren einfach da, haben ihre Identität aber vor den Menschen verheimlicht.<<
>>Das heißt, es gab auch Vampir-Steinzeitmenschen?<<, fragte ich hastig.
Zac grinste, und dann prustete er los.
>>Jane, das weiß ich alles nicht! Wir Vampire wissen so vieles, aber das wird auch für uns immer ein Rätsel bleiben!<<, rief er vergnügt.
Ich boxte ihm so fest ich konnte gegen die Schulter.
Ihm schien das überhaupt nichts auszumachen, aber mir schon. Meine Hand schmerzte furchtbar.
Er lachte mich aus.
>>Sehr witzig! Wenn ich ein Vampir wäre, würde ich dich jetzt...<<
Ich verstummte.
>Wenn ich ein Vampir wäre Ich wiederholte den Satz hundertmal in meinen Gedanken.
Zac's Grinsen war wie aus dem Gesicht gewischt. Er musterte mich ernst.
>>Na klar! Wenn ich ein Vampir wäre!<<, schrie ich.
Schon öfter hatte ich mit dem Gedanken gespielt, ein Vampir zu werden. Ich hatte es zwar noch nicht richtig gedacht, aber es war in meinem Unterbewusstsein fest verankert.
Lucien hatte vor ungefähr drei Monaten aufgehört zu altern, das hatte er mir erzählt. Er war unsterblich und langlebig. Er konnte bis in die Ewigkeit leben...
Ich konnte das nicht.
Ich würde alt und hässlich werden, und er wäre noch immer jung und schön. Aber das schlimmste war, dass ich irgendwann einmal sterben musste. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, von Lucien gehen zu müssen. Nein, das durfte einfach nicht sein! Ich wollte ewig mit ihm leben!
>>Jane...? Bitte sag mir, dass du das nicht ernst gemeint hast.<<, sagte Zac ernst.
Aber ich hatte es ernst gemeint!
Ich hatte Angst, ihm zu antworten, und deshalb tat ich es nicht.
>>Jane?<<
>>Wie ist das Leben als Vampir?<<, fragte ich.
>>Naja, lange. Lucien hat dir doch schon alles erzählt, oder?<<
>>Nein, Zac. Ich meine, macht es Spaß?<<
>>Manchmal, manchmal nicht. Wenn man allein ist, ist es furchtbar langweilig.<<
Und aufeinmal, urplötzlich, hatte ich meine Entscheidung gefasst:
Ich wollte ein Vampir werden und ewig mit Lucien leben.
Aber wie würde er darauf reagieren? Würde er mir zustimmen (Was ich nicht glaubte) oder würde er versuchen, mich davon abzuhalten? Aber wieso sollte er versuchen, mich abzuhalten?
Und selbst wenn er es versuchen würde, von meiner Entscheidung konnte er mich nicht abbringen.
Ich sah nur eine Lösung, um herauszufinden, was er davon hielt: Ich musste es ihm sagen.
>>Zac? Lass uns etwas schneller gehen.<<, sagte ich.
>>Ich weiß, was du vorhast. Du willst es ihm unbedingt sagen. Aber ich warne dich vor: Er wird dir deinen Wunsch nicht erfüllen. Er hat vorher schon mühevoll versucht, die Welt der Vampire vor dir geheim zu halten, und wenn du dann mit so etwas kommst...<<
>>Aber warum wollte er mich davor bewahren?<<, fragte ich.
>>Jane, das ist doch ganz einfach! Wir Vampire sind gefährlich! Wir können Menschen mit einem kleinen Finger töten! Es gibt nichts gefährlicheres wie uns.<<
>>Aber ihr seid doch alle gut!<<
>>Alle Vampire, die du kennst, sind gut. Aber es gibt welche, die sind es nicht. Es gibt mittlerweile mehr schlechte Vampire als Gute. Und diese töten wahrlos!<<
Plötzlich musste ich an Phoebe denken.
>>Die Vampir-Frauen sind genauso stark wie die Vampir-Männer, oder?<<
>>Ja. In unserer >Rasse< gibt es kein Stärker und Schwächer.<<
Es war komisch zu wissen, dass Phoebe einen ausgewachsenen Mann mit vielen Muskeln auf einen Schlag töten konnte. Ich konnte mir das sehr schlecht vorstellen...
Wir befanden uns mittlerweile schon auf dem Rückweg.
>>Und du willst es ihm wirklich sagen? Der Arme wird völlig verzweifeln...<<, murmelte Zac kopfschüttelnd.
Doch ich ging entschlossen voran. Ja, ich war mir sicher. Lucien musste es wissen.
Als wir endlich zu Hause waren, stürmte ich ins Haus, warf meine Jacke in die Ecke und polterte die Treppe hoch. Zac ging mir hinterher.
>>Ich glaube, es ist besser, wenn ich mitgehe.<<, meinte er.
Ich stand vor Lucien's Zimmertüre und klopfte zaghaft dagegen.
>>Du kannst reinkommen, Jane. Und du von mir aus auch, Zac.<<, ertönte seine Samtstimme.
Kurz darauf riss ich die Türe auf.
>>Was meint Zac mit >Und wie willst du es ihm
sagen?<<, wollte Lucien wissen.
Er hielt einen Kugelschreiber in der Hand.
>>Sag mal, auf wie viele Kilometer Entfernung kannst du uns hören?<<
>>Auf einige. Aber euer übriges Gespräch habe ich leider nicht verstanden, der Schnee hat zu laut geknirscht und eure Hosenbeine haben aneinander gerieben.<<
Mir klappte der Mund auf. Obwohl ich wusste, was er alles konnte, konnte ich es dennoch manchmal nicht fassen.
>>Okay... Um dieses Gespräch geht es mir eigentlich auch...<<, begann ich.
Lucien kam auf mich zu, nahm mich in den Arm und küsste mir auf das Haar.
>>Sprich weiter.<<, forderte er.
>>Überlege es dir noch einmal, Jane... Er rastet aus.<<, warnte Zac.
Ich sah, wie Lucien ihm einen fragenden Blick zuwarf.
>>Nein. Es ist mein Wunsch und ich werde es ihm sagen. Pass auf, Lu. Es ist so, dass... Du als Vampir wirst ewig leben. Und ich werde irgendwann einmal sterben. Aber ich möchte nicht, dass ich ohne dich bin. Ich weiß, dass das egoistisch von mir ist, aber so ist nun einmal die Liebe. Außerdem möchte ich nicht alt und hässlich werden, wenn du schön und jung bleibst... Deshalb... Lucien, ich... Ich möchte ein Vampir werden.<<
Jetzt war es raus. Puh.
Er starrte mich ausdruckslos an. Dann zogen sich seine Brauen zusammen, sein Blick wurde ernst. Ich konnte die Panik in seinen Augen sehen.
Er ballte seine Hände zu Fäusten. Der Kugelschreiber, den er in der Hand hielt, zerbröselte in seinem Griff zu feinem Pulver.
Entschlossen schaute ich ihm in die Augen. Ich hielt seinem Blick stand, auch wenn ich mich jetzt gerne in seine Arme stürzen würde und mein Gesicht an seiner Brust vergraben wollte.
>>Nein, Jane.<<, sagte er mit tiefer, bestimmender Stimme.
>>Lucien! Denk doch mal nach! Ich wäre immer bei dir, ich würde ewig an deiner Seite sein! Außerdem würde ich dann nicht hässlich werden! Ich will dir nicht zumuten, mich zu lieben, wenn ich eine Oma bin!<<, rief ich und betonte >Oma< besonders.
Zac prustete los. Sein Lachen verstummte, als er Lucien's wütenden Blick sah.
>>Ich habe nein gesagt! Das kommt überhaupt nicht in Frage, vergiss das! So etwas tue ich dir niemals
an!<<, schrie er mit gebieterischer Stimme.
>>Aber wenn ich alt und runzlig bin, bin ich dir bestimmt zu hässlich! Was kannst du dann noch mit mir anfangen?! Nichts!!!! Dann bin ich eine alte, zerbrechliche Schachtel!<<, brüllte ich traurig.
Mir stiegen Tränen in die Augen, die ich vorher versucht hatte, zu verdrängen.
Er packte mich an den Schultern und zog mich näher zu sich.
>>Wie kannst du es wagen, so etwas zu denken?! Jane, ich werde dich immer lieben, egal wie alt du bist oder wie du aussiehst! Du bist meine Jane, und das wird für immer so bleiben!<<
>>Und was passiert, wenn ich aufeinmal von bösen Vampiren angegriffen werde? Dann töten die mich und du hast mich verloren! So!<<
>>Hör auf, so etwas zu sagen, verdammt! So etwas wird nie passieren, weil ich dich beschütze! Du wirst kein Vampir, das steht fest!<<
Er drückte meine Schultern etwas fester.
>>Au... Lu, du tust mir weh!<<, rief ich.
Sofort lösten sich seine Finger von mir.
Tränen kullerten unentwegt über meine Wangen. Das lag weniger daran, dass ich kein Vampir werden durfte, sondern eher daran, dass ich mich gerade mit Lucien stritt.
>>Schlag dir das aus dem Kopf, okay? Bitte, Jane!<<, sagte er schon fast flehentlich.
>>Liebst du mich überhaupt?!<<, schrie ich verzweifelt.
Seine Augen weiteten sich und starrten mich erschrocken an.
>>Was...?<<, fragte er ruhig.
>>Du hast mich schon gehört! Ich will wissen, ob du mich überhaupt liebst!<<
Ohne zu zögern kam er auf mich zu und presste seine Lippen auf meine. Sein kühler Atem liebkoste mein Gesicht. Er küsste mich leidenschaftlich und lange, bis er es nicht mehr aushalten konnte und unseren Kuss löste. Er hielt sich kurz die Nase zu, dann schien er sich wieder gefasst zu haben.
>>Ich liebe dich über alles, Jane. Du bist alles für mich, du bist mein Leben. Bitte verstehe mich doch...<<
Ich war erleichtert. Wenn er es auf sich nahm, mich so zu küssen, obwohl mein Blut unendlich appetitlich für ihn roch, dann liebte er mich wirklich.
>>Aber sag mir... Wieso darf ich kein Vampir werden?<<
>>Die Verwandlung ist grauenhaft. Es gibt nichts schlimmeres als sie. Einige Menschen, die dabei waren, sich in einen Vampir zu verwandeln, sind sogar gestorben. Die Schmerzen der Verwandlung stellen alles in den Schatten, was du jemals gespürt, gefühlt oder gedacht hast. Aber nicht nur körperlich sind sie eine Qual, sondern auch seelisch. Während man sich verwandelt, zweifelt man an sich selbst und noch viel Grauenhafteres... Währenddessen ist man wie ein Irrer... Die Verwandlung dauert lange fünf Tage. Es gibt nicht sehr viele Menschen, die diese Verwandlung überleben. Und wenn sie es tun, wartet die nächste Herausforderung:
Die Zeit danach. Dann ist man ein junger Vampir. Der Blutdurst ist dann unglaublich, am liebsten könnte man dann alles töten, was einem in den Weg kommt. Nach zirka sieben Jahren legt sich dieser Durst dann ein wenig. Aber er wird immer da sein, egal, wie alt man ist. Frag Zac, wie schrecklich es ist. Ich wurde als Vampir geboren, ich musste diese Qualen nicht aushalten.<<, erklärte er.
Ich schaute Zac an, der unschlüssig in der Ecke stand.
>>Glaube ihm. Es gibt nichts schlimmeres. Wenn ich daran denke, würde ich am liebsten ohnmächtig umfallen, aber das geht bei uns Vampiren ja nicht.<<
Dann wandte ich mich wieder Lucien zu.
>>Das ist mir egal. Von mir aus kann es ruhig verdammt wehtun. Hauptsache, ich bin bei dir.<<
>>Du weißt nicht, was du da sagst. Unterschätze niemals diese Schmerzen, Jane.<<
>>Gibt es noch andere Nachteile, die du mir mittelen möchtest, um mich davon abzuhalten?<<, fragte ich.
>>Ja. Du wirst deine Freunde und deine Familie nie wieder sehen, weil du dich auch äußerlich verändern wirst. Außerdem wirst du keine Kinder bekommen können.<<, sagte er.
>>Auf Kinder war ich noch nie aus. Und zu wissen, dass es meiner Familie gut geht, ist das wichtigste. Sie können ohne mich leben, hauptsache, es geht ihnen gut.<<, erwiederte ich sicher.
>>Lucien? Das mit den Kindern stimmt nicht.<<, sagte Zac.
>>Ich weiß. Jane, Vampir-Frauen können Kinder bekommen. Aber jede stirbt bei der Geburt. Noch nie hat jemand überlebt. Das Kind im Bauch der Mutter ist einfach zu mächtig. Es saugt ihr die Lebensenergie aus dem Körper, um selbst leben zu können. Dann ist es normal, dass die Vampir-Frauen sterben. Deshalb wachsen die Kinder der Vampire ohne Mutter auf. So war es auch bei mir.<<
Entgeistert musterte ich ihn.
>>Vermisst du deine Mutter?<<, fragte ich.
>>Nein. Ich habe sie nie gekannt, wie soll ich sie da also vermissen? Außerdem habe ich die besten menschlichen Adoptiveltern, die es gibt.<<
Ich lächelte ihn an und schlang die Arme um ihn.
>>Na, gut, wie du willst... Dann macht mich eben Zac zum Vampir, stimmt's?<<, sagte ich.
>>W-Was? Ich?<<<, fragte der erschrocken.
Lucien gab einen tiefen, grollenden Ton von sich.
>>Schon gut, Lucien. Ich mach das nicht. Und ich würde es auch niemals tun.<<, sagte Zac.
>>Das ist gemein! Dann frage ich eben Phoebe! Die macht es ganz bestimmt!<<
>>Du weißt gar nicht, was du da gerade redest.<<, meinte Lucien.
>>Doch, ich weiß was ich rede, ich weiß es ganz genau! Und ich werde ein Vampir sein, darauf kannst du dich verlassen!<<, keifte ich und verschrenkte die Arme vor der Brust.
>>Ich werde es verhindern, das verspreche ich dir. Ich werde jeden Vampir töten, der versucht, dich zu verwandeln. Und es ist mir egal, wer es ist.<<
>>Aber es ist doch meine Entscheidung, ob ich ein Vampir werden möchte oder nicht! Ich muss doch die Qualen aushalten!<<, protestierte ich.
>>Genau, Jane. Und ich ertrage es nicht, dass du so gequält wirst. Es ist egoistisch von mir, ich weiß. Aber es ist zu deinem Besten.<<
>>Kann sich ein Mensch von alleine in einen Vampir verwandeln? Ich meine, mit extremer Willenskraft und so?<<, fragte ich.
Lucien lachte.
>>Nein. Das geht nicht. Wie bist du denn darauf gekommen?<<
>>Ich weiß nicht... Da es Vampire gibt, die eigentlich nur in Fantasy-Büchern oder Filmen auftauchen, kann doch alles möglich sein, oder?<<
>>Du bist seltsam, Jane. Und jetzt komm her. Ich will nicht, dass du sauer auf mich bist.<<, murmelte er und zog mich an sich.
>>Ich gehe so lange zu Mokka.<<, sagte Zac und verschwand.
Okay. Heute würde ich es mit diesem Thema sein lassen. Aber ab heute würde ich jeden Tag versuchen, ihn zu überreden, mich zu einem Vampir zu machen! Vielleicht würde er ja irgendwann nachgeben.
Er drückte mich an sich und ich stellte mich auf die Zehenspitzen, um ihn zu küssen.
Gerade war der Kuss so schön, da löste er meine Lippen von seinen.
Er schaute mich gequält an.
>>Es tut mir leid, Jane... Ich glaube, ich muss bald einmal wieder auf die Jagd gehen.<<
Mir lief es eiskalt den Rücken herunter. Ich wusste genau, was er damit mente. Er würde nach Schwerverbrechern suchen und schlechte Menschen töten. Er wollte sich nicht von dem Blut normaler, freundlicher Menschen ernähren, und das war auch gut so.
>>Ich finde, dass wir viel zu wenig küssen.<<, sagte ich empört.
>>Du weißt, was ich bin. Ich kann dir nicht das geben, was du von mir erwartest. So ist das nun mal mit einem Vampir. Ich bin gefährlich.<<
Mir war es egal, was er war. Und mir war es auch nicht so wichtig, ihn zu küssen. Die Hauptsache war, dass ich mit ihm zusammen war und er mich liebte. Etwas besseres als ihn hätte mir nie passieren können.
>>Ich liebe dich, Lucien.<<, flüsterte ich.
>>Ich dich auch.<<
Er strich mir über das Haar.
Dann stieß ich mich leicht von ihm weg, um ihn anzuschauen zu können.
Mir schien es, als wäre er noch schöner als sonst.
Sein dunkles Haar glänzte im Licht der Zimmerlampe. Die schwarzen Augen glänzten, was nicht immer so war.
Seine Haut war weiß. Das Hemd, das er an hatte, war leicht geöffnet und entblößte seinen atemberaubenden Oberkörper.
>>Du bist selbst für einen Vampir extrem schön,
oder?<<, fragte ich, obwohl ich wusste, dass es so war.
Selbst Zac konnte nicht mit ihm mithalten, und der war schon atemberaubend schön.
>>Ich? Ich weiß es nicht. Für mich sehen Vampire alle gleich aus. Hübsch und anmutig. Aber du bist etwas besonderes, Jane.<<
>>Ach quatsch. Lucien? Nicht alle Vampire sind weiß. Phoebe zum Beispiel. Ihre Haut ist hellbraun, als hätte sie in der Sonne gelegen.<<
Und da fiel mir eine Frage ein.
>>Was passiert eigentlich, wenn Vampire in die Sonne gehen?<<, fragte ich.
>>Du hast mich doch schon öfter in der Sonne gesehen. Nichts passiert dann, außer, dass unsere Haut dann noch weißer aussieht. Und wenn wir länger als zehn Minuten in der Sonne sind, werden unsere Augen blutrot. Das ist schlecht...<<
>>Hat dich schon mal ein Mensch mit den Augen gesehen, außer mir?<<
>>Ja... Eine Frau. Sie hat mich geschockt angesehen und natürlich hat sie es sofort mit der Angst zu tun bekommen. Ich habe ihr gesagt, dass das Kontaktlinsen für einen Film seien. Zum Glück hat sie mir geglaubt.<<
>>Was wäre passiert, wenn sie vermutet hätte, was du bist?<<
>>Ich hätte sie wohl töten müssen. Alle Menschen, die unser Geheimnis kennen, werden getötet. Deshalb darfst du es niemandem weitersagen, egal, ob du diejenigen kennst oder nicht.<<
Mir wurde kalt bei dem Gedanken. Ich nickte.
>>Lucien?<<
Seine komplette Aufmerksamkeit richtete sich nun auf mich.
>>Was ist?<<
>>Es tut mir leid wegen vorhin. Ich habe dich angeschrien. Eigentlich wollte ich mich gar nicht mit dir streiten...<<, murmelte ich und guckte zu Boden.
>>Du kannst nichts dafür. Ich muss mich entschuldigen. Ich hätte nicht so reagieren sollen, als ich dich an den Schultern genommen habe... Wenn ich nicht aufgepasst hätte, hätte ich dich warscheinlich... zerdrückt...<<
Er schluckte schwer. Er schien gerade mit sich selbst zu kämpfen.
Ich legte meine Arme um ihn und schmiegte mich an ihn.
>>He, schon gut. Daran bin ich Schuld. Mach dir keine Vorwürfe.<<
>>Ich mache mir aber welche. Weißt du, manchmal vergesse ich, wie zerbrechlich und schwach ihr Menschen seit...<<
Das klang, als ob er mich erbärmlich schwach fand.
>>So zerbrechlich sind wir auch nicht.<<, erwiederte ich leicht gekränkt.
>>Es tut mir leid.<<, flüsterte er und küsste mir auf die Stirn.
Ein unglaublich mächtiges Verlangen nach ihm durchströmte meinen Körper. Es lies mein Herz schneller schlagen und mich ein wenig flacher atmen. Ich presste mich noch fester an ihn.
>>Jane? Würdest du mich dann bitte irgendwann wieder loslassen? Ich muss jagen.<<, sagte er knapp und mit gepresster Stimme.
Sofort löste ich mich von ihm. Er schaute schon wieder so gequält! Aber das war ja auch kein Wunder, wenn ich so stürmisch war.
>>Oh... Tut mir leid...<<
Er strich mir kurz über die Wange, dann schritt er zu dem Fenster und öffnete es.
>>Ich gehe schnell etwas zu mir nehmen. Ich bin in spätestens zwanzig Minuten wieder bei dir.<<, sagte er und sprang hinaus.
Ich konnte seine Landung nicht hören.
Dann schnappte ich mir ein Buch aus Lucien's Bücherregal, legte mich damit auf sein Bett und begann, darin zu blättern.
Das Buch war gefüllt mit seiner sauberen, eleganten Handschrift. Die letzten zwanzig Seiten waren frei.
Ich begann, darin zu lesen. Auf der ersten Seite stand folgendes:
Dieses Buch ist für meine geliebte Jane.
Oh. Dieses Buch war also für mich. Warum hatte er es mir nie gegeben? Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass das Buch eine Überraschung für mich sein sollte. Ich klappte es zu und strich über den Einband, der aus Leder war. In seiner Mitte befand sich ein roter Stein, und darum waren hübsche Muster eingraviert worden.
Mit einem Ruck erhob ich mich und stellte das Buch zurück an seinen Platz. Ich achtete darauf, dass es genauso stand wie vorher. Wenn ich Glück hatte, würde Lucien vielleicht nichts merken.
Neugierig zog ich ein anderes heraus, dessen Einband rot war. Das Buch hatte viele Seiten.
Vorsichtig schlug ich es auf.
Auf der ersten Seite stand, wie auf dem Buch davor:
Dieses Buch ist für meine geliebte Jane.
Hastig blätterte ich es durch. Tatsächlich war es mit Lucien's Handschrift gefüllt. Doch bei diesem Buch waren alle Seiten vollgeschrieben.
Nachdem ich noch vier weitere Bücher kurz durchgeschaut hatte und gelesen hatte, dass auch diese für mich waren, hörte ich ein Klimpern an dem Fenster. So schnell ich konnte, stopfte ich sie in das Bücherregal hinein und stellte mich davor.
Kurz darauf stand Lucien im Raum und schloss das Fenster hinter sich.
>>Mach dir nicht die Mühe, zu vertuschen, dass du an meinen Büchern warst.<<, sagte er ruhig und schaute sich prüfend um.
Ich wollte etwas dagegen sagen, aber es war sinnlos. Ich wusste, dass er mich gehört hatte.
>>Ähm... W-Warum steht überall drinnen, dass die Bücher für mich sind? Und warum hast du sie geschrieben, sie mir aber nie gegeben?<<, fragte ich interessiert.
>>Es steht deshalb überall drinnen, dass sie für dich sind, weil sie für dich sind. Und ich habe sie dir nie gegeben, weil...<<
Er sah zur Seite und zögerte. Geduldig wartete ich, aber er sagte nichts mehr.
>>Weil?<<, drängte ich.
>>Weil ich gedacht habe, dass du sie langweilig oder schlecht geschrieben findest, oder so...<<
Mir stockte der Atem. Wie konnte ich etwas, was von ihm kam, schlecht finden? Es wunderte mich, dass er überhaupt so etwas dachte. Und wenn ich mich nicht täuschte, war er doch gerade tatsächlich verlegen!
Hastig lief ich auf ihn zu. Ich nahm sein Gesicht in meine Hände und küsste ihn lange. Zu meiner eigenen Überraschung schlang er seine Arme um mich und erwiederte meinen Kuss etwas gieriger als sonst.
Schnell wurde aus meinem Kuss sein Kuss, und dieser raubte mir gerade den Atem, lies alles um mich herum vergessen. Es gab nur ihn und mich.
Als ich fordernder wurde, löste er seine Lippen von meinen.
>>Nichts, was du geschaffen hast, finde ich schlecht.<<, flüsterte ich.
>>Willst du sie haben?<<
>>Jaaa! Natürlich!<<
Er fuhr kurz mit seiner Zungenspitze über meine Lippen, dann ging er zum Bücherregal und hob einen Stapel dicker Bücher heraus. Es waren zirka zwanzig Stück, und der Bücherturm ragte hoch in die Luft.
Ich breitete meine Arme aus, um die Bücher entgegen zu nehmen, und als mir Lucien sie kichernd übergab, sackte ich mit all den Büchern zu Boden.
>>SCHWER!<<, brachte ich hervor.
Lucien grinste mich an.
>>Du wolltest sie haben.<<, sagte er.
>>Ja! Und ich bin froh, dass ich sie jetzt auch
habe!<<
Ein dunkelrotes Buch lugte unter den anderen hervor. Neugierig zog ich es hervor und blätterte es durch.
>>Ah, das ist ein ganz besonderes Buch. Ich habe es erst gestern geschrieben.<<
>>Was?! Du hast gestern zirka fünfhundert Seiten geschrieben?!<<
>>Jane, ich bin ein Vampir.<<, erinnerte er mich.
Meine Wangen röteten sich und ich starrte auf den Einband.
>>Um was geht es?<<, fragte ich, um ihn von meinem Gesichtsausdruck abzulenken.
>>Um einen Vampir und einen Menschen.<<
Unwillkürlich musste ich lächeln. Ich drückte das Buch fest an meine Brust.
Lucien kam elegant auf mich zu und lies sich in der Hocke neben mir nieder. Er strich mir sanft mit den Fingerspitzen über die Wange, was mir eine Gänsehaut verursachte.
Nervös blickte ich ihm in die Augen, die mich sofort gefangen hielten. Sein Gesicht war nicht weit von meinem entfernt.
Und dann küsste er mich gefühlvoll und zart.
Noch während er mich küsste, erhob ich mich mit drei der Bücher. Unsere Lippen lösten sich voneinander.
Ich legte mich auf sein Bett und schlug das dunkelrote Buch auf.
Er lies sich neben mir nieder. Ich spürte seinen kühlen Atem an meiner Wange.
Ich hatte noch nicht damit angefangen, zu lesen, weil ich viel zu abgelenkt von Lucien war.
Plötzlich knabberte er zärtlich an meinem Ohrläppchen.
Ich zog ihn an mich und küsste ihn. Wieder strich er mit seiner Zunge über meine Lippen.
Meine Hände legten sich an die Stellen seines Oberkörpers, wo kein Stoff des Hemdes seine Haut bedeckte. Sie strichen darüber, als ob sie von fremden Mächten kontrolliert wurden. Sie gelangten an seinem Bauch an und öffneten einen Knopf.
Abrupt hörte er auf, mich zu küssen. Seine Hände lagen um meine Handgelenke und hinderten mich daran, weitere Knöpfe zu öffnen.
>>Ich weiß, was du vorhast. Und du kannst mir glauben, wenn ich dir sage, dass du das besser sein lassen solltest.<<
Er schaute in mein enttäuschtes Gesicht.
>>Was ist denn daran so schlimm?<<, fragte ich beleidigt.
>>Was daran so schlimm ist?! Jane, ich bin ein Vampir und du wolltest gerade... mein Hemd aufknöpfen. Wir können nicht miteinander... schlafen, oder so...<<
Sofort wurde ich rot. Man, war das peinlich!
>>Ich wollte auch gar nicht mit dir schlafen. Aber wenn wir schon beim Thema sind: Könntest du mir sagen, warum ich nicht mit einem Vampir schlafen
darf?<<
>>Ich könnte mich vergessen und über dein Blut herfallen und dich so ausversehen zum Vampir machen. Oder ich könnte dich >dabei< zerquetschen wie eine Fliege. Was würden wohl deine Eltern dazu sagen?<<
>>Okay, okay... Es tut mir leid...<<
Doch in meinen Gedanken tat es mir gar nicht leid. Er konnte sich vergessen und mich beißen. Und das hieß wiederum, dass ich dann ein Vampir werden würde! Den zweiten Teil mit dem >Zerquetschen< ignorierte ich erfolgreich.
Aufeinmal wusste ich, wie ich vorgehen würde und meinem Traum, ein Vampir werden zu können, näher kommen könnte...
Kapitel 3: Lucien's Bücher
Sanft strich ich über den roten, ledernen Einband von Lucien's Buch. Gestern hatte ich angefangen, darin zu lesen. Und ich musste eines zugeben:
Lucien's Schreibstil fesselte mich, ich war von ihm in einen Bann gezogen worden. Nichts klang schöner als seine Sprache, die so glasklar, genau und wunderschön zu lesen war.
Ich liebte dieses Buch.
Wenn er dieses Meisterstück verkaufen würde, könnte ich garantieren, dass es ein Bestseller werden würde.
Mittlerweile war ich ungefähr bei der Hälfte angelangt, auf Seite dreihundertsiebzig. Ich war froh, dass ich noch einiges vor mir hatte, aber wenn ich dranbleiben würde, würde ich es warscheinlich schon morgen früh durch haben.
Ich legte das Lesebändchen zwischen die Seiten und klappte das Buch zu. Dann packte ich den anderen Stapel, der noch immer auf dem Boden lag.
Ich sortierte sie in mein Bücherregal ein und lies mich dann wieder auf meinem Bett nieder, um weiter zu lesen.
Doch plötzlich öffnete sich die Türe und Lucien trat ein.
>>He, Jane. Wie lange liest du denn schon?<<, fragte er mit seiner Engelsstimme.
>>Seit ungefähr drei Stunden. Dein Buch fesselt mich.<<, sagte ich.
Er lächelte.
>>Das freut mich sehr. Aber sag mal, willst du denn nichts anderes unternehmen?<<
>>Das einzige, was ich jetzt will, ist dieses Buch lesen. Aber gegen küssen hätte ich auch nichts einzuwenden...<<, murmelte ich.
Natürlich wurde mein Kopf sofort wieder rot.
Lucien setzte sich anmutig auf mein Bett und zog mich auf seinen Schoß. Er küsste mich innig. Mir wurde schwindelig vor Glück.
>>Jane, ich muss dir etwas wichtiges sagen.<<
>>Was kann denn so wichtig sein?<<
Er starrte auf meine Bettdecke, sein Blick war leer. Er schloss seine Hand um meine und drückte sie leicht. Er presste seine Lippen aufeinander.
War es so schlimm?
Ich gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Lippen.
Er schüttelte leicht den Kopf, dann öffnete er den Mund. Heraus kam allerdings nichts.
>>Was hast du denn? Sag schon!<<, bettelte ich.
>>Es wird dir nicht gefallen.<<
>>Sag es mir.<<
Er kniff die schönen, dunklen Augen zusammen. Sein Körper spannte sich an, das konnte ich ganz genau spüren. Offenbar suchte er nach Worten, um mir das Bevorstehende möglichst schonend beizubringen. Das war kein gutes Zeichen.
Doch dann sah er mir fest in die Augen. Seine Hände legten sich um meine Handgelenke.
>>Jane, ich ziehe aus.<<
Seine Worte trafen mich unerwartet und erschreckend hart. Geschockt musterte ich ihn.
WAS?! Meine Gefühle spielten verrückt. Trauer, aber auch Wut und verfrühte Sehnsucht stiegen in mir auf und betäubten mich.
>>Was?! Aber wieso?! Das kannst du nicht machen!<<, schrie ich.
Und schon rannen mir die Tränen über meine Wangen.
>>Ich muss.<<
>>Gab es Streit mit Mom und Dad? Rede mit ihnen, Lucien!<<, rief ich aufgebracht.
>>Es gab keinen Streit. Ich ziehe aus dem einfachen Grund aus, weil ich ein Vampir bin. Sie werden merken, dass ich nicht mehr altere und immer so bleibe, wie ich bin. Es muss sein.<<
Nein, das nahm ich nicht hin.
>>Du bleibst hier bei mir!<<
>>Jane, ich ziehe nicht weit weg von dir. Ich komme dich auch jeden Tag besuchen.<<
>>Dann kannst du doch gleich hier bleiben!<<
>>Nein. Es geht doch um Mom und Dad. Sie dürfen mich bald nicht mehr sehen, weil sie dann bemerken, dass ich nicht altere.<<, sagte er.
>>Und was erzählst du ihnen dann? Dass du so hässlich geworden bist, dass sie dein Gesicht nicht mehr sehen sollten?!<<, rief ich.
Er lachte. Es war ein lustloses, schwaches Lachen.
>>Dafür habe ich schon gesorgt. Ich habe ihnen gesagt, dass ich ins Ausland ziehe und sie deshalb nicht oft besuchen gehen werde. Sie haben mich besorgt gefragt, was dann mit dir sei. Tja, ich habe gesagt, dass wir dann eben eine Fernbeziehung führen werden...<<
Mein Mund klappte auf.
>>Du hast es ihnen schon gesagt?! Wie haben sie reagiert?!<<
>>Mokka hat geheult, Mom und Dad haben sich verständnisvoll gezeigt. Aber sie haben gemeint, dass ich tun und lassen kann, was ich will. Ich bin alt genug. Natürlich waren sie auch traurig.<<, antwortete er.
Ich verschränkte die Arme vor der Brust.
>>Ich ziehe zu dir. Ohne dich geht es nicht, Lu.<<
>>Du bleibst schön hier. Wie, glaubst du, fühlen sich deine Eltern, wenn du auch ausziehst?<<
>>Nein, Lucien! Ich gehe überall dorthin, wo du auch hingehst! Ich werde dich niemals verlassen, auch, wenn du mich jeden Tag besuchen kommen würdest! Du bist mein Leben! Es steht fest, dass ich bei dir wohnen werde und ich lasse mich nicht davon abbringen, es zu tun!<<
Daraufhin sagte er nichts mehr.
Von unten ertönte ein Wimmern. Leise schlich ich mich in den Flur, um zu lauschen.
Es war eindeutig Mom's Stimme, die so herzzerreisend schluchzte. Sie schniefte laut und schluchzte dann wieder. Vorsichtig lehnte ich mich über das Geländer und schaute nach unten, wo Mom stand. Sie hatte die Hände vor das Gesicht geschlagen. Sie war wirklich am Boden zerstört.
Dad kam und nahm sie in den Arm.
>>Erin, er ist schon neunzehn Jahre alt. Er kann tun und lassen, was er möchte. Wir können ihn nicht zwingen, bei uns zu bleiben. Sicher, ich werde ihn auch sehr vermissen, aber er wird erwachsen.<<, versuchte er, sie zu beruhigen.
>>Mein Baby zieht aus... Das darf doch alles nicht wahr sein! Er ist mein Kind, mein kleines Baby...<<, heulte Mom.
Mein Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen.
>>Er war immer wie mein richtiger Sohn. Nie habe ich daran gedacht, dass wir ihn adoptiert haben... Es ist so, als hätte ich ihn damals zur Welt gebracht. Es war alles so perfekt...<<, fuhr sie fort.
>>Schhh, nicht so laut, sonst hören uns die Kinder...<<, sagte Dad.
Mit einem seltsamen Gefühl in der Magengrube wandte ich mich um und schlurfte zu Lucien ins Zimmer.
Er starrte mit gequältem Blick zu Boden. Ich wusste, dass er jeden Ton gehört hatte.
Seine Lippen waren zu einem harten, dunklen Strich zusammengepresst, die Hände hatte er zu Fäusten geballt. Er sah unfassbar traurig aus, so traurig, dass ich es nicht ertrug, ihn so zu sehen.
>>Lucien...<<, murmelte ich und ging auf ihn zu.
Sanft nahm ich sein Gesicht in meine Hände und küsste kurz seine Lippen.
Ich wollte versuchen, ihn dazu zu überreden, hier zu bleiben. Aber ich lies es bleiben, weil ich wusste, dass er es nicht konnte. Er hatte recht, wie immer. Sie würden merken, dass er nicht alterte. Es war besser so, auch wenn es scheußlich war, das zu denken. Sie würden ihn nie wieder sehen können. Nur ich würde ihn regelmäßig sehen. Das war so ungerecht, dass ich fast weinen musste. Schließlich hatte ich ihn am allerwenigsten verdient.
Meine Eltern hatten ihn aufgezogen, er war ein Kind für sie. Wenn ihn jemand verdient hätte, dann Mom und Dad. Aber nicht ich. Überhaupt war er viel zu gut für diese Welt, viel zu gut für mich.
Ich hatte nie sonderlich viel Glück im Leben gehabt, und es wunderte mich, dass ich ausgerechnet ihn hatte, und dass er mich liebte.
>>Ich möchte sie nicht verletzen... Es ist grauenhaft. Ich wünschte, ich könnte jetzt ein Mensch sein.<<, flüsterte er mit einem tieftraurigen Unterton in der Stimme.
>>Es ist nicht gerade berauschend, ein Mensch zu sein. Man ist im Gegensatz zu Vampiren schwach und zerbrechlich. Außerdem ist man kurzlebig.<<, sagte ich, um ihn zu trösten.
>>Und um genau das beneide ich euch Menschen. Euer Leben ist kurz. Ich würde alles dafür geben, ein Mensch zu sein. Weißt du, wie schlimm es ist, wenn alle Menschen, die man liebt, vor einem gehen? Frag Zac, er hat das am eigenen Leib miterlebt.<<
>>Es muss ja nicht so sein. Du kannst mich zum Vampir machen.<<, sagte ich.
Plötzlich merkte ich, in welche Richtung dieses Gespräch sich gerade entwickelte. Außerdem war es egoistisch von mir, das zu gesagt zu haben, schließlich war ich nicht der einzige Mensch, den er liebte.
Er wollte gerade etwas sagen, doch ich kam ihm zuvor.
>>Schon gut, vergiss es. Ich habe keine Lust, mich mit dir zu streiten. Streit mit dir ist das Schlimmste, was es gibt. Ich ertrage es nicht, wenn wir uns streiten.<<
>>Ich auch nicht.<<, entgegnete er.
Von unten ertönte ein lautes Schluchzen, dann war es endgültig still.
Ich wechselte das Thema.
>>Wann hast du vor, auszuziehen?<<
>>Spätestens in einem Monat.<<, antwortete er.
Mich durchfuhr es wie ein Blitz. Warum wollte er so schnell von hier verschwinden? War es wirklich so schlimm?
>>Warum schon so bald?<<, fragte ich enttäuscht.
>>Ich möchte nicht, dass sie anfangen, Verdacht zu schöpfen. Bevor sie das können, bin ich draußen.<<
>>Sag mir bescheid, wenn es so weit ist. Du weißt, dass du mich nicht so schnell loswirst.<<, sagte ich.
>>Du solltest dich lieber auf die Schule konzentrieren, als auf so etwas. In zwei Tagen geht es wieder los.<<, sagte er.
Oh. Das war mir vollkommen entfallen. Die Ferien waren einfach zu schön und zu aufregend gewesen, so dass ich keinerlei Gedanken an die Schule verschwendet hatte. Schon jetzt graute es mir bei der Vorstellung, von allen Mitschülern schief angeschaut zu werden. Naja, wenigstens hatte ich noch Delilah.
>>Versprichst du mir etwas?<<, riss mich Lucien aus meinen Gedanken.
>>Was denn?<<, fragte ich verwirrt.
>>Lass mich dich am Montag zur Schule fahren.<<
Und so war es schließlich soweit. Ehrlich gesagt war ich froh, dass mich Lucien zur Schule fahren würde. Dann müsste ich nämlich nicht mit dieser bescheuerten Limo gefahren werden müssen. Blicke würde mir das allerdings nicht ersparen, denn solange er an meiner Seite war, würde jeder herschauen.
Nachdem alles erledigt war, darunter fertigmachen und frühstücken, lies ich mich auf den Beifahrersitz von Lucien's Wagen plumpsen. Er schwang sich elegant auf seinen Sitz, drehte den Schlüssel herum und fuhr los.
>>Wie, glaubst du, werden sie reagieren?<<, wollte ich wissen.
>>Die Schüler? Keine Ahnung, wieso?<<
>>Lu, wach doch mal auf, du weißt ganz genau, wovon ich rede! Im Internet gibt es Fanclubs von dir! Und die stammen nicht nur von deinem College, sondern unter anderem auch von dieser High School!<<
Er lachte ein melodisches, belustigtes Lachen.
>>Die werden sich schon wieder einkriegen.<<
Ich betrachtete ihn fast die komplette Fahrt. Er war so vollkommen, so wunderschön, so faszinierend... Es gab keine richtig passenden Ausdrücke für ihn. Dazu war der Wortschatz von uns Menschen zu klein.
>>Wir sind da.<<, murmelte er.
Ich schreckte auf. Ich war viel zu sehr in seinen Anblick vertieft gewesen, als zu bemerken, dass wir uns mittlerweile auf dem Schulgelände befanden.
Er stieg aus, öffnete meine Türe und hielt sie auf.
Leicht genervt kroch ich aus dem Auto und versuchte, die neugierigen Blicke meiner Mitschüler zu ignorieren.
Einige fanden sich zusammen und tuschelten, und es war nicht schwer zu erraten, über wen sie tuschelten.
Zwei Mädchen gingen an uns vorbei. Sie liefen langsam, um Lucien betrachten zu können. Ihre schmachtenden Gesichter verrieten alles. Dann wanderten ihre Augen auf mich. Schlagartig war ein bösartiger und eifersüchtiger Ausdruck darin.
Ich hörte, wie die eine zur anderen flüsterte:
>>Wie kann er sich nur mit der abgeben? So einen hat die niemals verdient!<<
Aus Lucien's Richting ertönte leise ein schauriges, tiefes Knurren. Die Mädchen schienen das gehört zu haben. Eingeschüchtert und unsicher verließen sie die Stelle.
>>Niemand hat das Recht, so etwas über dich zu sagen.<<, sagte Lucien.
Mittlerweile hatten sich viele Schüler um uns versammelt, vor allen Dingen Mädchen. Sie taten alle so, als wären sie nur zufällig hier.
>>Danke, dass du mich gefahren hast, Lu.<<, murmelte ich.
>>Schon gut. Für dich tue ich alles, und das meine ich bitterernst.<<
Er zog mich an sich und küsste mich leidenschaftlich.
Das gespielte Gemurmel der anderen um uns herum verstummte.
Als sich unsere Lippen voneinander lösten, fingen sie alle wieder an, laut miteinander zu reden. Manche taten das nur, um zu verbergen, dass sie uns gerade zugeschaut hatten, andere schimpften darüber, wieso ausgerechnet ich so einen Freund verdient hatte.
Doch Lucien schien das nicht im geringsten zu stören. Er nahm mein Gesicht in seine Hände und küsste mich erneut, diesmal länger und gieriger. Ich hatte das Gefühl, als würde er das absichtlich machen.
Aber die Gefühle für ihn waren so stark, dass dies keine Rolle spielte. Am liebsten würde ich ihn mit zu mir in die Schule nehmen.
Keuchend löste er meine Lippen abrupt von seinen.
Natürlich, er war ja ein Vampir, und ich wusste nicht, wie viel Selbstbeherrschung er gerade für diesen Kuss aufgebracht hatte.
Er strich mir ein letztes Mal über die Wange, dann wirbelte er herum und rief mir noch im Gehen zu:
>>Ich liebe dich!<<
Meine Wangen färbten sich rot. Ich stand so lange auf dem Pausenhof und schaute ihm nach, bis ich sein Auto nicht mehr sehen konnte.
Und dann ging es los. Es war schlimmer, als ich gedacht hatte.
Alle Mädchen stürzten sich auf mich. Einige beleidigten mich heftig, andere schluchzten, andere bombardierten mich mit Fragen.
Doch das schrecklichste war, dass Oberzicke Kate direkt auf mich zukam, hinter ihr die treu ergebenen drei >Freundinnen<. Ich würde sie eher als Dienerinnen bezeichnen.
Kate war Ehrenmitglied des Fanclubs von Lucien, wie ich auf der Internetseite einmal erfahren hatte. Seit ich denken konnte, war Kate schon immer meine verhasste Feindin gewesen. Sogar im Kindergarten hatte sie mich schon tyrannisiert.
Sie hatte immer etwas gefunden, um mich zu ärgern oder um mich zu übertrumpfen, und es hatte immer geklappt. Sie hatte immer das Glück, die Freunde und den Erfolg auf ihrer Seite gehabt.
Kate war reich, genauso wie ich. Außerdem war sie nicht gerade dumm, und schön war sie auch noch. Ihre Haut war stets gebräunt, die Haare waren blond und fielen über ihre Schultern. Ihre Augen strahlten blau. Zudem hatte sie auch noch Oberweite, was ich nicht gerade von mir behaupten konnte.
Sie war schon immer in Lucien vernarrt gewesen. Das hatte sich sogar schon im Kindergarten gezeigt, als er mich öfter einmal abgeholt hatte.
Und jetzt lief sie wie ein Model auf dem Laufsteg auf mich zu, mit ihren drei Freundinnen auf den Fersen.
>>Verschwindet!<<, schrie sie und scheuchte die anderen mit einer Handbewegung davon.
Kate war das beliebteste Mädchen auf der gesamten Schule, und so war es klar, dass ihr alle anderen zu Füßen lagen. Sie machten Platz, um sie zu mir hindurch zu lassen und verteilten sich dann um uns.
Ich schluckte schwer. Ich hoffte, dass das, was mir bevorstand, nicht ganz so schlimm wurde, wie ich befürchtete.
Und dann ging es los.
>>DU und ER?! Das kann es doch nicht gewesen sein! Ich meine, hallohooo, er ist der heißeste Typ, den es gibt und du, du bis eine langweilige Außenseiterin! Außerdem ist er doch dein Bruder! Okay, jetzt weiß ich bescheid, dass du definitiv eine von dieser Sorte bist.<<
Natürlich wusste ich sofort, was sie meinte. Das Schimpfwort lag ihr auf der Zunge. Sie formte das schlimme Wort mit einem >N< am Anfang und mit den Enden >te< mit ihren Lippen.
Das wollte ich mir nicht bieten lassen. Eine unglaubliche Wut keimte in mir auf und füllte meinen Kopf.
>>Halte doch einfach mal deine Klappe, Kate! Ich habe es satt, ständig von dir wie der letzte Dreck behandelt zu werden! Außerdem ist Lucien nicht mein Bruder! Er wurde damals adoptiert und ich habe ihn nie wie einen Bruder geliebt, sondern...<<
Sie lies mich nicht ausreden.
>>Perfekt! Mädels, notiert euch das! Infos für unsere Internetseite können wir gut gebrauchen!<<, sagte sie zu den Mädchen hinter ihr.
Dann wandte sie sich wieder mir zu und fuhr fort.
>>Warscheinlich spielt er dir nur etwas vor, um deine Gefühle nicht zu verletzen, schließlich lebt er mit dir in einem Haus. Er steht ganz bestimmt nicht auf dich.<<
>>Lucien liebt mich über alles!<<, schrie ich wütend.
Ja, er liebte mich. Kate konnte mir erzählen, was sie wollte, ich wusste, dass er mich liebte. Ich zweifelte nicht länger an seinen Gefühlen für mich, weil ich ihm vertraute. Und ich wusste ganz genau, dass er nie eine andere lieben würde als mich. Er hatte es mir oft genug gesagt.
Erst jetzt wurde mir so richtig klar, wie glücklich ich mich schätzen konnte, ihn zu haben.
>>Ach ja?! Tja, wenn er mich sieht, steht er nicht mehr auf dich. Ich bin die einzig Richtige für ihn, ich bin wie geschaffen für ihn. Warte nur ab, wenn er mich sieht!<<, meinte sie selbstverliebt, >>Von mir aus können wir ja mal testen, wie sehr er dich liebt. Wie wäre es, wenn wir uns heute nach der Schule hier auf dem Pausenhof treffen?<<, schlug Kate mit zickigem Ton vor.
>>Gut. Heute nach der Schule hier.<<, bestätigte ich.
>>Juhuu! Heute werden ich und Lucien endlich zusammenfinden!<<, quiekte Kate.
Dann trat sie einige Schritte näher und stieß mich heftig zu Boden.
>>Wer, glaubst du, bist du eigentlich? Du wagst es, dich mit mir anzulegen?! Naja, du wirst schon sehen, was du davon hast, du kleines Miststück!<<, höhnte sie.
Sie hob ihre Hand und holte zu einem Schlag aus. Sie wollte mich schlagen. Und ich saß wehrlos hier unten, unfähig, aufzustehen.
Ihre Hand schnellte herunter.
Ich schloss die Augen und wartete auf den Schmerz, doch es kam nichts. Langsam öffnete ich die Augen und konnte nicht glauben, was ich sah.
Phoebe stand leibhaftig vor mir und hielt Kate's Handgelenk fest mit ihren Fingern umschlossen.
Ich konnte sehen, wie sie Kate fast die Hand zerquetschte.
>>Das lässt du lieber bleiben, Fräulein!<<, sagte Phoebe laut.
>>Aua, lass mich los, du tust mir weh! Was bildest du dir ein?!<<, schrie Kate.
>>Ist das dein Lieblingsspruch?<<, ertönte Zac's Stimme neben mir.
Er zog mich auf die Beine.
>>Jane, mach deinen Mund zu.<<, sagte er und grinste.
Aber ich konnte nicht anders, als zu staunen. Was suchten die beiden hier?!
Kate schaute in Phoebe's schönes Gesicht. Sie schien zu bemerken, dass Phoebe ihre Schönheit übertrumpfte. Eingeschnappt streckte sie die Nase in die Luft.
Phoebe drückte ihr Handgelenk noch fester, sodass Kate quiekte.
Sie versuchte, sich aus Phoebe's eisernem Griff zu befreien, was ihr aber natürlich nicht gelang.
>>Fass Jane noch einmal an, und dir wird was passieren.<<, drohte Phoebe düster.
Dann lockerte sie ihren Griff und lies Kate entkommen.
>>Das bekommt ihr zurück, das verspreche ich!<<, brüllte sie mit hochrotem Kopf, während sie mit ihrem Gespann davonstürmte.
Dann wandte sich Phoebe an die anderen, die mit offenen Mündern um uns herumstanden.
>>Und ihr? Was sucht ihr denn noch hier? Haut ab, und zwar allesamt, bevor ich mich vergesse!<<, rief sie.
Sofort zerstreuten sie sich und verschwanden im Gebäude.
>>Danke, dass ihr mir geholfen habt, ihr beiden!<<, sagte ich erleichtert.
>>Gern geschehen.<<, sagte Zac und klopfte mir ein wenig zu fest auf die Schulter.
>>Aber eines würde ich gerne wissen: Was sucht ihr hier?<<, fragte ich.
Meine Neugier war einfach zu groß.
>>Schulwechsel.<<, entgegnete Zac lurz.
>>Ja. Wir haben gedacht, dass du unseren Schutz brauchst. Tadaaaa- jetzt sind wir hier. Und zufälligerweise kommen wir in deine Klasse.<<
Meine Augen weiteten sich vor Freude.
>>Ehrlich?! Delilah wird sich bestimmt auch sehr freuen!<<, sagte ich begeistert.
Dann ertönte der zweite Gong und wir marschierten in unser Klassenzimmer.
Prüfend musterte Mr. Collins uns, als wir uns zu spät auf unseren Plätzen niederliesen.
Aber als er in die hübschen Gesichter von Zac und Phoebe schaute, lächelte er gutmütig und sagte:
>>Heute drücke ich mal ein Auge zu.<<
Delilah grinste mich an und flüsterte fröhlich:
>>Schön, dich wiederzusehen, Jane. Toll, das Phoebe und Zac jetzt auch auf diese Schule gehen.<<
>>Ja... Das kannst du laut sagen. Ich bin froh, dass ihr meine Freunde seid.<<
Und das war ich wirklich.
Paulina-Chevonne Das war ein Auszug aus meinem Buch. Ich möchte es gerne veröffentlichen. Falls ich das schaffe, könnt ihr ja dann im Buch lesen, wie es weitergeht!
Auf jeden Fall würde ich mich sehr über eure Kommentare freuen! :D
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