Jona - Magier der Gefühle Kapitel 1: Die strahlende Murmel26.03.2010
„Pass auf wo du hintrittst!“, raunte Naleo zornig einen kleinen Jungen an, der ihn beim Spielen mit anderen Kindern unbeabsichtigt angerempelt hatte. Der Junge stammelte schon wieder im Laufen nur ein schnelles „Verzeihung Sir.“ und war bereits um die nächste Ecke verschwunden. Verärgert wischte Naleo mit seiner rauen, blassen Handfläche über seinen weißen, ärmellosen Anzug, als versuche er einen unsichtbaren Fleck, den der Junge hinterlassen haben könnte, zu entfernen. Sein lang gezogenes, markantes Gesicht, hatte sichtlich verstimmte Züge angenommen, als er wider aufschaute und weiterging. Dabei schimmerte sein goldblondes, zu einem Zopf gebündeltes Haar matt in den grellen Strahlen der Sonne, die Kassalin in das der Stadt so eigene, geheimnisvolle Licht tauchte. Es lag eine brennende Hitze in der Luft, die für die langen Sommertage in Kassalin typisch war und das Arbeiten im Freien zu einer Tortur werden lies. Beim einatmen der trockenen, mit Staub gefüllten Luft brannte es in Naleos Kehle und seine Laune erreichte nun endgültig ihren Tiefpunkt. Jedoch ließ er sich nichts davon anmerken und lief mit festen Schritten durch den belebten Slumti Basar. Er war von einem bunten Getummel umgeben, allerlei Kreaturen versuchten lauthals ihre Waren loszuwerden und schrieen dabei wild durcheinander. So auch ein junges Mädchen, mit wuscheligen schwarzen Haaren, das mit allerlei Obst umher jonglierte. Sie hatte ein Engelslächeln aufgesetzt, wodurch auf jeder ihrer zwei Backen ein Grübchen zum Vorschein kam, das sie trotz ihrer ärmlichen, von Dreck und Sand bedeckten Klamotten sympathisch wirken ließ, als sie den Leuten ihre Ware anprieß: „Frische Orangen, reife Feigen, saftige Äpfel. Sie bekommen alles bei mir. Meine junge Dame kommen Sie doch näher ich hab genau das, was Sie brauchen. Keine Angst ich beiße nicht.“ Interessiert näherte sich die Frau, die das junge Mädchen angesprochen hatte, dem Obststand und kaufte kurz darauf zwei Pfund Kirschen. Zufrieden steckte das Mädchen zwei Bronzemünzen in die Tasche ihrer zerlumpten Hose, als sie Naleo erblickte, der geradewegs auf sie zuschritt. Starr vor Schreck hielt sie kurz inne, unentschlossen ob sie stehen bleiben oder los sprinten sollte. Den Bruchteil einer Sekunde später hastete das kleine Mädchen mit flinken Bewegungen los, wobei sie in einem Moment der Unachtsamkeit um ein Haar den Obststand ungerempelt hätte. Einige Bananen schlugen dumpf auf den, vom Wüstensand bedeckten, Boden auf und ehe man sich versah, war sie in der bunten Menge der Marktbesucher verschwunden. Wenig überrascht davon, dass seine Zielperson zu flüchten versuchte, nahm Naleo die Verfolgung auf, als hätte er nichts anderes erwartet. Dabei schubste er die Links und Rechts von ihm stehenden Leute zur Seite und rief: „Aus den Weg! Macht Platz ihr Volltrottel.“ Ungeachtet Naleos rüden Vorgehens, nahm kaum jemand Notiz von ihm, geschweige denn, dass jemand auswich. Es schien eher so, als ob die Menge das Mädchen schützte und versuchte ihn aufzuhalten, während das Mädchen mit einer nahezu unverschämten Leichtigkeit jede sich auftuende Lücke zwischen den Leuten erkannte und nutzte. Der Vorsprung zwischen Naleo und dem Mädchen hatte sich nahezu verdoppelt, als der Marktplatz wider erwartend anfing sich zu verdunkeln. Dieses Phänomen trat immer dann auf, wenn durch das hektische Treiben auf dem Marktlatz zu viel des staubigen Wüstensands aufgewirbelt wurde, so dass sich ein dunkler Film über den Basar legte. Naleos Sicht war nun von dichtem Nebel getrübt und auch die Leute um ihn herum fingen an sich gegenseitig auf die Füße zu treten und übereinander zu stolpern. Jedoch blieb der Großteil der Masse trotz der plötzlichen Dunkelheit die sich breit machte erstaunlich ruhig, denn für diese leidige Angelegenheit gab es einen speziell ausgebildeten Himmelsputztrupp, ausgerüstet mit eigens angefertigten Staubsaugern, die den Sand binnen Sekunden ein sogen. Von der Erscheinung her glichen sie einem Glühwürmchen, nur dass ihre Beinchen, die links und rechts herunter baumelten, besonders lang waren. Die kräftigen Arme zeigten Ansätze von durchtrainierten kleinen Muskeln, während sie durch die Luft düsten und gewissenhaft ihre Arbeit verrichteten. Naleo wurde bewusst, dass die Dunkelheit ihm einen enormen Vorteil verschafft hatte, jedoch musste er sich beeilen, da der Zustand nicht mehr lange anhalten würde. Er schloss für einen Moment die Augen. Als er sie wieder öffnete formte sich die Schwärze in die er Sekunden zuvor noch geblickt hatte zu einer Vielfalt von Farben, die ausströmten und um jeden Basarbesucher eine eigene, farbige Aura bildete. Naleo blickte durch das vor ihm schimmernde Farbenmeer bis er die Aura entdeckte, nach der er gesucht hatte. Getaucht in ein orangerot, erspähte Naleo das kleine Mädchen, das nun nicht mehr so Leichtfüßig wie zuvor durch die Menge rannte und orientierungslos in ihr fest hing. Dabei wurde die Aura um das Mädchen immer stärker, während Sie von Panik ergriffen im Lauf immer wilder um sich herum fuchtelte. Im Gegensatz dazu wich Naleo nun geschickt den blind auf ihn zulaufenden Leuten aus, bis er den Vorsprung des Mädchens aufgeholt hatte. Kaum hatte er zugepackt, waren auch schon die ersten Himmelsputzer damit beschäftigt die Luft über ihnen zu reinigen, wodurch unverzüglich kleine Öffnungen Richtung Himmel entstanden aus denen grelle Sonnenstrahlen schossen: „Lass mich los! Hilfe, warum hilft mir denn keiner?!“ Wild um sich schlagend versuchte das Mädchen sich von Naleo los zu reißen, was ihr jedoch nicht gelang, da Naleo sie mit seinen kräftigen Armen fest umklammert hielt. Eine Traube von den verschiedensten Gestalten bildete sich um Naleo und das kreischende Mädchen, wobei ein Gorilla hervortrat und Naleo angrunzte: „Was fällt ihnen ein auf hilflose Kinder los zu gehen?! Lassen sie sofort das Mädchen los oder …“ Bevor der Gorilla seinen Satz beenden konnte hob Naleo kühl, ohne dabei eine Miene zu verziehen seinen linken Ringfinger, den ein silberner Ring mit drei eingelassenen farbigen Steinen zierte. Starr blickte der Gorilla für einen Momentlang abwechselnd auf den roten, gelben und blauen Stein die das Zentrum des Rings bildeten, machte dann einen Schritt zurück und beugte seinen gewaltigen Kopf Richtung Boden um seine Unterwürfigkeit zu demonstrieren. „Verzeiht mir Kreator.“, murmelte er leise vor sich hin, ohne dabei seinen Blick vom sandigen Boden abzuwenden. Der Rest der schaulustigen Menge schickte sich an möglichst schnell weiterzugehen, bis das normale Treiben des Basars wieder eingekehrt war. Mittlerweile hatte auch das Mädchen sich gefangen und nahm eine steife Haltung an, wobei sie ihre Fäuste ballte. „Ihr arroganten Kreatoren, für nichts gut außer um Unruhe zu stiften. Ich werde den Tag feiern an dem eure Sippe untergeht und Kassalin von euch befreit ist.“, zischte sie Naleo entgegen, wobei sie nichts mehr von dem unschuldigen, süßen, jungen Mädchen an sich hatte. Ihr Kopf lief vor Wut rot an und mit ihren kastanienbraunen Augen aus denen blut durchlaufene rote Adern zum Vorschein kamen, funkelte sie Naleo hasserfüllt an. Aus dem Nichts begann ihre Haut zu schrumpeln, der kleine schlanke Körper krümmte sich, nahm an Fülle zu und tiefe Falten fraßen sich unbarmherzig in den Großteil ihres zuvor kindlichen Gesichts. Aus dem vitalen, jungen Mädchen war eine alte, verbissene Frau geworden, der man ansah, dass sie das Alter eines Normalsterblichen um viele, viele Jahre überschritten haben musste. „Erspar mir deine Herz zerreißenden Ausführungen Ladina. Wäre deine Meinung für mich von Relevanz, hätte ich dich schon danach gefragt.“, entgegnete ihr Naleo gelangweilt, wobei er sich über sie beugte, bis seine gekrümmte Nase, die wohl das einzige Makel an seinem sonst so perfekten Äußeren zu sein schien, um ein Haar ihr Gesicht berührte. „Du scheinst ja ganz schön Dreck am Stecken zu haben wenn du bei meinem Anblick die Flucht ergreifst.“, fügte er mit einem desinteressierten Unterton hinzu. Regungslos starrte Ladina weiter auf Naleo und spürte dabei seinen feuchten Atem auf ihrem Gesicht. „Es ist doch ganz einfach. Entweder du fängst an freiwillig mit mir zu kooperieren, was dir und mir Zeit und Kraft spart oder du bleibst weiter stur. Solltest du dich für das stur sein entscheiden, werde ich die Informationen auf andere Weise aus dir rausholen und du weißt, was das für dich bedeutet.“ Bei diesen Worten zuckte Ladina ungewollt zusammen und ihr Atem stockte. „Gut da ich annehme, dass ich jetzt deine ungeteilte Aufmerksamkeit habe, will ich, dass du mir aufmerksam zuhörst. Ich bin auf der Suche nach Xantors neuem Versteck. Wie du sicherlich weißt, ist er unangekündigt umgezogen und zu meinem Ärger gibt es etwas, das ich dringend von ihm benötige. Warum werde ich das Gefühl nicht los, dass du weist wo Xantor sich befindet?“ Dabei betonte Naleo das Wort „Gefühl“ mit besonderem Nachdruck, was bei Ladina ein leichtes Schauern auslöst. Mit einem verachtenden auf Naleo gehefteten Blick, fasste Ladina in einer der Taschen ihrer zerlumpten Hose und holte eine kleine, kristallfarbene Murmel daraus hervor. Wortlos nahm Naleo die Murmel entgegen. „Verreck dran!“, zischte es zähneknirschend aus Ladinas kleinen, spitzgeformten Mund, während sie sich fest auf die Zunge Biss, als wolle sie sich dafür bestrafen, dass sie die Murmel rausgerückt hat. Konzentriert betrachtete Naleo die kleine Murmel und ehe er sich versah, hatte sich Ladina wieder in das kleine unscheinbare Bettlermädchen verwandelt, wobei sie unscheinbar im Meer der Menge untertauchte. Ungeachtet der Tatsache das Ladina verschwunden war, lies Naleo die Murmel durch seine langen, dünnen Finger gleiten. „Raffiniert Xantor. Du hast dir also ein wanderndes Versteck zugelegt.“ Er fasste die Murmel und hielt sie zwischen seinem Daumen und Zeigefinder in die Luft. Unverzüglich drangen Sonnestrahlen durch die gewölbte Oberfläche der Murmel und kämpften sich in ihr inneres. Wie durch eine unsichtbare Hand bündelten sich im inneren der Murmel die Strahlen zu einem regenbogenfarbigen Lichtstrahl, der Richtung Norden zeigte. Das Licht in der Murmel, das Naleo wie ein Navigationssystem durch das Gewirr und Treiben des Basars führte, verlor an stärke, als er einige Minuten später den Basar verlies. Er erreichte eine schattige Ebene die soweit das Auge reichte in ein Nichts aus Sand führte. Um ihn herum war es still geworden und das einzige Geräusch kam vom Wind, der wohltuend kühl über Naleos kantiges Gesicht streifte. Es waren keine hundert Schritte, die Naleo über die Ebene machte, als das bunte Licht der Murmel komplett erlosch. „Hier steckst du also.“ Triumphierend formte sich auf Naleos Lippen ein grinsen, wobei er seine Umgebung noch einmal mit einem prüfenden Blick fixierte, um sicher zu gehen unbeobachtet zu sein. Als er sich davon überzeugt hatte, dass er alleine war, kniete er nieder, nahm eine Hand voll Sand und blies ihn kraftvoll Richtung Osten. Der Sand verfing sich augenblicklich im Wind, der im selben Moment aufgekommen war und begann sich immer schneller im Kreis zu drehen. Mehr und mehr Sand geriet in seinen Sog, bis schließlich eine kleine Sandtose entstanden war, die um sich selbst herum wirbelte und verschiedenste Formen annahm bis sie schließlich als riesiger, quadratischer Sandwürfel zur Ruhe kam. Der Wind war so plötzlich wieder abgeflaut wie er gekommen war und nichts mehr war von dem Spektakel, das sich soeben ereignet hatte zu ahnen. Mit zielsicherem Schritt bewegte sich Naleo auf den gigantischen Sandwürfel zu, der aus dem Nichts aufgetaucht war, als er schließlich ungefähr einen halben Meter davor stehen blieb. Selbst Naleo, dessen eindrucksvolle Erscheinung normalerweise einem Jeden Respekt abverlangte, wirkte vor diesem riesigen, ungelenken Klotz lächerlich klein. Er streckte seine blassen Hand, die unter dem Mantel hervorlugte aus und glitt damit langsam über die vor ihm stehende Sandwand, bis seine Hand vollends darin versunken war. Allerdings dauerte es nicht lang und er zog sie wieder heraus, denn offenbar hatte er gefunden wonach er suchte. Er hielt nun eine kleine, schmucklose Holztruhe in der Hand, die er aus dem Sand gefischt hatte. Als er sie vorsichtig öffnete kam eine schmale, vergilbte Pergamentrolle zum Vorschein und nachdem er sie mit spitzen Fingern vorsichtig, damit das brüchige alte Papier nicht zerfiel, auseinander rollte, konnte er darauf vier parallel gezogene Striche und eine kleine, nicht sehr kunstvoll gemalte Türklinke erkennen. Sanft fuhr er mit seinem Zeigefinger über das Pergament und die auf der Rolle skizzierten Striche begannen sich langsam nach einem scheinbar einstudierten Muster zu bewegen. Sie schwankten nach links und rechts, hüpften auf und ab, als ob sie dem Pergament entfliehen wollten. Auch die Türklinke schien mit einem Mal lebendig geworden zu sein. Sie drehte sich immer schneller um sich selbst, als schwebte sie im freien Raum und nicht, als wäre sie in den Strukturen des Pergaments gefangen. In diesem Moment trat Naleo einige Schritte zurück und lies das Blatt los. Noch während es in der Luft schwebte, lösten sich die Linien und der Türgriff von der Rolle und wuchsen auf ein hundertfaches ihrer ursprünglichen Größe an, bis das Pergament schließlich leer auf den Wüstensand hinunter sank. Die zuvor bloß gemalten Striche verschmolzen zu einem Rechteck und setzten sich mittig auf dem Sandwürfel fest. Währenddessen drehte sich der Türgriff immer noch in der Luft, bis er sich letztlich doch noch dazu entschloss seinen Platz an der linken Seite des Rechtecks einzunehmen, wodurch in der glatten Sandwand eine Tür entstand. Naleo schien das Ganze wenig zu faszinieren. Er blickte gelangweilt drein und wartet ungeduldig bis alles an seinem Platz angekommen war. Endlich konnte er den Türgriff hinunter drücken und kurz darauf war er auch schon im Innern des Sandwürfels verschwunden. Dort angekommen, empfing Naleo ein beißender, fauliger Geruch, der in ihm einen nur schwer zu unterdrückenden Würgreiz auslöste. Innerhalb weniger Sekunden und ohne Vorwarnung hatte sich die Tür hinter Naleo wieder geschlossen und löste sich so plötzlich wie sie gekommen war auch wieder ins Nichts auf. Totale Finsternis umhüllte Naleo und zurück blieben nur die ebene Sandfläche und der widerliche Gestank.
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