Kerrin - Verhältnisse27.05.2010
Das Klo war dreckig.
Es stank, die Kabine war beschriftet und die wackelige Tür ließ sich nicht mehr richtig schließen. Öffentliche Toiletten waren ihr schon immer zuwider gewesen.
Aber eben, als sie hastig, in Sorgen versunken über den Markt gelaufen war, ohne einen Blick für all die bunten Stände und freundlichen Stimmen zu haben, überkam sie ganz plötzlich das Bedürfnis ein Klo zu benutzen.
Sehr ärgerlich, sie hätte vorsorglich zu Hause gehen sollen. Nun saß sie hier, starrte auf den Schlitz am Boden der Tür und hoffte, dass der Wasserhahn funktionieren würde.
Ihren Einkauf hatte sie neben sich auf dem Boden platziert. Haken an der Tür gab es nicht. Als ihr Blick sich nun hob und auf den Korb fiel, fragte sie sich, warum sie die Bananen gekauft hatte. Niemand würde sie heute Abend anrufen oder besuchen und sie selber aß sie nicht. Sie verabscheute sie fast so sehr, wie öffentliche Toiletten.
Sie ließ ihre müden Augen über die aufgemalten Eddingherzen und schwarzen Telefonnummern schweifen. Ein besonders großes Herz rahmte den Türgriff ein. Durch Zufall fand sie den Spruch daneben.
„Aber ihre Einsamkeit wird Ihnen auch inmitten sehr fremder Verhältnisse Halt und Heimat sein, und aus ihr heraus werden Sie alle Ihre Wege finden.“
Wobei sie sich das „V“ von dem Wort „Verhältnisse“ dazugedacht hatte, es war nicht mehr zu entziffern. Man sah, wie bei diesem Satz die Müdigkeit aus ihren Augen der Konzentration wich.
Eine halbe Stunde später sprang das rote „Besetzt“ Schild der Kabinentür auf grün und eine lächelnde Frau kam heraus. Sie verließ die stinkenden Räumlichkeiten.
Als die Nachbartür sich 21 Sekunden später öffnete, fand die Frau dieser Kabine 5 Bananen neben dem Wasserhahn liegen.
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