Marcey - Meine Nachbarin...09.09.2010
Es war einmal wieder ein einsamer Abend für mich. Ich saß in meiner Bude, hörte Louis Armstrong, schlürfte an meinem Whiskey und zeppte durch das Fehrnsehprogramm.
Seit meine jetzige Ex mich verlassen hatte, war mein Leben zu einer einzigen Routine geworden: Morgens durfte bei der Arbeit für dutzende Großkapitalisten Kaffee holen, während ich ihnen mit einem Grinsen im Gesicht in den Arsch kroch. Wenn ich zu Hause ankam, machte ich mir einen Whiskey mit Eis und tat das vorhin beschriebene. Ab und zu kamen meine Kollegen vorbei, schauten nach, ob ich mich nicht schon längst erhängt habe, blieben ein bis zwei Stunden und gingen mit einem freundlichen:
"Das wird schon, alter."
Das war soziemlich das Letzte, was ich gebrauchen konnte, wenn mir jemand ins Gesicht klatscht, wie bemittleidenswert ich doch bin. Das aber absolut Allerletzte, was ich gebrauchen konnte, war meine Nebenmieterin, die einen neuen Freund hatte und nahezu jede Nacht ihre Lustschreie durch das Gebäude hallen ließ.
Es ist 10 Uhr abends und bisher wurde ich lediglich vom Pizzaboten gestört, der eine Thunfischpizza brachte. Während ich sie aß schaute ich mir im Fehrnsehen ein paar Talkshows an, und amüsierte mich über die Mikrichkeit des Verstandes so vieler Menschen, die meinen, Talkshowmoderatoren seien die besseren Psychiater.
Wie gesagt, es war bisher ruhig, als um ca. 10 nach 10 von nebenan ein Klopfen zu vernehmen war.
"Scheiße!", dachte ich und horchte auf. Es war wie, als würde man neben einem schnarchenden Menschen versuchen zu schlafen: Man wartet nur, bis das nächste Geräusch zu hören ist, was einen den Rest Verstand raubt, der noch nicht ganz von der Müdigkeit überkommen ist.
"POCK!" Machte es wieder und gleich zweimal danach.
Ich trank noch einen Schluck Whiskey und steckte mir dann eine Zigarette an, als ein weiteres "POCK", und danach gleich das "Grand Finale" kam.
"AAAAHHHHHHHH, OOOOOHHHHHH, jaaaa Larry, du Tier!".
"Verdammt!", rief ich leise zu mir selbst. Warum zum Teufel macht der Vermieter nichts?
Die Antwort wusste ich im Grunde genommen. Der Vermieter war ein Mann um die 60 und gaffte jede Frau derartig an, dass jeder Passant im Umkreis von mindestens 10 Metern mitbekam, dass der Alte geil war...
Ich überlegte oft, nach nebenan zu gehen, und mich zu beschweren, aber irgendwie machte ich es nie. Während ich so nachdachte, so wie fast jeden Abend, kam es wieder von nebenan:
"OHHHHHHHH hör nicht auf, Larry, hör bloß nicht auf!"
Dieser Larry muss sie ja um längen härter knallen, als ein reudiger Zuchtbulle es je hätte schaffen können. Ich konnte es nie mit meinem Gewissen vereinbaren, einfach nur zuzuhören, nahm mir immer vor, am nächsten Tag den beiden mal meine Meinung zu sagen.
Und jeden Tag tat ich es doch nicht; bis auf diesen, weshalb ich diese Geschichte überhaupt erzähle.
Ich verließ also meine kleine Wohnung, mit einem schnell pochendem Herzen und klopfte an der Nebentür zur Wohnung meiner Nachbarin.
Jetzt, wo ich vor der Tür stand, hörte ich leisen Jazz aus der Bude und ein leichtes Stöhnen, das mal lauter, und wieder leiser wurde.
Ich klingelte - nichts passierte... "Tja - ich habs versucht.", dachte ich mir, war gerade dabei, wegzugehen, als meine Nachbarin, mit lediglich einem Handtuch bekleidet, die Tür öffnete.
"Hey Marc", begrüßte sie mich, freundlich, als würde ich nicht einmal ansatzweise stören.
"Hey Sharyl. Ähm ich wollte nur..."
Mehr brachte ich nicht zu stande, dann im Hintergrund tauchte dieser Larry, ebenfalls nur mit einem Handtuch um seine Hüfte bekleidet, auf und das was ich sah, versetzte mir einen Schlag ins Gesicht, dass ich verdutzt dastand und ihn angaffte, als wäre er ein Außerirdischer.
Er war klein, nahezu mikrig, knochendünn, mit einer Topffrisur und einer Brille, die derartig groß war, dass sein ganzer Kopf hinter einer Wand aus Glas versteckt zu sein schien.
Dieser Gnom soll derjenige sein, der meine heiße Nachbarin jeden Abend knallt? Nein, das gibt's doch nicht.
Während ich abwechselnd beide anstarrte, stammelte ich:
"Ich... ähm... ich wollte nicht stören, aber... ähh... ich - gehr gleich schlafen, also... könntet ihr etwas.. naja... leiser sein? ich will... ich will auch gar nicht stören."
"Du störst nicht.", sagte Larry aus dem Hintergrund, "du kannst mitmachen, wenn du willst."
"Oh scheiße", dachte ich. Was ist denn jetzt verkehrt?
"Ähm - sorry... Larry, oder?"
"Nein!", lachte Sharyl, "Das ist Carl."
Und währedn sie das sagte, kam von der Seite, so nahm ich mal an, Larry, denn er sah so aus, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Groß, muskolös, Stiernacken, halb kahlrasiert, grimmiger Blick und leichtem Überbiss. Er sah aus wie jemand, dessen Gehirn kaum größer sein konnte, als seine Augen.
"Das ist Larry.", lachte Sharyl weiter, während das Monstrum Larry grunste:
"Hi - willst du mitmachen?"
Oh mein Gott. Verdammt. In diesem Augenblick hatte ich innerlich mehr geflucht, als je zuvor. Dankend lehnte ich mit einer handbewegung ab, die selbst Larry deuten konnte und wiederholte:
"Ich... ich wollte nur sagen... ja... dass ihr etwas zu laut.... seit?"
Ich betonte das "seit", als würde ich sie fragen, mein herz war mir aber in die Hose gerutscht und mehr als ein peinliches Stammeln, brachte ich nicht heraus.
Nach einem "Na gut" von Larry und einem "Gute Nacht dann, Marc" ging ich wieder in meine Bude und trank den restlichen Whiskey aus, den ich auf Vorrat hatte, um möglichst schnell den Teil im Gehirn auszulöschen, der diese Conversation und diese Bilder gespeichert hatte.
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