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kooperative Geschichten

Lena - Jenna will wissen, wie sich fliegen anfühlt. (Geschichte einer Vergewaltigung)

13.03.2011

Es tut weh. Es tut so schrecklich weh. Was tut Papa da nur? Ich spüre etwas warmes meine Beine herunter laufen. Ich roch den metallischen Geruch. Es war Blut. Mein Blut. Darf das sein? „Mein Engel, mach Papa glücklich!“ flüstert er in mein Ohr und streichelt meinen Bauch.
Ich will Papa glücklich machen. Ich will nur, dass Papa glücklich ist. Darf das sein?
Fest stößt er in mich ein. Sein Gewicht lastet schwer auf mir. Mein ganzer Körper ist schon taub von der schweren Last auf mir. Darf das sein?
Wieder ein fester Stoß. Ich habe Tränen in den Augen. „Gut machst du das, meine Prinzessin. Mach mich glücklich!“
Ich höre ihn stöhnen. Wieder und wieder. Darf das sein?
Immer fester und schneller stößt er in mich ein. Es tut weh. Bitte, lass es zu Ende sein. ich muss durchhalten, nichts sagen, brav sein. Ich will doch Papa glücklich machen. „Sei ein braves Mädchen!“ flüstert er immer wieder.
Darf das sein?
Ich schließe die Augen und denke an unseren Urlaub in Italien. Das Meer, so blau wie der Himmel, groß und weit. Es scheint, als würde es bis ans Ende der Welt gehen. Der feine Sandstrand. Wenn man barfuß hindurch läuft, dann kitzeln die kleinen Sandkörnchen und man muss immer lachen. Ich denke an das leckere Eis, dass ich dort jeden Tag gegessen habe.
Ich denke an Mama. Sie ist vor einem halben Jahr an Krebs gestorben. Darf das sein?
Ich denke oft an sie. Immer wenn Papa in der Nacht kommt und mit mir spielt. Er mag das Spiel, aber ich nicht. Das Spiel tut weh. Mama. Warum musstest du gehen? Sag, Mama, darf das sein?
Endlich lässt er von mir ab. Ein letztes Mal legt er sich auf mich und flüstert: „Du sagst doch niemanden etwas, hab ich recht?“ Ich nicke. Wie jede Nacht.
Er lächelte sein süßes Papa – Lächeln. „Gut. Das ist unser Geheimnis. Du magst doch Geheimnisse, hab ich recht?“ Wieder nicke ich. „Ich liebe dich.“ flüstert er und gibt mir einen Kuss.
„Ich dich auch, Papa!“
Dann schließt er die Tür und ich bleibe alleine in meinem Zimmer. Einige Minuten bleibe ich stumm einfach so liegen. Dann stehe ich breitbeinig auf und schleiche ins Bad.
In der Badewanne wasche ich mir das Blut von den Beinen. Wieder einmal. Wie viele Nächte habe ich das jetzt schon gemacht? Ich habe aufgehört zu zählen. Darf das sein?
Nachdem ich im Bad fertig bin, hole ich ein neues Bettlacken und beziehe mein Bett neu, denn überall ist Blut.
Dann schaue ich auf die Uhr: drei Uhr morgens.
Morgen ist Schule.
Im Bett liege ich noch lange wach. Ich weiß, was jetzt kommt. Die Tränen. So wie jede Nacht. Doch wo bleiben sie? Das ist die erste Nacht, in der keine Tränen kommen.
Völlig übermüdet schlafe ich schließlich ein, doch schon einige Stunden später wache ich wegen meinem Wecker auf.
Müde tapse ich durch das noch stille Haus.
Ich wasche mich, mache mir ein Pausenbrot. Ich habe mir schon immer mein Pausenbrot selber gemacht. Kurz bevor ich in den Kindergarten gekommen bin, ist meine Mama ins Krankenhaus gekommen, zwei Wochen später ist sie gestorben. Und wieder zwei Wochen später ist Papa zum ersten Mal in den Nacht zu mir gekommen.
Damals war ich geschockt, was Papa mir für ein neues Spiel gezeigt hat, doch heute ist es für mich ein normales Spiel.
In der Schule sehe ich in die glücklichen Gesichter und versuche mir vorzustellen, wie sich das anfühlt, zu lachen. Ich lache nicht. Nie. In der Schule werde ich daher oft gehänselt. „Spaßbremse!“, „Spielverderberin!“ werde ich genannt, doch das ist mir egal.
Wenn ich sehe, wie die Kinder zusammen spielen, versuche ich mir vorzustellen, wie sich das anfühlt, mit Kindern zu spielen. Ich spiele nicht. Nie. Nur dieses eine Spiel. Mit Papa.

Wenn ich nach der Schule nach Hause komme, koche ich mir etwas, denn Papa ist nicht zu Hause. Er kommt abends nach Hause, legt ein bisschen Geld auf den Tisch und kommt dann in mein Zimmer. Morgens, wenn ich aufstehe, ist er schon weg.
Nach dem Essen mache ich meine Hausaufgaben. Alleine.
Und nach den Hausaufgaben male ich Papa manchmal ein Bild. Manchmal schreibe ich ihm etwas. Wie lieb ich ihn habe.
Wenn ich fertig mit Essen, mit den Hausaufgaben und mit dem Malen bin, setzte ich mich meistens auf mein Bett und schaue aus dem Dachfenster in die Wolken hinauf.
Und denke nach.
Manchmal sitze ich auch auf dem Fensterbrett und schaue auf die vollen Straßen. Die vielen Menschen. Glückliche Gesichter. Überall glückliche, lachende Gesichter.
Darf das sein?
Dürfen diese Gesichter lachen, glücklich sein, wenn ich doch so traurig bin?
Wenn ich so oft weine?
Darf das sein?

Die letzte Nacht unterscheidet sich von den anderen Nächten, da ich nicht geweint habe. Dieser Tag unterscheidet sich von den anderen Tagen, da ich weine.
Ich sehe die Vögel über mir kreisen. Wie wäre es wohl, zu fliegen? Ich versuche mir vorzustellen, wie es wäre, wenn man fliegt.
Es fühlt sich frei an. Denke ich zumindest.
Frei sein, das will ich jetzt. Nicht mehr nachts dieses eine Spiel spielen, mit Papa und dann in der Schule müde sein.
Ich muss doch aufpassen können, damit ich gut bin in der Schule. Ich muss gut sein. Aber bevor ich an heute Nacht denke, will ich wissen, wie sich fliegen anfühlt.

Ich setzte mich an meinen Schreibtisch und fange an zu schreiben:

Liber Papa,
Ich habe heute die Fögel über mir kreisen sehen. Und dann wolte ich wisen, wie es sich anfült zu fligen!
Weist du, wie sich fligen anfült?
Wenn ja, dan ich will ich es auch wisen. Ich libe dich, Papa! <3
Bis heute Nacht.
Deine Jenna


Ich lege den Brief auf den Küchentisch, ziehe mir meine Gummistiefel und meine Regenjacke an. Denn es regnet.
Mama hat mir früher immer verboten, allein über die Straße zu laufen. Doch sie ist nicht mehr da. Und Papa ist es egal.
Schnell laufe ich. Immer schneller. Immer weiter.
Wo kann man am Besten schauen, wie sich fliegen anfühlt? Ja, die alte Eisenbahnbrücke, außerhalb der Stadt.
Ich laufe durch die vollen Straßen der Stadt bis ich zum dem Ortsschild komme, dass durchgestrichen ist. Hier endet die Stadt. „Dann muss die Brücke ja nicht mehr weit sein!“ sage ich zu mir selbst und renne weiter. Mit Mama bin ich da öfters hingegangen. Das letzte Mal, als sie schon krank war.

Ich sehe die Brücke schon. Das letzte Stück sprinte ich noch einmal. Ich laufe auf den Schienen, bis ich ungefähr in der Mitte bin.
Dann kletter ich auf das Geländer und blicke nach unten. Ich sehe den großen Staudamm aus Eisen. Davor staut sich das Wasser. Und hinten ist gar kein Wasser.
Es sind bestimmt 20 Meter.
Super zum Fliegen lernen. Ich klettere über das Geländer und stehe nun auf der anderen Seite des Geländers. Fest umklammere ich das Geländer. Der Wind weht stark. Er lässt meine offenen Haare flattern. Der Staudamm unter mir schwankt. Was ist das? Angst habe ich nicht.
Ich schaue noch einmal nach oben in den Himmel: „Mama, schau zu!“ Dann springe ich. Und ich lächle! Ja, ich lache! Das ist das erste Mal, nach Mamas Tod, dass ich lache.
Fliegen ist toll denke ich. Das will ich gleich nochmal versuchen, wenn ich unten bin.
Ja aber, wie lande ich denn? Ich weiß es nicht und ich muss lachen. Ist das nicht komisch?
Ich öffnete die Arme. Wie ein Engel. Ein echter Engel.
Und in dem kurzen Moment, in dem ich fliege, wird mir klar, dass ich den Flug nicht überlebe. Doch ich habe immer noch keine Angst. Ich fühle mich frei. Meine Augen schimmern, voller Freude. „Mama, ich komme!“ flüstere ich noch.
Dann pralle ich im Wasser auf. Der Schmerz ist überwältigend, doch ich lache immer noch.
Ich werde immer weiter nach unten gedrängt.
Überall Wasser, doch ich lache. Ich habe keine Angst.
Ich bin frei, endlich frei.
Plötzlich wird die Luft knapp und ich hole Luft. Erst da wird mir wieder bewusst, wo ich mich befinde: unter Wasser. Meine Lunge füllt sich mit Wasser. Ich muss husten.
Mein Herz klopft laut. Doch ich habe keine Angst. „Papa, ich liebe dich!“ schreie ich ins Wasser. Blasen kommen aus meinem Mund. Es sieht aus, wie ein Spiel. Die Blasen schwimmen nach oben. Dann bleibt mein Herz stehen.

Zwei Tage später kann man folgendes in der Zeitung lesen:
Jenna, ein 6 – jähriges Mädchen, wurde Montag, den 11. Januar 2011 tot aufgefunden. Sie ist von der alten Eisenbahnbrücke ins Wasser gesprungen. Zuerst dachte man, sie wurde gezwungen, denn sie hatte am ganzen Körper blaue Flecken und in Genitalbereich war sie wund und rot.
Doch dann kam ihr Vater mit einem Brief von ihr in der Hand ins Polizeirevier und gestand alles: Er hat seine eigene Tochter fünf Monate lang fast jede Nacht vergewaltigt. Er bekommt zweimal lebenslängliche Haft. Ganz Bremen kommt heute zur der St. Paulus Kirche, in der ein großes Foto von Jenna hängt. Viele stellen Blumen und Kerzen vor das Bild.
Die ganze Stadt trauert.
Was trieb den Vater an, sein eigenes Kind zu vergewaltigen? „Ich vermisse doch ihre Mutter so sehr!“ war seine Aussage.


Diese Geschichte von Jenna ist ausgedacht, doch es gibt viele solcher Fälle, in denen Kinder keinen anderen Ausweg finden, als sich umzubringen. Diese Geschichte geht an alle Eltern und Erwachsenen:
Kümmern sie sich gut um (ihre) Kinder, damit sie nicht Fliegen wollen. Denn Fliegen bedeutet ihr Tod.
Wie viele unschuldige Kinderseelen müssen noch sterben, bis der letzte Kinderschänder hinter Gittern sitzt?


Geschrieben von Lena Pfünder, 15 Jahre.

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