Dorina - Pauline & ich. Die etwas andere Schwester...19.10.2011
„Rollstühle sind Füße!“ drei Worte die auf meine Schwester zutreffen. Ich habe sie aus einer Zeitung ausgeschnitten und sie über ihr Bett geklebt. Pauline hatte mich angelächelt als sie es gesehen hat. Ich habe zurückgelächelt. „Danke Lea.“ sagte sie zu mir. „Bitte. Du bist auch ein Mensch. Gehörst auch wie alle anderen zur Welt... Auch wenn Mama und Papa das noch immer nicht begriffen haben...“ seufzte ich. Ich und Pauline, lebten allein. Unsere Eltern sind abgehauen, als sie erfahren haben das Pauline ihr Leben auf Rädern verbringen muss. Sie sind bis heute nicht zurückgekommen. „Stimmt...“ murmelte Pauline und rollte zum Kühlschrank. Wir zwei lebten im Haus unserer Eltern. Sie sind ja abgehauen. Wo sie im Moment sind wissen wir nicht. Es interessiert uns auch nicht. Pauline versuchte den Schokoladen Pudding zu erreichen der ganz oben stand. Doch sie kam nicht ran. Ich holte das Essen runter und stellte es in ihren Schoß. „Was würde ich ohne dich machen Lea?“ fragte sie und zog die Besteck – Schublade auf. „Ich weiß es nicht.“ sagte ich und setze mich meiner Schwester gegenüber an den Tisch. Ich setze mich auf den Stuhl. Sie schob den 2. Stuhl weg und setzte sich an dessen Stelle. „Ich muss gleich zur Arbeit. Falls etwas sein sollte du weißt wie du mich erreichst.“ sagte ich und schob den Stuhl wieder zurück. Ich war schon 24 und arbeitete in einem Tierheim. So verdienten wir beide Geld. Pauline war 4 Jahre jünger als ich doch aufgrund ihrer Behinderung arbeitsunfähig. „Lea!“ rief sie, als ich gerade gehen wollte. Ich stand in der Tür und drehte mich fragend um: „Ja?“ „Gehen wir mal wieder ins Kino? .... Waren wir seit unserem Ski Urlaub nicht mehr...“ ihre Stimme senkte sich und klang bedrückt. Kein Wunder, da sie seit diesem letzten Familienurlaub von einer Lawine überfallen wurde und seitdem auf den Rollstuhl angewiesen war. „Klar, was gucken wir? Vorstadtkrokodile? Da kommt auch so einer wie du drin vor.“ kicherte ich. „Ha, ha. Wie witzig Lea!“ knurrte meine Schwester. „Hey war nicht so gemeint.“ entschuldigte ich mich. Pauline nahm die Entschuldigung an. „Was wollen wir denn gucken?“ fragte sie. Ich zuckte die Schultern: „Nimm dir einen Zettel und schreib auf was dir so vorschwebt. Ich muss auf jeden Fall los. Tschüß.“ dann verschwand ich.
„Tschüß Lea.“ murmelte ich und rollte ins Wohnzimmer. Leni unsere schwarze Labradorhündin hob den Kopf. „Na. Wie geht’s dir?“ fragte ich sie. Die Hündin stellte ihre Vorderpfoten auf meinen Schoß und leckte mir das Gesicht ab. Es kitzelte. Plötzlich klingelte es. Meine Schwester konnte es nicht sein. 1. hatte sie einen Schlüssel und 2. war sie eigentlich auf der Arbeit. „Leni! Tür auf!“ befahl ich der Hündin. Sie griff mit dem Maul nach dem Griff und zog dran. Die Tür öffnete sich und ein braunhaariger super süßer Junge stand davor. Er hatte einen Packen Zettel in der Hand. Einen davon gab er mir. „Oh danke.“ sagte ich und lächelte. „Bitte. Überleg es dir. Ich bin auch da...“ der Junge zwinkerte mir zu und verschwand wieder. Ich mochte für diesen Jungen also entschied ich mich hinzugehen... oder besser gesagt hinzufahren. Selbstverständlich hinterlies ich Lea eine Nachricht. „Und mach sie drauf aufmerksam ja süße?“ bat ich Leni. Sie gab ein zustimmendes „Wuff!“ von sich. Ich fuhr. Die Adresse stand auf dem Flair den mir der Junge gegeben hatte. Es stimmte, was er gesagt hatte. Er war auch da. Es war ein Basketball Spiel. Zwar nicht für Rollstuhlfahrer, aber es war ein Basketball Spiel. „Ach Hey. Wer bist du eigentlich?“ fragte der Junge als er mich entdeckte. „Ich bin Pauline und du?“ fragte ich zurück. „Ich bin Lennart. Schön dich kennen zulernen Pauline. Aber jetzt gucken wir zwei uns erst mal das Spiel an oder?“ fragte Lennart und schob mich durch die Menschen Masse ganz nach vorne sodass ich das Spiel wunder bar mitverfolgen konnte. „Hey! Was soll das! Das ist unfair! Die da ist behindert! Gerade dann darf man NICHT ganz nach vorne!“ schimpften die Leute. Ich seufzte: „Passiert mir ständig wenn ich irgendwo unterwegs bin. Bin das gewöhnt das die Leute mich alle so behandeln. Ich bin eben anders als sie.“ ich sah Lennart genau in die braunen Augen. „Rollstühle sind wie Füße. Was ist da anders?“ fragte er. „Hat meine Schwester auch gesagt.“ erwiderte ich. Jetzt erwatete ich dass Lennart fragte ob Lea laufen könne. Ich antworte dann ja und schon ist Lennart wieder weg... mit Lea zusammen. Doch Lea erfuhr das immer und ließ nur die Typen an sich ran die mich nicht verspottet haben. Aber das tat er nicht. Er grinste. Dabei kamen seine schneeweißen Zähne zum Vorschein. „Cool wie die sich für dich einsetzt. Tun deine Eltern bestimmt auch oder?“ wollte er wissen. „Nein. Leider... Die sind abgehauen als sie von den Folgen meines Skiunfalls erfahren haben. Sind bis heute nicht wieder aufgetaucht.“ Ich schluckte. „Oh das tut mir leid...“ sagte er mitfühlend. Hinter uns fingen schon wieder einige Leute an zu schimpfen: „Hey! Entweder ihr seht euch das Spiel an oder ihr geht wieder... oder fahrt!“ Dass fahrt betonten sie besonders. Ich fand das gemein sagte aber nichts. „Genau! Nimm deine Freundin und hau ab! Kannst dich ja auf ihren Schoß setzen dann brauchst du nicht laufen!!“ spotteten sie weiter. Ich ging immer noch nicht drauf ein. „Wollen wir wieder? Die wollen mich ja hier nicht haben. In´ Park?“ fragte ich. „Okay. Wenn dich das Spiel nicht interessiert.“ sagte er. „Nicht wirklich.“ antwortete ich. Lennart drängelte sich mit meinem Rollstuhl durch die Menge. Davon waren die Leute zwar nicht gerade begeistert und fingen schon wieder an sich zu beschweren, aber gleich waren sie mich ja los. Als wir im Park ankamen, sah ich Lennart zu einem Mädchen gehen das auf der Bank saß. Er begrüßte es so als ob sie sich kennen würden. Ich fand Lennart schon süß als er mir in die Augen gesehen hatte. Das merkte ich daran dass Eifersucht in mir aufstieg als ich ihn mit dem wie – auch – immer – sie – heißt Mädchen sah. Als Lennart zu mir zurückkam wandte ich mich traurig ab. Er wollte mir folgen und mir was erzählen. Sollte er doch. Ich hab ihn mit der Tussi gesehen, sie haben sich angeguckt das reicht mir. „Pauline! Warte! Es ist nicht so wie du denkst! Wirklich nicht!“ verzweifelt versuchte er mir die Lage zu erklären doch ich ließ ihn nichts erklären. Ich fuhr einfach weiter. Bald blieb ich doch stehen. Ich drehte mich um und giftete ihn an: „Achso! Wie ist es dann?? Erklär mir das mal bitte!“ „Das war meine Schwester die Olivia. Sie wohnt eigentlich in Berlin und da fahren wir nur ganz selten hin.“ murmelte er. Er machte eine kurze Pause und holte tief Luft ehe er weitersprach. „Pauline? Du bist die einzigste die mich das hat erklären lassen. Meine ganzen Ex – Freundinnen haben mich deswegen verlassen... Und du bist die einzigste die ich liebe und vielleicht könnten wir ja zusammen sein wenn das für dich in Ordnung ist.“ schlug er vor. Heute war der beste Tag meines Lebens! „Klar ist das für mich in Ordnung! Wenn für dich in Ordnung ist dass...“ fing ich an. Doch er wusste schon was ich sagen wollte: „Natürlich ist das für mich in Ordnung. Außerdem wenn ich mal nicht mehr laufen kann ist so ein Rolli äußerst praktisch.“ er kicherte. „Bitte! Fängst du genauso an wie die Leute hinter mir??“ rief ich empört. „Nein natürlich nicht. Ich meine nur wenn ich mal nicht mehr laufen kann dann.“ sagte er. „Wenn du einmal nicht mehr laufen kannst... aus welchem Grund auch immer... dann wirst du so enden wie ich: auf Rädern!“ erklärte ich ihm. „Nein doch nicht so mein ich das.. Ich meine wenn ich mal müde und kaputt bin verstehst du?“ fragte Lennart. Ich sagte nur ja, obwohl das gelogen war. Ich fragte mich ob Lea schon zu Hause war. Eigentlich müsste sie schon da sein. Sie las bestimmt gerade meinen Zettel.
„Pauline? Pauline? Paulineeee!“ rief ich. Ich erhielt keine Antwort von meiner Schwester. Da entdeckte ich einen Zettel auf dem Tisch. Ich nahm ihn mit ins Wohnzimmer, setzte mich aufs Sofa und begann zu lesen: „Hey Lea ein Boy hat mir ne Einladung für ein Spiel gegeben. Bin hingefahren. Findest mich wahrscheinlich. Pauline“ „Okay Fazit: Pauline hatte es sehr eilig!“ stellte ich fest und hing meine Jacke an den Haken im Flur. „Wau! Wau!“ bellte Leni und lief mir schwanzwedelnd entgegen. Freudig sprang sie an mir hoch. Ich ging zurück ins Wohnzimmer und setzte mich wieder aufs Sofa. Dann nahm ich die Fernbedienung und schaltete den Fernseher ein. Ich wusste nicht wo gerade etwas interessantes lief und so sah ich mir das an was auf dem Pogramm lief was ich eingeschaltet hatte. Es liefen zwar Nachrichten, aber die waren immer noch besser als sich zu langweilen, was ich immer tat, wenn Pauline unterwegs war.
„Sag mal willst du nicht mal zu mir kommen?“ fragte Lennart mich. Ich war begeistert: „Klar. Wollen wir jetzt zu dir?“ Lennart war einverstanden und schob mich. Ich war gerade damit beschäftigt, Lea eine SMS zu schreiben, weshalb ich nicht die Räder drehen konnte. Bald kamen wir an: Lennarts Haus. Er klingelte. „Warum klingelst du an deiner eigenen Wohnung?“ fragte ich erstaunt. „Weil ich meinen Schlüssel verbaselt habe.“ erklärte Lennart. „Hey Lenni. Steck dir den das nächste mal ein klar!“ schimpfte ein Junge der uns die Tür öffnete. Er war um einiges größer als Lennart. „Dein Bruder hab ich Recht?“ fragte ich während ich an dem Jungen vorbeirollte und Lennart ins Wohnzimmer folgte. Er nickte nur. „Erik.“ sagte er nach einer Weile. „Was ist jetzt schon wieder kleiner Bruder?“ fragte Erik genervt und steckte den Kopf durch die Wohnzimmertür. „Ich hab Pauline nur gesagt wie du heißt.“ erklärte Lennart. „Oh Pauline heißt du also.“ sagte Erik und warf mir ein kurzes Grinsen zu. „Ja ich bin Pauline wieso?“ fragte ich misstrauisch. „Nur so. Schöner Name.“ sagte Erik. Er setze sich auf einen Stuhl direkt neben mich. „Was hast du gemacht?“ fragte er mich plötzlich mitfühlend. „Wie was hab ich gemacht?“ fragte ich zurück. „Nun...“ Erik sah vielsagend auf meinen Rollstuhl. „Ski Unfall.“ antwortete ich nur. „Das tut mir leid. Wohnst du noch bei deinen Eltern?“ wollte er wissen. Mir liefen einige Tränen die Wangen runter. Ich antwortete: „Seitdem ich 10 bin wohnen die nicht mehr bei uns. Sind ausgezogen als sie erfahren haben, dass ich mein Leben auf Rädern verbringen muss!“ Erik biss sich auf die Lippe: „Das ist hart!“ „Ja...“ sagte ich nur. Nach einer Weile beschwerte sich Lennart: „Bist du hier um dich mit meinem Bruder zu unterhalten oder um dich mit mir in meinem Zimmer zu amüsieren? Du weißt wie ich das meine oder?“ Er zwinkerte mir zu. Ich wusste ganz genau wie er das meinte! „Dann bin ich hier um mich mit deinem Bruder zu unterhalten! Wenn es dir nur darum geht!“ schimpfte ich und sah zu Erik herüber der übers ganze Gesicht strahlte. „Also sind wir nicht mehr zusammen? !“ fragte Lennart entsetzt. Ich schüttelte den Kopf: „Nein! Aber wir beide könnten doch zusammen sein. Von dir glaube ich auf jeden Fall nicht das du nur das eine willst... ODER? !“ Ich sah Erik fragend an. „Ich? NEIN!“ antwortete er entrüstet und grinste mich an. Ich grinste zurück und Lennart? Der wurde – wahrscheinlich vor Eifersucht oder Wut auf seinen Bruder – so rot wie eine Tomate.
Die Nachrichten waren bereits zu Ende und Pauline war immer noch nicht wieder da! Ich schaltete die Glimmerkiste wieder aus und beschloss, ein bisschen mit Leni spazieren zu gehen.
„Okay also da wir ja jetzt offiziell zusammen sind könnten wir uns theoretisch auch...“ begann Erik zögernd. „Ins Bett begeben? ! Auf keinen Fall! Ich dachte du wärst nicht so wie dein Bruder!“ fluchte ich. „Das mein ich doch gar nicht! Küssen ist doch auch okay oder?“ Erik lächelte mich an. „Achso klar.“ ich strahlte. Dann beugte sich Erik zu mir runter und berührte meine Lippen. Ich lächelte. Lennart rief genervt vom Flur: „Erik? Ich geh raus! Noch viel Spaß euch zweien!“ „Danke Brüderchen!“ rief Erik zurück und lachte leise. Wir beide hatten nicht gemerkt das Lennart auf den Flur gerannt war. War ja auch egal. Hauptsache wir beide konnten unsere Liebe genießen. Bald klingelte mein Handy. Es war Lea die fragte, wo ich denn so lange bliebe. Ich antwortete das ich bei einem Jungen sei, woraufhin sie so laut durch die Zähne pfiff, dass ich das Handy auf ein Meter Abstand vom Ohr hielt um nicht schwerhörig zu werden. Sie sagte das sie einen guten Film gefunden habe – den man auch zu dritt sehen könnte. „Du bist blöd!“ knurrte ich und streckte dem Handy die Zunge raus. Dann fragte ich sie nach dem Titel des Films woraufhin sie antwortete: „Renn, wenn du kannst.“ Ich war einverstanden und erkundigte mich bei Erik ob er Lust hätte mitzukommen. Er hatte Lust. Ich verabredete mit meiner Schwester gleich Treff vorm Kino. Erik und ich würden laufen... ich bzw. fahren und Lea würde das Auto nehmen. Dann machten wir uns auf den Weg. „Lenni! Ich und Pauline gehen ins Kino!“ rief Erik Lennart zu. „Macht das.“ sagte der nur. Es klang so als würde es ihn nicht interessieren was wir machen. Warum sollte es auch? Bald waren wir da. „Hast du meinen Ausweis wiedergefunden?“ erkundigte ich mich bei Lea. Die wedelte zur Antwort mit einem Stück Papier vor meiner Nase herum. Das hieß also: ja.
Ich war schon ewig nicht mehr im Kino mit Pauline. Der Film war gut und wir hatten jede Menge Spaß. Auch zu dritt. Pauline hatte einen Sondersitz im Saal bekommen. Jetzt fuhr ich mit Pauline im Auto wieder nach Hause. Sie hatte sich noch von ihrem Erik verabschiedet. Den Rolli hatte ich zusammengefaltet und schön sicher im geräumigen Kofferraum verstaut. Zuhause angekommen empfing uns Leni schwanzwedelnd. Ich legte mich früher schlafen als sonst.
Ich schrieb noch ein wenig SMS. Im Kino hatte mir Erik seine und Lennarts Handynummer gegeben. „Hi Erik, treffen wir uns morgen wieder? Deine Pauline: -D“ Dann legte ich mich auch schlafen. Lea und ich hatten ein getrenntes Zimmer.
Am nächsten Morgen wurde ich davon wach das mein Handy surrte. Erik hatte mir offensichtlich zurückgeschrieben! Es lag auf meinem Schreibtisch und so zog ich mich an, setze mich in meinen Rollstuhl und nahm das Handy. „Hi Pauline, wir können uns gerne heute treffen. Bei dir? Dein Erik.“ Ich schrieb sofort zurück: „Okay bei mir. Pauline“ Dann steckte ich mein Handy ein und fuhr in die Küche. Lea war noch nicht wach und so musste ich mir selber Frühstück machen.
„Morgen“ murmelte ich als ich in die Küche kam. Pauline saß schon am Tisch. „Moin Schwesterchen.“ sagte sie kauend. Ich nahm mir einen Vanille-Pudding aus dem Kühlschrank und setzte mich zu ihr an den Tisch. „Hey Lea. Erik kommt gleich. Ist doch in Ordnung oder?“ fragte meine Schwester. „Klar ist das in Ordnung. Ich find den irgendwie ganz nett.“ sagte ich. „Würdest du mit ihm zusammensein wollen?“ fragte Pauline so vorwurfsvoll als ob sie mich fragte „Würdest du mich umbringen? Ja oder nein?“ „Nein. Ist ja dein Freund.“ antwortete ich. „Gute Entscheidung Schwesterherz.“ Pauline lächelte mich an. „Sag mal denkst du manchmal an Mum?“ fragte ich sie. „Nö warum sollte ich? Sie hat sich nicht um mich gekümmert! War nie für mich da gewesen als sich mein Leben grundlegend verändert hat! Genaugenommen: Ich hasse sie!“ fluchte Pauline. Sie hatte ja recht. Unsere Mutter hatte sich von da an nur noch um ihr Leben gekümmert. Wir waren ihr scheißegal! Als wir fertig waren klingelte es an der Tür.
„Hi Erik!“ freute ich mich, als ich zur Tür gerollt war und Lea sie geöffnet hatte. „Na Pauline.“ sagte er und küsste mich. „Komm rein.“ sagte Lea und schloss die Tür nachdem Erik auf dem Flur stand. „Und Lennart ist zuhause?“ fragte Lea. „Ja. Aber wieso interessiert dich das denn?“ fragte er lachend. „Nein ich liebe ihn nicht! Ich hab ihn ja noch nicht mal gesehen!“ Meine Schwester streckte Erik die Zunge raus. Ich rollte in mein Zimmer und Erik kam hinterher. „Wow! Aufgeräumt.“ fand er. „Nun damit man mit seinem Rollstuhl auch überall gut ran und hinkommt und einem kein Stuhl den Weg versperrt.“ erklärte ich. Erik setzte sich auf mein Bett. „Ich geh zur Arbeit!“ rief Lea aus der Küche. „Tschüss Lea!“ rief ich zurück. „Wuff!“ sagte Leni und kam in mein Zimmer. „Ist deiner oder?“ fragte Erik. „Ja. Darfst du ruhig streicheln. Sie ist ganz nett zu Fremden. Nur bei Einbrechern macht sie eine Ausnahme. Nicht wahr meine Süße?“ ich krauelte die Labrador Hündin im Nacken. „Wurde bei euch schon mal eingebrochen?“ erkundigte sich Erik. „Klar! Was meinst du wie oft die versucht haben meine Handbiker Pokale mitzunehmen. Leni hat sich dazwischen gestellt, geknurrt und wenn der nicht das weite suchte ihn sogar angegriffen. Einen hat sie sogar fast tot gebissen! Ich merk so was nicht weil ich einen sehr tiefen Schlaf hab. Ich hör nur Lenis Knurren und die Schreie des Diebes wenn sie ihn gebissen hat. Ich denk mir da aber nichts bei und schlafe weiter. Lea ist ein paar Zimmer weiter und bekommt auch nicht mit was sich in meinem Zimmer abspielt. Deshalb schläft Leni auch immer mit bei mir im Zimmer.“ erklärte ich. Erik stand auf und ging zum Fenster. Ich rollte hinterher. „Was ist?“ fragte ich mitfühlend. Ich hatte so das Gefühl das etwas mit Erik nicht stimmte. Er zuckte die Schultern. „Weis ich nicht.“ murmelte er nur. „Irgendwas hast du doch...“ sagte ich ruhig „das spüre ich.“ Im Fensterglas sah ich bald das er weinte. Warum wusste ich ja nicht. Er schluckte und sah immer noch unruhig aus, als er schon wieder aufgehört hatte, zu weinen. Dann fing er an zu zittern und setzte sich – so schien es mir – mit letzter Kraft auf mein Bett. „Erik! Erzähl es mir! Ich kann alles vertragen aber bitte sag mir was mit dir los ist!“ Ich setzte mich sogar zu ihm aufs Bett. „Lennart...“ fing er an. Um ihn nicht unter Druck zu setzten schwieg ich und wartete geduldig, bis er weitersprach. „Ist euer Couisin! Also ich auch. Du weist was das bedeutet oder? Das wir uns... nicht lieben können!“ als er fertig war schien er erleichtert. „Das ist nicht wahr oder? !“ Ich konnte es nicht fassen. „Doch Pauline. Leider... Tut mir leid das ich es dir nicht früher gesagt habe. Das wird der allerletzte für immer und ewig sein... Cousinchen.“ sagte er und küsste mich. Es war nur ganz kurz. Kurz und traurig. Bald weinte ich. Erik nahm nahm mich tröstend in den Arm. Dann stand er plötzlich auf und ging.
Als er an mir vorbei ging – ich stand im Flur und war von der Arbeit wieder da – senkte er den Kopf und sah mich nicht an. „Tschüss Cousine.“ sagte er nur. Ich begriff sofort was das bedeutete. Ich schluckte und spürte wie mir Tränen die Wangen runterrollten. Warum ich weinte wusste ich nicht. Eigentlich müsste Pauline gleich weinend hier angerollt kommen – sie war immer hin mit Erik zusammengewesen. Doch das tat sie nicht.
Ich lag einfach nur in meinem Bett und tat nichts außer atmen, weinen und blinzeln. Neben mir im Bett lag Leni und hechelte. Sie spürte das ich todtraurig war und leckte mir übers Gesicht. Doch selbst die süße Hündin konnte meine Tränen weglecken. Sie kamen immer wieder. „Arschloch!“ schrie ich plötzlich. Ich meinte Lennart. Ich fühlte mich ein wenig besser als ich geflucht hatte. Ich setzte mich wieder in meinen Rollstuhl und beschloss ein wenig mit Leni spazieren zu gehen. Das würde mich auf andere Gedanken bringen. Jedoch: Fehlanzeige. Erik ging auch spazieren. Er sah nach unten und stieß mit mir zusammen. „Sorry Cousine.“ sagte er nur und ging weiter ohne sich noch ein letztes Mal zu mir umzudrehen. Ich weinte schon wieder. Ich drehte mich zu Erik um, um mich zu vergewissern das er mich wirklich nicht ansah. Er tat es nicht. „Erik?“ fragte ich. Er reagierte nicht auf meine Stimme. Ich probierte es lauter doch auch da drehte er sich nicht um. Ich seufzte. Als er weit, weit weg war sagte ich zu Leni: „Er ist mein eigener Cousin. Ich war mit meinem eigenem Cousin zusammen! Ist das nicht seltsam?“ Sie antwortete: „Wuff!“ Was sollte sie auch sonst sagen? Sie war ein Hund. Ein schwarzer gewöhnlicher Hund! Ich fuhr noch weiter. Bis zum Basketballplatz. Sofort kehrten meine Erinnerungen an Lennart und das Spiel, dass wir uns ja gemeinsam angesehen hatten, zurück. Ich war traurig. Sehr traurig. Bald griff ich wieder nach meinem Handy: „Warum hast du mein Rufen ignoriert? Warum hast du mir die heile Welt vorgespielt? Das mit den Pokalen wusstest du doch schon lange! Warum tust du so was? WARUM Erik? ! Grüße deine Cousine!“ „Ich weiß es nicht Pauline!“ Die Antwort kam genau, als ich, die SMS losgeschickt hatte. In der einen Hand, hielt ich mein Handy, in der anderen Lenis Leine. Also hatte ich keine Hand frei um mich fortzubewegen. Trotzdem rollte ich! Ich konnte es mir nicht erklären und kam auch nicht auf die Idee mich umzudrehen. „Wie ist das möglich?“ fragte ich mich. Plötzlich legte sich eine Hand auf meine Schulter. Erst da drehte ich mich um. Ich sah Eriks Gesicht. „Hey.“ sagte er nur. „Was willst du hier?“ fuhr ich ihn an. „Verschwinde!“ „Aber...“ Erik wollte protestieren doch ich hielt ihn davon ab. „KEIN ABER! Verschwinde!“ schimpfte ich mit einer Stimme so scharf wie ein Rasiermesser. „Grrrr!“ knurrte Leni. Auch sie schien ihn nicht mehr zu mögen – oder sie wollte mir helfen. „Aber...“ Erik fing erneut an. Leni kam ihm bedrohlich nahe. Sie fletschte die Zähne um ihm zu zeigen das sie auch fest zubeißen konnte. „Braves Hundi...“ Erik versuchte sie zu streicheln doch von ihm ließ sie sich das nicht gefallen – und schnappte zu! „AU! Dein Hund ist brutal!“ schimpfte er und hielt sich die schmerzende Hand. „Oh bei Einbrechern und böse gewesenen Verehrern Schrägstrich Cousins macht sie eine Ausnahme.“ verkündete ich, kicherte und ließ Erik alleine stehen. „Fein Leni.“ lobte ich die Hündin und fuhr wieder nach Hause.
„Na bist du die Gedanken an unsere Cousins losgeworden?“ erkundigte ich mich neugierig. Bedauernd schüttelte Pauline den Kopf. „Nein. Erik ist auch spazieren gegangen. Außerdem hat mich irgendetwas zum Basketball Platz hingezogen. Da war ich ja mit Lennart und deswegen hab ich sie leider nicht vergessen.“ Ich zuckte die Schultern: „Schade. Ich halte nicht sehr viel von denen.“ „Ich auch nicht!“ sagte Pauline. „Na ja ist ja auch egal Hauptsache wir zwei können unser Leben genießen!“ fand ich. „Und das tun wir... egal wie eingeschränkt, ich bin! Denn: Rollstühle sind wie Füße!“ Pauline umarmte mich glücklich. Und ich fing vor Glück an zu weinen.
Ich fing auch an zu weinen. Ob vor Glück bezweifle ich allerdings. Ich hatte unsere Beziehung kaputt gemacht! Eigentlich dürfte es gar keine geben zwischen uns... zwischen Pauline und mir nicht – und zwischen Lennart und Pauline auch nicht! Er hat ja auch früh Schluss gemacht. Das war glaube ich mit Absicht. Weil er wusste das er nichts mit seiner Cousine anfangen darf. Ich wusste es ja auch, aber ich hab den Fehler gemacht sie zu belügen! Ihr nicht die Wahrheit zu sagen. Jetzt hasste sie mich und ich würde sie nie wieder sehen! „Wie kann man(n) nur so dumm sein Erik!“ fragte ich mich selbst. „Wie kann man(n) nur so dumm sein?“ Die Antwort auf meine Frage werde ich wohl niemals finden. Das weiß ich jetzt schon!
ENDE
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